Hitler, Syphilis, Euthanasie

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Als Abschluss unserer achtteiligen Folge – von Seved Ribbing (1890) bis Elisabeth Förster-Nietzsche (1935) – bringen wir einen hier erstmals veröffentlichten Aufsatz zu Syphilisthematisierungen mit Nietzsche-Bezug aus der Feder Thomas Manns, unter Einbezug seiner Buddenbrook-Skizzen Der Tod (1897) sowie Der Weg zum Friedhof (1900) und diese im Vergleich betrachtet zu Doktor Faustus (1947)

Von Christian Niemeyer

Beginnen wir  mit der Rückerinnerung an den ganz jungen Thomas Mann. Das Thema Syphilis und der Name Nietzsche war ihm von Beginn seines Schaffens an wichtig, ablesbar etwa, wie Anja Schonlau (2005: 250 ff.) gezeigt hat, an der Herausstellung der Syphilophobie des Christian Buddenbrook. Kaum weniger einschlägig und zumal für den Fall Nietzsche interessanter, weswegen wir gleich auf sie zu sprechen kommen wollen, unter Rückgriff auf andernorts angedeutete Überlegungen (vgl. Niemeyer 2020: 46-48; 56-58): Thomas Manns (1875-1955) als Vorstudien zu den Buddenbrooks (1901) zu lesende Novellen Der Tod (1897) und Der Weg zum Friedhof (1900) sowie, natürlich und von seiner Bedeutung für unser Thema her gar nicht zu unterschätzen: der geniale Roman Doktor Faustus (1947). Spannend an ihm: Nietzsches Syphilis wird hier am Exempel des Nietzsche-Double Adrian Leverkühn thematisiert, in der Absicht einer Allegorie auf den Untergang des NS-Regimes. Allegorie meint: Die um 1900 zumal in bürgerlichen Kreisen gängige Lesart von Nietzsches Syphilis als verdiente Gottesstrafe für diesen als Pastorensohn ins Rennen gegangenen Gottesleugner wird von Mann, um mehrere Stufen angehoben, in eine Lektion verwandelt in puncto Gottesstrafe für das deutsche Volk und dessen in seiner Hitlerverehrung sich als gotteslästerlich erweisende Hybris. Deswegen sei erst einmal Koopmanns zentraler Vorhalt gegen diesen Roman vorgestellt, ehe die eben erwähnten frühen Erzählungen gleichsam als Syphilisdiagnosen als, in Relation zu jenem Roman betrachtet, solche avant la lettre gewürdigt werden sollen.

Doktor Faustus (1947)

Manns Roman Doktor Faustus (1947), im engen Zusammenhang zu sehen mit seinem Essay Nietzsche’s Philosophie im Lichte unserer Erfahrungen (1947), transformiert die dort vertretene Position zu Nietzsches Krankheit in große Literatur. Ausgangspunkt hier, in diesem Essay: Nietzsches Turiner Zusammenbruch vom Januar 1889, die Frage nach dessen Ursache – und die Forderung, der „Wahrheit als Ganzes“ die Ehre zu geben und „nicht aus geistiger Prüderie irgendeinen Gesichtspunkt [zu] verleugnen, unter dem sie [= Nietzsches Krankheit] gesehen werden kann.“ Deswegen auch fällt gleich nachfolgend ein Lob Manns selbst auf den Arzt Paul J. Möbius ab, der 1902 gegen Nietzsches Schwester auf der Syphlisdiagnose ad Nietzsche behaart hatte (vgl. Niemeyer 2020a): „Der Mann sagt, auf seine Weise, die unbestreitbare Wahrheit.“ (GW IX: 678) Nicht zu vergessen die Hauptsache: Mann expertisierte sich für diesen Roman ausführlich in puncto Syphilis, etwa durch Lektüre von Wilhelm Gennerich (1921), auch mittels einschlägiger Zuarbeit durch den mit ihm befreundeten Arzt und Schriftsteller Martin Gumpert (1897-1955), wie Pia Daniela Volz herausstellte (vgl. Volz 1990: 200), die auch Gumperts für Mann verfertigtes Kurzreferat zu den Stadien der syphilitischen Infektion zugänglich machte. (ebd.: 369 f.) Schließlich und entscheidend: Mann arbeitete in seinen Roman Paul Deussens Bordellgeschichte von 1901 (vgl. Niemeyer 2020: 58 f.) ein sowie – dies bleibt implizit – deren Transformation durch Helmut Brann (1931)[1] unter Bezug auf das Lied Unter Töchtern der Wüste aus Zarathustra IV (vgl. Niemeyer 2020c) Mann in seinem 1947 er Nietzsche-Essay, entschlossen:

