Über Wahrheit und Lüge in und um Wikipedia am Beispiel von „Jergens“ Verweigerung von Aufklärung über die Nazi-Zeit

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Logo von Wikipedia, CC BY-SA 3.0

Zugleich ein Dossier zwecks Begründung der Notwendigkeit eines Wikipedia-Transparenzgesetzes als offener Brief an Werner von Basil[1]

Von Christian Niemeyer

Eine Warnung vorab: Einzelnen Leser*innen dieses Beitrags könnte es am Ende so gehen wie mir jetzt schon, will sagen: Wenn mir beim Googeln auf Wikipedia Spendenaufrufe entgegenleuchten, rollen sich regelmäßig meine Fußnägel auf und ich frage Sammy: „Wofür die Knete? Für Avanti Dilettanti?“ Dann versichere ich Sammy und damit zugleich meiner Frau (die er später bestimmt darüber informieren wird): „Niemand hat die Absicht, Dir im Fall der Fälle einen Experten nach Art des ‚Hundeflüsterers‘ vorzuenthalten!“ Danach setze ich still für mich fort mit: „Niemand hier im Haus besucht bei aller Sympathie für Winnetou einen Medizinmann. Wir alle sind Sie leid, spätestens seit Leo gestern ein vergessenes Stück Butter im Kühlschrank als Kunstwerk à la Beuys verkaufen wollte: diese ‚Kultur für alle‘ oder gar – dies gilt für Papi – den ‚Journalismus von unten‘, der uns nichts weiter einhandelte als Hate Speech, verkleidet in Fake News!“ An ganz schlimmen Tagen heische ich den PC, Wikipedia vor Augen, an mit: „Wer bist Du, was willst Du, dieser offenbar mit Ideen von Ivan Illich (1926-2002) gefütterte Dinosaurier aus der ‚Kreidezeit‘ des in den 1960er Jahren anhebenden befreiungstheologischen Kampfes gegen die Expertenherrschaft! Hast Du denn noch immer nicht kapiert, dass Du in Zeiten der durch Trump wie Putin forcierten Moral- wie Weltzerstörung bei ungestört fortwirkendem Klimawandel so überflüssig bist wie das Bloggerunwesen; wie ein Regenschirm; wie Asterix & Obelix! Dass es also durchaus ein Gewinn wäre, wenn Dein Dilettanten-Camp platt gemacht werden würde von Römern, okay, ein wenig unüberlegt: von Expert*innen aller Couleur, die wissen, wovon sie reden und mit ihrem Klarnamen dafür einstehen!“

Nach dieser Peitsche noch das Zuckerbrot: Am Ende Ihrer Lektüre werden treue Leser*innen Neues gelernt haben über Alte und Neue Rechte, über die NS-Zeit, über die Shoa und über die Schlechtigkeit jener, die ein Interesse daran haben, dieses Wissen mit allen nur möglichen Tricks zu unterdrücken. Ihr williger Helfer bei all diesem Tun lautet auf den Namen Wikipedia. Der begünstigende Faktor dabei ist das für Wikipedia bis auf den heutigen Tag dominierende Anonymisierungsprinzip. Es widerspricht dem Transparenzgebot, welches in Zukunft verlangen sollte, den Gebrauch von Klarnamen verpflichtend zu machen. Eben dies ist das Anliegen des mit dieser Story intendierten und im Untertitel angesprochenen Wikipedia-Transparenzgesetzes. Illustriert werden soll die Notwendigkeit eines solchen Gesetzes anhand des Falles „Jergen“, ein seit 2004 aktiver Beiträger für Wikipedia, dessen Agieren am 11. und 12. Februar 2023 im Folgenden ausführlich dokumentiert und kritisiert werden soll.

„Jergen“ ist keineswegs ein unbeschriebenes Blatt, wie auf Wikipedia Blacklist nachlesbar ist. Zweck dieser Seite ist, „auffällige Administratoren und Benutzer von Wikipedia, Psiram und anderer Projekte neutral, dauerhaft und außerhalb von Wikipedia im Sinne des Verbraucherschutzes festzuhalten und zu veröffentlichen.“[2] Gewidmet ist diese Seite, unter dem Punkt Gedenken nachlesbar, „allen Leidtragenden bislang anonymer Wikipedianer.“[3] Im Einzelnen berichtet diese Seite in ihrer Blacklist über „Jergen“ u.a. das folgende:

„Seit 2004 bei Wikipedia, Diplom-Ingenieur der Raum- und Umweltplanung, Mitglied im österreichischen Pfadfinderbund. Mischt sich gerne in Themen ein, von denen er keine Ahnung hat oder die ihn nichts angehen. Führte 2008 zu einer Deadministrierung, also dem Entzug seiner Rechte als Administrator.“[4]

Ziel der folgenden Zeilen ist es, diese seinerzeit auf fünf Tage ausgedehnte Strafe in eine lebenslängliche Sperre zu verwandeln und damit dem – allerdings mit Vorsicht zu bedenkenden – Wikipedia-Kritiker Jens Best Folge zu leisten, der am 11.08.2016 auf Wiki.watch enbedded notierte:

„Deutschsprachige Wikipedia ist in vielen sozial- & gesellschaftsbezogenen Artikeln von Extremisten jeglicher Couleur bestimmt. Unbenutzbar.“[5]

Die wichtigste Maßgabe zum Erwerb des Urteils „benutzbar“ ist, wie schon gesagt, die Abschaffung der Anonymisierungsprinzips, also die Herstellung von Transparenz.

So weit vielleicht ein erster Überblick zu den Motiven, die mich beim Schreiben dieses Dossiers umgetrieben haben. Nun ein Bericht darüber, wie es mir am 11./12. Februar 2023 gelang, „Jergen“ wie einen bösen Wolf in die Falle zu locken.

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Auch hier ein ‚Vorab‘: „Du sollst nicht langweilen!“ hängt bei mir, mit einem Foto von Billy Wilder, über dem Schreibtisch – deswegen der nun folgende Auftakt, den ich bitte, nicht Zeile-für-Zeile als Wahrheitsreport zu lesen.

Sonntagmorgens irgendwo in Berlin, genauer gesagt: gestern, am Wahlsonntagmorgen. Abends gehe ich mit Aussicht auf eine grüne Regierende Bürgermeisterin ins Bett, um am Montagmorgen mit Franziska Giffey aufzuwachen. „I Don’t like Mondays!“ von den Boomtown Rats lief dazu im Radio.

Gemessen an dieser Pleite war der Auftakt am Sonntagmorgen fast schon gemütlich, wobei Sie bedenken müssen: Damals, also vor zwei Tagen, trug dieser streng seriöse Text noch die Headline

Wikipedia löscht Spuren in Sachen Nazis! Folge I: Österreichischer Pfadfinder „Jergen“ in flagranti erwischt!

