Darf der das? Den Präsidenten stürzen und dessen Vize, und dies a day after?

Ein ernst gemeinter, aber nach den Regeln „fröhlicher Wissenschaft“ (Nietzsche) erzählter Tagungsbericht avant la lettre zum aktuellen Internationalen Nietzschekongress in Naumburg (S.), nowadays

Von Christan Niemeyer

Am einfachsten zu erklären bei dieser Überschrift ist noch das avant la lettre: Dieser Tagungsbericht erscheint auf dem Höhepunkt des Ereignisses, über das er berichtet. Etwas ungewöhnlich, aber mit etwas Fantasie durchaus machbar. Etwa, wenn man eine mich am 18.10.2022, 17:54 erreichende Mail des Vorsitzenden der Nietzsche-Gesellschaft e.V., Prof. Dr. Marco Brusotti, texthermeneutisch auf die Goldwaage legt und also extrapoliert, Entscheidendes werde auf der Mitgliederversammlung am 23.10. ohnehin nicht geschehen, es sei denn, ich träte dort als Rebell auf. „Du?“, fragt dazu in diesem Moment, am 19.10., 13:50, meine Frau konsterniert, aus der Bank kommend (nicht der, wo wir unser Konto haben, sondern die uns gehört [kleiner Scherz!]). Aber im Ernst: Wäre ich zur Zeit der italienischen Renaissance in Florenz geboren worden, als Zuträger irgendeines Papstes in Rom, hätte ich mich fraglos in die Welt der Minnesänger zurückgeträumt. Soll heißen: Ich fahre zwar heute noch nach Naumburg – aber meinen Job lasse ich meinen am 18.10. auf hagalil[1] sowie diesem heute eingestellten Nachfolger (genau: diesen Text hier!) erledigen.

Ein weiteres Rätsel aus der Überschrift harrt der Lösung: Dieser liebliche kleine Kongressbericht handelt nur am Rande von einer selbstredend rein fiktiven Figur eines kleinen Italieners, der, sollte er Mitglied in meinem Reinickendorfer Tennisclub geworden sein, mutmaßlich und aus alter Gewohnheit die dort mit dem Schild „Il Presidente“ markierte Parkbox ansteuern würde. Bis ihm unser richtiger Präsident, ob mit oder ohne Schläger, stecken würde, dass er, der andere, nur „Vorsitzender“ sei, also nicht aus „alten Gewohnheit“ haben handeln können – ein für alle Sprachler der Welt verständliches „temps perdu“ oder „capisto!“ hinterherschickend. So weit, so klar – abzüglich vielleicht von der Frage, ob die Vokabel „Präsident“ im Titel vielleicht den Rückschluss auf Putin erlaube, etwa vom – hier ja bereits gleichfalls angesprochenen[2] – mutmaßlich baldigen Ende desselben her, in den Medien ja nach wie ehrfurchtsvoll „Präsident“ – statt beispielsweise „Mörder“ (Joe Biden) – geheißen. Und dies auch noch „a day after“, also, wie der hiermit aufgerufene gleichnamige Film mutmaßen lassen könnte, nach dem Fall der Atombombe. Der Untertitel sorge hier leider für wenig Klarheit, sondern nur für weitere Verwirrung, mit einer Ausnahme: Stünde dort nicht „nowadays“, könnte man glatt meinen, ich handelte im Folgenden, erneut[3], von Nietzsches Schwester, der Lügenbaronin Elisabeth Förster-Nietzsche. Deren feisteste Lüge – ihr Bruder sei nicht den Folgen der Syphilis erlegen, sondern denen seines Schlafmittelabusus[4] – fett und breit am Nietzsche-Haus in Naumburg nachzittere, in Gestalt einer dort angebrachten Gedenkplatte, auf welcher bis heute nachlesbar ist, dass hier zwischen 1890 und 1897 der Philosoph Friedrich Nietzsche wohnte „zu Besuch“ bei seiner Mutter. So, wie er zuvor die Irrenanstalten in Basel und Jena ‚besucht‘ hatte? Und nowadays „Sozialtouristen“ (Friedrich Merz, CDU) aus der Ukraine Mecklenburg-Vorpommern ‚besuchten‘?[5]

Auch „Naumburg (S.)“ im Untertitel darf als Zeichen nicht unterschätzt werden. Hätte dort nämlich, etwa zur Gaudi des in seiner Bosheit m.E. viel zu wenig beachteten Druckfehlerteufels, der Name „Bayreuth“ gestanden, hätte der eine oder andere Leser eventuell noch gemutmaßt, ich handelte im Folgenden von Nietzsches Wagnererfahrung und damit von dem eigentlichen Grund, sein hoffnungslos überschätztes Ineditum Über Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne (1873) zu Papier zu bringen: nämlich aus Ärger darüber, von Richard Wagner in den Jahren seiner durch Vaterübertragung verstärkten Abhängigkeit von diesem genialen Notensetzer und Menschenfischer zum „Schmeicheln, Lügen und Trügen“, zum „Hinter-dem-Rücken-Reden“, zum „Herumflattern um die eine Flamme Eitelkeit“ (I: 876) verführt worden zu sein – Untugenden, die ihm mit Beginn der Bayreuther Festspiele (1876) im besonderen Maße abverlangt waren und die in „Naumburg (S.), nowadays“ sich gleichfalls nicht schlecht ausgezahlt haben dürften, zumal für die Strebsamen unter den beim Internationalen Nietzschekongress 2022 reich vertretenen Doktorand*innen aus aller Herren Länder. Kritik? Nein, nicht Kritik von einem, der nüchtern denkt über die Wissenschaft und dem Liebedienerei bei ungesicherter Stellenlage nicht notwendig Teufelszeug ist, sondern irgendwie überlebensnotwendig – solange der Zweifel Nietzsches eine Chance auf Beachtung hat: der Zweifel nämlich, wie angesichts solcher Umstände „unter den Menschen ein ehrlicher und reiner Trieb zur Wahrheit aufkommen konnte.“ (I: 876) Vielen nämlich wollen, älter geworden, nichts mehr wissen von diesem Zweifel, meinen sie vielmehr zu haben, die Wahrheit – wie beispielsweise, um beim Thema ‚Bayreuth‘ zu bleiben, der Ex-Bayreuth-Studi (1992 bis 1999) Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU). Der doch tatsächlich selbst noch 2011, in seiner Zeit als Bundesverteidigungsminister, wähnte, er habe seine Dissertation alleine verfasst, sein, um Nietzsche zu paraphrasieren, „ehrlicher und reiner Trieb zur Wahrheit“ habe ihn bis zum Schluss und allen Lockungen am Seitenweg zum Trotz sicher geleitet. Ein Wahn, der den dann des Plagiats Überführten 20.000 Euro Strafe, seinen Job sowie seine Zukunftsaussichten (Merkelnachfolge 2012/13, spätesten) rauben sollte.

Gleichsam im Rücken dieses Skandals von, mit Richard Wagner geredet, Jung-Siegfried-Format bahnte sich – aber dies nur ein immerhin recht amüsanter Nebenaspekt – der nächste wohlfeil die Bahn. Und sei es nur das Gerücht betreffend, die Universität Bayreuth sei eines Tages bei ihrem prominentesten Alumnus vorstellig geworden mit der etwas verquast vorgetragenen Bitte, er, ein Übermensch ohne jede Frage, ausgestattet mit einem zureichenden Willen zur Macht und mit einer Gattin, die, mit Nietzsche geredet, wie geschaffen sei zur Erholung des Kriegers, könne doch sicherlich etwas machen in Sachen der wieder um sich greifenden Kritik an Nietzsche, der ja schließlich wichtig sei für die Universität Bayreuth, werbe diese doch – damals jedenfalls – auf ihrer Homepage mit dem Nietzsche-Spruch:

„Irgendwann einmal sitzen wir alle in Bayreuth zusammen und begreifen gar nicht mehr, wie man es anderswo aushalten konnte.“

An dieser Stelle des Gesprächs, so unser Bayreuther Mitarbeiter[6], sei Guttenberg hellhörig geworden. Denn er ahnte wohl, wer unter den fraglos hoch dekorierten und mitunter fragwürdig tief dekolletierten Bayreuthbesucher*innen etwas gegen Nietzsche hatte und bei Gelegenheit lautstark vortrug, sie (also gut: Angela Merkel) käme nicht dieses, sondern eines anderen Ossis wegen nach Bayreuth, Richard Wagner mit Namen. Also habe Guttenberg, damals sich mit seiner Dissertation quälend, nachgefragt bei der Unileitung, wie er helfen könne – und bekam zur Antwort: mit einer Doktorarbeit voller Plagiate, die man dann dem Berliner Verlag Duncker & Humblot unterjubeln könne, als Rache dafür, dass dieser Verlag sich 1886 geweigert hatte, Nietzsches Buch Jenseits von Gut und Böse ins Programm zu nehmen…

