Jerusalem – Yerushalayim: Eine Spiegelstadt

Manchmal bedarf es der Umwege, um den rechten Weg zu finden. Mein Umweg nach Israel führt über Ashland, Virginia. Dort nehme ich im August 1993 an einem Symposium zur Friedenspsychologie teil. Vier Jahre nach dem Fall der Mauer zwischen Ost- und Westdeutschland war die Welt nicht friedlicher geworden…

Bekanntlich stotterte der Prophet Moses. Als G’tt ihn in der Wüste fragte, welches Land er haben möchte, wollte Moses sagen: Kalifornien. Mühsam begann er zu stammeln: „Ka…Ka…Ka“. G’tt erstaunt: „Ist das dein Ernst? Kanaan? Diesen jämmerlichen, kahlen Streifen? Aber wenn du unbedingt willst, Moses, sollst du es natürlich kriegen“. Und so bekamen die Juden ihr Land.

Von Wolfgang Frindte
Aus meinem israelischen Tagebuch

In Ost- und Südeuropa, vor allem im ehemaligen Jugoslawien, aber auch im Nahen Osten zerbröselten die nationalen Zusammenhänge, wurden in Bürgerkriegen aufgerieben oder – wie im Zweiten Golfkrieg – in den schwersten Krieg seit dem Zweiten Weltkrieg verwickelt. Pogromähnliche Ausschreitungen gegen Unterkünfte von Flüchtlingen und Vertragsarbeitern in Deutschland markieren die Spitze eines fremdenfeindlichen Eisbergers, der in dieser Zeit in Deutschland zu wachsen begann. In Südafrika unterdrückte noch immer ein weißes Apartheid-Regime die schwarze Mehrheitsgesellschaft. Und in Israel, im Gazastreifen und im Westjordanland herrscht seit 1987 der „Krieg der Steine“, die Intifada, die später die Erste geheißen wird. Palästinensische Kindern und Jugendlichen bewerfen israelische Soldaten Steine und Molotowcocktails. Israelische Soldaten reagieren mit Gummigeschossen und Tränengas auf die Angriffe der jugendlichen Palästinenser. Für die Teilnehmer des Symposiums in Ashland, das unter dem Motto „The Psychology of Building a Peaceful World“ steht, sind die gewalttätigen Bedrohungen in Europa, im Nahen Osten, in Asien oder im Süden von Afrika Anlass, um über die Möglichkeiten und Grenzen eines friedenspsychologischen Engagements zu diskutieren. Sicher, was vermag die Psychologie, wenn die Waffen nicht schweigen?

Dan, ein israelischer Kollege von der Hebrew Universität in Jerusalem, berichtet über die Ergebnisse seiner Arbeit mit Kindern im Gazastreifen und Westjordanland. Er schildert, wie sich das alltägliche Leben, die Konflikte und Straßenkämpfe zwischen Palästinensern und israelischen Soldaten in den Spielen und Träumen der Kinder widerzuspiegeln. Während einer Mittagspause kommen Dan und ich ins Gespräch, das länger als die Lunchpause dauert. Ich frage ihn, ob es denn Hoffnung gebe, dass die Auseinandersetzungen zwischen Israelis und Palästinensern beendet werden. Hoffnung gebe es immer, antwortet Dan. In den letzten Monaten habe sich die Gewalt auf beiden Seiten verringert und, so werde in Israel erzählt, Israelis und Palästinenser würden heimlich verhandeln, um Wege in den Frieden zu finden. Am Ende der Konferenz lädt mich Dan ein, nach Israel zu kommen, um unser Gespräch fortzusetzen. Vielleicht, so seine und meine Idee, könnte sich eine Forschungskooperation entwickeln. „Ist das eine Einladung?“ „Ja, natürlich“. Danke, gern und möglichst bald.

Ende September 1993, wenige Wochen nach unserem Gespräch in Ashland, Virginia, folge ich der Einladung von Dan und fliege das erste Mal nach Israel. Mit mir fliegen zahlreiche, russisch sprechende Reisende, die während des Fluges aufregt und fröhlich – so nehme ich es zumindest wahr – miteinander sprechen. Mein Russisch ist mittlerweile so verschüttet, dass ich nur Bruchstücke ihrer Gespräche zu verstehen meine.

