Zum Tode des jüdischen Journalisten und Kämpfers Karl Pfeifer

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Er war voller Geschichten, die er auch in seinem 95.ten Lebensjahr vor seinem internationalen Publikum zu erzählen genoss. Und er schrieb auch im hohen Alter noch journalistische Beiträge mit jüdischen Bezugspunkten, besonders über Ungarn. Und selbstredend über Antisemitismus.

Von Roland Kaufhold

Nun ist der österreichisch-israelische Journalist und Zeitzeuge Karl Pfeifer im Alter von 94 Jahren verstorben. Aus seiner geplanten Reise nach Israel, dem Land, das ihn vor den Nationalsozialisten rettete, wird nichts mehr.

Karl Pfeifer, in Baden bei Wien geborener Lebenskünstler und vielsprachiger, spätberufener Journalist, tritt über Jahrzehnte immer wieder als Zeitzeuge auf, gerade auch vor Schülern. Ein Schmunzeln gehörte immer dazu, gemischt durchgängig mit einer Prise schwarzen Humors. Geschichte müsse sich nicht wiederholen, Österreich habe den Nationalsozialismus wirklich hinter sich gelassen. Das versichert ausgerechnet der österreichische Israeli und scharfe Gegner jeglicher Form von Antisemitismus. Deutschen Linken gilt Karl Pfeifer teils als rechter Fürsprecher Israels. In Israel sowie in jüdischen Kreisen gilt er eher als Linker. Karl entzog sich allen Kategorisierungsversuchen.

Ein bewegtes Leben in Ungarn und Israel

Karl Pfeifer lebt bis zu seinem 10. Lebensjahr in Österreich. Sein 15 Jahre älterer Bruder geht bereits 1937 nach Palästina. Zu Karls neuntem Geburtstag schreibt dieser ihm aus dem Heiligen Land: „Sei immer stolz, ein Jude zu sein“. Das hilft bei dem stets Widerworte gebenden Individualisten nur begrenzt: Noch in Wien teilt er seinem erschrocken Vater mit, dass es keinen Gott gebe. Dieser ist wenig erfreut.

Nach antisemitischen Bedrohungen und Angriffen gegen ihren Sohn erkennen seine jüdischen Eltern die Gefahr früh. 1938 fliehen sie auf abenteuerlichen Wegen über die Schweiz, Italien und Kroatien nach Ungarn. Der begabte Jugendliche lernt die neue Sprache rasch. Er schließt sich zwölfjährig der sozialistisch-zionistischen Jugendgruppe Hashomer Hazair an. „Wir sind keine Ungarn und es gibt auch keinen Gott“ ist deren linke Überzeugung. Sein politisches Bewusstsein ist ausgeprägt. Endlich fühlt er sich zugehörig. Auf abenteuerlichen Wegen gelangt er 1943, da weiß er bereits Gesichertes über die Shoah, mit einer 50-köpfigen Jugendgruppe und falschem Namen mit den Kindertransporten nach Palästina. Zwischenstationen für die Jugendlichen sind Rumänien, Bulgarien, die Türkei und Beirut. Er lebt in einem Kibbuz, dient 1946 in der Eliteeinheit Palmach, lernt die Widerstandskämpferin Chana Szenes kennen und beteiligt sich als Soldat am israelischen Unabhängigkeitskrieg – eine prägende Erfahrung, über die er immer wieder als Zeitzeuge erzählen sollte.

1951 dann eine überraschender Entschluss: Er, der sich in Israel als Linker versteht und der jegliche Form von Antisemitismus zeitlebens aufs Heftigste attackiert, kehrt ausgerechnet nach Österreich zurück. Linkszionistisch geprägt sucht der streitbare Linke sogleich die Wiener KPÖ auf – und verkündet im Parteibüro, dass Stalin unrecht habe. Aus der Parteimitgliedschaft wird nichts, dafür bewahrt er sich seine Leidenschaft zum Widerspruch.

Dann treibt ihn seine Unruhe, gepaart mit Wissensdurst und Abenteuerlust, von Wien weg durch die halbe Welt – 26 Arbeitsstellen in acht Ländern, darunter Neuseeland.

1979, da ist er 51, wird der begabte Autodidakt Journalist. Er arbeitet anfangs für die Gemeindezeitung der Israelitischen Kultusgemeinde Wien und später dann für zahlreiche internationale Blätter wie auch für den israelischen Sender Kol Israel. Einschüchtern lässt er sich niemals. Internationale Aufmerksamkeit erregt ab 2000 sein Prozess gegen den rechten Publizisten Pfeifenberger.

Politisch steht der streitbare Journalist mit Schwerpunkt Ungarn immer zwischen allen Stühlen. Versuche, ihn einem festen Lager zuzuordnen, waren zum Scheitern verurteilt. 2008 legt der linke Politologe Thomas Schmidinger mit Weggefährten den autobiografischen Kinofilm Zwischen allen Stühlen vor. Es folgen autobiografisch getönte Bücher über Israel, 2011 seine Lebenserinnerungen Einmal Palästina und zurück: Ein jüdischer Lebensweg und 2016 Immer wieder Ungarn. Autobiographische Notizen.

Ein jüdischer Glücksjunge

Österreich, so pflegte Karl mit Ironie zu verkünden, sei gut für seinen Blutdruck. Dort könne man als Jude nicht mit Würde leben. Er habe einen chronisch niedrigen Blutdruck. Er brauche morgens nur die Kronen-Zeitung aufzuschlagen, schon sei sein Bluthochdruck wieder in Ordnung.

Im hohen Alter wird er in Österreich immer wieder gewürdigt: Mit dem Goldenen Ehrenzeichen Österreichs (2018) sowie Wiens (2022) wie auch mit dem Simon-Wiesenthal-Preis (2021). Als einen „geborenen Außenseiter“ titulierte ihn Doron Rabinovici treffend in seiner Laudatio.

Möge die Erde Dir leicht sein, lieber Karl!

Bild oben: Karl Pfeifer mit seiner Frau Dagmar und dem Zieh-Enkel bei der Verleihung des Goldenen Ehrenzeichen Österreichs