Soweit, wie gesagt, mein damaliger Bayreuther Informant. Nicht sehr glaubwürdig übrigens. Denn ihm scheint entgangen zu sein scheint, dass der folgende Spruch Nietzsches sehr viel besser das insoweit neu zur Debatte stehende Bayreuth-Problem auf den Begriff zu bringen vermag:

„In Bayreuth ist man nur als Masse ehrlich, als Einzelner lügt man, belügt man sich.“

Sie ahnen, worauf ich hinauswill? Genau: Setzt man hier statt „Bayreuth“ „Naumburg (S.), nowadays“, findet man sie recht genau beschrieben, die Atmosphäre auf dem Internationalen Nietzschekongress in Naumburg vom 20. bis 23. Oktober 2022. Eine Atmosphäre, des Weiteren, die Nietzsche nicht nur während der Bayreuther Festspiele 1876 hassen lernte, mit der Folge seiner Neugeburt als Nietzsches Nietzsche im Verlauf seiner legendären ‚Bayreuthflucht‘, die ihn von Wagner endgültig Abschied nehmen ließ und ihn schlussendlich in seine eigene Arme trieb. Eine Atmosphäre schließlich, die ihm als Nachwuchswissenschaftler schwere Alpträume versuchte, unter Stichworten wie „Maulwurfstreiben“ (KSB 2: 344) als einer gleichsam kongresskritischen Vokabel, für deren später Widerhall das Bild „Bleitropfen-Gedanken in mein Hirn träufelnd“ (KSA 4: 198) zu gelten hat. Wie? Nie gelesen derlei? Dann schaffen Sie sich unbedingt, am besten noch hier und heute auf dem Kongress, mein Buch Nietzsches andere Vernunft (1998) – und überhören Sie  Volker Gerhardt dagegen gesendete Signale.

Damit kommen wir zu einer ersten, durchaus wichtigen Frage im Blick auf unser Thema: Wird der übermorgen zu Ende gehende Internationale Nietzschekongress in Naumburg aus der Perspektive des day after als ein Ereignis gewertet werden, bei dem Nietzsche sich unwohl gefühlt hätte, um deswegen den Sturz des Präsidenten der Nietzschegesellschaft e.V. und seines Vize zu betreiben? So dass ich mich mit diesem Text gleichsam von ganz Oben nachträglich autorisiert wähnen kann?

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Schalten wir, an dieser Stelle angekommen, erst einmal eine dringlich der Aufklärung dienende Zwischenüberlegung ein, vorbereitet mittels der Fragen:

  1. Ist es ein definierendes Merkmal aller möglichen Kongresse, langweilig zu sein und wenig authentisch, den grauhaarigen Schlipsträger zu bevorzugen im Vergleich etwa zu einem Jungspund mit Nietzsche-Tatoo auf dem Knickerbocker-gerecht freigelegten Unterschenkel?
  2. Wäre es, in der Umkehrung gedacht, nicht schrecklich, wenn auf einem Nietzschekongress ein Bohei herrschte wie in Woodstock oder Wacken statt wie in Washington D.C.? Ups! – der zuletzt genannte Name, als Metapher gedacht für Seriosität, kam etwas unbedacht daher. Die Überlegung selbst scheint mir aber nicht ganz unberechtigt eingedenk von Nietzsches Spott:

„Vorausgesetzt, dass die Wahrheit ein Weib ist —, wie? ist der Verdacht nicht gegründet, dass alle Philosophen, sofern sie Dogmatiker waren, sich schlecht auf Weiber verstanden? dass der schauerliche Ernst, die linkische Zudringlichkeit, mit der sie bisher auf die Wahrheit zuzugehen pflegten, ungeschickte und unschickliche Mittel waren, um gerade ein Frauenzimmer für sich einzunehmen? Gewiss ist, dass sie sich nicht hat einnehmen lassen: — und jede Art Dogmatik steht heute mit betrübter und muthloser Haltung da.“ (KSA 5: 11)

Muss man hier groß erläutern, wen Nietzsche hier zumal mit dem letzten Satz meinte? Richtig: Er meinte Kant („eine Vogelscheuche, irgendwann einmal“; KSA IX: 263), zu dem er sich im Verlauf seines Lebens immer mal wieder äußerte, „zunächst durchaus freundlich, in der Folge polemisch abgrenzend und zum Ende hin so, als handele es sich um seinen eigentlichen Antipoden.“ (NLex2 [Niemeyer]: 189) Letzteres sehr zum Ärger eben bereits erwähnten Kant- wie Nietzscheforschers Volker Gerhardt, der Nietzsche, auch deswegen, „Verrat an Kant“ (Gerhardt 2012: 32) vorwarf. Und dessen Schülerin Beatrix Himmelmann[7] sieben Jahre zuvor alles dafür tat, dass mein diesen Zusammenhang ansprechender Vortrag erst gar nicht Eingang fand in den diesbezüglichen, von ihr edierten Tagungsreader (Kant und Nietzsche im Widerstreit, Berlin, New York 2005).

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Verschüttete Milch, deswegen zurück zur Sache: Mit Nietzsche lässt sich die Annahme rechtfertigen, dass einem Typ Mensch, der sich derart schlecht auf „Frauenzimmer“ verstand wie Kant und also der grundlegenden Entdeckerfreude entbehrt, Wahrheitserwerb im relevanten Maßstab schlicht nicht zugetraut werden kann. Wahrheitserwerb also, wie für Nietzsche nachweisbar, à la Paul Rée sowie, im Nachgang betrachtet: à la Sigmund Freud. Wahrheitserwerb also über die Bedeutung von Träumen, das Unbewusste, die Sexualität sowie das Christentum in seiner verhängnisvollen Leibfeindlichkeit. Wahrheitserwerb übrigens – die Namen Rée und Freud zeigen es an –, der Juden womöglich leichter fällt als deren Antipoden, Antisemiten etwa. „Und schließlich kam noch Israel hinzu“, spottete hierzu Cosima Wagner als fügsame Gattin ihres Bayreuth-Helden, mit Seitenblick auf Rée, der Nietzsche von Bayreuth verschleppt habe. Nach Israel? Nein, nur in Richtung schärferen Sehens, auch Wagners. Infolge des Verachtens der Untugenden der Antisemiten („Antisemiten und anderes verlogenes Gesindel“, spottet Nietzsche 1885; s. KSA XII: 10) sowie des Ablernens jüdischer Tugenden, die Nietzsche mittels der Worte zu rehabilitieren suchte:

„Jeder Jude hat in der Geschichte seiner Väter und Grossväter eine Fundgrube von Beispielen kältester Besonnenheit und Beharrlichkeit in furchtbaren Lagen, von feinster Überlistung und Ausnützung des Unglücks und des Zufalls; ihre Tapferkeit unter dem Deckmantel erbärmlicher Unterwerfung, ihr Heroismus im spernere se sperni übertrifft die Tugenden aller Heiligen. Man hat sie verächtlich machen wollen, dadurch dass man sie zwei Jahrtausende lang verächtlich behandelte und ihnen den Zugang zu allen Ehren, zu allem Ehrbaren verwehrte, dafür sie um so tiefer in die schmutzigeren Gewerbe hineinstiess, — und wahrhaftig, sie sind unter dieser Procedur nicht reinlicher geworden. Aber verächtlich? Sie haben selber nie aufgehört, sich zu den höchsten Dingen berufen zu glauben, und ebenso haben die Tugenden aller Leidenden nie aufgehört, sie zu schmücken.“ (KSA….) 

Was folgt daraus: Dass nur Juden zu Internationalen Nietzschekongressen zugelassen werden dürfen, Kantianer aber nicht? Keineswegs. Wohl aber, dass Erkenntnisfortschritte à la Nietzsche in seiner Zeit nach Wagner, gehalten gegen den fortdauernden und antisemitisch konnotierten Dogmatismus Wagners in seiner Zeit nach Nietzsche, im Vorrang sich befinden. Und unter dem Begriffsdach „Nietzsches Natur“[8] abgelegt werden sollten.