„Papi, ausgerechnet Du schreibst lauter Headlines, als seiest Du tätig für Bild am Sonntag?“, schnauzte ich mich selbst gegen 9.30 an, weil ich spürte, dass meine Tochter, frisch erwacht, hinter mich getreten war mit ihrem berühmten Schulterblick. Die Wirkung setzt sofort ein:

„Mach‘ mal Platz, Papi, und lass‘ mich das machen! So wird das nichts! Dir fehlt einfach das diplomatische Geschick!“

Und sie haute als neue Überschrift den Satz in die Tasten:

Lieber Professor Wikipedia, Sie müssen sich kümmern! In den Betriebsraum Ihrer Firma sind braune Zwerge eingedrungen und richten nur Unsinn an!

Zufrieden lehnte sie sich zurück – Gelegenheit für ihren Erzieher, einen kleinen Vortrag zu halten:

„Schon mal, junge Dame, etwas von political correctness gehört? ‚Zwerg‘ geht gar nicht, Wikipedia ist keine Person und also auch kein Mann, außerdem gibt es auch Professorinnen, wenn nicht gar…“

„Frauen interessieren mich nicht, ich bin ein Mädchen und weiß noch nicht genau, was ich mal werden will. Außerdem bist Du schuld! Wer so schlau ist, kann nur…“

Ich unterbrach dieses Gesäusel, mit welchem sie mich nur um den Finger wickeln wollte:

„Wikipedia ist nicht schlau, sondern allenfalls verschlagen, im schlimmsten Fall: wie eine kriminelle Organisation. Wäre Wikipedia wissenschaftlich ernst zu nehmen, könnten wir Wissenschaftler unsere Bücher nicht verkaufen. Deswegen arbeitet niemand, der etwas auf sich hält, da mit. Wikipedia ist der organisierte Aufstand des kleinen Mannes, der endlich auch einmal groß rauskommen und den Professor*innen auf die Finger klopfen will.“

„Ah ja, Papi? Und warum hast Du Dir dann gestern die Finger wundgeschrieben, um da mitzumachen?!“

Und weg war sie, nach Kinderart. Folgte Sammy in den Garten, wo sie zwei riesengroße schneeweiße Ballons entdeckt hatten. Hoffentlich nicht mit auf mich abzielender Spionagesoftware aus China, dachte ich noch, wandte mich aber dann dem zu, was ich ihr und Sammy am Liebsten noch etwas genauer erläutert hätte: Wieso ich, der ich mich seit geraumer Zeit aus Spaß – mein Frau nannte meinen Autogeschmack als Grund – „Columbo“ nannte, gestern den halben Vormittag für Wikipedia geschrieben hatte. Dazu muss ich ein wenig ausholen, auch, um Werbung zu machen für Folge II dieses Dossier.

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Im vergangenen Herbst überraschte mich eine in meinen Kriminaltango eingeweihte Doktorandin mit der Frage:   

„Herr Professor, sorry: ‚Columbo‘, wurde Wikipedia eigentlich übernommen von Agenten der Neuen Rechten?“

Und sie legte mir den Ausdruck des Wikipedia-Artikels zu Alfred de Zayas vor. Ich machte mir dazu einige Aufzeichnungen, auf die ich in Folge II zurückkommen werde. Damals schon fasste ich den Plan, bei passender Gelegenheit ein Fleischstück auszulegen als Köder. Am Samstagmorgen, dem 11. Februar 2023, kurz nach 5.00, war es soweit. Zwar hatte nicht der Wecker geklingelt, dafür aber die ganze Nacht mein Kopf. Jetzt musste die Sache nur noch aufs Papier. Ich musterte einige besonders verharmlosende Wikipedia-Artikel durch und entschied mich schließlich für den Eintrag Jugendbewegung. Dort, unter dem Unterpunkt 1945 bis heute, entfernte ich um 5:57 den Schlusssatz „Neuere Forschungsansätze gehen von einem Fortbestehen der Jugendbewegung als subkulturellem Milieu aus“, zumal der hierzu gegebene Literaturhinweis auf das Jahr 2008 zurückging, was irgendwie mit der Vokabel „neuere“ konfligierte und im Übrigen als so allgemein zu gelten hatte, das man durchaus von einer Banalität reden könnte. Ersatzweise fügte ich den Satz ein:

„Neuere Forschungsansätze – zu denken ist vor allem an Christian Niemeyers 2022 in 2. Auflage erschienene Studie Die dunklen Seiten der Jugendbewegung. Vom Wandervogel zur Hitlerjugend sowie Antje Harms Freiburger Dissertation Von linksradikal bis deutschnational. Jugendbewegung zwischen Kaiserreich und Weimarer Republik (2021) – betonen den völkischen Charakter der Vorkriegsjugendbewegung. Niemeyer lastete des Weiterem einem Netzwerk NS-belasteter Jugendbewegungsveteranen wie den Historikern Günther Franz und Theodor Schieder, den Pädagogen Walther Jantzen und Theodor Wilhelm sowie NS-Tätern wie Karl Vogt an, in kollektiver Anstrengung Gleichgesinnter unter Federführung von Werner Kindt in der Burg Ludwigstein eine dreibändige Dokumentation der Jugendbewegung (1963; 1968; 1974) geschaffen zu haben, die voller nicht ausgewiesener Auslassungen ist und bei deren Erstellung von Beginn an die Absicht maßgebend war […], kritischen Anwürfen, wie etwa jene von Harry Pross oder Walter Laqueur, keinen Anlass mehr zu geben für Kritik an den fragwürdigen politischen Optionen Jugendbewegter vor der NS-Zeit. Dazu gehörte auch, in den dazugehörigen Kurzbiographien dieser Dokumentation, das Beschönigen der Lebensläufe, etwa durch Fortlassen der NSDAP-Mitgliedschaft in mindestens 60 Fällen, angefangen von Otto Abetz bis hin zum langjährigen Archivmitarbeiter Hans Wolf.“ 

Ich schrieb das Ganze unter Klarnamen, holte mir meinen schmuddeligen Trenchcoat aus meinem Peugeot Cabriolet, blickte auf meine Armbanduhr (das Ganze ist, wohlgemerkt, nur ein Witz, damit sich meiner Leser*innen nicht langweilen) und musste nicht lange warten: Um „06.57, 11. Feb. 2023“ tappte ein gewisser „Jergen“, offenbar auch er ein Frühaufsteher, in die Falle und machte meine Erläuterung: „Ich habe einen Absatz zu einer Arbeit von mir sowie von Antje Harms eingefügt und bürge für die Seriosität dieser Angaben mit meinem Klarnamen“ rückgängig. Der zweite Alarm schlug an um „10:57, 11. Feb. 2023“, erneut „Jergen“: Er habe die Altfassung (mit der Quelle von 2008!) wieder eingesetzt und meinen Einschub komplett gestrichen. Als Begründung fügte er an, es sei wohl „der falsche Ort für diese Thesen“, nochmals in Zeitlupe, weil ich’s erst nicht glauben wollte: Der Wikipedia-Artikel Jugendbewegung, Stand 2023, ist nach Meinung von „Jergen“ nicht der Ort, um auf Machenschaften von NS-belasteten Historikern und Pädagogen in der Burg Ludwigstein nach 1945 hinzuweisen? Ja, wenn dort nicht – wo denn dann? Nicht vergessen: „Jergen“, vor dem die einleitend erwähnte Blacklist eindringlich warnte, wusste um meinen Klarnamen!

