Der Ursprung der Gewalt

Auf einer Klassenreise durch Deutschland entdeckt der Pariser Lehrer Nathan Fabre im Konzentrationslager Buchenwald ein Foto, das ihn nicht mehr loslässt. Das Bild zeigt einen Häftling, der seinem Vater verblüffend ähnlich sieht. Das Foto ist der Startpunkt einer Suche nach dem Geheimnis der Familie, nach der eigenen Identität und den Grenzen des Erinnerns. Fabrice Humberts Roman war in Frankreich ein großer Erfolg und liegt nun auch auf Deutsch vor.

Die Geschichte, die Humbert offenbart, trägt autobiografische Züge, sei jedoch eine „Mischung aus Fiktion und Realität, wie bei jedem Familienmythos“, wie er im Vorwort betont. Sein Werk berührt auch die oft gestellte Frage, ob das Schreiben über die Schoah den Zeitzeugen alleine vorbehalten sein sollte. Humbert sah sich durch Jorge Semprún bestätigt, der in der Generation jüngerer Autoren eine besondere Authentizität konstatierte, da ihre Fiktion auf mehreren, sich überlagernden Berichten basiere.

Humberts Roman umfasst verschiedene Ebenen. Neben der Auseinandersetzung des Protagonisten mit seiner Herkunft und seiner Familie, wird dem Leser die Geschichte der Täter offenbart, die in Buchenwald für den Tod des bisher unbekannten Großvaters verantwortlich waren, wie auch das System, das das Verbrechen ermöglichte, das System Buchenwald.

Die Suche nach der verborgenen Geschichte führt quer durch Frankreich und Deutschland. Wie sehr die Geschichte der Großeltern mit seiner eigenen Identität zusammenhängt, erfasst er schließlich, als er zum Ursprung der Gewalt vordringt und dort auch auf die eigene Gewalt trifft.

Der Protagonist beschließt, nicht nach Hause zurückzukehren, sondern quer durch Europa zu fahren und seine Geschichte zu erzählen: „Ich werde die Menschen bitten, mir zu helfen. Wir haben alle dieselbe Geschichte erlebt, wir sind alle Kriegsenkel und Nachfahren derer, die das Massenmorden erlebt haben, die Menschen werden mir helfen. Die Guten und die weniger Guten.“ Ein sehr lesenswerter Roman!

Fabrice Humbert: Der Ursprung der Gewalt. Aus dem Französischen von Claudia Marquardt, Elster Verlag 2022, 368 S., Euro 24,00, Bestellen?

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