„Oft fehlen die Worte“

Sexueller Missbrauch wurde in den ultra-orthodoxen Communities in Israel immer tabuisiert. Das hat Folgen für die Opfer und macht es Tätern einfacher, ungestraft davonzukommen. Doch nicht nur dort sind Übergriffe und Gewalt derzeit ein Thema…

Von Ralf Balke 

Vor knapp drei Monaten hatte er noch ganz andere Schlagzeilen produziert. Die Rede ist von Yehuda Meshi-Zahav, Gründer und langjähriger Chef von ZAKA, einer ultraorthodoxen Sanitätsorganisation, die in Israel hohes Ansehen genießt, weil sie die unschöne Aufgabe übernommen hat, Opfer von Katastrophen oder Terroranschlägen zu identifizieren und gegebenenfalls Leichenteile einzusammeln, damit eine Person gemäß den Regeln der Halacha möglichst vollständig beerdigt werden kann. Damals attackierte Meshi-Zahav die Verantwortlichen aus den haredischen Communities für ihr ignorantes Verhalten in der Coronavirus-Krise, das dafür verantwortlich war, dass die Infektionszahlen in Meah Shearim oder Bnei Brak förmlich explodierten und die Pandemie teilweise außer Kontrolle geriet. „Das ist die Schuld unserer Anführer“, hatte er in einem Interview mit Ynet erklärt und dabei recht drastische Worte gewählt. So bezeichnete Meshi-Zahav die verantwortlichen Rabbiner „schlimmer als Holocaust-Leugner“, weil sie nicht die Geschichte, sondern die Gefahren der Gegenwart verneinen würden. „An ihren Händen klebt Blut, und zwar das meiner Mutter und meines Bruders.“ Für diese klaren Worte erntete er viel Beifall.

Jetzt ist Meshi-Zahav selbst zum Thema in den israelischen Medien geworden. Alles begann damit, dass die Tageszeitung „Haaretz“ vor rund zwei Wochen einen Bericht veröffentlicht hatte, in dem mehrere Frauen und Männer ihm vorwarfen, sie sexuell missbraucht zu haben. Der Artikel löste einen Dammbruch aus. Immer mehr Zeugen meldeten sich, die Ähnliches zu berichten wussten, bald waren es über ein Dutzend. „Er kam mit seinem neuen Auto nach Meah Shearim und ließ alle Kinder darin mitfahren“, so eine „L.“ genannte Person gegenüber Kanal 12, die anonym bleiben wollte. „Das haben wir nicht einfach nur gehört – wir haben es gesehen und erlebt.“ „Haaretz“ erhielt zudem einen Gesprächsmitschnitt, in dem Meshi-Zahav ganz offensichtlich eine Gruppensex-Partie organisierte. Darin ist der ZAKA-Chef zu hören, wie er mit einem Zuhälter spricht und ihn bittet, mehrere Personen für eine Session mit einer bestimmten Frau zusammenzutrommeln. „Hör zu, sie ist krank, sie will Gruppensex“, sagt Meshi-Zahav in den Aufzeichnungen. „Sie braucht fünf Kerle, die sie in eine Schlampe und Sexsklavin verwandeln.“ Die Polizei eröffnete jedenfalls ein Verfahren gegen Meshi-Zahav, der sofort den Vorsitz von ZAKA aufgab. Er selbst sieht sich als ein Opfer von Intrigen seiner Neider und erklärte, dass alle seine sexuellen Kontakte im gegenseitigen Einverständnis stattgefunden hätten – angesichts der Tatsache, dass einige der Personen, die sich nun zu Wort gemeldet hatten, zum Zeitpunkt der Übergriffe zwischen acht und vierzehn Jahren alt waren, ein etwas fragwürdiges Argument.

Doch etwas anderes kommt in den Zeugenaussagen zum Ausdruck, und das verweist auf das Kern des Problems. So beschuldigt Zeuge „L.“ die Rabbiner in den haredischen Communities, alles dafür unternommen zu haben, damit nichts von den jahrelang bekannten Vorwürfen gegen Meshi-Zahav an die Außenwelten dringt. „Es ist nicht so, dass sie untätig herumsaßen und wegschauten – eines Abends in dieser Woche wurde ich dringend zu einem sehr wichtigen Rabbiner gerufen und er erklärte mir: >Eine Polizeimeldung ist eine Schändung von Gottes Namen und richtet noch mehr Schaden an als der Missbrauch<.“ Diese Einschüchterung sollte Wirkung zeigen. Aus Angst vor der sozialen Ächtung ging „L.“ erst einmal nicht zur Polizei. Denn niemand in Orten wie Meah Shearim oder Bnei Brak möchte als Verräter gebrandmarkt werden, der die „eigenen Leute“ bei den Behörden anschwärzt. Zugleich können Haredim äußerst enthemmt vorgehen, wenn die Polizei im Spiel ist. Als im März 2017 gegen mehr als 20 Ultraorthodoxe im Alter zwischen 20 und 60 Jahren ermittelt wurde, weil sie über zwei Jahre hinweg Dutzende Kinder, Jugendliche und Frauen sexuell missbraucht hatten, wurden sie mit Steinen und Flaschenwürfen bedacht.

