Ein hebräischer Schriftsteller in Berlin

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Foto: Thomas Wolf, www.foto-tw.de, CC BY-SA 3.0

Über einen heilenden Desintegrationsprozess

Von Mati Shemoelof
Übersetzt von: Joey Bahlsen
Zuerst erschienen: Stadtsprachen, 24

1.

Kürzlich traf ich einen Freund, einen Berliner Expat, der nach seinem Umzug nach Paris vor ein paar Jahren nun Berlin besucht. Er hat dort einen guten Job als Leiter einer Kultureinrichtung, er hat die Sprache gelernt und sich bis zu einem gewissen Grad in die französische Kulturwelt integriert, ohne seine jüdischen und hebräischen Wurzeln und sein diasporisches Weltbild aufzugeben. Als wir in einem Café in Kreuzberg saßen, schweifte das Gespräch zu den Unterschieden zwischen Berlin und anderen Städten, wenn es um die kulturelle Identität als Künstler geht. Er sagte, Paris verlange von ihm eine vollständige kulturelle und sprachliche Assimilierung, mit allem, was das mit sich bringe. Berlin, sein früherer Wohnort, verlange einen solchen Prozess aber nicht. Berlin ermöglicht es ihm als jiddischem Aktivisten und diasporischem Intellektuellen, die Vielfalt der Identitäten zu bewahren, die bereits ein Teil von ihm sind, sowie neue zu erkunden. Er wies darauf hin, dass ich in Paris zum Beispiel nicht in der Lage gewesen wäre, die „Poetic Hafla”-Abende zu veranstalten, eine Künstlergruppe, die mehrsprachige literarische Veranstaltungen und Performances ohne Übersetzung organisiert. In Paris, so fügte er hinzu, hätte man dir gesagt, dass du erst einmal die Sprache lernen musst, da du in Paris nur auf Französisch auftreten kannst. Die Forderung nach vollständiger Assimilation hat mich immer erschreckt. Ich hatte nie das Talent, andere Sprachen zu beherrschen, mein Schreibtalent war meine Rettung, denn es erlaubte mir, meine eigene Syntax in verschiedenen Formen der Schreibkunst zu erfinden. Als ich nach Berlin auswanderte, wusste ich, dass ich meine geliebte hebräische Sprache nicht aufgeben würde, und 2019 veröffentlichte ich meinen ersten zweisprachigen Gedichtband Bagdad | Haifa | Berlin. Wie sich herausstellte, war es eines der ersten Bücher geschrieben von einem nicht-aschkenasischen hebräischen Schriftsteller, der in Berlin lebt, das nach dem Holocaust veröffentlicht wurde.

Ich habe mich oft gefragt, was passieren würde, wenn ich wie der Autor Tomer Gardi auf „broken” Deutsch oder sogar auf „broken” Englisch schreiben würde. Ich experimentierte mit zweisprachiger Poesie und mit einem Hörspiel, das ich auf Englisch schrieb und ins Deutsche übersetzte. Und doch liebe ich die hebräische Sprache, in der jedes Wort bis in die Antike zurückverfolgt werden kann. Ich habe viel darüber nachgedacht, was mein Pariser Freund mir gesagt hat. Berlin erlaubt es mir tatsächlich, zwischen den Sprachen, zwischen den Welten zu leben, ohne eine vollständige Assimilation oder Integration zu verlangen. Es empfängt mich offen mit meinem gebrochenen Deutsch, meinem gebrochenen Englisch und sogar meinem seltsamen Hebräisch, das sich auch verändert und die beiden anderen Sprachen (Englisch und Deutsch), die mich begleiten, aufnimmt.

Hebräisch in Berlin zu schreiben ist keine Standardkategorie, wie Englisch, Französisch oder Arabisch in Berlin zu schreiben. Das Hebräische hat hier eine ganz andere Tradition. In der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen gab es in Berlin ein reiches hebräisches Literaturzentrum mit Verlagen, Zeitschriften und vielen hebräischen Schriftstellern, die in Berlin lebten und auf Hebräisch träumten. Einige dieser Schriftsteller waren Zionisten, andere gehörten der Sozialistischen Partei des Bundes an, einige waren Kommunisten, Liberale, Anarchisten und andere. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde diese reiche hebräische Literaturszene wie vom Erdboden verschluckt, und bis heute gibt es in Berlin keinen einzigen hebräischen Verlag mehr. Mit der Auswanderung von Israelis nach Berlin kehrte die hebräische Sprache jedoch auf die Bürgersteige der Stadt zurück. Schriftsteller, Dichter, Musiker, Künstler und andere schaffen ihre Werke auf Hebräisch, oft in Kombination mit Deutsch, Englisch und anderen Sprachen. Es ist kaum zu übersehen, dass Hebräisch heute ein Teil des Berliner Lebens ist.

