Stimmen gegen das Schweigen

Ein Band dokumentiert die Unerträglichkeit der syrischen Gefängnisse

Von Roland Kaufhold

Der in Syrien aufgewachsene Schriftsteller Rafik Schami und der Journalist und Verleger Klaus Farin sind ein produktives Team: Immerhin kennen sie sich bereits seit 40 Jahren. Vor fünf Jahren legten sie gemeinsam „Flucht aus Syrien – neue Heimat Deutschland?“ beim Berliner Hirnkost Verlag vor. In diesem Buch kommen junge Geflüchtete aus Syrien selbst zu Wort.

Nun haben sie einen weiteren Band angestoßen, der ein sehr schweres Thema behandelt: Die syrische Schriftstellerin und politische Aktivistin Joumana Seif und die syrische Anwältin und Menschenrechtsaktivistin Wejdan Nassif – sie leben nach Flucht seit knapp zehn Jahren in Frankreich sowie in Berlin – haben den Band „Stimmen gegen das Schweigen“ vorgelegt. Vom dokumentarischen Charakter her betritt der Band, auf Syrien bezogen, Neuland.

Der brutalen Gewalt, der Folter, der systematischen Entmenschlichung, der Tausende Frauen in der syrischen Diktatur ausgesetzt waren und sind, wird hier eine Stimme verliehen. Die beiden Autorinnen haben 23 Frauen und vier Männer interviewt – auf verschiedenen Wegen – die in den Jahren von 1980 bis 2017 in syrischen Gefängnissen waren und Widerstand leisteten – trotz der das Vorstellungsvermögen übersteigenden Gewalt und Folter. Diese wird in dem schwer zu ertragenden Band in unverstellter Weise zur Sprache gebracht.

Das Buch sei, so betonen sie im Vorwort, ein Aufruf „an alle Schichten der syrischen Gesellschaft“ (S. 12), das brutale Schicksal dieser Frauen, die repräsentativ für Tausende von syrischen Frauen stehen, zur Sprache zu bringen und es somit überhaupt erstmals gesellschaftlich anzuerkennen. Zugleich ist es ein Dokument, das die systematische Folter, einschließlich gezielter sexueller Gewalt gegen Frauen, systematisch und umfassend belegt – was immerhin auch in Berichten der UNHCR und der IICI Syria sowie von mehreren Menschenrechtsorganisationen dokumentiert worden ist.

Viele der interviewten Frauen sprachen überhaupt zum ersten Mal über die Folter, teils nach Jahrzehnten; viele standen dadurch in der Gefahr, durch die Wiedererinnerung noch einmal traumatisiert zu werden. Am wichtigsten sei jedoch die hiermit verbundene Botschaft dieser mutigen Frauen, die nun in Buchform rufen: „Wir sind immer noch da!“ (S. 12)

Über die Folter existieren inzwischen Dutzende von Fachbüchern, angefangen von den psychoanalytischen KZ-Studien Ernst Federns (1998/2014) über den niederländischen Psychotherapeuten Hans Keilson (2001) bis hin zu den Studien des Psychotherapeuten David Becker (1992, 2014) und den Werken des kürzlich verstorbenen Schriftstellers Dogan Akhanli (2018). An diese Studien knüpft der Band gewissermaßen an.

Viele der Frauen hätten sich für das erlittene Leid geschämt, schämen sich meist noch heute hierfür, betonen die Verfasserinnen. Die Verletzung des eigenen Schamgefühls bildete ein Kernelement der staatlichen Strategie der Folter in Syrien.  

Im ersten Teil des Bandes wird der Alltag der politischen Haft beschrieben: Die Verhaftung Tausender Frauen in Syrien war reine Willkür und ein zynisches Herrschaftsinstrument, um die gesamte Bevölkerung unter Kontrolle zu behalten. Viele Frauen wurden auch als Geiseln für Verwandte gefangen gehalten, die der Verhaftung durch die syrische Diktatur entkommen waren. Das zweite Kapitel beschreibt den Alltag, die Allgegenwart der Folter in syrischen Geheimdienstgefängnissen, einschließlich der sexuellen sowie der psychischen Gewalt. „30 Jahre versuche ich schon, dies alles zu vergessen“ (S. 63), berichtet eine der Frauen.

Im dritten Kapitel wird die Lebenssituation dieser Frauen nach ihrer Freilassung – nach teils mehrjähriger Haft – anschaulich beschrieben. Diese war häufig durch fortgesetzte Schikanen durch die Geheimdienste, tiefe Schuldgefühle und weiterhin bestehendem sozialem Druck sowie Isolierung geprägt. „Wir machen weiter – trotz alledem!“ (S. 100) wird in einem abschließenden Kapitel betont: Das Gefängnis, die durchlebten Misshandlungen haben sich für die meisten Frauen als ein Wendepunkt ihres Lebens erwiesen. Viele erlebten in der Haft „dennoch“, trotz der durchlebten Unterdrückung und Erniedrigungen, Solidarität unter den inhaftierten Frauen. Einige mutige und selbstbewusste Frauen wurden als Vorbilder wahrgenommen, über die viele Frauen ein Selbstbewusstsein als Widerständler entwickelten:
„Ich denke immer an sie, sie nehmen immer noch einen großen Platz in meinem Innern ein. Ich hatte Glück, sie kennengelernt zu haben“, betont eine der interviewten Frauen (S. 101).

Ein bei der Lektüre belastender, vom dokumentarischen Charakter her wichtiger Band.

Joumana Seif und Wejdan Nassif: Stimmen gegen das Schweigen, Berlin: Hirnkost Verlag, 126 S., 12 Euro, Bestellen?

Literatur

Akhanli, Dogan (2018): Verhaftung in Granada oder: Treibt die Türkei in die Diktatur? Mit einem Vorwort von Günter Wallraff. Köln: Kiepenheuer & Witsch. https://www.nd-aktuell.de/amp/artikel/1084180.dogan-akhanli-der-weg-des-widerstands.amp.html

Becker, David (1992): Ohne Hass keine Versöhnung. Das Trauma der Verfolgten. Freiburg: Kore Verlag.

Becker, David (2014): Die Erfindung des Traumas. Verflochtene Geschichten.Gießen: Psychosozial-Verlag.

Federn, Ernst (1999 / 2014): Versuche zur Psychologie des nationalsozialistischen Terrors. Gießen: Psychosozial Verlag.https://www.juedische-allgemeine.de/kultur/psychologie-des-terrors/

Keilson, Hans (2001):Sequentielle Traumatisierung. Deskriptiv-klinische und quantifizierend-statistische follow-up Untersuchung zum Schicksal der jüdischen Kriegswaisen in den Niederlanden. Gießen: Psychosozial-Verlag.