Ein Begriffsdach übrigens, unter welches auch Zarathustras Rede Von den drei Verwandlungen in der Lesart Eugen Finks (Nietzsches Philosophie; Stuttgart 1960) gehört. Fink las diese Parabel als eine auf die ‚Genesis des Übermenschen‘, griffig geredet (vgl. Niemeyer 2019: 200 ff.): Alles auf Null zurückstellen, wieder Kind werden, wieder Freude gewinnen am Schaffen und Neuen – und schon ist, um hier Novalis zu variieren, aller geheimer und vergiftender Zauber fort von der Vokabel ‚Übermensch‘. Schon gelangen wir alle, zumindest der Tendenz nach, zurück in die Zeit vor unserem höchst persönlichen nine-eleven, nämlich dem Turnaround, den unsere Eltern und Erzieher schafften, indem sie uns glauben machten, die von ihnen uns anerzogene zweite Natur sei die eigentlichen und richtige. Nichts da, ruft Zarathustra alias Nietzsche wütend aus und richtet seinen Bannsprich gegen alle „Vater- und Mutterländer“ zugunsten des „Kinder Land“, das es wieder zurückzugewinnen gelte und im Blick auf welches Nietzsche 1880 ausrief, er ersehne ein „kommende[s] Zeitalter“, welches ich „das bunte nennen und das viele Experimente des Lebens machen soll“ (KSA XI: 48 f.) – erneut ein Kindmotiv, das, wie andernorts gezeigt (vgl. Niemeyer 2022: 40), auch für den Nietzschevorläufer Honoré de Balzac (1799-1850) zentral war. Kurz geredet: Man muss Nietzsche, diesem „geborenen Räthselrather“ (KSA III: 574), der im Zarathustra sein Spiel mit Metaphern auf nie geahnte und ihm durchaus nicht, wie die Rezeptionsgeschichte zeigt, bekömmliche Höhen trieb, gleichwohl auf Augenhöhe begegnen wollen und können, sonst hat man keine Chance. Und man muss, wie Nietzsche unter dem unausgesprochenen Rubrum „Nietzsches Natur“ dargelegt hat, die einem jedem anerzogene „zweite Natur“ abschütteln lernen, sich häuten lernen, seine „erste Natur“ in einem anstrengenden Nacherziehungsprozesse wieder zurückgewinnen, sonst hat man gleichfalls keine Chance und agiert mit Nietzsche und mit anderen, die ihn besser zu verstehen meinen, nur angefüllt mit Ressentiments und Grenzziehungen aller Art.

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In diesem Moment – ich saß gerade, genauer gesagt: am Samstag, dem 22.10.2022, an meinem Büchertisch[9] im Foyer des Naumburger Nietzsche-Dokumentationszentrum und feilte an Sätzen wie diesen – trat ein wie aus Balzacs Romanen entsprungener Greis an mich heran, lobte, was ich schrieb, und fragte mich, ob ich etwas mitbekommen hätte von einem auf dem Kongress kursierenden Paper. Es sei überschrieben mit der scheinbar das Kongressthema aufnehmenden Urheberbezeichnung Nietzsches Natur, hier: Zentrum für Nietzsche-Schönheit sowie der Betreffzeile „Das Leben ist ein Experiment des Erkennenden“ (Nietzsche). Sein Anfangsverdacht in Richtung Philipp Ruch‘s Zentrum für politische Schönheit habe sich als haltlos erwiesen. Aber was sollten sie machen, schob nun ein weiterer Gries um die 70 mit russischem Akzent nach, mir ein Paper zuschiebend, das in Wahrheit von mir sei und dass ich unbedingt morgen bei hagalil.com unter meinem Namen einstellen müsse, ansonsten man mein Bemühen um Demokratisierung der Nietzscheszene blockiere, denn Demokratie gehe nun mal gar nicht … und weg war er (oder sie?). Mich überkam ob der letztgenannten Erscheinung – doch wohl nicht Putin persönlich, aus Rache für meine ‚Geheimrede‘ zu seinem 70. Geburtstag vom 7. Oktober? – ein leichtes Gruseln, zumal Sammy bei diesem Kongress draußen bleiben musste wie alle kleinen Tiere und meine Frau beim Abschied extra noch gewarnt hatte: „Sei bloß vorsichtig, Schatz! Bei Deiner großen Klappe!“ Ich? Ein großer Schreiber vor dem Herrn, aber ein mindestens so großer Schweiger vor der Frau!

Dann aber fiel mein Blick auf den Eröffnungssatz des mir zugesteckten, angeblich von mir stammenden Papers „Das Leben ist ein Experiment des Erkennenden“ (Nietzsche). Wenn dies ein Codewort der Verschwörer war, das Paper aber von mir, war ich selbst Teil der Verschwörer. Warum aber hatte mich der Gnom eben bedroht? Da fiel es mir, wie ein Auge in den Schuppen, als unumstößliche Wahrheit vor die Füße: Die anderen Bösen, „Putin“, auch der Gnom ohne Namen, wussten auch um sie, diese letzte und tiefste Wahrheit – und veranstalteten womöglich den Krieg in der Ukraine gleichfalls als „Experiment des Erkennenden“, waren also Nietzscheaner! Dem galt es, Einhalt zu gebieten, und sei es vorerst mittels Rückerinnerung an eine Geschichte, die zugleich illustrieren soll, was noch dazugehört, um sich zurecht dem „Club der Nietzscheaner“ zurechnen zu dürfen. Zeit für das folgende

Intermezzo: Nähere Aufklärung über den „guten Schw.“ – eine literarische Skizze aus der Reihe „Mein schönstes Ferienerlebnis“, diesmal über einen, der auszog, Nietzscheaner zu werden

„Das Leben ist ein Experiment des Erkennenden“ (Nietzsche), sprach ich mir am 20. Juli 2022 Mut zu. Ehe ich mich dreißig Meter vor Playa del Ingles unerschrocken in die Brandung drehte und in den Wind rief, in der Hoffnung auf ein anregendes politisches Gespräch mit wen auch immer:

„Niemand hat die Absicht, Putin in die Luft zu sprengen!“

Ein unmittelbar neben mir stehender Badegast, ungekämmt wie Boris Johnson, mit Pickeln, roten Haaren und mächtigem Arschgeweih-Tattoo, sah mich erschrocken an und suchte dann kopfschüttelnd das Weite. Was ihm nicht wirklich gelang. Denn die nächste Welle riss ihn um und mich gleich mit, so dass wir uns zehn Meter vor Playa del Ingles als Knäuel wiederfanden, ich auf ihm mit von der Welle heruntergerissener Hose liegend, er nach wie vor anständig bekleidet: mit Kilt. Ein Schotte also, kein Engländer, was mein witzig gemeintes „Wake me up, before you go-go!“ keineswegs in hellerem Licht erstrahlen ließ, im Gegenteil: „George Michael? Damned, so go your one way!“ Und weg war er, während mir meine Kinder auf die Beine helfen mussten, kreischend wie die Indianer. Ich indes rief dem Weggehenden nach: „Unser Kanzler log also selbst dort, wo er, lt. Bild, den Engländer mittels der Worte charakterisierte: ‚You never walk alone!‘“

Am Strand dann die erwartbare Standpauke meiner Frau, nicht wegen meines Bild-mäßigen Scholz-Bashing, auch nicht wegen des ARD- und ZDF-inkompatiblen „Indianer“-Geheuls unserer Kinder, das ich durch meine Unbeholfenheit evoziert hatte. In Fragen wie diesen versteht sie Spaß, hieß mich „Rothaut“ und schmierte – nein: nicht mir eine! – mich etwas lieblos, wie ich fand, ein mit 50+ Sonnenmilch für Babys. Nur ein Vorwand für einen Vortrag zum Thema „Erholung“: Mein Arzt habe mir purinarme Kost verordnet – und seitdem machte ich überall blöde Witze mit Putin, etwa à la: „Putin-arme geistige Kost“. Quod erat demonstrandum: Mein Geheimrezept – zwei Wochen nur Bild-Zeitung lesen – führe nicht zur Entspannung, sondern trage, siehe meinen Auftritt eben, zur Verblödung bei, offenbare jedenfalls den fortgeschrittenen Stand der meinen. Einen Wildfremden mit einem im Übrigen von Walter Ulbricht aus Ost-Berlin geklauten Spruch anzubaggern und dabei „Mauer“ mit „Putin“ zu ersetzen und „bauen“ mit „in die Luft sprengen“, sei ja wohl das Dümmste seit Nietzsche Gedenken, also seit 1888. Zumal schon der Name Playa del Ingles wahrscheinlich mache, dass man hier nur mit Englisch weiterkomme. Im Übrigen interessiere sie durchaus, ob der Typ zuvor irgendetwas gesagt habe, so dass meine Äußerung als Antwort gedeutet werden könne. „Als Antwort etwa auf die Frage eines Agenten von 007-Format“, lockte sie mich mit einer Art Zuckerbrot, die Peitsche in der Hand haltend. Ich beschloss, Ihr diesmal nicht auf den Leim zu gehen, und stellte mich noch ein wenig dümmer als eigentlich erlaubt:

„Nein; oben kam nichts raus, unten allerdings…“

Ihr drohender Blick verhieß nichts Gutes, also schwieg ich stille – nicht aber meine Frau:

„Also hast Du wieder einmal einfach nur vor Dich hingeredet! Was hast Du denn eigentlich als Antwort erwartet?“

„Nun, im besten, also 007-Fall etwas wie: ‚Wir von Scotland Yard warten einfach noch ein wenig ab, bis er tot umfällt! Oder aus dem Fenster eines Krankenhauses in Moskau!‘“