Hebräisch hat auch sein eigenes, einzigartiges kulturelles System, das auch mit der historischen Vergangenheit der Stadt verbunden ist. Der Slang zum Beispiel wird in Berlin ständig neu erfunden, auch rückwirkend. Als eine Sprache innerhalb des Hebräischen symbolisiert die Umgangssprache den einzigartigen kulturellen und sprachlichen Raum der Hebräischsprechenden in Berlin. Sehen wir uns ein paar Beispiele an. In Berlin gibt es eine Bar namens „Südblock”. Ein Freund von mir fing an, sie „Jydblock” zu nennen, indem er das deutsche “Süd” durch „Jyd” ersetzte, was in vielen slawischen Sprachen „Jude” bedeutet, oft in abwertender Weise. Auf diese Weise wird ein neuer Slang geschaffen, der sich auf die jüdische Vergangenheit, aber auch auf die Gegenwart bezieht und somit einzigartig für den Ort und die Gemeinschaft ist, die ihn verwendet. Ein weiteres faszinierendes Beispiel ist das Slangwort „Todanke”, eine Verbindung des deutschen und des hebräischen Begriffs („Toda”) für Danke. So entsteht in Berlin ein lokales Hebräisch mit und zwischen den Sprachen, das nicht nur für den Ort, sondern auch für seine Nutzer einzigartig ist. Diese Sprache hat eine starke Korrespondenz mit dem Hebräischen, aber auch mit dem Ort, an dem sie gesprochen wird, und mit der deutschen Sprache. Man könnte behaupten, dass Juden, die in die Diaspora ausgewandert sind, in die frühere Situation zurückkehren, in der viele Juden gelebt haben, und nun drei Sprachen verwenden: Deutsch, eine lokale Sprache (Jiddisch oder Slang, Berliner Englisch und/oder eine Kombination aus diesen drei Sprachen) und Hebräisch. Die nationale einsprachige Norm wird aufgegeben, und es findet eine Rückkehr zur Mehrsprachigkeit statt.

Das Schreiben von Hebräisch in Berlin ist eine Hinwendung zu einer, in Anlehnung an den bekannten Begriff der französischen Gelehrten Deleuze und Guattari, „kleinen Literatur”. Ein hebräischer Schriftsteller kann mit der deutschen Sprache Berlins spielen und sogar einen deutschen Roman schreiben, aber er oder sie wird immer als Außenseiter wahrgenommen werden, als jemand, der den deutschen Tempel in Verkleidung betritt. Darüber hinaus kann der Verzicht auf das Schreiben in hebräischer Sprache den Preis haben, dass er die Leserschaft in Israel möglicherweise verprellt.

Abgesehen davon bin ich der Meinung, dass die deutsche Kultur nicht nur durch die deutsche Sprache definiert werden sollte. Wer an einem Ort lebt, lernt das Klima, die Architektur, die Feste, die Clubs, die Straßen, den Urlaub, das Fernsehen, das Kino, die Freizeit usw. kennen und erlebt sie. Es gibt viele Dinge, die ihnen Zugang zur lokalen Kultur und zum Leben verschaffen, und ihre Anwesenheit ist auch ein Teil dieser Kultur.

2017 nahm ich an einer speziellen Konferenz des Literarischen Colloquiums Berlin (LCB) teil, bei der es um ausländische Schriftstellerinnen und Schriftsteller ging, die im Herzen der Stadt in verschiedenen Sprachen schreiben. Niemand hat es sich je zur Aufgabe gemacht, das hebräische Zentrum so wiederherzustellen, wie es zwischen den beiden Weltkriegen war. Vielleicht gibt es auch keinen Bedarf dafür. Vielleicht gibt es einfach keine wirkliche sprachliche, kulturelle oder politische Person, die die hebräische Gemeinschaft in Berlin leiten könnte. Diese unglückliche Tatsache mag auch mit dem Mangel an Wissen und Orientierung in dieser Gemeinschaft zusammenhängen. Ein israelischer Dramatiker kam kürzlich nach Berlin und fragte mich, wo die hebräische Gemeinde wohne, und ich lächelte und antwortete, dass es so etwas nicht gebe, alle seien in vielen Vierteln verstreut, und es gebe nicht einen Ort, den man als hebräisches Zentrum bezeichnen könne.