„Die ‚Erscheinungen in Flitter und Gaze‘ von damals haben sichtlich zu den wonnigen Wüstentöchtern Modell gestanden, und von diesen ist es nicht weit mehr, es sind nur noch vier Jahre, bis zur Basler Klinik, wo der Kranke zu Protokoll gibt, er habe sich zweimal in früheren Jahren spezifisch infiziert. Die Jenaer Krankengeschichte nennt für das erste dieser Mißgeschicke das Jahr 1866. Ein Jahr also, nachdem er aus jenem Kölner Hause geflohen, kehrt er, ohne diabolische Führung diesmal, an einen solchen Ort zurück und zieht sich – einige[2] sagen: absichtlich, als Selbstbestrafung – zu, was sein Leben zerrütten, aber auch ungeheuer steigern wird –, ja, wovon auch teils glückliche, teils fatale Reizwirkungen auf eine ganze Epoche ausgehen sollen. “ (GW IX: 679)

Damit ist das Szenario zu Doktor Faustus fixiert, verlegt nach Leipzig, Herbst 1905, in Leverkühns erstem dortigen Semester und ergänzt um eine gewisse Esmeralda „mit großem Mund, Stumpfnase und Mandelaugen“ (Mann 1947: 191), derentwegen Leverkühn einen zweiten Gang wagt in jenes Deussens Überlieferung nachgebildete Bordell und sich, trotz ihrer Warnung, ansteckt, kurz: „Es war dafür gesorgt, daß er sie nicht vergaß.“ (ebd.: 206) Hinzuzurechnen sind einige Details, die Mann aus der einschlägigen Sekundärliteratur bezogen haben dürfte, etwa aus Erich F. Podach (1937), darunter eine Fantasie über Leverkühns begonnene, dann aber aus skurrilen Gründen – der eine Arzt stirbt, der andere wird verhaftet – abgebrochene Behandlung sowie den Umstand betreffend, dass Nietzsches geistiger Zusammenbruch aus der Sicht der Mutter für Gottesstrafe zeugte, aber auch, was ihre Person angeht, für Erlösung. Diesen Rückschluss erlaubt der Umstand, dass Mann in diesem Roman den Erzähler angesichts des komplementären Geschehens um seinen nach dem Bild Nietzsches gezeichneten Romanhelden Adrian Leverkühn sagen lässt, nachdem dieser, an Syphilis erkrankt nach einem Bordellbesuch, sich in häuslicher Pflege wiederfindet:

„Einer Mutter ist der Ikarusflug des Helden-Sohnes, das steile Mannes­abenteuer des ihrer Hut Entwachsenen, im Grunde eine so sündliche wie unverständliche Verwirrung, aus der sie auch immer das entfremdet-geistesstrenge ‚Weib, was habe ich mit dir zu schaffen!‘ mit heimlicher Kränkung vernimmt, und den Gestürzten, Vernichteten, das ‚arme, liebe Kind‘, nimmt sie, alles verzeihend, in ihren Schoß zurück, nicht anders meinend, als daß er besser getan hätte, sich nie daraus zu lösen.“ (GW VI: 671)

Auch Nietz­sches Mutter dürfte, so Manns offenkundige Hintergrundannahme, dürfte den geistigen Zu­sammenbruch ihres Sohnes „nicht ohne Genugtuung, nicht ohne Zufriedenheit“ registriert haben. Denn nun konnte sie ihm, bar aller Sorgen um das, was da noch aus seiner Feder fließen möge, die bisher vorenthaltene Unbedingtheit ihrer Mutterliebe zurückgeben und ihr diesbezügliches Schuldgefühl kompensieren.

Die letzte Szene des Romans gilt dem Helden, „1939, nach den Besiedlung Polens, ein Jahr vor seinem Tode“, den Mann auf den 25. August 1940 terminiert. An exakt diesen Tag gemahnt denn auch das allerletzte Porträt Leverkühns:

„Tief lagen die Augen in den Höhlen, die Brauen waren buschiger geworden, und darunter hervor richtete das Phantom einen unsäglich ernsten, bis zur Drohung forschenden Blick auf mich, der mich erbeben ließ […].“ (GW VI: 675)