Ich lande am Ben Gurion Airport, dem alten, dort, wo heute der Terminal 1 ist. Der neue, viel schönere Airport, oder Terminal 3, wurde erst 2004 fertiggestellt. Nach der Ankunft passiere ich die Grenze und werde von einer schönen Grenzpolizistin nach dem Zweck meines Aufenthalts in Israel gefragt (es scheint mir, fast alle israelischen Grenzpolizistinnen müssen vor Antritt ihres Dienstes einen Schönheitswettbewerb erfolgreich bestehen). Kritisch schaut sie auf meinen Pass, nickt kurz und lässt mich passieren.

Nachdem ich mein Gepäck aufgenommen habe, passiere ich den Zoll und betrete die Empfangshalle. Mit lautem Hallo, fröhlichem Winken und Luftballons begrüßt mich eine große Menschenmenge. Ich will schon zurückwinken. Dann geht mir ein Licht auf. Ich bin ja gar nicht gemeint. Begrüßt werden die russisch sprechenden Mitreisenden. Sie kommen mit viel Gepäck aus der ehemaligen Sowjetunion. Es sind jüdische Auswanderer bzw. Ankömmlinge, die Russland verlassen haben, um in Israel eine neue Heimat zu finden. Zwei der Mitreisenden knien nieder und küssen den Fußboden der Empfangshalle. Sie sind zuhause.

Ich bahne mir einen Weg durch die russischen Ankommenden und ihren israelischen Verwandten und suche den Weg zur Busstation. Von dort fahre ich auf dem High Way 1 nach Jerusalem. Der High Way führt von Tel Aviv nach Jerusalem und weiter bis ins Jordantal.  Links und rechts der Straße sehe ich abgeerntete Getreidefelder, Obstplantagen und Gemüsefelder. Ab und an auch leicht verrostete Landmaschinen. Auch Kuhställe sehe ich. Sie sehen aus wie die Offenställe aus frühen DDR-Zeiten. Bei meinem Abflug in Deutschland hatte es geregnet. Hier und nun gegen 17.00 ist immer noch Hochsommer; gefühlte 35 Grad, im Schatten wohlgemerkt.

Bei Latrun geht es in die Jerusalemer Berge. Im 12. Jahrhundert stand hier die Tempelritterburg Toron des Chevaliers. Die Tempelritter sicherten die Straße von Jaffa nach Jerusalem. Während der britischen Mandatszeit befanden sich an dieser Stelle eine große Polizeistation und ein Internierungslager, in dem die Briten jüdische Widerstandskämpfer eingesperrt haben. Nach der Unabhängigkeitserklärung im Jahre 1948 übergaben die Briten das Fort an die Arabische Legion, die halbbritische Armee des Königreichs Transjordanien. Im anschließenden Unabhängigkeitskrieg von 1948 fanden in und um Latrun schwere Kämpfe zwischen Israelis und Arabern statt. Die Araber verteidigten die Straße nach Jerusalem bis zum Ende des Unabhängigkeitskrieges und verhinderten so die Versorgung der Stadt mit den nötigsten Lebensmitteln. Um dennoch die 100.000 Juden, die damals in Jerusalem lebten, nicht verhungern zu lassen, beschloss die Regierung des jungen israelischen Staates eine 26 Kilometer lange Behelfsstraße durch die Berge nach Jerusalem zu bauen. Unter kaum vorstellbaren Mühen gelang es Freiwilligen, darunter auch Araber aus Abu Gosch, die dem israelischen Staat wohlgesonnenen waren, innerhalb von wenigen Wochen die legendäre Burma Road nach Jerusalem fertigzustellen. Ihren Namen bekam die Straße in Anlehnung an eine, im zweiten Weltkrieg gebaute und ebenfalls lebenswichtige Straßenverbindung zwischen dem damaligen Burma, dem heutigen Myanmar, und der Volksrepublik China.

Amos Oz beschreibt in seinem zu Herzen gehenden Buch „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“ (2008) die Lage der Jerusalemer Bevölkerung kurz nach dem 14. Mai 1948, dem Tag, an dem David Ben Gurion die Unabhängigkeit des Staates Israel verkündete:

„Die Arabische Liga erobert das jüdische Viertel der Altstadt, riegelt mit starken Kräften die Straße nach Tel Aviv und zur Küstenebene ab, bemächtigt sich der arabischen Stadtteile, brachte ihre Artillerie auf den Bergzügen rings um Jerusalem in Stellung und begann mit massivem Beschuss, um der zermürbten, ausgehungerten Zivilbevölkerung hohe Verluste zuzufügen, deren Moral zu untergraben und sie zur Kapitulation zu bewegen“ (S. 584).