„Was ist das für ein merkwürdiges Bild?“

„Das Bild wurde am lt. Bild durch den saudischen Diplomaten Mohammad Al-Quathani evoziert. Er fiel vor gut zehn Tagen, am 10. Juli in Kairo während einer Lobrede auf den ägyptischen Präsidenten Abdel Fatah Al-Sisi einfach tot um. Der Sache nach stammt das Bild von Benjamin Franz, als Todeswunsch in Richtung der Auschwitzleugner unter den Neuen Rechten.“

Da wusste meine Frau: Jetzt gab’s kein Halten mehr – und vermutlich gleich eine Freiluftlesung aus meinem Schwarzbuch Neue/Alte Recht. Glossen, Essays, Lexikon (2021). Ermattet schloss sie ihre rehbraunen (kleiner Scherz, folks!) Augen, mit den Worten einschlafend: „Oh Schatz, bitte, schalte ab, es ist Urlaub!“ Ich gab klein bei, begrub das Kriegsbeil im Sand, herzte sie und gelobte Besserung. „Ab sofort enteigne ich, was meinen Teil angeht, Springer, und lese nur noch Krimis aus der Hotel-Bibliothek!“ (Dass ich für meinem Nebenjob als Krimiautor in den Ferien üben wollte, musste ich ihr ja nicht gleich unter die Nase binden). Friedlich grinsend wie ein Breitmaulfrosch, von einer PK träumend, wo ich als Krimiautor im Blitzlichtfeuer stand, lag auch ich bald mit geschlossenen Augen da und erzählte mir die inzwischen selbst in der Bundeswehr heiliggesprochene Heldengeschichte des Grafen von Stauffenberg, der am 20. Juli 1944, also vor 77 Jahren, Hitler hatte in die Luft sprengen wollen. Was, den Erfolg dieser „Operation Walküre“ vorausgesetzt, das Leben von weiteren 25 Millionen Menschen, die bis Kriegsende starben, hätte retten können.

Ich war über derlei Betrachtungen über das zulässig Kriegerische ganz friedlich geworden – als auf einmal Meeresrauschen von Lee her von einem kräftigen Aufschrei überlagert wurde:

„Ich bin nicht Deine ‚Sister‘, verdammt noch mal!“

Interessiert blickte ich auf, legte mich auf den Bauch und entdeckte A., eine People of Colour aus Berlin, vormals Jamaika, und die mir wohl bekannte Reinickendorfer Tennis-Clique noch dazu, mit einigen Ehefrauen asiatischer und nordafrikanischer Herkunft im Schlepptau. Sie nannten sich Wir Furchtlosen!, waren durch die Bank schwer betuchte Rentiers, lebten jenseits von Gut und Böse und liebten, wie sie wollten, frei von Vorurteilen.  Vor A. stand, nun heftig zitternd, eine weitere People of Colour männlichen Geschlechts mit einem Ventilator auf dem Kopf, behängt mit jeder Menge Sonnenbrillen sowie verführerisch blinkenden Rolex-Uhren. Der nun der Reinickendorfer Schickeria radebrechend zu versichern suchte, er habe doch nur ein Verkaufsgespräch in Betreffs eines afrikanischen Strandtuchs mittels einer freundlichen, politisch korrekten Begrüßung auf Trab bringen wollen. (Für den genauen Wortlaut kann ich mich nach dieser langen Zeit natürlich nicht verbürgen). A. hingegen blieb bockig und versprach nach längerem Begrüßungs-Tam-tam („Ihr hier? Wie reizend!“) plus düsterer Andeutungen („Was hast Du denn da mit dem Schotten im Wasser getrieben? Junge, Junge! Ich dachte immer, bei euch sei alles in Ordnung, soweit?!“) Aufklärung für den späteren Abend bei Ihnen im Hotel.

Abends dann, nach unter Berlinern gängigen „Cheerio“ hier und „Blink blink“ dort, saß die ganze Corona dann, selbstredend ohne Kinder, aber mit sämtlichen Ehefrauen, welcher colour auch immer, an der schicken Hotelbar derer von A. direkt neben den schwarz-weißen Klaviertasten und huldigte dem richtigen Leben, konsumierte also vorwiegend politisch Inkorrektes, darunter „Wodka Gorbatschow“ – etwas in Moskau ganz Seltenes, wie unser Wohltäter witzelte. Hätte er schon Anna-Lena Abbott (Jg. 1985) vom Spiegel lesen können (20.10.2022, 13:53, vor zehn Stunden)[10], wäre ihm fraglos auch die von Mrs. Abbott (vermutlich aus Abbotsholme[11]) verschenkte Pointe eingefallen, die 20 Flaschen Wodka, die Putin seinem Neu-Rechts-Kumpel Silvio Berlusconi nach Italien geschickt habe, seien fraglos keine der Marke „Gorbatschow“ gewesen, wie der uns auf Gran Canaria kredenzte.

Ach ja, der „gute Herr Schw.“ hieß ich ihn dankbar, was jetzt aus Gründen der notwendigen Anonymisierung nicht wirklich gut rüberkommt, auch etwas farblos, so dass die folgende Anekdote vielleicht ganz hilfreich ist, um ein etwas farbigeren Eindruck von diesem ungeheuer witzigen und hochintelligenten Millionär zu gewinnen. Ja doch: Es gibt auch noch diesen anderen Millionär, diese Ente aus Entenhausen und jene andere namens Donald Trump, aber auf den „guten Schw.“ lass‘ ich nichts kommen. Im Frühsommer beispielsweise saßen wir im Verlauf einer bei uns immer etwas längeren Spielpause auf einer Bank auf Platz 5 unseres Clubs und nahmen uns fest vor, zu Halloween das überdimensionierte Werbeplakat eines Bestattungsunternehmens aus Y.-Dorf des Nachts kreativ zu bearbeiten, also das Kreuz durch einen Tennisschläger zu ersetzen und die Vokabel „Bestattung“ durch „Besaitung“. „Der gute Schw.“ schlug „Besamung“ vor, aber ich konnte ihn nach längerer Diskussion davon überzeugen, dass dieses Wort mit Tennis nichts zu tun habe und der Konzentration der Spielenden abträglich sei, also wegen der ständigen Seitenwechsel auch der Heimmannschaft zum Nachteil gereiche. „Der gute Schw.“ gab noch zu bedenken, dass das Bestattungsunternehmen unserem Vereinspräsidenten gehöre, was uns schließlich abbrachte von unserem Bubenstück, zumal wir in unserem Alter vermutlich noch nicht einmal die Leiter hochkämen, um das Plakat neu zu gestalteten. Ersatzweise – ein in die Zeit passender Ratschlag, wie mir scheint – bedachten wir den demokratischen Weg, also das Einbringen einer Resolution in die nächste Hauptversammlung des Inhalts, der auf Platz 5 ermöglichte intervallmäßige Blick auf die Telefonnummer, die Ihre Angehörigen im Fall des Ablebens dort Spielender zu wählen hätten, sei älteren Vereinsmitgliedern nicht länger zuzumuten und nähre Sterbefantasien.

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Der Rest ist Schweigen – ein Satz, der mir auch passend dünkt für jene, die nach unserem Urlaub ins Gras bissen und über deren Sterben durchaus unzureichend berichtet wurde. Meine Frau vermied zwar jeden Besser-Wessie-Blick in meine Richtung, aber klar war auch so, was sie dachte: Noch nicht mal meine vor Playa del Ingles in den Wind gerufene Prognose, niemand habe die Absicht, Putin in die Luft zu sprengen, sei das Papier wert, auf die sie nicht geschrieben war! Meine Ausflucht, es handele sich ja gar nicht um Putin, sondern nur um Dugin, wischte sie mit dem, wie ich fand, recht ärmlichen Bedenken vom Tisch, vielleicht habe sich da jemand wegen der Namensgleichheit vertan – so wie ich im Urlaub: Jedem, der es nicht hören wollte, hätte ich ein Ohr abgekaut mit der Information, unsere vegane Tochter hätte dem Papi Putin-arme Ernährung verordnet – ein, wie meine Frau noch hinzusetzte, „schales Witzchen“, das nun zu meinem Nachteil ausschlage: Selber Putin mit Purin zu verwechseln – aber Mördern mit dem Hinweis beistehen, sie hätten womöglich Putin mit Dugin verwechselt, sei nun einmal ein absolutes No-Go!