Eine Allegorie auf Deutschland, dass damals „die Wangen hektisch gerötet […] auf der Höhe wüster Triumphe [taumelte], im Begriffe, die Welt zu gewinnen“; heute, 1944/45, hingegen „stürzt es, von Dämonen umschlungen, über einem Auge die Hand und mit dem anderen ins Grauen starrend, hinab[stürzt] von Verzweiflung zu Verzweiflung.“ (ebd.: 676) So also, so bedeutungsschwer, endet sie, die Mär des Adrian Leverkühn, der, wie sein Nachname schon andeuten soll, Nietzsches Imperativ „gefährlich leben“ ein wenig zu streng befolgt hat – wie Nietzsche im Bordell 1866, aber eben auch: wie Deutschland im Banne Hitlers resp. Italien im Banne Mussolinis. Man muss diese Botschaft Thomas Manns nicht notwendig mögen, und ihr ist, wie in Kapitel I betont, ein bedenklicher Konstruktionsfehler eingegeben ist, insofern einer wie Leverkühn angesichts der Euthanasiepolitik in Deutschland das Jahr 1940 wohl kaum lebend erreicht hätte – große Literatur ist Doktor Faustus trotzdem.

Doktor Faustus (1947) in der Lesart Helmut Koopmanns

Helmut Koopmanns Aufsatz Syphilis. Wie ein Wort Nietzsche zu einer Krankheit verhalf, an der er nicht litt, und Thomas Mann zu einem Romanstoff, den er sonst kaum gegeben hätte (2012) überrascht zunächst einmal durch die Dezidiertheit, mit der, zumindest per Titel, die Syphilisdiagnose verneint wird. Zumal hier nicht ein Mediziner redet, sondern ein Germanist – allerdings ein ausgezeichneter. Was den Zusatz erfordert, dass im Folgenden nur Koopmanns Argumente zu Nietzsche interessieren. Die Frage lautet dabei, warum Koopmann das Risiko einging, sich eben dieser Dezidiertheit wegen zu blamieren, im Vergleich etwa zu der durchaus denkbaren und auf der letzten Seite seines Textes verwendete Alternativformulierung, er, Koopmann, halte die Syphilisdiagnose im Fall Nietzsches „mit größter Wahrscheinlichkeit“ (Koopmann 2012: 175) für nicht hinreichend begründet. Um in medias res zu gehen: Welches sind die Gründe, die Koopmann zu der Annahme bewegen, Nietzsche habe nicht an Syphilis gelitten?

Die Antwort fällt enttäuschend aus, insofern Koopmann letztlich nichts weiter aufzulisten vermag – etwa den „langen Überlebenszeitraum […] nach gestellter Diagnose“ – als dasjenige, was immer schon gegen die Syphilisdiagnose vorgetragen und bequem mittels des Arguments vom ‚atypischen Verlauf‘ ins Abseits gedrängt werden konnte (und weiterhin kann). Entscheidend aber ist, dass Koopmann sich mit seinem Argument, der Umstand, „dass Nietzsche bereits als Kind alle Symptome ausbildete, die dann zum Ausbruch seiner Krankheit führten und manifest wurden“, sei nur dann plausibel, wenn man annähme, „dass Nietzsches Vater Syphilitiker gewesen sei und das Kind sich früh bei ihm infiziert habe“, keineswegs so zum Lachen ist, wie Koopmann mittels seines selbstgewiss vorgetragenen „Dafür gibt es aber nicht den geringsten Beweis“ (Koopmann 2012: 157) suggeriert, im Gegenteil: In der Nietzscheforschung (etwa Niemeyer 1998: 79 ff.) wird genau diese lachhafte Hypothese längst schon sehr ernsthaft diskutiert, aber selbstredend nicht mit dem Interesse, eines Beweises für die Syphilis auch von Nietzsches Vater habhaft werden zu wollen, sondern orientiert an der Überlegung, dass Nietzsches subjektive Krankheitstheorien in diese Richtung weisen. Kaum akzeptabel ist auch Koopmanns Rekonstruktion der von Thomas Mann in Doktor Faustus (1947) aufgegriffenen Bordellanekdote Paul Deussens. Ein Bordellerlebnis, „das keines war“, heißt es dazu apodiktisch bei Koopmann, sowie: „Deussen […] kann sich nur auf Nietzsches eigenen Bericht stützen. Alles andere sind vage Andeutungen.“ (Koopmann 2012: 160) So locker hat, wie gleich genauestens zu zeigen sein wird, noch nicht einmal Nietzsches Schwester die Sache genommen – und eben deswegen die Aufmerksamkeit auf einen der damals dabei mutmaßlich Beteiligten gelenkt, Ernst Schnabel nämlich. (vgl. Niemeyer 2022) Förster-Nietzsche freilich war für Koopmann vermutlich eine Quelle unter Niveau. Und dass man bei Fragen wie diesen über den Tellerrand (in diesem Fall: Deussen) schauen muss, versteht sich wohl von selbst und zeigt der von Koopmann gleichfalls missachtete Name Clemens Ernst Benda und mithin das Jahr 1925: Seitdem gibt es nicht nur ‚vage Andeutungen‘, sondern einen von Benda geltend gemachten sehr aufschlussreichen Brief Nietzsches an Carl von Gersdorff. (vgl. Niemeyer 2020: 105 ff.)  Koopmann erwähnt weder diesen Brief noch Bendas Auslegung desselben noch das von Hellmut Walter Brann (1931) ins Spiel gebrachte und von Thomas Mann adaptierte Zarathustra-Lied Unter Töchtern der Wüste und die Diskussion um es – nicht sehr vertrauenerweckend, sondern eher dem Typus dogmatisierender Kritikimmunisierung zugehörig, die eines jedenfalls nicht zu leisten vermag: Erkenntnisfortschritt.