Kurz hinter Latrun stehen am Rande der Straße nach Jerusalem noch alte, mit Rostschutzfarbe bemalte Panzer und Geschütze, die an die Schlachten um die Vorherrschaft über den Zugang nach Jerusalem erinnern sollen. Die Burma Road war bis zum Sechstagekrieg die wichtigste Verbindung zwischen dem israelischen Kernland und Westjerusalem. Heute ist ein Teil der Straße als Wanderweg im Rahmen des Israel National Trail ausgewiesen, des Fernwanderweges, der von Dan im Norden Israels bis nach Eilat im Süden reicht.

Meine Busfahrt nach Jerusalem geht am arabischen Dorf Abu Gosch vorbei, eben jener Siedlung, aus der auch die Araber kamen, die beim Bau der Burma Road mithalfen. Im Jahre 1099 versammelte sich hier das Heer der Kreuzfahrer zum ersten Kreuzzug, um Jerusalem zu erobern. Von Abu Gosch aus soll König Löwenherz im Jahre 1191, während des dritten Kreuzzuges, zum ersten Mal auf Jerusalem geblickt haben. Im Unabhängigkeitskrieg 1948 gehörten die Einwohner von Abu Gosch zu den wenigen Arabern, die den Aufrufen der arabischen Führer, das Land zu verlassen bzw. sich am Krieg zu beteiligen, nicht gefolgt sind. Mein Freund Jacob wird mir später erzählen, dass der Fußballclub Hapel Abu Gosch – Mevasseret Zion heute der einzige jüdisch-arabische Fußballverein Israels sei und sich mit großem Engagement für ein friedvolles Zusammenleben zwischen Arabern und Juden einsetze.

Kurz vor Jerusalem führt die Straße an Moza Illit vorbei. Im Alten Testament wird Moza als eine jener Städte erwähnt, die zum Erbteil des Stammes Benjamin gezählt werden. Auch die Kreuzfahrer sollen hier gewesen sein.

Ich blicke fasziniert auf die Jerusalemer Berge rechts und links der Straße, die bis 1000 Meter hoch sein sollen. Sie sind z.T. üppig bewaldet. Kiefern, Zypressen, auch Olivenbäume sind zu sehen und dazwischen die rostbraune Erde. Wenige Kilometer vor Jerusalem gibt es allerdings kaum noch einen Berg, der nicht mit festungsartigen israelischen Siedlungen bebaut ist.

Die letzten Kilometer kämpft der Bus mit den Bergen und dem Verkehr. Und ich kämpfe mit der Hitze. Es geht fast nur im Schritttempo weiter. Ohne Klimaanlage wird es ziemlich heiß im Bus. Dann ist die Stadt zu sehen. Das heißt, zunächst sieht man einen in die Berge eingelassenen riesigen Friedhof. Es ist der größte Friedhof Jerusalems. Er wurde im Jahre 1951 eröffnet und trägt den Namen Har HaMenuchot; sinngemäß übersetzt „Berg der Ruhenden“.

Batya Gur, die israelische Schriftstellerin, die vor allem durch ihre Kriminalromane mit dem fiktiven Kommissar Michael Ochajon bekannt wurde, fragt angesichts dieses irritierenden Blicks auf Jerusalem in ihrem Buch „In Jerusalem leben – Ein Requiem auf die Bescheidenheit“: „Wer sich heute auf der Schnellstraße von Tel Aviv nach Jerusalem begibt, sieht kurz vor der eigentlichen Einfahrt zur Stadt rechter Hand die Betonstützwände des Friedhofs Giv’at Scha’ul. Was für eine Stadt ist das, die ihre Besucher mit Gräbern empfängt? Soll man das riesige Gräberfeld als Zeichen dafür werten, dass das Wichtigste ihre Toten sind? Ist Jerusalem vielleicht sogar eine Art Memento mori, das Besucher ermahnt, nicht zu vergessen, woher sie kommen und wohin sie gehen“ (2000, S. 98). Auch Batya Gur, die im Jahre 2005 im Alter von 57 Jahren starb, hat auf dem Friedhof von Giv’at Scha’ul ihre letzte Ruhe gefunden. 

Der Straße Nummer 1 biegt dann nach links ab und führt weiter ins Jordantal. Mein Bus fährt rechts in die Stadt hinein. Wenige Minuten später steige ich auf der Jaffa Street aus und bin da – in Jerusalem.