Es gibt jedoch eine Zeitschrift: „Mikan Ve’eylakh: Journal for Diasporic Hebrew”, eine hebräische Zeitschrift für die Diaspora, und ein Online-Magazin auf Hebräisch namens „Spitz” (ein Name, der sowohl im Deutschen als auch im Hebräischen parallele Bedeutungen hat). Darüber hinaus hat die Berliner Stadtverwaltung vor kurzem mehrere Stipendien pro Jahr für nicht-deutsche Schriftsteller*innen in Berlin vergeben. Manchmal ist einer der Gewinner dieses Stipendiums jüdisch oder israelisch, aber es gibt kein spezielles Literaturstipendium für hebräische Schriftsteller*innen in Berlin. Da es in Berlin keine hebräischen Verlage gibt, haben hebräische Schriftsteller*innen keine wirkliche hebräische Verlagsbranche, die ihnen hilft, sich zu entwickeln und voranzukommen. Einige, wie die Dichterinnen Zehava Khalfa, Hila Lahav oder die Schriftstellerin Hila Amit, veröffentlichen ihre Bücher in Israel, aber niemand kennt ihre Arbeit in Deutschland.

2.

Der Rechtsextremismus in Deutschland gewinnt an Stärke, und zahlreiche Zwischenfälle belegen, wie gefährlich dies ist, darunter der Mord bei der Synagoge in Halle, der Mord an türkischstämmigen deutschen Staatsbürgern in Hanau, die Ermordung des deutschen Einwanderungspolitikers Lübke, die jüngste Verbindung zwischen dem Rechtsextremismus und Polizeibeamten und andere Vorfälle dieser Art. Parallel zum Rechtsextremismus wird die Wahrnehmung von belasteten Begriffen in der deutschen politischen Kultur wie „Heimat”, „Volk” und die Einstellung zur deutschen Sprache geschärft (häufig als Reaktion auf die von den Rechtsextremisten als Bedrohung empfundene Ankunft von muslimischen Flüchtlingen und anderen in Deutschland). Dieses Bild einer imaginären Heimat, die von „deutschen” Weißen besetzt ist, die nur Deutsch sprechen, eine Sprache, die sie selbst als deren Eigentümer betrachten, wird durch die Wiederaufnahme der Begriffe Heimat und Volk in den deutschen Diskurs deutlich. Weniger extremistische Parteien machen sich den Heimatdiskurs bereits zu eigen, ohne sich der damit verbundenen Gefahr bewusst zu sein. Um auf das Thema zurückzukommen, mit dem ich zu Beginn des Artikels begonnen habe: Hebräisch in Berlin zu schreiben ist nicht dasselbe wie Hebräisch in Deutschland zu schreiben. Erst kürzlich erschien eine Sammlung hebräischer Lyrik in Deutschland, „Was es bedeuten soll. Neue hebräische Dichtung in Deutschland”, in einem kleinen Verlag in Köln, herausgegeben von Adrian Kasnitz und Gundula Schiffer. Aber was bedeutet es, hebräische Poesie in Deutschland zu schreiben, während rechtsextreme Parteien die Atmosphäre vergiften? Ist es dasselbe wie das Leben in der pluralistischeren, ausländerfreundlichen Stadt Berlin? Ich denke, die Antwort ist nein. Berlin ist nicht repräsentativ für den Rest Deutschlands. Es ist kein Zufall, dass die meisten der Autoren dieser Anthologie in Berlin leben.

Die AfD-Partei versucht, sich als philosemitisch darzustellen, indem sie auf ihren Demonstrationen Israel-Fahnen schwenkt, als ob sie sagen wollen: “Wir jagen die muslimischen Flüchtlinge raus aus Deutschland und nicht die Juden”, aber in Wahrheit gibt es in der AfD eine ganze Reihe von Antisemiten und Neonazis. Ein Beispiel dafür ist Björn Höcke, der Parteivorsitzende der AfD in Thüringen, der in einer Rede, die er im Januar 2017 in Dresden hielt, unter Bezugnahme auf das Holocaust-Mahnmal in Berlin erklärte: „Wir Deutschen sind das einzige Volk der Welt, das im Herzen seiner Hauptstadt ein Denkmal der Schande errichtet hat”. Zudem hätte Höckes Partei aufgrund ihres hohen Zuspruchs bei den Wählerinnen und Wählern durchaus Aussicht auf eine Koalition zur Regierungsbildung in Thüringen gehabt. Kann sich der deutsche Rechtsextremismus mit der Existenz nicht deutschsprachiger Ausländer abfinden, die nicht Deutsch als alleinige Sprache beherrschen, sondern eine Mischung aus ein wenig Deutsch, ein wenig Englisch und viel Hebräisch sprechen? Wird die Vielfalt der Sprachen nicht Ängste bei denen auslösen, die von einer Reinheit der Rasse, Kultur und Sprache träumen?