Was Koopmann ansonsten noch gegen die Syphilisdiagnose anzuführen weiß, ist entweder – dies gilt etwa für das von Christiane Koszka (2009; 2010) eingebrachte MELAS-Syndrom – inzwischen widerlegt, etwa durch Thomas Klopstock (2013) sowie Roland Schiffter (2013; 2013a). Oder aber es ist ohne jede Relevanz, wie etwa Koopmanns Berufung auf Heinrich Köselitz in Sachen der die Syphilisdiagnose abweisende Urteile (vgl. Koopmann 2012: 159) – ohne dass beachtet wird, dass Köselitz sich schon 1900, nachdem er ins Lager der Schwester übergelaufen war, durch Mitwirkung an der Unterschlagung der Eiser-Korrespondenz kompromittiert hatte (vgl. Niemeyer 2020: 48) und seit dem Bekanntwerden zweier seiner Briefe von März 1900 an den Musikschriftsteller Heinrich Möller (1876-1958) des Inhalts, Nietzsche habe ihm, Köselitz, gestanden, sich bei einem Bordellbesuch infiziert zu haben (vgl. Vorberg 1933: 34; Krummel 1994: 322 f.), als danach eisern schweigender Kronzeuge zu gelten hat. Kaum weniger fragwürdig: Koopmanns Hinweis auf Sigrid Montinaris „freundliche Mitteilung“, ihr verstorbener Gatte, einer der beiden Herausgeber der neuen Kritischen Nietzsche-Ausgabe, sei der „festen Überzeugung“ gewesen, „dass Nietzsches Erkrankung nicht syphilitischen Ursprungs gewesen sei.“ (ebd.: 159) Das ist Wissenschaft qua Autorität, nicht qua Autorisierung durch das bessere Argument – womit die Aufgabe für das Folgende abgesteckt ist: die erneute Insichtnahme jener eingangs erwähnten zwei frühen Novellen Thomas Manns.

Der Tod (1897)

Thomas Manns im Januar 1897 im Simplicissismus – in deren Redaktion er 1898 eintrat – veröffentlichte Novelle Der Tod gibt Kunde von dem überragenden Potential des damals 21-jährigen, durch den frühen Tod seines Vaters Erschütterten und dieses Thema in dieser Novelle thematisierend. (vgl. Krüll 1993: 125) Ähnlich wie in der Novelle Der Wille zum Glück (1896) sind, hier schon durch den Titel signalisiert, Nietzsche-Motive erkennbar.[3] Wichtiger im Blick auf Nietzsche ist aber fraglos der hier in Rede stehende Text, dessen Rang als Vorstudie zum Roman Doktor Faustus (1947) zwar für ein Detail behauptet wurde (vgl. Vaget 1990: 546), insgesamt aber umstritten ist (etwa Pütz 1977; Körber 2006: 57 ff.) und auch hier nicht behauptet werden soll. Außer Frage aber steht Manns Interesse für die Syphilisthematik in jenen Jahren[4] sowie der Umstand, dass der Autor von Italien aus – wo er diese Novelle während eines gemeinsam mit seinem Bruder Heinrich verbrachten Aufenthalts konzipierte – lebhaft Anteil nahm an der sich zeitgleich in Naumburg (später in Weimar) abspielenden Tragödie um Nietzsche. Manns als Protokoll eines Sterbenden angelegter Text, eigentlich ein Tagebuch und als solches der Versuch, die subjektiven Theorien eines um sein Sterbedatum wissenden Grafen[5] nachvollziehbar zu machen, darf insoweit auch gelesen werden als Anspielung auf diese seinerzeit die europäische Kulturszene beschäftigende Tragödie.