Dieser Unwille, sich mit den Themen Vergewaltigung und sexuelle Übergriffe überhaupt zu beschäftigen sowie der Hang, Personen vor einer Strafverfolgung zu schützen, ist in den haredischen Milieus bis weit hinein auf der Ebene ihrer politischen Repräsentanten zu beobachten. Symptomatisch dafür auch das Agieren einiger Rabbiner im Fall von Malka Leifer, der ehemaligen Direktorin der ultra-orthodoxen Mädchenschule Adass Israel in Melbourne. 74 Anzeigen wegen Kindesmissbrauchs, darunter elf wegen Vergewaltigungen, lagen gegen sie vor. Der australischen Justiz konnte sie dank der Rückendeckung prominenter Rabbiner, darunter Ex-Gesundheitsminister Yaakov Litzman von der Partei Vereinigtes Torah-Judentum, nach Israel entkommen. Sechs Jahre dauerte daraufhin der Streit an, ob man sie nach Australien ausliefern soll oder nicht. Auch hier hatte Litzman mehrfach zugunsten von Leifer interveniert – schließlich stammen beide aus der chassidischen Gur-Sekte – und Psychiater unter Druck gesetzt, dass sie bitteschön Gutachten ausstellen sollen, die sich gegen eine Rückkehr nach Australien aussprechen. 2019 ermittelte deswegen die israelische Polizei ebenfalls gegen Litzman. Im Januar 2021 dann wurde Leifer endgültig nach Australien abgeschoben und dort den Behörden übergeben.

Die Fälle Meshi-Zahav und Leifer verweisen auf die spezifischen Probleme beim Umgang mit Opfern und Tätern in den Gemeinden der Haredim. Zum einen beinhalten die äußerst rigiden und konservativen Einstellungen gegenüber allen Aspekten von Sexualität und Körperlichkeit ganz besondere Konzepte von Scham und Reinheit, die es generell schwierig machen, überhaupt etwas zur Sprache zu bringen. Hinzu kommt die Angst, als Opfer von sexuellem Missbrauch auf dem für sie enorm wichtigen Heiratsmarkt schlechtere Karten zu haben, weil man irgendwie als „beschmutzt“ gelten könnte. Manny Waks, Geschäftsführer von Voice Against Child Abuse (VoiCSA), einer 2016 in Israel gegründeten Hilfsorganisation, betont, dass bestimmte soziale Mechanismen, die der ultraorthodoxen Gesellschaft zu eigen sind, nicht nur das Anzeigen solcher Vorfälle erschweren, sondern darüber hinaus das Agieren von Sexualstraftätern auch erleichtern. „Alles Sexuelle wird als eine absolut private Angelegenheit gesehen“, so seine Erklärung. „Diskussionen oder Gespräche darüber, also auch über den Missbrauch und das Recht auf körperliche Unversehrtheit, finden nicht statt und werden in jeder Hinsicht ignoriert.“ In einigen ultra-orthodoxen Gemeinden sind Kinder und Jugendliche oft nicht einmal in der Lage, die verschiedenen Körperteile zu benennen, so dass ihnen schlichtweg die Sprache fehlt, um einen Missbrauch als solchen überhaupt zu beschreiben.

Shana Aarsonson, Direktorin von Magen LeKehilot, einer anderen NGO, die sich um die Opfer von sexuellem Missbrauch in Israel und in jüdischen Gemeinden in aller Welt kümmert, bestätigt diese Beobachtung. „Viele Opfer können nicht die richtigen Worte finden, um auszudrücken, was ihnen gerade womöglich widerfahren ist. Einerseits sagt ihnen ihr Bauchgefühl, dass es wohl etwas Schlimmes gewesen sein musste. Andererseits aber fehlt ihnen häufig das Bewusstsein dafür, so dass sie es nicht einmal dann formulieren könnten, selbst wenn sie es wollten.“ Aaronson sagt, dass deshalb vor allem Kinder „unglaublich anfällig für die Manipulationen genau der Personen sind, die den Missbrauch begehen“. Wenn beispielsweise jemand behauptet, dass es völlig normal sei, wenn Freunde „so etwas“ zusammen machen, wird ein Heranwachsender ihm oder ihr leicht glauben.

