Kollektive Erinnerungslücken im deutschen Familienalbum

75 Jahre nach der Niederlage Nazi-Deutschlands und dem Ende des 2. Weltkriegs resümiert der Sozialwissenschaftler Samuel Salzborn in seinem essayistischen Band „Kollektive Unschuld. Die Abwehr der Shoah im deutschen Erinnern“ die Verdrängung der nationalsozialistischen Verbrechen in der Bundesrepublik und deren Verbindung mit dem heutigen Antisemitismus…

Von Patrick Helber

In seiner pointierten Auswertung des Forschungsstandes, kommt Salzborn zu einem ernüchternden Schluss: Die selbstreflektierte Auseinandersetzung mit den nationalsozialistischen Verbrechen, insbesondere der Vernichtung der europäischen Juden und Jüdinnen und deren Beziehung zur eigenen Familiengeschichte wurde nur von einer „kleinen, linksliberalen Elite in Politik und Öffentlichkeit“ betrieben. Für die Mehrheit der postfaschistischen deutschen Gesellschaft gilt: „Bei allen Differenzen politischer Art bleibt ein Konsens bestehen: einig zu sein darin, dass man die Erinnerung an die deutsche Täterschaft, die fast jede einzelne Familie umfasst, abwehrt, verleugnet, verdrängt, projiziert und in einen Nebel der Unkenntlichkeit verstellt, in dem am Ende nur ein Mythos deutscher Kollektivunschuld bleibt.“ Wie dieser Mythos über Jahrzehnte gedeihen konnte, zeigt Salzborn, in dem er die Rolle der Justiz in der Nachkriegszeit skizziert. Außerdem geht er den verbreiteten Darstellungen von Nazis und Zivilbevölkerung in Literatur und im Film über den 2. Weltkrieg auf den Grund. Bei seiner Analyse der Politik beleuchtet er überdies die Tätigkeit der Vertriebenenverbände und deren Sprecher*innen.

Während führende Historiker der Nachkriegsgesellschaft wie Theodor Schieder oder Werner Conze mit der Publikation „Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa“ indirekt am deutschen Opfermythos mitwirkten, kamen laut Salzborn progressive Forschungsansätze eher aus der Politikwissenschaft oder von ausländischen Historikern, wie Raul Hilberg oder Christopher R. Browning, die die Shoah ins Zentrum rückten.

Salzborn zeigt auf, dass die Harmonie im kollektiven Familienalbum der Deutschen nie die Täter, sondern stets die Opfer des Nationalsozialismus störten. Während ersteren zügig der Weg in ein demokratisches Nachkriegsdeutschland geebnet wurde, erfahren letztere und deren Nachkommen bis heute Schuldzuweisungen, Ausgrenzung oder gar Gewalt. In diesem Kontext unterstreicht Salzborn die Rolle der AfD, deren „geschichtsrevisionistischer Antisemitismus“ eine Brücke zum „wahrheitswidrigen Glauben an eine deutsche Opferidentität“ bildet. Er zeigt aber auch auf, dass zwischen den Geschichtsbildern von Helmut Kohl und Alexander Gauland zahlreiche Parallelen existieren. Beiden geht es darum, die „negativen Seiten deutscher Geschichte“ zu marginalisieren und einen positiven Bezug auf die Nation zu ermöglichen. 

Salzborns Buch ist auch eine Kritik an postmodernen Weltbildern und einem Pluralismus der Erinnerungen. Er unterstreicht dabei die Wichtigkeit von kritischer Aufklärung und Universalismus. Mein einziger Kritikpunkt ist Salzborns Seitenhieb in Richtung antirassistische Linke und muslimische Aktivist*innen: Die Begrifflichkeit „Islamophobie“ diene primär dazu, Religionskritik und Kritik an muslimischem Antisemitismus abzuwehren. Ungeachtet der zahlreichen Unterschiede zwischen Antisemitismus und antimuslimischem Rassismus, gehören beide 2020 zur deutschen Realität und sollten am besten gemeinsam bekämpft werden. 

Samuel Salzborn, Kollektive Unschuld. Die Abwehr der Shoah im deutschen Erinnern, Berlin 2020 (Hentrich & Hentrich-Verlag), 136 S., Euro 15,00, Bestellen?

Leseprobe (PDF)

Patrick Helber, Jahrgang 1984, lebt in Berlin und ist Historiker, Museumsmensch, Radiomacher und Schreibmaschine. Seine Dissertation erschien unter dem Titel „Dancehall und Homophobie. Postkoloniale Perspektiven auf die Geschichte und Kultur Jamaikas“ im Transcript-Verlag.