Anspielungen auf Nietzsche sind denn auch anhand zahlreicher Details erkennbar, angefangen – was die Praxis, nicht die Theorie[6] angeht, – bei dem Sterbedatum („den zwölften Oktober meines vierzigsten Lebensjahrs“; GW VIII: 71) und die um es gebaute Mär. „Ich wußte mit neunzehn oder zwanzig Jahren, daß ich mit vierzig sterben müßte“ (GW VIII: 73), lesen wir da, fast in Fortschreibung brieflicher Mitteilungen Nietzsche über Sorgen, die ihm wegen des frühen Todes seines Vaters (im 36. Lebensjahr) umtrieben (s. V.1/1) In Richtung Nietzsche weist des Weiteren die Anspielung auf eine zu erhöhende „Brom-Dosis“ des Grafen, „vielleicht, daß ich nun ein wenig mehr schlafen kann.“ (GW VIII: 72) Die Vokabel „vielleicht“ könnte andeuten, dass das Therapeutikum Brom nicht nur in die Richtung des von Nietzsches Schwester als kausal für ihres Bruders Zusammenbruch im Januar 1889 geltend gemachten Schlafmittelabusus zugehört, sondern in die Richtung weist, die dem in jenem Januar von Franz Overbeck in Nietzsches Turiner Zimmer gefundenen Brom zukommt: als Anti-Epileptikum, eingesetzt gegen ein Begleitphänomen jenes Zusammenbruchs. (vgl. Niemeyer 2020: ….)

Nicht zu vergessen: Die Erinnerung des Grafen an sein „wirres buntes Leben“ (GW VIII: 70) könnte auf Nietzsches Imperativ „gefährlich leben!“ und die entsprechenden Fantasien vom Ausleben des bisher Unausgelebten in der Zeit unmittelbar vor der Lou-Affäre reflektieren. In Der Tod wird diese Denkfigur weiterentwickelt in Gestalt der den Grafen auf dem Sterbebett überwältigende Erinnerung an das „anmutige und flammend zärtliche Geschöpf unter dem Sammethimmel von Lissabon“, das ihm zwölf Jahre zuvor die jetzt bei ihm lebende Tochter „schenkte und starb, während ihr schmaler Arm um [s]einen Hals lag.“ Eröffnet ist mit diesem Tod im Kindbett die Spurensuche endgültig in Richtung Syphilis, etwa in Gestalt der Suche nach diesbezüglich verräterischen Anzeichen im Antlitz der Tochter. „Sie hat die dunklen Augen ihrer Mutter, die kleine Asuncion; nur müder sind sie und nachdenklicher.“ Ertragreicher ist da schon der Umstand, dass dem ein striktes, an Asuncion gerichtetes Dementi des Vaters der Art folgt:

„Weintest Du, weil ich ‚krank‘ sei? Ach, was hat das damit zu tun! Was hat das mit dem zwölften Oktober zu tun!…“ (GW VIII: 71)

Deutlich erkennbar, durch diese Zeilen hindurch und gesetzt, der ‚zwölfte Oktober‘ könne als Zahl genommen werden für einen Fatalismus anderer Ordnung, geheftet an den frühen Tod von Nietzsches Vater, der aus sich heraus auch den frühen Tod des Sohnes zu einem nicht vermeidbaren Ereignis macht: die Abwehr der Vorstellung, Nietzsches Tod sei in Wahrheit Spätfolge der Syphilis seines Vaters. Ein Szenario, das durch Henrik Ibsens Gespenster (1881) damals durchaus im Diskurs präsent war und auf den Fall Nietzsche(s) anwendbar scheint.

Noch aufschlussreicher, wie gesagt: als, Doktor Faustus zum Maßstab genommen, Vorstudie zu Nietzsches Syphilis avant la lettre, scheint mir die zweite Novelle gelten zu können, der wir uns nun zuwenden wollen.

Der Weg zum Friedhof (1900)