Ich schmiss meinen Trenchcoat weg, schenkte den Peugeot meiner Frau, entsorgte also ‚Columbo‘ (beim Graben einer Grube selbst hineinzufallen, passte einfach nicht zu Peter Falk), und ging dem nach, was man in Krimis nach Sätzen findet, die beginnen mit: „Da schwante dem Kommissar, dass…“ Mich jedenfalls beschlich der Verdacht, „Jergen“, beteiligt an zahlreichen Wikipedia-Artikeln wie Pfadfinder, Nerother Wandervogel, Edelweißpiraten und Jungenschaft/Deutsche Jungenschaft[6], folge seinem eigen Plan: den – wo immer herrührend –, Niemeyer zu zerstören. Und tatsächlich: „Jergen“ löschte auch andere, von mir an diesem Tag aus Langeweile eingebrachte Zusätze auf Wikipedia, und zwar ganz unabhängig davon, ob er Sachkunde vorbringen konnte oder nicht. So erging es meiner Ergänzung zum Wikipedia-Artikel Elisabeth Förster-Nietzsche. Ich hatte am „11. Februar 2023, 07:32“ nachgetragen, um Förster-Nietzsches Beiträge zur Nazifizierung ihres Bruders an einem bisher gar nicht beachteten Beispiel zu illustrieren:

„In einer neueren Studie sowie der dazugehörenden Gesamtdarstellung[7]  versucht Niemeyer anhand fast aller Veröffentlichungen Förster-Nietzsche nachzuweisen, wie raffiniert sie die Krankheit ihres Bruders (Syphilis) bagatellisierte oder ins Abseits rückte, zur Freude der Nazis, die fraglos nicht Bezug genommen hätten auf einen Philosophen, dem der Makel einer (Geistes-) Krankheit anhaftete, deretwegen er ein Fall für NS-Krankenmorde geworden wäre.“

Die Veröffentlichungsorte, also das Jahrbuch Nietzscheforschung sowie, was die Monographie angeht, die von Annette Simonis, Linda Simonis sowie Markus Winkler edierte Reihe Beiträge zur Literaturtheorie und Wissenspoetik (Bd. 25), sind über jeden Verdacht erhaben – offenbar kein Grund für unseren Pfadfinder (und Ingenieur), erneut erbarmungslos zuzuschlagen: Postwendend löschte „Jergen“, wie im vorgenannten Fall, meine Erläuterung zu meinem Vorgehen (diesmal: „Ich habe auf zwei neuere Studien zu Elisabeth Förster-Nietzsche Bezug genommen und bürge für die Seriosität dieser Angaben mit meinem Klarnamen“); um „11.00, 11. Feb. Jergen“ folgte dann die Streichung meines Einschubs. Auffällig an beiden Streichungen: „Jergen“ störten offenbar Aufklärungen über die NS-Zeit. Wir werden auf diesen Aspekt noch zurückkommen und für den Bereich Jugendbewegung jene Aufklärung nachholen, die „Jergen“ zu verhindern sucht.

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Erst einmal sei die Geschichte um den Gegenaufklärer „Jergen“ und sein infames Vorgehen zu Ende erzählt. „Jergen“ nämlich begründete die Streichung meines Einschubs zu Förster-Nietzsche mit dem Argument, „das ‚Expertentum Niemeyers gehört – mit unabhängigen Argumenten – in dessen Artikel und nicht hierher“, was mich hellhörig machte. Also schaute ich unter „in dessen Artikel“ nach – und war entsetzt: „Jergen“, der ja aus den beiden vorgenannten Beispielen um meinen Klarnamen wusste, hatte dieses Wissen missbraucht – und gab dort, also im Wikipediaartikel Christian Niemeyer, um „11:52, 11. Feb. 2023“ unter „Diskussion“ Kunde davon, warum er diesen Artikel zu meiner Person erbarmungslos zerrupft hatte: wegen „Einfügung von positiven Besprechungen und Löschung von anscheinend unliebsamen Details“ – beides nichts weiter als infame Lügen. Positive Besprechungen zu meinen Büchern kann ich beispielsweise schlicht deswegen nicht vorweisen, weil es keine gibt; und „Löschung anscheinend unliebsamer Details“ liegt mir fern, beschreibt aber ganz gut das Agieren „Jergens“ im Zuge des Plünderns meines Artikels. Im Ergebnis desselben und der Lösung bibliographischer Angaben zu ausgewählten Aufsätzen von mir prangt nun auf meiner Seite der vorher dort nicht gezeigte Warnhinweis:

„Dieser Artikel […] ist nicht hinreichend mit Belegen […] ausgestattet. Angaben ohne ausreichenden Beleg könnten demnächst entfernt werden.“

Ich haben zu diesem ganzen Vorgang einen ganz anderen Warnhinweis zu geben, nachzulesen auf der Diskussionsseite seit „10:39, 12. Februar 2023“ und gerichtet an „Jergen“:

„Sagen Sie mir Ihren Klarnamen, damit Waffengleichheit herrscht! Denn schließlich sind Sie im Wissen um meinen Klarnamen unmittelbar nach Ihrer Löschaktion auf der Seite ‚Jugendbewegung‘ aus Rache in mein Wikipedia-Haus eingebrochen und haben alles verwüstet! NS-Spuren zu verwischen reicht Ihnen offenbar nicht, Sie Pfadfinder!“

Nur gute eine Stunde später, wohl, weil er ahnte, dass die Sache dumm für ihn ausgehen könnte, schrieb „Jergen“ auf der Diskussionsseite zu meinem mich betreffenden Wikipedia-Artikel unter dem Punkt „Neutralität“: „Die sehr drastische Sprache der gelöschten IP-Beiträge […] lassen mich dann doch hoffen, dass hinter der IP nur ein wohlmeinender Mensch steht, der Niemeyer einen Gefälligkeitsartikel bescheren möchte, dabei aber völlig überzieht und dadurch einen Bärendienst leistet.“ (-jergen? 11:50, 12. Feb. 2023) Als ich drauf antworten wollte, erhielt ich die Nachricht, der einleitend genannte Freiherr Werner von Basil habe mir die Schreibrechte entzogen wg. „Verstoß gegen Wikipedia: Keine persönlichen Angriffe mit der Androhung rechtlicher Schritte.“ Wohlan und für einen Wissenschaftler, der vor Zensur nicht zurückschrecken darf und nur in Diktaturen zur Hochform auflaufen kann, selbstverständlich: Dann übe ich meine Schreibrechte eben hier, an diesem Ort, aus und erkläre „Jergen“ öffentlich, dass er mit seinem letzten Trick – ein Schreibrechtsentzug gegen mich erwirken, indem er suggeriert, ein Unberechtigter habe in meinem Namen Unfug angerichtet – wohl bei dem Wikipedia-Oberaufseher Werner von Basil für’s erste durchkam. Aber für die Zukunft bedeutet dies nichts: Niemand, Basil vielleicht ausgenommen, wird übersehen, warum „Jergen“ suggerieren musste, er sei nicht sicher gewesen, ob ich auch persönlich der Autor meiner von ihm gelöschten Teile meines auf meine Person bezüglichen Wikipedia-Artikels sei: Weil ansonsten der Eindruck unvermeidlich gewesen wäre, zwischen seiner Streichung meines Jugendbewegungs-Nachtrags und der nachfolgenden Zerstörung der Wikipedia-Seite zu meiner Person bestünde ein ursächlicher Zusammenhang. Er habe, so suggerierte er nun, 24 Stunden später, handeln müssen, um mich zu schützen vor einem zu temperamentvollen Verteidiger. Zu diesem Zweck erfand er Attribute zur Charakterisierung der gelöschten Partien („sehr drastische Sprache“, „völlig überzieht“, „Bärendienst“), die geradezu absurd sind (gelöscht wurden, wie bereits gesagt, mehrheitlich bibliografische Angaben).