Ich schwieg betroffen – und sondierte klammheimlich in der aufgestapelten Urlaubspost, was der Spiegel in der Zwischenzeit in dieser Causa herausbekommen hatte. Ich war entsetzt (nicht nur über den Mord, mit Verlaub): Erst am 27. August, also mehr als eine Woche nach dem Geschehen, gab dieses vormalige Investigativjournal Nr. 1, abgezeichnet unter „Nachrufe“ davon Kenntnis, dass Alexander Dugins Tochter Darja Dugina (29) „am 20. August in Blischije Wasjomy [starb]“ (Spiegel Nr. 35, S. 117), ähnlich wie – dies ist offenbar die Spiegel-interne Bauanweisung für Nachrufe –, auf der nämlichen Seite zu besichtigen, Eva-Maria Hagen (87) „am 16. August in Hamburg [starb]“ oder Theo Sommer (92) „am 22. August in Hamburg“ sowie Rolf Kühn (92) „am 22. August in Berlin“. Alle durch eine Autobombe? Nein, wird mir jetzt vermutlich Christina Hebel vom Moskauer Spiegel-Büro ins Wort fallen als Verantwortliche für den Dugina-Nachruf; und auf die vielen Informationen verweisen, die sie zur Dugina zusammengetragen habe, endend mit:

„Laut dem Inlandgeheimdienst FSB aber war Dugina nicht das Opfer einer Verwechslung, sondern eines gezielten Mordes, beauftragt angeblich durch den ukrainischen Geheimdienst. An der Version gibt es erhebliche Zweifel.“

Meine Antwort, im Geiste:

„Liebe Frau Hebel, ich kaufe den Spiegel nicht, um acht Tage nach dem Geschehen Zeuge Ihrer Verzweiflung ob der vielen Zweifel zu werden, sondern um Aufklärung zu bekommen über von anderen nicht Aufgeklärtes. Und sei es als eines durch meine Urlaubslektüre zu neuer Form aufgelaufener Krimi-Spezialisten, der ja wohl erwarten darf, dass der Fall Dugina – er unterscheidet sich deutlich von den Fällen Hagen, Sommer und Kühn – nach allen Regeln der Kunst aufbereitet wird, seien es jene Regeln von Andreas Franz‘ Julia Durant, seien es jene von Charlotte Link, nach dem Ableben von Franz (2011) Deutschlands erfolgreichste Krimiautorin.“

Nichts kam daraufhin von ihr – irgendwie nicht überraschend bei einer weder geschriebenen noch abgesandten Mail. Und nichts von mir, resümierend, zu unserem casus knaxus, wahlweise auch casus belli genannt, gesetzt, der Fall des „guten Herrn Schw.“ erlaube uns, mit diesem, gelesen als perfekten Nietzschefan, in den Krieg gegen die Nietzscheforschung zu ziehen: Nein, erlaubt er nicht, denn der „gute Herr Schw.“ ist zwar alles Mögliche, aber nichts der Art, er sei dies, weil nichts wahr und Gott tot sei etc. pp.. Etwas deftiger und also für den diesen Herrn passend gesprochen: Der „gute Herr Schw.“ hat zwar vom Tuten und Blasen Ahnung, vermag aber den Namen Nietzsche noch nicht einmal fehlerfrei buchstabieren, im Vergleich zu seinem Idol: Feyerabend (wo er allerdings regelmäßig an dem „ey“ scheitert und „ei“ schreibt).

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Feierabend damit auch für jegliches Bemühen, meiner These mittels des Vorweisens eines echten Nietzscheaners Schärfe und Anschaulichkeit zu verleihen. Ersatzweise wähle ich als Exitstrategie einen perfekten Anti-Nietzscheaner wie den Nietzscheforscher Werner Stegmaier (Greifswald), dem das Leben fürwahr „Pflicht“ zu sein scheint, wenn nicht gar „Betrügerei“ – nicht bös‘ gemeint jetzt, sondern mit Nietzsche geredet und mittels einer Erfahrung untermauert, die ich vor vielen Jahren mit Stegmaier machen durfte, als er einen Text von mir zu Nietzsches Ecce homo mit dem (Teil-) Titel Nietzsche als Betrüger mit dem staunenswerten Vermerk zurückschickte, der Ausdruck „Betrüger“ im Blick auf Nietzsche sei gänzlich unangemessen. Und dies gesprochen ungeachtet dessen, dass es Nietzsche gewesen war, der, wie gesehen, die „Betrügerei“ als sinnlichen Gesamteindruck des um den Vollsinn des Lebens Gebrachten als gesondertes Merkmal herausstellte (und also mit dem immerhin in Ecce homo expressis verbis verwendeten Wort „Betrüger“ deutlich machen wollte, dass er in dieser seiner Autobiographie gleichfalls von derlei fragwürdigen Exitstrategien Gebrauch haben mache müsse). Damals schon und infolge dieses Erlebnisses begann in mir der Verdacht zu keimen, Stegmaier verstünde Nietzsche in seiner von diesem verfochtenen Hauptsache gar nicht – ähnlich wie das Philosophiemagazin[12]und im Gegensatz zu diesem kleinen, offenbar tennisverrückten Italiener namens Prof. Dr. Marco Brusotti, den man, allerdings mit der Fehlschreibweise „Brusutti“ und ohne „Prof. Dr.“, als erstes im Internet fände, tatsächlich unter dem Rubrum „Presidenzia / Fondazione“…

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An dieser spannenden Stelle beim Vollenden meines Tagungsberichts angekommen, summte auf einmal der mit meinem PC verbundene Mitschreibroboter aus dem Hause Beltz Juventa. Zeitgleich kündete eine Warnhinweis vom unabweisbaren Löschen aller meiner Dateien, sollte ich nicht zu einer weniger versponnenen Darstellungsweise hinfinden. Ich hatte kaum Zeit, die Vokabel „weniger versonnen“ hin und her zu drehen, um sie auf Ausfluchtmöglichkeiten hin zu prüfen, als eine Mail aus Weinheim eine Videokonferenz ankündigte mit dem besten Lektor des Hauses.

„Konrad Bronberger hier!“, meldete sich in der nächsten Minute ein mir durchaus bekannter überaus jungenhaft wirkender Schlaks auf meinem vom Verlag gespendeten Kontrollmonitor, um dann etwas ernster zu werden:

„Was wollten Sie eigentlich sagen, lieber Herr Niemeyer?“

„Hallo erst einmal?“, riet ich aufs Blaue hin.

„Bitte nicht so, lieber Herr Niemeyer! Seriöser…“

„Womit Sie vielleicht den Anfang machen!“

„Einverstanden. Also: Was werfen Sie ‚Il Presidente‘ Marco Brusutti alias/oder auch nicht-alias Prof. Dr. Marco Brusotti eigentlich genau vor?“

„Nichts!“

 „Wie bitte?“

„Nun jedenfalls nichts von Belang. Wenn ich dazu vielleicht Beweisstück 1 vorlegen könnte?“

„Herr Niemeyer! Wir sind doch hier nicht in einem Gericht!“

„Aber es macht Spass!“

„Mit einem deutlich erkennbaren Seitenblick auf den Verleger im Off: „Also gut!“

Und nun ging eine Show los, die Ihres gleichen sucht: Mit einer Verbeugung nach allen Seiten klopfte ich meinen imaginären Talar aus, entwand seinen nicht vorhandenen Untiefen ein blaues Buch und referierte mit eigenen Worten einen Passus aus Sex, Tod, Hitler, der von der Einordnung von Nietzsches Ecce homo als Autobiographie handelt. Diese Gattungseinordnung, so führte ich weiter aus, ist zu lesen unter der wichtigen Einschränkung Marco Brusottis, alle Texte Nietzsches seien „‘autobiographisch‘, auch wenn sie keine Autobiographien sind.“ (Brusotti 2018: 121) Referenzpunkt ist hier der ursprünglich für Ecce homo gedachte Satz Nietzsches:

„Zuletzt rede ich nur von Erlebtem, nicht bloß von ‚Gedachtem‘: der Gegensatz von Denken und Leben fehlt bei mir.“ (KSA 14: 485)

Dieser Satz hilft, das zuletzt im Nietzsche-Lexikon von Enrico Müller (2020: 257) geltend gemachte Ecce-homo-Wort

„Das Eine bin ich, das Andere sind meine Schriften“ (KSA 6: 298)

als Nebelkerze zu markieren, gezündet von Nietzsche, weil dieser Aufklärung über sich zwar ersehnte, aber, seine Syphilis wegen, und hier vor allem der von ihm antizipierten Empörung seiner Mutter halber, vergleichbar stark fürchtete. Auch die andernorts in diesem Lexikon vorgetragene Meinung Müllers, „textologische, formtheoretische und medienästhetische Lektüren“ hätten inzwischen „als Werkpolitik lesbar gemacht“, was „die biographische oder psychiatrische Deutung der Vergangenheit als Lebensverfälschung oder einsetzenden Größenwahn zu denunzieren pflegte“ (Müller 2020: 93), ist zunächst nur dies, eben Meinung, übrigens mit der auf Dogmatisierung hinweisenden Tendenz zur Priveligierung der vorgenannten bei Zurückweisung der zuletzt genannten Forschungszugänge. Nur am Rande sei dabei aus der Perspektive des mit der Textgattung ‚Lexikon‘ nicht ganz Unvertrauten notiert, dass Meinungen in einem Lexikon, zumal in dieser polemischen Zuspitzung, nichts zu suchen haben und gegen das sie definierende Merkmal verstoßen, Ross und Reiter zu benennen, damit ad rem diskutiert und abgewoegen werden kann.“ (Niemeyer 2022: 248)

Bronberger auf der anderen Seite war sichtlich beeindruckt – nicht nur er: In Weinheim knallte jetzt ein Sektkorken, ein Chor skandierte:

„Drei Tage war der Professor krank, jetzt mäandert er wieder, Gottseidank!“

 Und gleich darauf, aus dem Off:

„Wenn ich die Sache richtig sehe, hat er gar nichts gegen Brusotti, im Gegenteil! Anders sieht es offenbar mit Enrico Müller aus. Den Rest checken wir konventionell, via Endkorrektur! Ergo: Exit!