„Jerusalem – Innenansicht einer Spiegelstadt“, so lautet der Titel des schönen und lesenswerten Buches von Amos Elon. Jerusalem, die reale Stadt oder das untere Jerusalem auf Erden, sei nur der Spiegel des Oberen, des Heiligen Jerusalem im Himmel, das in 30 Kilometer Höhe über seinem Spiegel schwebe und ohne Sünde sei. Dort hin werden am Ende der Tage die Guten und Gläubigen aufsteigen und ihr Fortleben im Paradiese verbringen. So erzählen es die Rabbinen im Talmud, wenn sie von Jerusalem als eine „zusammengepaarte Stadt“ sprechen (Traktat Taanith, u.a. Psalm 122,3).

Der Prophet Jehoschua (in der Luther-Bibel heißt er Josua) berichtet, die Stadt Jerusalem, die auf Erden, habe den Jebusitern (Jehoschua, 15,8) gehört, eine kleine ethnische Gemeinschaft, die sich lange gegen die Landnahme der Israeliten (wahrscheinlich zwischen 1200-1000 v. Chr.) zu wehren wussten. Später eroberte der zum König gesalbte David die Stadt, machte sie zum Zentrum der zwölf Stämme und zum Haus der Bundeslade. Während seiner Regentschaft, die nur achtzig Jahre dauerte, gelang es David das israelitische Königreich Wadi El Arisch an der Grenze zu Ägypten bis zum Fluss Euphrat auszudehnen und die israelitischen Stämme zu einer nationalen Einheit zu verschmelzen (Herzog & Gichon, 2000, S. 113). Auch Damaskus im heutigen Syrien und Sidon und Tyros im Libanon gehörten damals zum Reich der Israeliten. David, der Liebling Gottes, vertrieb die Philister, besiegte die Moabiter und unterwarf die Aramäer. In der jüdischen Tradition gilt die Zeit Davids als das erste goldene Zeitalter. Und aus dem Hause Davids, so schreibt der große jüdische Gelehrte Maimonides (Mosche ben Maimon) in der Sammlung jüdischer Gesetze (aus den Jahren von 1170 bis 1180), wird einst der Messias erstehen und „das Königtum des Hauses David zu seinem ursprünglichen Stand, zur Herrschaft, wie sie war“. Mit anderen Worten: Jerusalem, Yerushalayim wird einst die Brücke zwischen Himmel und Erde, die Leiter in den göttlichen Frieden sein. Bis dahin scheint sich die Welt im unteren Jerusalem in endlosen Vexierspiegeln abzubilden und in Endlosschleifen unauflösbare menschengemachte Konflikte zu erzeugen.

Kurze Drähte nach oben, Jerusalem 2009

Es scheint so, als ob die Israelis noch häufiger mit ihren Handys hantieren als die Deutschen. Dafür gibt es viele Gründe. Gründe, die mit der politischen und besonders mit der sicherheitspolitischen Lage zu tun haben. Man möchte schnell erreichbar sein, wenn wieder einmal der Terror im Lande umgeht, und man möchte seine Nächsten erreichen, um mitzuteilen, dass alles in Ordnung ist. Ich vermute aber noch einen anderen Grund: Da der Messias noch auf sich warten lässt, werden neue, digitale Wege nach „oben“ gesucht.

Direkte Drähte, Jerusalem 2009

Amos Elon erzählt folgende Geschichte:

 „…es gibt das Jerusalem der Exzentriker, der von ‚Gott Berauschten“, die im Sommer barfuß durch die Straßen der Stadt ziehen, um ihren direkten Draht zum Himmel öffentlich kundzutun…Vor ein paar Jahren lief eine in phantastische Gewänder gekleidete ‚Prophetin‘ auf Zion Square im Zentrum Jerusalems auf und ab und verkündete, sie habe täglich Verbindung zu Gott … Eines Tages kaufte ihr der Schriftsteller Dennis Silk für ein halbes Pfund Gottes Telefonnummer ab. Natürlich war es eine Jerusalemer Nummer. Als Silk sie das nächste Mal sah, erklärte er ihr, unter dieser Nummer habe sich nie jemand gemeldet. Worauf sie voller Mitgefühl antwortete: „Na ja, ist das nicht wieder typisch Gott, dass er nicht ans Telefon geht?“ (Elon, 1999, S. 259f.).