Thomas Manns am 20. September 1900, also vier Wochen nach Nietzsches Tod im Simplicissimus veröffentlichte Novelle Der Weg zum Friedhof, vom Autor später als „kleine Groteske“ (GW XI: 621) bezeichnet, geschrieben aus Erleichterung und als „Erholung“ (GW XIII: 117) von der anstrengenden Arbeit an den Buddenbrooks (1901), wurde bisher kaum einmal im Kontext von Nietzsches Krankengeschichte diskutiert. Hans-Dieter Mennel rechnet sie mit guten Gründen der Vorgeschichte des ursprünglich Abwärts geheißenen Buddenbrook-Romans und dem darin sich dokumentierenden Interesses des Autors am „Dekadenzdiskurs der Zeit des Fin de Siécle“ zu, „dessen wichtigster Vertreter im deutschen Sprachraum, Friedrich Nietzsche, zu Thomas Manns Kirchenvätern zählt.“ (Mennel 2015: 61 f.) Aber von hier bis zu der Annahme, diese Novelle thematisiere nicht nur das damit benannte Theorieproblem, sondern auch Nietzsches praktisches, ist es noch ein weiter Weg. Auch Helmut Koopmann rechnet diese Novelle nicht der auf „Frühjahr oder Herbst 1904“ (Koopmann 2012: 150) zu datierenden Vorgeschichte des Doktor Faustus (1947) zu, liest sie also nicht als Bestandteil der mit diesem Roman anschaulich gemachten literarischen Thematisierung von Nietzsches Syphilis. Tatsächlich scheint die pure Handlung weit entfernt zu sein von diesem Thema: Einen alten Mann auf dem Weg zum Friedhof entrüstet der Umstand, dass ein jungen Radfahrer diesen gleichfalls nutzt, mit der Folge, dass er dieser Aufregung wegen zusammenbricht und von einem Krankenwagen, offenbar sterbend, abgeholt werden muss. Schauen wir uns, auf der Suche nach Spuren ad Nietzsches Syphilis, die Einzelheiten dieser Novelle einmal etwas genauer an.

Weiterführend ist die Zeichnung der Figur des sich entrüstenden Alten namens Liebgott Piepsam. Auffällig an ihm – deswegen wurde diese Novelle bereits im Prolog erwähnt – ist die Nase, offenkundig die Nase eines Syphilitikers, wie dunkel angedeutet wird. Einerseits mittels der vieldeutig auslaufenden Beschreibung:

„Diese Nase […] sah aus wie angesetzt, wie eine Faschingsnase, wie ein melancholischer Spaß. Aber es war nicht an dem…“

Andererseits durch den Satz:

„Erstens trank er. Nun, davon wird noch die Rede sein.“ (GW VIII: 188)

Denn dies bedeutet, dass der gleich nachfolgend aufgelistete Tod von Piebsams Frau (sowie des Neugeborenen) im Kindbett sowie der Tod zweier weiterer Kinder vom Erzähler nicht dem Suff des Vaters in Rechnung gestellt wird und deswegen auch nicht nur von einer Knollen- resp. Säufernase gesprochen werden kann, wie es in der Sekundärliteratur überwiegend geschieht. Deswegen übrigens auch die ins Ungefähre auslaufende Ursachenerklärung für den Tod der Kinder („das eine an der Diphterie, das andere an nichts und wieder nichts, vielleicht an allgemeiner Unzulänglichkeit“). Denn dadurch bleibt Platz für später nachgelieferte Andeutungen auf Piepsams – weit über Alkoholabusus hinausgehendes – „Lasterleben“ (ebd.: 195), was wiederum seine ihm schließlich den Tod bringende Entrüstung über den Radfahrer zu einer vom Typ Nietzsche machen könnte.

Deren substantieller Kern ist, dass man dem anderen jene sexuelle Aktivität zum Vorwurf macht, derer man selbst, anders als in früheren Jahren, nicht mehr frönen kann. Für diese auf ein wichtiges Nietzsche-Motiv beziehbare Lesart spricht, dass Liebsams Aufreger (zum Tode), ein „Jüngling“ mit „blondem Haar“ und „blitzblauen“ Augen, der daherkam „wie das Leben“ (GW VIII: 191), fortan nur noch „das Leben“ genannt wird. Unverkennbar ist hier Manns Anleihe bei Nietzsches Gestaltungskniff in Das andere Tanzlied aus Also sprach Zarathustra III, der ihm erlaubte, sein Liebesleid in Sachen Lou von Salomé aus einer persönlichen Lektion in eine höhere Botschaft – eben über resp. für „das Leben“ – zu transferieren. (vgl. Niemeyer 2007: 84 ff.) Liebsams Aufforderung auf dem Höhepunkt seiner Entrüstung: „Du steigst ab, du steigst sofort ab, du unwissender Geck!“ (GW VIII: 195 f.) gilt, so betrachtet, „dem Leben“ insgesamt, also, wie man vielleicht übersetzen darf: Sie gilt stellvertretend den für den Fall Nietzsche(s) Mitverantwortung Tragenden, denen der damals gerade einmal fünfundzwanzigjährige Autor namens seiner Generation Unwissenheit sowie Perpetuierung derselben über eben diese dunkle Seite des Lebens (und Liebens) vorhält. Die in Scham, Sexualverneinung und falsch verstandener Christengläubigkeit gründende Unwissenheit ob der Geschlechtskrankheit Syphilis ihren Höhepunkt erreicht – und ihn damit im gewissen Sinne mit dem zweiten großen Dichtergenie dieser Epoche, Arthur Schnitzler, in Verbindung zu bringen erlaubt. Dies aber ist schon ein ganz andere Kapitel, wie andernorts (vgl. Niemeyer 2020c) gezeigt wurde.