Was mich nun doch noch einmal zurückleitet zu Werner von Basil. „Heute bin ich 16 Jahre und 262 Tage angemeldetes Mitglied dieses Projekts, also seit 6106 Tagen“, schrieb er gestern in rührender Naivität auf seiner Homepage, die übermorgen, also am 14. Februar 2023, gewiss 6108 Tage verzeichnen wird. Maase ist nicht Klasse, kann ich dazu nur sagen – und fragen:

„Werter Herr von Basil, habe ich sie jetzt endlich begriffen, die neue schöne Wikipedia-Welt: Lügnerische Pfadfinder und NS-Verharmloser dürfen weiterschreiben, und Wissenschaftler erhalten Schreibverbot!?“

Die Wartezeit bis zu einer Antwort verkürze ich mir mit der Erläuterung meines von „Jergen“ unterschlagenen und oben abgedruckten Jugendbewegungs-Zusatzes, konzentriert auf Anmerkungen zu den in Fettdruck gehaltenen Personen in der Reihenfolge Ihres Auftretens. Denn nur auf diese Weise können wir erkennen, was, ginge es nach „Jergen“, nicht mehr zur Debatte stehen soll und Leser*innen der Wikipedia-Seite Jugendbewegung nicht mehr erfahren, wohl aber, und zwar jetzt, Leser*innen dieses deutsch-jüdischen Nachrichtenmagazins.

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Günther Franz (1902-1992) – der seiner Person gewidmete Wikipedia-Artikel (zuletzt abgerufen am 13.02.2023, um 12: 53) ist frei von jeglicher Kritik –, Historiker mit Schwerpunkt Agrargeschichte, deswegen und zwecks Abgrenzung vom ‚Rassen-Günter“ Hans F. K. Günther (1891-1968)‚ Bauern-Franz‘ geheißen (weit ausführlicher zum Folgenden: Niemeyer 2013: 425 ff.[8]), gehörte in der NS-Zeit – die Kindt-Edition schweigt sich, ähnlich wie Wikipedia, in diesen Fragen aus – ab 1939 zum persönlichen Stab von Alfred Rosenberg und koordinierte im Reichssicherheitshauptamt (RSHA) die Forschungen zur „Lösung der Judenfrage.“ (Behringer 1999: 115) Nimmt man noch die unter den Vorzeichen der systematischen Entnazifizierung zu deutende Kurzbiographie der Kindt-Edition zu Franz‘ Jenaer Kollegen Erich Maschke (1900-1982) als weiteres Indiz hinzu (s. Ki III: 1781), wird man wohl auch Behringers weiterem Fazit zustimmen können, Franz‘ Schweigen über die NS-Zeit sei „Ergebnis einer langfristigen Strategie“ gewesen, ebenso wie sein Reden: Noch der bald Achtzigjährige habe wahrheitswidrig und unter Verleugnung seiner eigenen Verstrickung behauptet, sein Fach „habe sich von politischen Vereinnahmungen freihalten können.“ (Behringer 1999: 131) In der Umkehrung geredet: Franz, ähnlich wie Maschke zunächst (bis 1957) nicht berufungsfähig, war genau der richtige Mann für die Rolle des Vorsitzenden der Wissenschaftlichen Kommission für die Geschichte der Jugendbewegung, des Leiters des von ihm 1952 begründeten Archivbeirats der Stiftung Jugendburg inklusive des Archivs der deutschen Jugendbewegung (AdJb) sowie des Herausgebers und Schriftleiters des Jahrbuchs des AdJb. In dessen 4. Jahrgang (1972) findet sich aus der Feder seiner Mitherausgeber (seit 1969) Hans Wolf sowie Gerhard Ziemer eine Art Geburtstagsständchen, samt Lob auf das seit 1970 staatlicherseits als „national wertvolles Archiv“ (Wolf / Ziemer 1972: 6) anerkannten gemeinsamen Unternehmens, aber selbstredend unter Aussparung der dunklen Seite des im Dritten Reich ‚national wertvoll‘ Agierenden.