Und doch wird ER immer wieder angerufen, vor allem hier im christlichen Jerusalem, im jüdischen Yerushalayim und im arabischen al-Quds. Nirgendwo scheint der EWIGE den Menschen so nahe und doch so fern zu sein wie in der Stadt der drei Weltreligionen. Religiöse Fundamentalisten, ob sie nun christlich, jüdisch oder muslimisch sind, erheben den Anspruch, ihr G‘tt sei der einzig wahre Herrscher der Welt, ihre Religion sei die, die sich auf lange Sicht in der ganzen Welt gegenüber den anderen Religionen durchsetzen werde. Hinter den Taten aber, mit denen die Ansprüche durchgesetzt werden, scheint G‘tt wieder zu verschwinden und die Religion zur Ideologie zu verkommen, um mörderische Kriege für rechtens zu erklären. Jene aber, die Gutgläubigen, für die der Friede und die Liebe zwischen den Menschen die wichtigsten Güter der Menschheit sind, werden zu Opfern der Kriege.

Ich habe meine Übernachtungen in einem kleinen Hotel in der Jerusalemer Hillel-Street reserviert und bin natürlich – was die Geschichte Jerusalems im Allgemeinen und die Hillel-Straße im Besonderen betrifft – wohl präpariert. Die Straße ist, so habe ich gelesen, nach Hillel dem Ältere benannt, der in Babylon geboren wurde und wahrscheinlich im Jahre 9 nach Chr. in Jerusalem starb. Jener Gelehrte also, von dem der berühmte Satz stammt: „Wenn ich nicht für mich bin, wer ist für mich, und bin ich nur für mich, was bin ich, und wenn nicht jetzt wann dann?“. Meine Entscheidung, Quartier im besagten Hotel in der Hillel-Straße zu nehmen, hat also auch mit Rabbi Hillel zu tun.

An der Rezeption des Hotels sitzt ein älterer Herr. Er scheint gerade dem Musical Anatevka entsprungen zu sein. Auf dem Kopf die Kippa, die kleine Mütze der gläubigen Juden, Vollbart, weißes Hemd und schwarze Weste. Vor sich ein Schachspiel und ein Buch. Er fragt mich, als habe er mich erwartet, in einer kuriosen, aber wohl auch gezielt gewählten Mischung aus Englisch und Deutsch: „Sindse de German Guest“. Ich: „Ja“. Er: „Wartense a Moment“.  Er zieht – wie ich erkennen kann – die schwarze Dame von G3 auf G6 und ruft erfreut und in Deutsch: „Schach dem König. Könnense auch Schachspielen?“ „Ein bisschen“. „Was ist ein bisschen?“ „Ich mache meist nur schlechte Züge“. „Na wissense, was sind schlechte Züge. Der berühmte Emanuel Lasker meinte einmal: Es gibt keine guten oder schlechten Züge. Es gibt nur gute oder schlechte Zigarren. Also hier the key. Se haben das Zimmer 102. Gebense mir Ihr Passport. Kriegens nachher wieder. Erster Stock, zweite Tür rechts. Fenster zu Hof. Is nich so laut. Morgen ist Freitag. Und von morgen Abend bis zum Abend vom Samstag ist Schabbes, Shabbat. Ich arbeite dann nich und Sie müssen sich beim Frühstück selbst bedienen. Steht alles im Frühstücksraum“.

Also aufs Zimmer und dann weiter auf der Suche nach einem Abendessen. Fast hätte ich meinen Pass an der Hotelrezeption vergessen. Der Schachspieler ruft mir noch nach: „Passens auf sich auf. Yerushalayim is eine gefährliche Stadt.“

Mein Stadtplan hilft mir, recht zielsicher zur Altstadt zu kommen. Ich gehe durch das Jaffa-Tor. Dieses Tor ist eines des acht Tore der Altstadt. Das Hulda-Tor im Süden der Altstadt und das Goldene Tor im Osten, am Fuße des Tempelberges, auch Tor des Erbarmens genannt, sind geschlossen.

Beim Propheten Hesekiel (44, 1-2) heißt es zum Goldenen Tor: „Und er führte mich wieder zu dem äußeren Tor des Heiligtums im Osten; es war aber zugeschlossen. Und der Herr sprach zu mir: Dies Tor soll zugeschlossen bleiben und nicht aufgetan werden, und niemand soll dort hineingehen. Denn der Herr, der G‘tt Israels, ist dort hineingegangen; darum soll es zugeschlossen bleiben“.

