Grenzenlose Hilfe

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Die israelische Delegation nach der Landung in der Türkei, Foto: Israel Defense Forces

Ärzte, Sanitäter und Suchspezialisten aus Israel waren unter den ersten ausländischen Rettungsteams, die im Erdbebengebiet in der Türkei eintrafen. Denn Israel hat eine lange Tradition und viel Expertise, wenn es um humanitäre Unterstützung bei Naturkatastrophen oder Terroranschlägen geht.

Von Ralf Balke

Die geographische Nähe ist Vor- und Nachteil zugleich. Weil das Epizentrum des verheerenden Erdbebens im türkisch-syrischen Grenzgebiet nur wenige hundert Kilometer entfernt lag, wackelten auch in Haifa und anderen Orten in Israel immer wieder die Häuser. Die leichten Erschütterungen – maximal wurden Beben mit der Stärke 4,1 auf der Richterskala gemessen – erinnerten die Israelis daran, dass sie sich nicht nur politisch in einer Gefahrenzone befinden. Schließlich liegt das Land am syrisch-afrikanischen Graben, einem Riss in der Erdkruste, der entlang der Grenze zwischen Israel und Jordanien verläuft. Dieser ist wiederum Teil des Großen Afrikanischen Grabenbruchs, der sich von Nordsyrien bis weit nach Mosambik erstreckt. Das letzte große Erdbeben in der Region ereignete sich 1927. Es hatte eine Stärke von mindestens 6,3 auf der Richterskala, andere Quellen sprechen sogar von 7,5. Andererseits versetzte die kurze Distanz zum Katastrophengebiet in der Türkei die Israelis in die Lage, mit als erste vor Ort helfen zu können. Auch Syrien hatte Israel Hilfe angeboten – obwohl sich beide Staaten seit 1948 im Kriegszustand befinden und keinerlei offizielle Beziehungen pflegen. Doch Damaskus hat bis dato jegliches Angebot aus Jerusalem vehement abgelehnt.

Jedenfalls landeten bereits wenige Stunden nach dem Erdbeben gleich drei israelische Rettungsteams mit Ärzten, Sanitätern sowie Trauma-Spezialisten in Gaziantep, einer der am meisten vom Erdbeben betroffenen Städte in der Türkei. Zwei davon mit insgesamt 150 Helfern des israelischen Heimatfrontkommandos waren von der israelischen Armee entsendet worden, ein weiteres von der NGO United Hatzalah. Bis zum Mittwochabend sollten im Rahmen der „Operation Olivenzweig“ bezeichneten Maßnahmen insgesamt 15 Frachtflugzeuge mit mehreren Tonnen Hilfsgütern sowie 230 weiteren Spezialisten und Suchhunden aus Israel eintreffen, wobei es übrigens zu der absurden Situation kam, dass ein israelisches und ein iranisches Flugzeug mit Hilfsgütern direkt nebeneinander parkten. Sofort begannen die Israelis damit, ein provisorischen Krankenhaus und eine Notküche zu errichten. „Wir sind sehr stolz darauf, an der Seite der vielen Helfer aus aller Welt zu stehen und der türkischen Nation in ihrer schweren Stunde beizustehen“, erklärte Brigadegeneral Gilad Keinan, seines Zeichens Kommandant des Luftwaffenstützpunkts Nevatim im Süden Israels. „Diese Hilfsaktion spiegelt die Werte unserer Armee und unseres Landes wider.“

Der Leiter der Hilfsdelegation, Oberst Golan Vach, wusste schon am Mittwochnachmittag von ersten Erfolgen zu berichten. Denn innerhalb weniger Stunden war es den Rettungskräften gelungen, fünf Menschen lebend aus den Trümmern zu befreien. Fünf weitere konnten bis Donnerstagmittag gerettet werden. „Ich denke, dass Israel und das Heimatfrontkommando sehr genau wissen, wie man solche Aufgaben in relativ kurzer Zeit bewältigt. Die Schnelligkeit, mit der wir vor Ort waren, hat uns das noch einmal vor Augen geführt, und ich hoffe, dass wir bald weitere Rettungserfolge vermelden können.“ Vach erklärte ferner, dass solche Hilfsteams der Streitkräfte im Durchschnitt zwischen neun und 14 Tagen an den Orten, an denen sich eine Katastrophe ereignet hat, arbeiten. Ob es diesmal angesichts der Dimensionen der Zerstörungen einige Tage mehr werden, dazu wollte er sich nicht äußern. Außerdem verwies Vach darauf, dass die „Operation Olivenzweig“ die 31. Rettungsmission unter der Ägide der israelischen Armee in 40 Jahren sei.