Auch in der arabischen Gesellschaft Israels ist Missbrauch überdurchschnittlich oft zu beobachten. Hier herrscht gleichfalls ein Kartell des Schweigens sowie ein weitverbreiteter Unwille, mit der Polizei bei entsprechenden Untersuchungen zusammenzuarbeiten. Alles, was der Familienehre schaden könnte, wird verdrängt. So brachte 2016 eine Studie der Universität Haifa zu Tage, dass rund 28 Prozent aller arabischen Jungen bereits einmal Opfer von sexuellen Übergriffen waren – fast doppelt so viel wie im Fall der jüdischen Vergleichsgruppe. Bei arabischen Mädchen gab es dagegen kaum Unterschiede in Relation zu jüdischen. Als Ergebnis wurde eine Hotline für männliche Betroffene eingerichtet – die erste ihrer Art in der arabischsprachigen Welt.

Doch sexuelle Gewalt ist ebenfalls in anderen gesellschaftlichen Bereichen Israels alles andere als unbekannt. Schlagzeilen produzierten in jüngster Zeit vor allem sogenannte Gruppenvergewaltigungen. Die Täter sind zumeist selbst noch Teenager und selten über 20 Jahre alt, wobei eine Entwicklung schockiert: Stammten zwischen 2014 und 2017 rund 40 Prozent der Opfer aus der Altersgruppe zwischen dreizehn und 18 Jahren, so waren es 2018 schon 60 Prozent. Manchmal sind sogar 10-Jährige Kinder darunter. Laut der Association of Rape Crisis Centers in Israel (ARCCI) und dem Ministerium für öffentliche Sicherheit liegen die Fallzahlen für Gruppenvergewaltigungen in Relation zur Bevölkerungsgröße über zehn Prozent höher als die Durchschnittswerte aller anderen OECD-Staaten. Die ARCCI-Vorsitzende Orit Sulitzeanu macht einerseits den Konsum von Gewaltpornografie unter Jugendlichen für dieses Phänomen verantwortlich, gleichzeitig aber auch die fehlende Thematisierung, beispielsweise im Schulunterricht oder in Jugendgruppen.

Geschieht das doch einmal, dann allenfalls als Reaktion auf einen Vorfall in unmittelbarer Umgebung. Prävention findet dagegen kaum statt. „Jeder muss sich in der Schule mit der Sicherheit im Straßenverkehr beschäftigen“, so Sulitzeanu. „Warum soll es also nicht möglich sein, etwas über den Schutz des eigenen Körpers zu lernen?“ Hinzu kommt noch ein anderes Problem, und zwar die Unwissenheit der Polizei und der Justiz, wie man mit Personen, die sexualisierte Gewalt erfahren mussten, sensibel umgeht. „Manchmal schlägt ihnen sogar Verachtung entgegen“, berichtet Sulitzeanu aus ihren Erfahrungen. „Zu häufig werden Verfahren dann eingestellt und es kommt nicht einmal zu einer Anklage.“ Für alle Beteiligten ist das ein verheerendes Signal. Täter wissen, dass ihre Chancen, ungeschoren davonzukommen, nicht unbedingt klein sind. Und Opfer müssen damit rechnen, nicht ernst genommen zu werden.

Bild oben: Yehuda Meshi-Zahav

2 Kommentare zu “„Oft fehlen die Worte“

  1. Wenn ultraorthodoxe ReligionsführerInnen die Unterlegenheit/Notlage von Menschen ausnutzen, um sie sexuell auszubeuten und/oder BDSM-Gruppensex organisieren, wirkt das zwar grotesk, ist aber eher typisch. Es gibt in allen Religionen, in denen Sexualverhalten eine besondere Rolle spielt, Vergleichbares. Im von der deutschen Bundesregierung 2013 aufgelegten Fonds Sexueller Missbrauch wird in den Antragsformularen aus triftigem Grund nach sektenartigem Missbrauch gefragt. Oft hat der sektenähnliche Missbrauch einen Bezug zu Organisiertem Missbrauch und zu Menschenhandel zum Zwecke der Sexuellen Ausbeutung.

  2. Danke für den sehr informativen, sachlichen und die Opfer fair behandelnden Artikel Herr Balke!
    Den Betroffenen die Möglichkeit zu nehmen, über das, was ihnen angetan wurde oder fortdauernd angetan wird zu sprechen, ist eine auf der ganzen Welt verbreitete Strategie der TäterInnen und MittäterInnen. Oft sind die Kinder sogar viel zu jung, um überhaupt reden zu können.
    Angelika Oetken, Berlin-Köpenick

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