Theodor Schieder (1908-1984) – der seiner Person gewidmete Wikipedia-Artikel (zuletzt abgerufen am 13.02.2023, um 13: 04) ist frei von Kritik an seinem Innsbrucker Kollegen Kleo Pleyer sowie seinem Engagement für die Jugendbewegung nach 1945, – entstammt (hierzu elementar: Haar 2008) der Deutsch-Akademischen Gildenschaft um Theodor Oberländer und Friedrich Weber. Folgerichtig ist insofern – dies wollten viele seiner Schüler erst nach seinem Tod genauer wissen, – die Mitgliedschaft in der NSDAP (seit 1937) sowie im NS-Dozentenbund, mit verhängnisvollem Wirken im Anschluss an seinen Ruf an die Universität Königsberg (1942). So betrachtet trifft für Schieder, der 1944/45 mit seiner Familie in den Westen flüchten musste, wohl am ehesten das „Vertriebenenschuldlüge“ zu eingedenk der von ihm in Abrede gestellten Schuld, die er mit seiner erstmals 1992 öffentlich zugänglich gemachten, vom Mainstream der Historikerzunft erst verzögert (1998) zur Kenntnis genommenen ‚Polendenkschrift‘ vom Oktober 1939 auf sich geladen hatte. Sie darf unter dem Stichwort „Entjudung Polens“ als zentraler Beitrag zum ‚Generalplan Ost‘ gelesen werden. (vgl. Aly 1998: 16 f.; 199: 163 ff.: 2017: 348 f.; Kellerhohn 2004: 263; Brumlik 2005: 27 ff.)  Mehr als dies: Schieder vertrat 1941/42 in Innsbruck des gleichfalls der Jugendbewegung entstammenden NS-Historikers Kleo Pleyer (1898-1942) und hielt ihm einen begeisterten Nachruf, kulminierend in dem Lob, Pleyer sei ein „Historiker aus politischer Leidenschaft“ (zit. n. Betker 2008: 462) gewesen. Ganz so euphorisch ist der Pleyer-Eintrag in der Kindt-Edition verständlicherweise nicht. Aber er ist klug und verrät in Gestalt gekonnten Verschweigens Expertenwissen. So bleibt Pleyers Teilnahme am Hitlerputsch 1923, seine NSDAP-Mitgliedschaft und sein Antisemitismus unerwähnt – Letzteres übrigens im bemerkenswerten Gegenzug zu Walter Laqueur, der 1962 bemerkt hatte, Pleyer habe sich als Geschichtsprofessor „auf antifranzösische und antijüdische Propaganda [spezialisiert].“ (Laqueur 1962: 206) Anders die Kindt-Edition 1974: Die Landschaft im neuen Frankreich (1935) wird als Pleyers „Hauptwerk“ erwähnt, eine Information, die zusammen mit dem Eintrag „1928/29 Reisen in Frankreich zum Studium des Regionalismus“ den Schluss auf apolitische Belanglosigkeiten nahelegen soll. Im hohen Maße desinformierend ist der Satz, Pleyer sei „1933 aus der Hochschule für Politik entlassen“ worden, um dann „als Dozent an der Universität Berlin wiederverwendet“ (Ki III: 1488) zu werden. Denn hiermit gewinnt Pleyer fast den Rang eines Naziverfolgten – in einer Kurzbiographie, welche die Handschrift Schieders verrät und die keinerlei Begriff gibt von Pleyers blutrünstigen Kriegsroman Volk im Feld (1943), in welchem NS-Massaker mit einer nur noch pathologisch zu erklärenden Freude am Töten geschildert werden[9], die fassungslos macht.

Walther Jantzen (1904-1962) – ein seiner Person gewidmeter Wikipedia-Artikel liegt nicht vor, – war keineswegs nur, wie die Historikerin Barbara Stambolis noch 2013 unter Ausblendung des seit fast zwanzig Jahren in einschlägigen Studien (etwa Horn 1996: 331; auch Harten/Neirisch/Schwerendt 2006: 408) darzutun suchte, nur „Wandervogel und Mitglied des Kronacher Bundes“ sowie „Burgwart auf dem Ludwigstein in den Jahren 1948 bis 1958“, dem Impulse für eine „intensiv gepflegte jugendbewegte Gedenkkultur“ (Stambolis 2013: 28) zu danken seien. Sondern Jantzen war (zum Folgenden: Niemeyer 22018: 180 ff.) ein Ewiggestriger der besonders gefährlichen Art. Welche Art Kulturpflege Jantzen von hierausgehend als Burgwart im Sinn hatte, zeigt sein erzählerisch gehaltener Rechenschaftsbericht Ludwigstein (1954) mit Hinweisen auf Lesungen von (durchweg unbelehrbaren) vormaligen NS-Literaten wie Heinrich Zerkaulen (1892-1954), Hans Heyck (1891-1972) sowie Josefa Berens-Totenohl (1891-1969). Letztere war eine der hartleibigsten aus der Riege der Ewiggestrigen, die sich in einer gespenstisch anmutenden Szene über ihr Entnazifizierungsverfahren lustig machte (vgl. Jantzen 1954: 113). Kaum weniger gruselig: Jantzens Bericht über eine sich 1948 ereignenden Aufrechnung von „250.000 ermordeten Juden“ – so eine junge Ludwigstein-Besucherin aus Holland – mit, so Jantzen, „mehr als tausend“ gestorbenen „waffenlosen deutschen Soldaten […] allein in einem einzigen Kriegsgefangenenlager“. (ebd.: 54 f.) Wie dieses Beispiel andeutet: Jantzen, Eduard-Spranger-Schüler mit einer Arbeit über die Dichtkunst vornehmlich ‚Weißer Ritter‘ (vgl. Jantzen 1928), war Mitglied von NSDAP und NSLB (1932), im Dritten Reich arbeitete er zunächst (1935-38) als Sachbearbeiter im Zentralinstitut für Erziehung und Unterricht, danach als Oberstudiendirektor und Autor einer Schulbuchreihe Geopolitik im Kartenbild, mit dem Höhepunkt eines nur für den Wehrmachtsgebrauch gedachten Kriegsratgebers mit dem Titel Geopolitisches zur Weltlage (1942). Die auf den NS-Dichter Hans Grimm zurückgehende Parole „Volk ohne Raum“, so konnte sich der lesende Soldat hier belehren lassen, ließ „das deutsche Volk aufbegehren […] gegen jene Mächte, denen die halbe Welt gehörte und die es dennoch wagten, ein Hundertmillionenvolk in die drangvolle Enge der Mitte Europas einzupferchen.“ (Jantzen 1942: 34) Und am Ende, nach einem Loblied auf das Zusammengehen der „beiden jungen Völker des alten Erdteils“ – gemeint sind das italienische und das deutsche –, folgt, drohend:

„Die kleineren Mächte Europas stehen heute vor ihrem Schicksalsweg. Sie haben die Möglichkeit, sich dem Friedenswerk der großen Staaten anzuschließen oder aber – auf die Karte eines untergehenden Britenreiches zu setzen.“ (ebd.: 58)

„Kleinere Mächte“? „Friedenswerk?“ Richtig: Jantzen redet hier vor allem von Polen, das 1939 auf jene falsche Karte gesetzt hatte – und nun seiner Versklavung durch das neue ‚Herrenvolk‘ entgegenzusehen hatte. Also Schritt A, wenn man so sagen darf und unter Schritt B die Vertreibung dieses Herrenvolkes, das kaum mehr war als ein Mörderorden.

Dass Jantzen ganz genau wusste, was angesagt war, macht der Umstand wahrscheinlich, dass er ab Jg. 2 (1938) Schriftleiter des von Alfred Baeumler herausgegebenen und auch Hjalmar Kutzleb (sowie Theodor Wilhelm und Werner Kindt) als Autoren beschäftigenden, im NSDAP-Zentralverlag erscheinenden Periodikums Weltanschauung und Schule war. Klaus-Peter Horn rechnete es 1996 „zu den wichtigsten pädagogischen Zeitschriften der Zeit des Nationalsozialismus“ (vgl. Horn 1996: 331). In dieser Zeit verfasste Jantzen rund vierzig Beiträge. Einer sei hier exemplarisch angeführt: Jantzens 1941er Nachruf auf den Steglitzer Wandervogel-Chef Karl Fischer (vgl. hierzu Niemeyer 22022: 74 ff.), in welchem selbstredend auch der ihm verliehen „Ehrensold der Hitlerjugend“ Erwähnung findet und als Zeichen dafür gelesen wird, dass die Vorkriegsjugendbewegung inzwischen zu Recht „als Formation der nationalsozialistischen Bewegung“ gelten darf und die HJ insoweit richtig handelte, das auf der Burg Ludwigstein gelegene „Ehrenmal der im Weltkrieg gefallenen Wandervögel […] in ihren Schutz“ (Jantzen 1941: 233) zu nehmen.