Nach jüdischer Überlieferung wird das Tor erst dann geöffnet, wenn der Messias kommt. Auch die Muslime folgen dieser Überlieferung. Für die Christen hat sich das Warten schon erledigt, denn Jesus sei – als ihr Messias – bereits durch das Tor gegangen, um später in den Himmel aufzusteigen.

Ich gelange also durch das Jaffa-Tor in die Altstadt – wie weiland der britische General Allenby im Jahre 1917 nach dem Sieg über die Osmanen. Dass auch der deutsche Kaiser Wilhelm II. bei seinem Jerusalembesuch im Jahre 1898 dieses Tor passierte, ist weniger erwähnenswert. Rechter Hand des Tors stehen die Reste einer alten Burg aus den Zeiten des Herodes und vis-à-vis vom Tor gelangt man in die Davidstraße. Am Eingang zur Davidstraße finde ich ein palästinensisches Restaurant.

Am Jaffa-Tor, 2017

Leider gibt es das Restaurant heute nicht mehr. An seiner Stelle findet sich dort nun ein Laden mit Souvenirs und Bekleidung. Schade eigentlich.

Es ist inzwischen nach 20.00 Uhr. Längst ist es dunkel geworden. So etwas wie Dämmerung gibt es bekanntlich im Nahen Osten nicht. Die Übergänge zwischen Tageslicht und nächtlicher Dunkelheit passieren rasch. Ich bitte um eine kleine Mahlzeit und ein Bier und bekomme Pita, Hummus, den bekannten Kichererbsenbrei, Sis kebap (das arabische Schaschlik), Tabouleh mit Tomaten, Petersilie und Minze und ein Goldstar Lager Beer. Das Bier ist gut gekühlt und schmeckt, auch wenn es sicher kaum dem deutschen Reinheitsgebot entspricht.

Am Schluss meines Mahls kommen der palästinensische Wirt und ich ins Gespräch. Er fragt nach meiner Herkunft und nach den Gründen meines Aufenthalts in der Heiligen Stadt. Ich frage nach seinen Erfahrungen mit Menschen unterschiedlichen Glaubens. Die Stadt, so seine Rede, lebe von den Gläubigen, den Einheimischen und den Fremden, die nach Jerusalem (er sagt al-Quds) kommen, um zu beten, miteinander Geschichten auszutauschen, Geschenke kaufen wollen und essen möchten. Dafür müssen die jüdischen, muslimischen und christlichen Gebetshäuser und Geschäfte offen und die Gaststätten freundlich für jedermann sein. Das gehe nur, wenn sich alle miteinander vertragen. Dann könne man auch Geld verdienen und es ausgeben. Und das wäre die wichtigste Voraussetzung für den Frieden. Frieden sei dann, wenn alle Geld verdienen können. Nun, so denke ich im Stillen, das ist zwar ein marktwirtschaftliches, aber nachvollziehbares Argument für ein friedliches Miteinander.

Bevor ich das Restaurant verlasse, fragt der Wirt nach meinem Namen (er heiße Mahmud); dann weist er mir noch den Weg zum Kotel und verabschiedet sich mit „as-salāmu ʿalaikum“ (Friede mit Dir, also mit mir). Wir sehen uns wieder, Mahmud. Ganz sicher.

Ich gehe durch die Davidstraße, die bei Tage ein quirliger Bazar ist, in dem arabische, jüdische, armenische und mittlerweile auch russische Händler alles darbieten, was das Herz der Touristen begehrt.

In der Davidstraße, 2017

Nach etwa 500 Metern führt ein schmaler Weg mit kleiner Treppe rechts, dann wieder links zum Kotel, zur Klagemauer. Mein Rucksack und ich werden am Eingang von Sicherheitsleuten inspiziert und dann sehe ich die Mauer. Dahinter oder rechts darüber die Kuppel der al-Aqsa-Moschee und links, im Finstern kaum zu erkennen, die goldene Kuppel des Felsendoms.

Der Kotel ist die erhaltene Westmauer des letzten oder Zweiten Tempels, der 516 v. Chr. fertiggestellt und im Jahre 70 n. Chr. von den Römern zerstört wurde. Der Erste Tempel, der Tempel Salomons soll den Heiligen Schriften zufolge vor 3000 Jahren errichtet worden sein und zwar an der Stelle, an der Abraham seinen Sohn Isaak als Brandopfer darbringen sollte (Moses, 1, 22). Dieser Erste Tempel wurde von den Babyloniern und ihrem König Nebukadnezar II. im Jahre 586 v. Chr. zerstört.