Und wie auf diesen laut gesprochenen und deswegen hier in Fettdruck gehaltenen Befehl hin machte die Videokonferenz von jetzt auf gleich dem Bildschirmschoner „Error!“ Platz. Zeitgleich gab der Mitschreibroboter mit einem erleichterten „Pfff!“ den Geist auf.

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Im Gegensatz zu mir: Wie von einer neuen Morgenröte erleuchtet, führte ich still für mich mein ‚Mäandern‘ zu einem würdigen Abschluss: Unfassbar – da hatte Brusotti doch tatsächlich 2018 eine Position verfochten, deretwegen ich nur zwei Jahre zuvor wegen meines Textangebots Anti-Nietzsche? Über das anti-biographische Apriori der neueren Nietzscheforschung – eine Kritik an Werner Stegmaier (und seiner Schule)[13] von Enrico Müllers Doktorvater Werner Stegmaier in seiner (damaligen) Eigenschaft als Herausgeber der Nietzsche-Studien mithilfe von sechzehn übrigens nicht, was meine Person angeht, double-blind erstellten Gutachten[14], einige von ihnen mit deutlich pathologisierender Tendenz, stammend vom von Stegmaier offenbar zu Hilfe gerufenen damaligen wissenschaftlichen Beirat[15], fast für verrückt erklärt worden war[16]. Und zwar ohne dass mir auch nur einer der an diesem Vorgang Beteiligten trotz Information über das Öffentlichwerden desselben in der von mir herausgegeben Zeitschrift für Sozialpädagogik wenigstens doch nachträglich beigestanden hätte. Meint: Der Stegmaier-Schüler Müller treibt 2022, nun in seiner Eigenschaft als Herausgeber des Jahrbuchs Nietzscheforschung, mit mir ein ähnliches Spiel. Sowie: ‚Il Presidente‘, obgleich in Sachen Ecce homo eher auf meiner Seiten stehend, schweigt dazu oder redet sich um Kopf und Kragen. Etwa mittels seiner vom gesamten Vorstand der Nietzsche-Gesellschaft e.V.[17] widerspruchslos akzeptierten Antwort auf meine Beschwerde. Brusotti nämlich antwortete mir auf meine Klage[18], Müller habe mir meine demnächst ersatzweise in der Philosophischen Rundschau erscheinende Rezension eines Ecce-homo-Readers[19] mit einem hämischen Kommentar[20] zurückgeschickt hatte, am 3.8.22, 15:33 mittels der Bemerkung:

„Enrico Müller, der die Nietzscheforschung im Auftrag der Nietzsche-Gesellschaft herausgibt, genießt selbstverständlich das volle Vertrauen des Vorstands und befindet ganz allein über die konkrete Ausgestaltung des peer-review-Verfahrens“.

Einverstanden: Meine Rezension fiel äußerst kritisch aus, auslaufend in eine zugegebenermaßen deftige Kritik an Werner Stegmaiers von den Herausgebern als „masterclass in the exegis of Nietzsche’s philosophical writing“ (Large/Martin 2021: 7) gelobten Textes von 2008. Kann dies allein aber ein Grund sein, dieses Argument erst gar nicht zu prüfen, etwa durch einen Gutachter? Nein, schrieb ich Brusotti am 18.10., 10:46 und forderte ihn „im Lichte der neueren Entwicklung“ und in meiner Eigenschaft als langjähriges Mitglied der Nietzsche-Gesellschaft e.V. und vielfacher Autor des Jahrbuchs Nietzscheforschung erneut, wie schon am 28.7., auf, eine am 21.5., 20:02, von Herrn Sommer mir gegenüber ins Gespräch gebrachte ‚Geschäftsordnung‘ des Jahrbuch ins Auge zu fassen, die Herrn Müller ‚Legimitation durch Verfahren‘ (Luhmann) auferlegt, also die ordnungsgemäße und öffentlich sichtbar zu machende Einrichtung eines peer-review-Verfahrens als Pflicht, um weiteren Schaden[21] von diesem Periodikum sowie der es edierenden Nietzsche-Gesellschaft sowie des hier publizierenden wissenschaftlichen Nachwuchses fernzuhalten.“

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In diesem Moment klingelte der Stern, korrigiere: es Sturm an der Haustür. Sammy war begeistert ob der nach Öffnen der Tür sichtbar werdende Fotografenmeute.

„Hat Julia Roberts soeben über das Dach mein Schlafzimmer verlassen?“,

herrschte ich sie an, erntete aber nur ein müdes Lächeln, ehe ein ganz Vorwitziger, hochintelligent, wie er wohl fand, sich vorstellte:

„Lars Bogenius, freier, sehr freier Journalist, früher Der Spiegel. Faktencheck, Herr Professor: Haben Sie – oder haben Sie nicht?“

„Sie meinen: Ob ich Julia Roberts, wie in Notting Hill (1999) Hugh Grant…“

„Schluss mit lustig! Das Spiel ist aus, Herr Professor!“

Ich merkte: Dies war wohl einer, den sein mutmaßlicher Auftraggeber geschickt hatte, aus Rache für mein permanentes Bams-Bashing.[22] Also begab ich mich auf Augenhöhe mit Sammy, ihm extra laut darauf vorbereitend, dass ich ihm sicherheitshalber seinen Maulkorb aufzöge. Dies wirkte: Ein Bebrillter drängte sich vor und meinte, sein etwas ungestümer Kollege habe nur wissen wollen, ob ich oder ob ich nicht in Naumburg den Rücktritt des Präsidenten der Nietzsche-Gesellschaft e.V. gefordert hätte. Ich hakte mich bei ihm ein, schmiss vor den Nasen der anderen mit Sammys Hilfe die Haustür zu, und ging mit dem Bebrillten, der sich als Klaas Relotius vorstellte, ins Wohnzimmer. Dort gab ich ihm meine Mail vom 18.10., 21:16, zur Lektüre und verwies dabei insbesondere auf den Passsus:

„Wenn es ein [Peer-Review-] Verfahren gibt, verlange ich nichts weiter als dessen konsequente Praktizierung durch Herrn Müller. Ihre seinerzeitige und vom gesamten Vorstand abgesegnet Blankovollmacht für Herrn Müller müssten Sie also widerrufen und ihn bitten, die seinerzeitige Ablehnung einer Begutachtung meiner Rezension zu widerrufen, also den Vorgang in den vorherigen Zustand zurückverlagern, worauf ich antworten würde, die Rezension leider bereits anderswo untergebracht zu haben, hinzugerechnet sein Versprechen, in Zukunft nicht erneut Beiträge, die ihm nicht passen, nach der Methode seines Doktorvaters unter den Tisch fallen zu lassen – schon wäre alles in Ordnung. Auf eine Entschuldigung seinerseits wegen des Ton (sic!), den er mir gegenüner (sic!) angeschlagen hat, verzichte ich, Nacherziehung ist nicht mein Ding. Kurz: Wessen es bedarf, ist nicht, wie sie meinen, eine (sic!) „konkreter Änderungsvorschlag“ in Sachen Verfahren meinerseits, sondern eine Verhaltensänderung des Herrn Müller. Sollte er dazu nicht in er Lage sein und Sie nicht dazu geeignet oder gewillt, diese herbeizuführen, sehe ich nur noch eine Möglichkeit: Ihrer beider Rücktritt von Ihren Ämtern. Wenn Sie es so weit kommen lassen wollen, lassen Sie es mich wissen: Ich würde mich nicht scheuen, einen solchen Antrag zu stellen, setze aber vorerst noch auf Ihre Einsicht in das Unvermeidliche, also Führungsstärke Ihrerseits.“

Ich erklärte Herrn Relotius (was für ein komischer Name! Wenn das mal nicht ein Pseudonym war!?) noch: „That’s all!“, schmiss auch ihn raus, klappte meinen PC auf, vollendete den letzten Absatz ab „In diesem Moment…“, und schickte diesen meinen Tagungsbericht via Tel Aviv mit dem fragend vorgetragenen Abschiedsgruß: „Nächstes Jahr in Naumburg!? Unter Beachtung von ‚Nietzsches Natur‘?! Und unter total demokratischen Verhältnissen?!“