Theodor Wilhelm (1906-2005) – der seiner Person gewidmete Wikipedia-Artikel (zuletzt abgerufen am 13.02.2023, um 14: 06) ist beschönigend und erreicht seinen Tiefpunkt mit dem allerletzten Satz[10] –, legte sich seiner NS-Vergangenheit wegen nach 1945 vorübergehend ein Pseudonym zu (Friedrich Oetinger), das nach Schieders Geburtsort (Oettingen) gebildet scheint. Wilhelm zeichnete verantwortlich für den allerersten Beitrag Der geschichtliche Ort der deutschen Jugendbewegung (1963) aus dem von Theodor Schieder mit einem Vorwort versehenen Band I der Kindt-Edition. Wilhelm war Mitglied von SA (1934) und NSDAP (1937) gewesen, den zuletzt genannten Umstand bis zum Beweis des Gegenteils verleugnend. (vgl. Horn 1996: 374 f.) Gravierend war Wilhelms NS-Belastung, ähnlich wie jene Walther Jantzens, durch seine von 1933 bis 1944 währende Tätigkeit als Schriftleiter der Internationalen Zeitschrift für Erziehungswissenschaft. Deren Aufgabe bestand darin, das Deutschlandbild im Ausland im Sinne des Nationalsozialismus zu korrigieren. Wilhelm erledigte dies mit großer Energie und der Folge, dass die Wiederentdeckung dieser Aufsätze zumindest bei einigen Fachvertretern der Disziplin für Erschrecken und Abscheu sorgte angesichts der in diesen Texten zutage tretenden „Kontinuität antisemitischer Auslassungen.“ (ebd.: 369) Zurecht: Wilhelm rechtfertigte 1934 die „deutsche Ariergesetzgebung“ als Akt der „Notwehr“ gegen das „Ostjudentum“ (Wilhelm 1934: 36) um 1941 davon zu sprechen, Europa sei aufgebrochen, „die Judenfrage als gemeineuropäische Schicksalsfrage zu erkennen und als Aufgabe der europäischen Schicksalsgemeinschaft zu lösen“ (Wilhelm 1941: 639), sprich:

„Die Abrechnung der jungen Völker Europas mit dem Bolschewismus ist daher zugleich der Auftakt zu einer europäischen Gesamtlösung des Judenproblems, die nicht im Zeichen blinden Rassenhasses, sondern im nüchternen Geiste der rassemäßigen, charakterlichen und wirtschaftlichen Stabilisierung Europas getroffen werden wird.“ (ebd.: 641)

Interessant sind dabei die Details: Am Anfang steht ein Brief von Kindt an Theodor Schieder vom 03. Juni 1962, in welchem sich Kindt für Schieders Bereitschaft bedankte, ein Vorwort für den Grundschriften-Band beizusteuern. Zusätzlich zeigt er sich erfreut darüber, dass Schieder seiner Anregung zustimme, „Herrn Prof. Dr. Dr. Theodor W. in Kiel“ als Autor zu gewinnen: Sie, Kindt und Wilhelm, hätten im November 1961, als er mit Wilhelm beim Mittagessen in der Grenzakademie Sankelmark – damaliger Direktor (seit 1954): Heinz Dähnhardt (1897-1968), vormals NSDAP und SA (1933) (Ki I: 639, ohne Hinweis auf diese Mitgliedschaften) – zusammen saß, über die gerade vorher im SFB gelaufene „unverschämte Rundfunkrede von Dr. Harry Proß gegen die Jugendbewegung“ gesprochen. Kindt habe dann Wilhelm gefragt, ob er nicht replizieren wolle. Dieser habe abgelehnt, „da Proß es dann unter Umständen leicht habe, ihn mit dem Hinweis auf seine Mitarbeit in der Internationalen Zeitschrift für Erziehungswissenschaft im Dritten Reich abzutun.“ (AdJB, NL Kindt, 203) Dieser Hinweis hatte es in sich: Wilhelm war erst zwei Jahre zuvor, im Nachgang zu seinem Wechsel von Flensburg nach Kiel, erstmals in aller Schärfe seitens des DDR-Historikers Gerd Hohendorf (1960) mit seiner dunklen Vergangenheit konfrontiert worden und insoweit auch mit den wahren Gründen – und nicht mit den von Wilhelm (1976: 329 ff.) nachträglich geltend gemachten – für die Wahl seines Pseudonyms Friedrich Oetinger. Dasselbe hatte er für sein – ihm seine (zweite) Karriere als Pädagogikprofessor überhaupt erst ermöglichendes – Buch Wendepunkt der politischen Erziehung (1951) gewählt. Wilhelm stand damals also unter erheblichem Druck und musste weitere Enthüllungen befürchten. Nimmt man nun noch hinzu, dass Wilhelm mit Kindt auf einen fast gleich gesinnten Gesprächspartner traf, dem man nicht noch viel erläutern musste, wird der weitere Verlauf des hier in Rede stehenden Gesprächs klar: Kindt, der sofort Verständnis hatte für die Skrupel Wilhelms, eine direkte Reaktion auf Pross betreffend, brachte erneut die Idee eines Artikels für den Grundschriften-Band aufs Tapet. Diesmal aber schlug er vor, dass Wilhelm diesen Text ja als verdeckte Reaktion auf Pross konzipieren könne. Nachdem Schieder am 09. Juli 1962 sein Okay gegeben und Kindt signalisiert hatte, dass er so an Wilhelm schreiben werde, nahm das Ganze denn auch seinen Lauf: Am 06. August 1962 teilte Kindt Schieder mit, dass Wilhelm zugestimmt habe, sprich: bereit war – so Wilhelm im Nachgang an Helmut Wangelin am 16.10.1964 –, „nach dem Willen der Herausgeber“ nicht nur in den Band selbst einzuleiten, sondern „auf dem Hintergrund dieses Materials […] eine Beurteilung des Gesamtphänomens Jugendbewegung“ zu versuchen, „die den bekannten Missdeutungen nach dem Modell Pross entgegenwirken würde.“ (AdJB, NL Kindt)

So geschah es denn auch: Wilhelm, der auf einschlägige Abschnitte seiner 1960 in zweiter Auflage erschienenen Pädagogik der Gegenwart zurückgreifen konnte (vgl. Wilhelm 1960: 180 ff.), lieferte in vergleichsweise kurzer Zeit einen Beitrag, der Kindts ganze Zustimmung fand – und der sich nur dann als „in einem allgemeinen Sinn historiographisch angelegt“ (Tenorth 2013: 757) liest, wenn man die zu jener Zeit längst vorliegenden Kontextinformationen (vgl. Niemeyer 2010: 233 ff.) ignoriert. Ihnen zufolge steht außer Frage, dass Wilhelm, vereinbarungsgemäß ohne Nennung von (P)ross und Reiter, rasch auf den Punkt kam, etwa mit Sätzen wie:

„Man verfolgt zum Beispiel die These, die Jugendbewegung sei der eigentliche Wegbereiter des Faschismus gewesen, und stellt das Material in den Dienst dieser These.“ (Ki I: 7 f.)