Fazit

Die vorstehende, als Referatfolge über 8 Teile angelegte und mit diesem Aufsatz ihr Ende findende kleine Literaturgeschichte der Syphilis der Jahre 1890 bis 1947 gemahnt gleich zu ihrem Beginn mit Seved Ribbing an das Ende, avancierte doch dieser Autor in der NS-Zeit, Jahre nach seinem Tod, mit Ratgebern zu einem der führenden Propagandisten der Endlösung auch der Syphilisfrage. Früh gewarnt war in dieser Frage der Ribbing-Rezensent Arthur Schnitzler, Arzt von Haus aus und damals an der Schwelle zum Berufswechsel in Richtung Schriftsteller stehend. Als solcher griff er immer wieder das Thema Syphilis auf, allerdings, belehrt durch das Beispiel Ribbing, ohne diese Vokabel zu nennen. Trotzdem: Wenn, abgesehen vom frühen Thomas Mann in Der Tod sowie in Der Weg zum Friedhof – beide Novellen mit deutlichen Nietzschebezügen –, jemandem wichtige literarische Beiträge zum Thema zu danken sind, dann Schnitzler. Am beeindruckendsten geschieht dies in der als Krankengeschichte zu lesenden Novelle Flucht in die Finsternis sowie im autobiografisch angelegten Roman Therese. Chronik eines Frauenlebens, in welchem Schnitzler sein eigenes Trauma, deutlicher: seine mutmaßliche Schuld ob des Todes einer von ihm geschwängerten (Jugend-) Freundin zu bewältigen sucht, indem er fingiert, es hätte sie, ihr Weiterleben vorausgesetzt, viel schlimmer treffen können, etwa als Syphilitikerin.

Das Thema selbst erhielt in dem uns interessierenden Zeitraum weiteren Auftrieb durch postum erschienene oder nun erst auf Deutsch zugänglich werdende Texte von Maupassant sowie Flaubert, von dem 1910 eine sehr freizügige autobiographische Erzählung in die Läden kam, eher noch skandalöser: seine deutlich auf sexuelle Libertinage sowie Syphilis in Nordafrika hinweisenden Tagebuchnotizen. Kurz: Die Empörung im Bürgertum gewann neuen Auftrieb und forcierte den von Franz Adam Beyerlein 1903 eröffneten Trend zu Anti-Syphilis-Romanen, als welcher auch Hermann Poperts Roman Helmut Harringa von 1910 zu gelten hat. 1912 folgte, im nochmals radikalisierten völkischen Sinne und bereichert um Rassismus und Antisemitismus, Hermann Burtes Wiltfeber, der ewige Deutsche. Nach dem Krieg stoßen Artur Dinter mit Die Sünde wider das Blut sowie Hjalmar Kutzleb mit Das Brautpaar in das nämliche Horn, alle vier der Jugendbewegung entstammend oder ihr zuarbeitend, damit jenen, die sich nach 1933 als Ausbilder der Hitlerjugend neu formieren sollten und denen Kutzleb 1937 mit Gorgo erneut zuarbeiten wird, diesmal mittels Beschwörung des Hausfrauenideals sowie, was die Männer und die aus niedrigen Motiven auf Sexualreform setzenden Juden (wie Magnus Hirschfeld) angeht, mittels Lächerlichmachen. Dass die Sache keineswegs zum Lachen ist und mit dem Tod aller Juden enden wird, stellte spätestens Hans Zöberleins Roman Der Befehl des Gewissens (1937) klar.