Vor ein paar Jahren nahm ich an einer jüdischen Podiumsdiskussion anlässlich des Internationalen Holocaust-Gedenktages im berühmten Berliner Ensemble Theater in Berlin teil. Der Moderator begleitete die Diskussion mit Scherzen über unsere jüdische Herkunft. Er war nicht allein, und mitten in der Diskussion wurde mir klar, dass ich die humorvolle Runde nicht mehr fortsetzen kann. Ich stellte fest, dass, wenn die AfD an die Macht kommt, sie mich nicht fragen werden, ob ich Araber oder Jude bin, sondern mich an meinem mittelöstlichen Aussehen und meiner gebrochenen Sprache erkennen werden, und es wird nicht lange dauern, bis ich die Folgen der Feindbestimmung zu spüren bekomme. Aus meiner Sicht sollte der Hass auf den Anderen, der die Islamophobie hervorruft, nicht von denen ignoriert werden, die sich ständig vor dem Anstieg des Antisemitismus in Deutschland fürchten, unter dem Vorwand, dass es sich nicht um Antisemitismus handelt. Meiner Meinung nach gibt es keine Islamophobie, die nicht zu Antisemitismus im Kontext des hiesigen Rechtsextremismus von Pegida, AfD, NPD, Grauen Wölfen und anderen antisemitischen Graswurzelbewegungen führt. Aber was hat das Schreiben auf Hebräisch mit rechten Bewegungen zu tun? Nun, Hebräisch zu schreiben, ist ein direkter Widerstand gegen die Monokultur der Rechtsextremen, die in Deutschland wie auch in anderen Teilen der Welt eine Sprache für ein Volk in einem Land haben wollen. Die hebräische Schrift in Berlin wie auch die Schrift in anderen Fremdsprachen steht in direktem Gegensatz zur Idee der totalen Assimilation, da sie ein Berlin mit einer Wiederbelebung neuer hybrider und sprachlicher Syntax fördert.

Wenn eine Person in einer Stadt ankommt und sich weigert, in der dortigen Sprache zu schreiben, sondern sich dafür entscheidet, die eigene Sprache zu bewahren, eine alte Sprache, die zu einer Gemeinschaft gehörte, die in dieser Stadt ausgestorben ist, dann ist das sowohl ein Akt der Rebellion als auch ein Versuch der Heilung. Daher muss der Aufruf zur Schaffung einer hebräischen Literaturszene vom deutschen Literaturbetrieb in Berlin ausgehen, nicht nur als Unterstützung der bestehenden Kultur, sondern auch als Ermutigung zur Rebellion gegen die Assimilierung, die die Wiederauslöschung des Hebräischen aus Berlin bedeuten könnte.

Ich bin im Staat Israel aufgewachsen, wo meine Muttersprache als Bagdadi-Jude aus dem Irak ausgelöscht wurde, um eine monolinguale, monokulturelle Gesellschaft zu schaffen. Deshalb bin ich von der Sprache meiner Mutter abgeschnitten, und die einzige Sprache, die ich habe, ist das moderne Hebräisch. Es gibt viele andere Bewohner*innen Berlins, die in ihrer Muttersprache schreiben und gleichzeitig einen Dialog mit der lokalen Gesellschaft und der deutschen Kultur führen. Die Ablehnung der Idee „ein Ort, eine Sprache” ist sowohl kulturell als auch politisch. Was wir brauchen, ist eine Gesellschaft, die die Konzepte der Integration und Assimilation als alternativlose, als einziges Kriterium für den Zugang zu ihren Toren ablehnt. Das gilt für die besondere Kultur Berlins, auch im jüdischen Kontext, wo ein hebräisches literarisches Zentrum ausgestorben ist und ein anderes gerade entsteht, aber auch im Hinblick auf den multikulturellen Kontext Berlins, wo eine Vielzahl von Kulturen auf Englisch oder Deutsch kommunizieren kann und dabei eine neue synkretistische und dazwischen liegende – hybride Sprache schafft. Wo das Zusammentreffen verschiedener Kulturen in einer synkretistischen Alchemie ein neues Element schafft, das wir vorher nicht kannten. Dieses Element ist jedoch keineswegs eine neue Kraft, die in der Lage ist, den rassistischen Begriff der Heimat zu bekämpfen, aber sie schafft dennoch Räume, in denen dieser rassistische Begriff irrelevant wird und aus dem Schatten hervorgeholt wird.

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