„Man“ hieß hier natürlich Pross, der einem auch an einer späteren Stelle dieses Beitrages begegnet, wo Wilhelm davon spricht, dass der Jugendbewegung „seit ihrem Tode 1933 zwei publizistisch höchst wirksam vertretene Deutungen zuteil geworden seien“ – und erneut nicht deutlich macht, von wem er eigentlich redet. Man kann allenfalls aus der Bemerkung, dass die eine Deutung „die Jugendbewegung als eine ‚politische Jugend’ [deklariert], wobei die Verzeichnung“ darin bestünde, „daß die Bünde der Jugendbewegung mit den Formationen der Hitlerjugend zu einer Einheit verschmolzen werden“, folgern, dass es offenbar erneut um Pross geht. Ihm wirft Wilhelm nun vor, keine objektive Geschichtsschreibung vorgelegt zu haben, denn diese sei nicht „befugt, die deutsche Jugendbewegung präfaschistisch zu interpretieren.“ (Ki I: 22) Soweit Wilhelms Argumentation in der hier interessierenden Frage, wobei zumindest notiert werden muss, dass er die entscheidende der von Pross aufgeworfenen Thesen in seiner doch sehr einseitigen Orientierung auf die bündische Jugend komplett ignorierte, nämlich die Frage nach dem völkischen Charakter schon der Vorkriegsjugendbewegung. Franz revanchierte sich auf seine Weise, etwa indem er Kindt am 02. Juli 1964 (AdJB, NL Kindt, 171) um eine Rezension des gerade erschienenen Buches Jugend – Eros – Politik von Harry Pross bat, ahnend, dass dabei nur ein Verriss herauskommen konnte. Die dann schließlich erschienene Rezension (Kindt 1965) war allerdings überraschend moderat und auf jeden Fall zurückhaltender als die am 21. September 1964 im dpa-brief erschienene, in welcher Kindt sich nicht unterstand, Pross mit einer lästigen Fliege zu vergleichen, die „immer wieder den Frühstückstisch mit der Schüssel nahrhaften Honigs umkreist, so oft sie auch verscheucht wird.“ (Kindt 1964: 2)

Karl Vogt (1907-2002) erlebte seinen nach-beruflichen Höhepunkt am 8. Oktober 1983 nach dreißig Jahren ehrenamtlicher Mitarbeit in verschiedenen Funktionen im Zusammenhang der Jugendburg Ludwigstein, als ihm im Jahrbuch des Archivs der deutschen Jugendbewegung Dank gesagt wurde „für unermüdlichen Einsatz“; insbesondere „der heutige Stand des Archivs der deutschen Jugendbewegung mit seiner finanziellen, personellen und räumlichen Ausstattung ist nicht zuletzt sein Verdienst.“ (Korn / Mogge 1983: 10) Eine Danksagung konventioneller Machart also, nur, dass eine Frage unbeantwortet bleibt: Wer ist Karl Vogt eigentlich? Erste Antworten hätten sich ein paar Schritt entfernt von der Redaktionsstube finden lassen, eben in jenem Archiv, um dessen Pflege und Aufbau sich, der Laudatio zufolge, Vogt derart verdient gemacht habe. Der offenbar darauf vertraute, dass sich niemand um diese Akten kümmern werde, jedenfalls niemand anderer als die ihm in Fragen der Heiligsprechung des Markenzeichens „Jugendbewegung“ eng verbundenen Historiker. In erster Linie zu nennen ist hier Günther Franz, mit dem sich Vogt darin einig war, dass eine wissenschaftliche Edition, die Kritikern wie Harry Pross Auftrieb zu geben in der Lage sei, selbstredend nicht in Betracht käme. Was allerdings nicht nach außen dringen dürfe. In den Worten Vogts an Werner Kindt vom 21. Juni 1959:

„Mir scheint es – und damit stimme ich mit […] Franz [ = Günther Franz] wiederum überein – nicht ratsam zu sein, den akuten Anlaß, der uns zu diesem Werk [die Kindt-Edition] treibt, in der Begründung wie im Aufruf zu stark herauszustellen. Was Pross und andere Falsches geschrieben haben, sollte nicht als Grund für das Werk angegeben werden.“ (AdJB, NL Kindt)

Auf gut Deutsch: Wir bauen unsere Quellendokumentation so auf, dass zukünftigen Kritikern vom Typ Pross (und, oben gleichfalls schon erwähnt: Walter Laqueur) kein Material in die Hände fällt, mittels derer sie die von Ulrich Herrmann verfochtene These einer Epochenschwelle Erster Weltkrieg, die zwischen einer vergleichsweise harmlosen Vorkriegsjugendbewegung und der späteren Eskalation mit dem Endpunkt Hitlerjugend zu trennen erlaubt, bestreiten können.[11] Nur auf diese Weise können wir das Vermächtnis der Jugendbewegung als ein verehrungswürdiges für alle Zukunft bewahren.

Pikant dabei: Vogt war, wie eben angedeutet und was die NS-Zeit angeht, kein ungeschriebenes Blatt als – so die eigene Angabe in einem Gesprächsband von 1994 – „Mitarbeiter im Reichernährungsministerium.“ (zit. n. Brée et al 1999: 216) Viel genauer wollte es niemand wissen, auch nicht der damalige Gesprächsanreger Ulrich Herrmann, der, wie Jürgen Reulecke, der oral history frönte und den an sich doch so naheliegenden Gang ins Bundesarchiv scheute. In diesem Archiv findet sich in der Tat Erstaunliches zu Vogt, etwa in der Linie von Christian Gerlach (1999), einem seit 2008 in Bern lehrenden Historiker, der aufdeckte, was der Historiker Andreas Dornheim (2021) in seinem vom zuständigen Bundesministerium finanzierten, aber erschreckend uninformierten Gutachten übersah: nämlich dass Vogt im Krieg als persönlicher Referent von Herbert Backes (1896-1947) agierte und, so Gerlach in seiner bis auf den heutigen Tag an Gründlichkeit nicht übertroffenen Dissertation zur Vernichtungspraxis der Nazis in der Zeit ihrer Besetzung Weißrusslands mit der Folge der Ermordung von 1,7 Millionen Einwohnen (von 10 Millionen) auch, auf der Seite der Täter, des Namens von Karl Vogt habhaft wurde (vgl. Gerlach 1999: 711). Spätestens da, also noch zu Lebzeiten Vogts, hätten die Historiker rund um die Burg Ludwigstein aufmerksam werden müssen und, so sie denn endlich zu einem Archivbesuch in Berlin bereit gewesen wäre, mein erstmals 2013 publiziertes Ergebnis (vgl. Niemeyer 22022: 31 f.) erzielt: Vogt, ein hochdekorierter Nazi mit zuletzt (1944) dem Rang eines SS-Obersturmbannführers (= Oberst), war nicht erst im Krieg, sondern schon seit Ende April 1934 Backes Referent, mit zwischenzeitlichen Unterbrechungen, etwa von Mai bis November 1943 (ab August wg. Unfall im Lazarett) zwecks Einsatz als Zugführer der Leibstandarte SS Adolf Hitler (LSSAH) in Italien. Zu jener Zeit – dies nur als kleiner Hinweis zur Orientierung – wurden dort von jener 1945 als verbrecherische Organisation eingestuften Elitetruppe („Hitlers Privatarmee“) die ersten Massenmorde an Juden in Italien („Massaker vom Lago Maggiore“) begangen, und zwar unter Paul Hausser (1880-1972), der 1946 im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess die Waffen-SS reinwusch und sich später als Senior in deren Hilfsgemeinschaft (HIAG) hervortat, auch mit einer – 1961 als jugendgefährdend indizierten – Schrift zur Waffen-SS.