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Nicht vergessen sei der allseits beliebte Schlussabschnitt „Ist noch was. Doc?“ Denn wir wollen ja am Ende immer auf den Anfang schauen und nicht auf unser aller Ende und also hoffentlich antworten dürfen:

„‘Präsident‘ Putin lebt offenbar noch, aber die Verhältnisse, die ihn tragen halfen, bröckeln Schritt für Schritt. Lassen Sie uns also in einer letzten Anstrengung Gorbatschows Glasnost endlich in den letzten Winkel des vom früheren KGB-Agenten Putin mitbeherrschten Sozialraums tragen, und sei es nach Naumburg a.d.S., in das dort beheimatete Nietzsche-Dokumentationszentrum und die es tragende Gesellschaft e.V.!“

Fassen wir zu diesem Zweck das Gesamtargument von der Hauptsache ausgehend zusammen, wohlwissend, dass diese natürlich nicht gründen kann im geradezu lächerlichen Streit des Mainstreams mit einem Outsider – dessen Ersterer selbstredend braucht, um sich selbst als „normal“ zu fingieren. Wie schon der wunderbare Dr. Maatz für Omega Höcke gelten machte.[23] 

Also muss man – erster Punkt – Nietzsche, diesem „geborenen Rätselrater“, auf Augenhöhe begegnen können, sonst hat man keine Chance, das Vorstehende bis in seine vermeintlichen Abseitigkeiten hinein auch nur vom Ansatz her zu verstehen.

Man muss, zweitens, die einem jedem anerzogene „zweite Natur“ abschütteln lernen, sich häuten lernen, seine „erste Natur“ in einem anstrengenden Nacherziehungsprozess wieder zurückgewinnen, sonst hat man gleichfalls keine Chance und agiert mit Nietzsche und im Umgang mit anderen, die ihn besser zu verstehen meinen, nur angefüllt mit Ressentiments und Grenzziehungen aller Art.

Man sollte, drittens, die Pointe dieses Textes als eine anti-antisemitische ausweisen lernen, dahingehend, dass Nietzsche via Wagner in Bayreuth 1876 lernte, die ihm dort aufgenötigte Verstellung als Teil von Wagners Antisemitismus zu lesen. Es ist also gerade umgekehrt: Die von alten wie neuen Rechten ‚dem‘ Juden attribuierte Verschlagenheit und Chuzpe ist vor allem dem Völkischen eigen, wie die NS-Lügenpresse und der Überfall auf Polen zeigt. ‚Dem‘ Juden eigen ist hingegen, wie Nietzsche gegen die Vorurteile, die ihm anerzogen wurden, erkannte, zuerst am Exempel seines Freundes Paul Rée, ein ganz besonderer Scharfblick für das seelisch Komplexe, wie ihn Sigmund Freud in besonderer Weise auszeichnet und eben auch Nietzsche als Freud-Vorgänger. Brusotti und Müller und auch Stegmaier stehen, so betrachtet, für Anti-Nietzsche oder jedenfalls doch Old School. Nichts zu tun hat dieses Rubrum mit Antisemitismus (dies wäre sowohl bei Müller als auch bei Stegmaier geradezu grotesk, gar eine Beleidigung). Was ich allerdings hatte sagen wollen: dass beide einem Menschen- und Denktyp zurechenbar scheinen, den Nietzsche mittels der Vokabeln „Pflicht“ etc. (vs. „Leben als Experiment des Erkennenden“) zu fassen suchte. Damit stehen sie einem Typus nahe, der bei Neuen Rechten verbreitet ist und in Russland bei Putin dominant und den ich jener Old School der Nietzscheforschung zurechnen würde. Mit dem aktuellen Nietzschekongress als Ort, der dieses Problem anschaulich macht.

Womit zu fragen erlaubt scheint, so legte ich bzw. dieser Artikel am Sonntag nach, werte(r) Vorsitzende(r), ob es nicht wünschenswert wäre. 2023 eine Tagung zu veranstalten, die diesem Thema unter dem Titel „Nietzsches Natur“ verpflichtet ist sowie der sich um diesen Titel aktuell formierende New School der Nietzscheforschung. Für diese ohne jedes Interesse, im Einvernehmen mit Nietzsche selbst: Der „frühe Nietzsche“, insbesondere Wagners Nietzsche. Ohne Interesse, gleichfalls: Förster-Nietzsches Nietzsche. Allein von Interesse, wie von mir erstmals in meinem Lesebuch: Die Hauptwerke (Niemeyer 2012) deutlich gemacht: Nietzsches Nietzsche.

Was das für den nächsten Kongress bedeutet, werte(r) Vorsitzende(r)? Nun: Schön wäre es, wenn man 2023 in Naumburg nur Teilnehmer*innen sähe, die mehr im Kopf haben als ihre Theorien über Nietzsche sowie den selbstgesetzten Auftrag, sie auf Teufel komm raus verteidigen zu müssen. Ich möchte vielmehr Menschen sehen, die offen sind und lernbereit statt angstbewehrt; und die den hier[24] unter der Headline Nietzsches Natur angedeuteten Lakmustest aller ernstzunehmenden Nietzscheforscher bestanden haben[25]; den nämlich, der sich in der hier gerne noch einmal wiederholten Bemerkung Nietzsches verbirgt, es gäbe zwei Arten von Menschen: jene, denen „das Leben ein Experiment des Erkennenden sein dürfe“; sowie jenen anderen, denen es „eine Pflicht“, „ein Verhängniss“, gar „eine Betrügerei“ (III: 552) sei.

Dies ist, werte(r) Vorsitzende(r), wie ich nach dreißig Jahren Nietzscheforschung meine behaupten zu können, der entscheidende Satz Nietzsches; gleichsam eine Fortschreibung von Nietzsches Befreiungslosung „Gott ist tot!“ ins Lebenspraktischen hinein. Ein Satz, der zugleich erlaubt, zwischen jenen zu unterentscheiden, die zu ihm gehören sowie den anderen, die nichts von ihm verstanden haben, noch nicht einmal diesen an sich recht einfachen Satz. Und die infolgedessen all jenen zuarbeiten, die systematisch daran arbeiten, dass es zukünftig allen so gehen möge wie ihnen: nämlich das Leben zu führen wie eine „Pflicht“, zu erleben wie ein „Verhängnis“, es als enttäuschend abzubuchen wie eine „Betrügerei“. Dies meint zugleich: Der üblicherweise als entwicklungspsychologische Fortschrittsgeschichte gedeutete Reifeprozess eines jeden einzelnen Menschen (vom Kind hin zum Erwachsenen) muss, Nietzsche zufolge, als Verfallsgeschichte gedeutet werden. Entsprechend hilft nur eine Option: „Kinder an die Macht!“ Und sei es – dieselben als Metapher gedacht, selbstredend – 2023 in Naumburg.  Gesetzt natürlich, dass es bis dato noch einen Ort dieses Namens gibt.

 

[1] s. www.hagalil.com/2022/10/nietzsche-natur/

[2] s. www.hagalil.com/2022/10/geheimrede-zu-putin/

[3] Niemeyer in: Nietzscheforschung 16 (2009), S. 335-355.

[4] Niemeyer in: Nietzscheforschung 28 (2021), S. 311-338.

[5] Bis ihr Hotel erst mit Hakenkreuzen markiert und anderntags von „häßlichen Deutschen“ abgefackelt wurde!

[6] Näheres hierzu vom Verf. im Editorial der Zeitschrift für Sozialpädagogik 9 (2011), S. 114.

[7] Am Sonntag wird sie in der Reihe Lectio Nietzscheana Naumburgensis über „Natur, Wille zur Macht und was über sie hinausweist“ reden – und erzielte damit einen großen Erfolg, wie ich jetzt schon verraten darf.

[8] Vgl. erneut www.hagalil.com/2022/10/nietzsche-natur/

[9] Wie alle Vielschreiber konnte ich natürlich keinen der Vorträge besuchen, sondern musste einen „Begabtenaufschlag“ entrichten, einzutreiben durch den Verkauf signierter Exemplare und zu erstatten an meinen Verleger, dort getarnt als „Druckkostenzuschuss“. Das Problem: Die meisten Interessenten lehnten ab, weil sie zwar das Buch wollten, aber keinesfalls mit Signatur – was mich, ehrlich gesagt, ein wenig verwunderte, schließlich gab es doch inzwischen Corona-immune Tinte. Das andere Problem: Meine Darstellung insinuiert, ich würde alle Vortragsbesucher für Faulpelze halten und für unproduktiv. Heißt: Es ist eine Variante dieser Fußnote in Vorbereitung, die diese Deutung verbietet aber jene erlaubt – nur, dass ich dazu nicht komme, weil ich erst einmal Wichtigeres schreiben muss, etwa den Einkaufszettel für meine Frau. Und die Rechnung für meinen ersten Kunden: 500 Euro gegen Quittung für den grünen Koffer mit allen Büchern! Na also, geht doch!