Nietzsche als Syphilitiker ist zu diesem Zeitpunkt kein Thema mehr, als Folge der gezielten und von Fälschungen aller Art durchsetzten Veröffentlichungen seines Schwester, die bis zu ihrem Tod (1935) fast alles entsorgte, was die Nazis an Nietzsche hätte stören können, insbesondere die für Thomas Manns Doktor Faustus entscheidende Bordellanekdote Paul Deussens von 1901, die sie 1912 so geschickt umdichtete, dass der Eindruck entstehen musste, Deusen habe gar nicht Nietzsche, sondern einen Studienfreund gemeint. 1924 brachte sie die auf diese ihre Mär bezüglichen Quellentexte auf den Stand ihrer 1912 erflunkerten Geschichte. 1931 erfand sie weitere Geschichten, die dartun sollten, Nietzsche sei kurz vor seinem Turiner Zusammenbruch einem Skandal auf der Spur gewesen, und mit ihrer letzten Veröffentlichung von 1935 versicherte sie Hitler unter Bezug auf ein von ihr in Der Wille zur Macht übernommenes Textfragment, ihr Bruder hätte der NS-Rassengesetzgebung zugestimmt.

Kurz: Der Syphilitiker Nietzsche hatte sich 1935 in Luft aufgelöst, sehr zur Erleichterung von Heinrich Härtle, der denn auch 1937 kundtat, wer Nietzsche als krank verdächtige, müsse sich gegenüber dem NS-System rechtfertigen – eine Drohung, die zeigt, welches Risiko Karl Jaspers mit seinem Buch von 1936 eingegangen war. Und ein Signal, das klarstellte, dass die Nazis fortan ernst machen würden mit jenem Nietzsche, den ihnen Förster-Nietzsche als Nachlassverwalterin ihres Bruders schrittweise nahegebracht hatte mittels des Zugänglichmachens von Der AntichristDer Wille zur Macht sowie, zuletzt (1908), von Ecce homo, in welcher Nietzsche, zum Ausdruck gebracht durch den Satzteil „das Gesetz der Selektion gekreuzt“ (KSA 6: 374), in beklemmender Nähe zum bereits 1895 sozialdarwinistisch argumentierenden Rassenhygieniker Alfred Ploetz argumentiert.

Keine Petitesse, wenn man bedenkt, auf welchen Sockel es Ploetz 1936 hob: auf den eines Professors, ernannt von Hitler, passend zum nun anhebenden Endlösung der Syphilisfrage.

Autor: Prof. Dr. Christian Niemeyer, Berlin/TU Dresden

Text: Basiert auf meinen Darstellungen Nietzsches Syphilis – und die der Anderen. Eine Spurensuche. Verlag Karl Alber: Freiburg/München 2020 sowie Sex, Tod, Hitler. Eine Kulturgeschichte der Syphilis (1500-1947) am Beispiel von Werken vor allem der französischen und deutschsprachigen Literatur. Universitätsverlag Winter: Heidelberg 2022. Dort auch, in beiden Büchern, alle Literaturhinweise.       

[1] Mann verzeichnete Branns Buch als eines seiner vorbereitenden Lektüren zum Doktor Faustus.
[2] ‚Einige‘ meint vor allem: Brann, dessen Nichtnennung hier, gesetzt, Mann lehne diese Zusatzannahme ab, als Schutzmaßnahme zu verstehen ist. Zumal Branns Spekulation über einen dritten Vorfall 1876 in Nürnberg dürfte Mann nur mit Bedenken zur Kenntnis genommen haben.
[3] Der Sache nach geht es um den literarischen Versuchs, den Tod des an einer mysteriösen Krankheit leidenden jugendlichen Helden als einen zu denken, der sich infolge des Veto des zunächst sich sperrig gebärdenden Brautvaters um fünf Jahre hinauszögern lässt, ehe er nach endlich erreichtem Liebesglück in der Hochzeitsnacht schließlich eintreten kann.
[4] Als Beleg kommt auch sein Kommentar von 1895 zum Fall von Oskar Panizzas Anti-Syphilis-Groteske Das Liebeskonzil (1894) in Betracht. (vgl. Niemeyer 2020: 339 ff.) Denn Manns Gutheißung von Panizzas Verurteilung wg. Blasphemie vom Standpunkt jener „Leute, die in der Kunst ein bißchen guten Geschmack noch immer verlangen“ (GW XIII: 367), spricht ja nicht dagegen, sondern eher dafür, dass Mann eine geschmackvolle Erörterung des Themas Syphilis – wie in Der Tod – begrüßt hätte.
[5] Dass dieser, wie Hans R. Vaget behauptete, „mit Blick auf Bourgets ‚Dilettanten‘-Gestalten und Huysmans‘ Grafen Des Essentes (A Rebours) konzipiert“ (Vaget 1990: 547) sei, scheint mir vorerst nur eine These zu sein.
[6] Im Blick auf diese wird man die in der bisherigen Forschung herausgestellte Anspielung auf die – etwa in Götzen-Dämmerung gelehrte – Lehre vom „Tod aus freien Stücken“ (vgl. Vaget 1990: 547) zu erwähnen haben.