Hans Wolf (1896-1977) – ein seiner Person gewidmeter Wikipedia-Artikel liegt nicht vor, – war Mitbegründer des Jahrbuchs des Archivs der deutschen Jugendbewegung sowie, von 1954 bis 1976, Leiter des Archivs der Jugendburg Ludwigstein. Wolfs Nach-Nachfolgerin Susanne Rappe-Weber befand noch 2012, dass über Wolfs „Tätigkeit im Nationalsozialismus und im Krieg die Unterlagen auffällig schweigen“ (Rappe-Weber 2012: 398); bei dieser Gelegenheit verlor sie kein Wort darüber, was dem Bundesarchiv Berlin sowie selbst den Unterlagen im AdJb problemlos zu entnehmen gewesen wäre und seit 2010 auch in publizierter Form vorliegt: Wolf war Mitglied der SS (sowie der NSDAP) (vgl. Niemeyer 2010: 229). In Sachen NS-Zeit war Wolf sich mit Günther Franz und Karl Vogt darin einig, dass eine wissenschaftliche Edition nicht in Betracht kam.

Soweit erste, personenbezogen Erläuterungen zu meinem am 11. Februar 2023, 10:57 von „Jergen“ gelöschten Einschub zum Wikipedia-Artikel Jugendbewegung. Die entscheidende Frage an meinen Zensor lautet folgerichtig: Wusste er nicht, was er tat, als er jenen Passus löschte, ist er schlicht dumm und nicht geeignet für den Job, den er seit 2004 ausübt. Wusste er allerdings, was er tat, ist er einem willigen Helfer der Nazis und der Judenvernichtung vergleichbar, der Spuren dieser Verbrecher, wo er nur kann, zu verwischen sucht. Dies meint gleichfalls, dass er, diesmal nicht wegen Dummheit, sondern wegen moralischen Verfalls nicht geeignet ist für den Job, den er seit 2004 bei Wikipedia ausübt. Folgerichtig ist Wikipedia aufgefordert – in diesem Fall: aus Gründen des Schutzes der Opfer des Nazitums –, ein Lastenheft zu erstellen zwecks Fernhaltung ungeeigneter Ehrenamtlicher. Als erstes gehört hierzu die Aufhebung des Anonymisierungsprinzips, das offenbar attraktiv wirkt auf – um möglichst unmissverständlich zu reden und jeder Kriminologe bestätigen – lichtscheues Gesindel aller Art. Den Weg hin zu diesem Ziel ebnet das hier geforderte Wikipedia-Transparenzgesetz.

Und bitte nicht vergessen: Nächste Woche folgt Teil II zu Alfred de Zayas (sowie, am Rande: zu „Jergens“ Beiträgen im Internet), vielleicht ja auch, falls sich jemand meiner erbarmt: zu „Jergens“ Klarnamen.

Bild oben: Logo von Wikipedia, CC BY-SA 3.0

Autor: Prof. Dr. Christian Niemeyer, Berlin/Dresden

Text: Weiterentwickelt werden in diesem Dossier zum Fall „Jergen“ Überlegungen aus meinem neuen Buch Die AfD und ihr Think Tank im Sog von Trumps & Putins Untergang. Eine Analyse mit Denk- und Stilmitteln Nietzsches (= Bildung nach Auschwitz, Bd. 2). Beltz Juventa: Weinheim Basel 2023 (i. E.). Dort auch alle sonstigen Literaturhinweise.

 

[1] Offen, weil eine Mail an diesen sich als Aristokraten verstehenden Freiherren und Politologen (so mn-wiki!) vom 12.02.2023, 15:39 über die mir im Fall von Beschwerden zugewiesene Adresse leider nur zum – in Berlin wohlbekannten – „Behörden-Ping-Pong“ führte, also ohne substantielle Antwort blieb.

[2] S. kurt-staudt-de-psiram-netzgaertner.blockspot.com (aufgerufen am 13.02.2023, 01:44)

[3] Ebd.

[4] Ebd.

[5] Ebd.

[6] In einem Folgeaufsatz sollen diese Beiträge aufs Folterbrett der Wissenschaft gespannt werden.

[7] Christian Niemeyer: Elisabeth Förster-Nietzsche als Verfälscherin der Krankengeschichte ihres Bruders. In: Nietzscheforschung 28 (2021), S. 136-152; sowie: Ders.: Sex, Tod, Hitler. Eine Kulturgeschichte der Syphilis (1500-1947) am Beispiel von Werken vor allem der französischen und deutschsprachigen Literatur. Universitätsverlag Winter: Heidelberg 2022, S. 240 f.; 267-271, 275 f.; 285, 294-299.

[8] Eine Erstfassung dieses Beitrages wurde im April 2013 postwendend mit dem Vermerk „nicht interessiert“ zurückgeschickt sowie mit dem wenig später nachgereichten Wunsch der damaligen Vorsitzenden des Wissenschaftlichen Beirats, ich würde ein anderes Forum für meine „Diskussionsanliegen“ finden. (vgl. Niemeyer 22018: 16).

[9] Etwa: „In einer Scheune sitzen besonders hart gesottene Kosaken, die sich um keinen Preis ergeben wollen. Eine Handgranate richtet nichts aus. Daraufhin lasse ich die Scheune in Brand setzen. Hoch lodert das Feuer aus der schneeweißen Landschaft empor. Ein Mal der Vernichtung, ein Mal der Macht.“ (Pleyer 1943: 192)

[10] „Für sein vielseitiges Wirken widmete ihm 2006 Günther Groth eine Festschrift in der Pädagogischen Rundschau“ – was fast nach Bashing (Groths als auch dieser Zeitschrift) klingt. 

[11] Hierzu mein Beitrag Jugendbewegung und Antisemitismus (2001), seit dem 9. Februar 2023 nachlesbar unter dem Link www.hagalil.com/2023/02/jugendbewegung-und-antisemitismus/