[10] s. https://www.msn.com/de-ch/nachrichten/international/putin-wodka-f%C3%BCr-berlusconi-verst%C3%B6sst-vermutlich-gegen-eu-sanktionen/ar-AA139Pvj?li=BBqgbZT

[11]  Anspielung auf ihren Studienort Jena, wo Ralf Koerrenz lehrt, seit 2013 bekannt (vgl. Niemeyer 22022: 119) für seine Verharmlosung des Reformpädagogen Hermann Lietz (1868-1919), der seine völkische Reformschule Emlohstobba hieß (Anagram des Namens einer englischen Einrichtung).

[12] Zugleich Anspielung auf die Macherin desselben, Svenja Flaßpöhler, die durch ihren medial spannend inszenierten Feldzug gegen Gott und die Welt ihr eigentliche Aufgabe sträflich vernachlässigt, so dass dieses Blatt den wirklich wichtigen Themen – diesem hier etwa – hoffnungslos hinterherhinkt. Zur Freude der Nicht-Nur-Journalisten unter den Zynikern, den hier Schreibenden eingerechnet, der sich im Frühjahr 2017, als Autor eines gleichnamigen Buches (Niemeyer 2016), köstlich amüsierte über Nils Markwardts hier erschienen Artikel Nietzsche als Erzieher (vgl. SNAR: 672 f.).

[13] Nachlesbar in der von mir herausgegebenen Zeitschrift für Sozialpädagogik 15 (2017), S. 187 ff., verbunden mit der Erläuterung, es sei „im Sinne von Zarathustras Hinweis ‚Verschwiegene Wahrheiten‘ werden giftig“ und gehöre „zu dem seit Bestehen dieser Zeitschrift nun schon mehrfach unter Beweis gestellten Programmkern der Zeitschrift für Sozialpädagogik […], für Transparenz zu sorgen und nichts unter den Teppich zu kehren – schon gar nicht Texte, die vielleicht strittig sind, aber über die man ja nur streiten kann, wenn sie auch publik werden.“ (ebd.: 115 f.)

[14] Nachlesbar in der Zeitschrift für Sozialpädagogik 15 (2017), S. 206 ff.

[15] Im Einzelnen (lt. Nietzsche-Studien 43 (2014), S. V): Christa Davis Acampora (USA), Keith Ansell-Pearson (UK), Éric Blondel (Frankreich), Carlo Gentili (Italien), Wolfram Groddeck (Schweiz), Günther Figal (Deutschland), Johann Figl (Österreich), Glenn W. Most (USA u. Italien), Barbara Naumann (Schweiz), Henning Ottmann (Deutschland), John Richardson (USA), Hans Ruin (Schweden), Richard Schacht (USA), Sigridur Thorgeirsdottir (Island), Paul J. M. van Tongeren (Niederlande), Aldo Venturelli (Italien) und Patrick Wotling (Frankreich). Sie sowie weitere Beteiligte wurden von mir Anfang Januar 2017 in dieser Angelegenheit schriftlich um Erläuterung gebeten – ohne jede Resonanz.

[16] Etwa durch Sätze wie: Der „Beitrag ist […] über weite Strecken konfus“ (Gutachten 1) und „ebenso verständnis- wie stillos“ (Gutachten 2). „Die Urteilskraft des Autors ist […] durch eine fast fanatische und totalitäre Logik verblendet“ „der Tonfall ist eifernd und unangenehm, die ständig auseinanderfallende Syntax spricht fast für eine [Schwärzung, wahrscheinlich weiter mit:] Schizophrenie.“ (Gutachten 3) „Der Beitrag scheint mir durchweg verworren, die Art und Weise, wie selektiv einzelne Fetzen aus Arbeiten verschiedener Autoren herausgepflückt und verworfen werden, dreist und fast lächerlich.“ (Gutachten 4) „Der eifernde Tonfall, Indiz schlechter Polemik, macht, in der Durchmischung mit Jargon und Modephrasen, den Text auch stilistisch ungenießbar.“ (Gutachten 9) Sowie: „The concluding paragraph seems to me to step over the border.“ (Gutachten 10) (zit. n. „Dokumentenanhang“, in: Zeitschrift für Sozialpädagogik 15 (20217), S. 206 ff.)

[17] Enrico Müller, N. Zitzmann, Ralf Eichberg, Andreas Urs Sommer, Helmut Heit, Renate Reschke sowie Beatrix Himmelmann.

[18] Das klingt jetzt ein wenig nach „Streit in der Kleinkindergruppe unter Tante Beate“, aber da müssen Sie, liebe Leser*innen, jetzt leider durch (Sammy schaut mich verständnisvoll an). So, wie durch ein reinigendes Gewitter (Sammy jault; er hasst Gewitter).

[19] Unter dem Titel: Ein Buch für Alle und Jede? Rez. zu: Nicholas Martin/Duncan Large (Ed.): Nietzsche’s „Ecce homo“ (2021).

[20] So schrieb mir Müller zu jener Rezension am 12.5.2022, 12:39 u.a.: „[G]önnerische Formulierungen (auch die angloamerikanische Forschung hat also das Recht sich zu äußern …), bloßes Namedropping, Zitatmontagen, schnelle Fehlernachweise ohne Kontext und ohne argumentativen Zusammenhang und zum Schluss das obligatorische Abarbeiten an Stegmaier erneut ohne jedweden Bezug zu Vorgehensweise oder angemessene Einordnung […]. Der geschmäcklerisch-herablassende Tonfall, in dem Sie durchgehend auftreten und den Sie bewusst wählen, ist ebenfalls wenig hilfreich.“ Ein Schelm, der in Formulierungen wie diesen den Sound aus den in Fn. erwähnten, 2016 von Stegmaier zu Hilfe gerufenen Gutachtern der Nietzsche-Studien wiedererkennt?

[21] Im Zuge meiner Erläuterung dieser Vokabel verwies ich darauf, dass Müller zuvor bereits einen seiner Auslegung des Zarathustra widersprechenden Artikel von mir versanden ließ, mit der Folge, dass dieser Beitrag nach problemlos durchlaufenen peer-review-Verfahren andernorts (diesmal des Jahrbuch Literatur und Medizin) dort erscheinen wird, also in einem Periodikum, zu deren Beirat der weltberühmte Antisemitismus-, Syphilis- und Nietzscheforscher Sander L. Gilman gehört. Dem Image des hin und wieder als Vereinsblättchen gescholtenen Jahrbuchs Nietzscheforschung ist dieser Vorgang in the long run fraglos abträglich, jedenfalls solange Müller der Auffassung treu bleibt, die er mir am 2.4.2020 mittels der Worte erläuterte: „Was den Zarathustra anbelangt, den ich für das wohl komplexeste literarische Gebilde Nietzsches halte, so scheint mir das Werk eher vor dem  Hintergrund eines editionsphilologischen Textbegriffs, eines gattungstheoretischen Formbegriffs, einer metaphorologisch geschulten Lesart und v. a. in einem mitteilungsphilosophischen Zusammenhang erschließbar. Haben Sie bitte Verständnis dafür, dass mir der Ansatz, diesen Text als Steinbruch für biographische und nun auch noch pathographische Zuschreibungen zu nutzen, kaum ferner sein könnte.“ Ich antwortete postwendend, am 3.4.2020: „Dass Ihnen meine Herangehensweise an den Zarathustra fern ist, weiß ich, aber warum sie nicht neben den von Ihnen genannten zulässig sein soll, will mir nicht einleuchten, zumal Ihre Formulierung, ich beabsichtigte eine „pathographische Zuschreibung“, nicht mein Anliegen trifft.“ Aber auch so wusste ich: Die Sache war gestorben, bei diesem Herausgeber, dem sein Temperament im Wege steht, das ihm den Job als Postverteiler – die demütigste Umschreibung für den Job des Herausgebers – anzutreten grundsätzlich untersagt.

[22] S, www.hagalil.com/2022/10/spott-light-bams/

[23] Anspielung auf meine „Geschichte aus der Zukunft“, s. www.hagalil.com/2021/09/hoecke-2/

[24] s. www.hagalil.com/2022/10/nietzsches-natur/

[25] Durchgefallen ist bei dieser Übung zuletzt, als Nr. 5 einer von mir vorgenommenen Reihenbildung, der Förster-Nietzsche-Biograph und von mir (als Schachspieler per Mail) bewunderte FIDE-Meister Ulrich Sieg (s. Niemeyer in: Aufklärung und Kritik 26 (2019), S. 260-267.

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