Normalerweise helfen die Angehörigen des Heimatfront-Kommandos, das 1992 als Reaktion auf die Erfahrungen im Golfkrieg in Leben gerufen wurde, bei Katastrophen in Israel selbst, unter anderem bei Waldbränden und Überschwemmungen oder nach Raketenangriffen auf israelische Städte. Aber ihre Expertise ist ebenfalls im Ausland gefragt. Einsatzgebiete in jüngster Zeit waren beispielsweise Albanien, als 2019 ein Erdbeben die Region von Durrës heimgesucht hatte, oder im Juni 2021 Florida anlässlich des Gebäudeeinsturzes in Surfside, Miami, bei dem damals 98 Menschen den Tod fanden. Aber auch nach Terrorangriffen brachen Rettungsteams immer wieder in andere Länder auf, unter anderem 1994 nach den Anschlägen auf das jüdische Gemeindezentrum in Buenos Aires Richtung Argentinien und 1998 nach Nairobi, weil al-Quaida-Terroristen die US-Botschaft in Kenia sowie ein Einkaufzentrum ins Visier genommen hatten. 2010 reiste ein 220-köpfiges Rettungsteam mit zwei El Al-Jumbojets aus Israel in das ebenfalls von einem Erdbeben zerstörte Haiti, 2011 nach Japan, als dort die Erde mächtig gewackelt hatte, und 2015 flogen 122 Mediziner und Sanitäter nach Nepal. Auch Staaten, mit denen Israel keine offiziellen Beziehungen pflegt, wird regelmäßig geholfen. So schickte man 2004 über 60 Tonnen Hilfsgüter nach Indonesien, nachdem dort ein Tsunami zahlreiche Inseln verwüstet hatte. Und 2019 reiste eine Gruppe israelischer Feuerwehrmänner in den Amazonas, um dort bei der Bekämpfung der gerade wütenden Waldbrände mitzuhelfen – die Liste der Einsatzorte von Israelis in Katastrophenregionen scheint nahezu endlos zu sein

Denn dank der Arbeit verschiedener Regierungsorganisationen wie MASHAV, Israels Agentur für internationale Entwicklungszusammenarbeit, sowie zahlreicher Nichtregierungsorganisationen hat Israel eine lange Tradition in der Koordinierung von Hilfsmaßnahmen im Fall von Natur- und Umweltkatastrophen oder eben Terroranschlägen. MASHAV ist dem israelischen Außenministerium zugeordnet und in mancherlei Hinsicht mit der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) vergleichbar, dient also in allererster Linie der Entwicklungshilfe, die eher langfristig angelegt ist. Aber auch mit direkten Hilfsmaßnahmen unmittelbar nach schlimmen Ereignissen gibt es Erfahrungswerte, wie man in den vergangenen Monaten in der Ukraine erleben durfte. Schon kurz nach Beginn der russischen Angriffe gingen via MASHAV rund 130 Tonnen Lebensmittel, Medikamente und medizinisches Material in das vom Krieg überzogene Land, zudem konnte ein Feldlazarett aufgebaut werden, um erste Hilfe zu leisten.

Die wohl größte nichtsstaatliche Hilfsorganisation, die sowohl Entwicklungsprojekte voranbringt als auch unmittelbar nach Katastrophen Soforthilfe leistet, ist IsraAid. „Von Erdbeben und Wirbelstürmen bis hin zu Epidemien und Vertreibungen  – IsraAID steht an vorderster Front, wenn es darum geht, auf große humanitäre Krisen weltweit zu reagieren“, heißt es in einer Selbstbeschreibung. „Wir haben bereits in mehr als 50 Ländern gearbeitet und beschäftigen weltweit rund 300 Mitarbeiter.“ Selbstverständlich war man auch sofort vor Ort in der Türkei präsent, wohin man – übrigens mit Support des American Jewish Committee (AJC) – nach eigenen Angaben sieben bis acht Experten entsandt hatte, die mit ihrer Arbeit begannen. „Die psychologische Erstversorgung unmittelbar nach einem erlebten Trauma ist entscheidend für die Stabilisierung von Menschen“, fasst es Yotam Polizer, Chef von IsraAid zusammen. Die psychologische Betreuung soll aber nur ein Tätigkeitsfeld sein, darüber hinaus will man sanitäre Anlagen aufbauen und einen Beitrag zur Versorgung der Menschen im Katastrophengebiet mit sauberem Trinkwasser leisten. Neben der Türkei ist man derzeit in vierzehn weiteren Ländern, darunter der Ukraine und dem Südsudan aktiv.

Sogar in Afghanistan hatte IsraAid – selbstverständlich ohne als israelische NGO offen in Erscheinung zu treten – bereits gewirkt und über 70 Flüchtlinge, zumeist weibliche Sportler, in einer spektakulären Aktion nach Italien in Sicherheit gebracht. In Kooperation mit den Vereinten Arabischen Emiraten schaffte man 40 weitere von den Taliban bedrohte Frauen außer Landes. Und mit IsraAid Germany gibt es sogar seit 2016 einen Ableger in Deutschland, der gemeinsam mit der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) sich beispielsweise um Geflüchtete aus der Ukraine kümmert oder wie 2021 nach der Hochwasserkatastrophe im Rhein-Sieg-Kreis bei den Aufräumarbeiten mit anpackte oder psychosoziale Hilfe leistete.

In der Türkei sind israelische Rettungsteams nicht zum ersten Mal aktiv. Als die Region Izmit 1999 von einem ähnlich starken Erdbeben wie dem von Anfang dieser Woche heimgesucht wurde und 20.000 Menschen den Tod fanden, waren die Israelis ebenfalls sofort vor Ort, um medizinische Erstversorgung zu leisten oder verschüttete Menschen aufzuspüren. Und auch bei der Bekämpfung von Waldbränden haben sich beide Länder in den vergangenen Jahren gegenseitig immer wieder unter die Arme gegriffen, was um so bemerkenswerter ist, weil in genau dieser Zeit das israelisch-türkischer Verhältnis alles andere als freundschaftlich war. Schwierige Situationen scheinen offensichtlich nicht nur Menschen miteinander näher zu bringen, sondern ebenfalls Staaten.

Bild oben: Die israelische Delegation nach der Landung in der Türkei, Foto: Israel Defense Forces