Die Westmauer (Kotel) des letzten Tempels, aufgenommen 2013

Mit mir stehen fünf, sechs Männer an der Mauer, die ihre Stirn an die Steine der Mauer legen und leise vor sich hinmurmeln. Sie sind in ihre Gebete vertieft. Man sagt, die Gebete am Tempelberg steigen direkt zu G’tt auf. Das heißt, am Kotel haben die Gläubigen die einzigartige Möglichkeit, quasi face-to-face mit dem EWIGEN ins Gespräch zu kommen. Sie tun das aufrecht und auf Augenhöhe. Anders als die Christen oder Muslime, die meist kniend oder auf allen Vieren vor dem vermeintlichen Angesicht des Schöpfers beten. Sagt uns das etwas über das Verhältnis der drei monotheistischen Religionen zum EWIGEN?

Hier stehe ich nun und höre dem leichten Nachtwind zu. Meine erste Nacht am Kotel. Es wird nicht die letzte sein. Ich werde wiederkommen. Ich denke an meine Töchter, meine Mutter, an meinen verstorbenen Vater, dessen jüdischer Vater als deutscher Soldat im 1. Weltkrieg bei Verdun gefallen ist. Ist das hier der Beginn meiner Suche nach vermeintlichen Wurzeln?

Ich denke an die Unsicherheiten, die ich während und nach der politischen Wende in Deutschland erlebt habe, an die erst kürzlich durch westdeutsche Kollegen vollzogene Überprüfung meiner wissenschaftlichen Kompetenzen. So richtig ordnen kann ich meine Gedanken nicht. Aber ich empfinde das Glück, hier stehen und die Steine der Mauer berühren zu dürfen.

Und dann höre ich hinter mir eine Stimme. Nicht der EWIGE spricht zu mir, sondern eine männliche Stimme fragt mich in gebrochenem Englisch: „Mister, can you give some money for my children? Tomorrow is Shabbat and I have eight children“. Ein Schnorrer offenbar, der um Zedaka, um eine Wohltätigkeit bittet. Ich sage noch mit einem Augenzwinkern, dass ich zehn Kinder habe, gebe ihm dann ein paar Schekelim und frage in Englisch, ob er mir den Weg zum Damaskus-Tor weisen kann. Er dankt, zeigt auf den Eingang, durch den ich schon gekommen bin und wünscht „gut schabbes“.

Also gut, dann wieder den Weg zurück. Mein Stadtplan führt mich nun doch etwas in die Irre. Es ist jetzt kurz vor 23.00 Uhr. Ich gelange wieder auf die Davidstraße und sehe dann ein Hinweisschild, dass auf die nahe Grabeskirche verweist. Die ist geschlossen, wenn auch beleuchtet. Über die Grabeskirche wird später noch mehr zu berichten sein. Jetzt suche ich erst einmal den Weg aus der Altstadt und am liebsten durch das Damaskus-Tor. Es soll das schönste der acht Tore sein. Ich laufe also kurz vor Mitternacht und allein durch Ostjerusalem. In einer schmalen Gasse öffnet sich plötzlich eine Tür. Ein bärtiger Mann schaut raus, sieht mich an, sagt etwas auf Arabisch. Ich antworte Englisch, dass ich ihn nicht verstehe. Daraufhin fragt er mich auf ebenfalls auf Englisch, wie spät es sei. Ich schaue auf meine Uhr und sage: „Half past eleven“. Er schaut auf seine eigene Uhr, nickt und schließt wieder das Tor seines Hauses. Was war das denn? Kontrolle? Warnung vor Räubern? Werde ich gleich Opfer arabischer Straßenräuber werden?

Nichts da. Ich gehe um eine Straßenecke und stehe auf der berühmten Via Dolorosa und am Österreichischen Hospiz. Dann erreiche ich das Damaskus-Tor. Von dort bin ich in zwanzig Minuten in meinem Hotel. Geschafft! Duschen und dann ins Bett. Auch der Schachspieler scheint schon zu schlafen.

Am nächsten Tag im Frühstücksraum des Hotels setzt sich der Schachspieler zu mir. Er fragt, was ich tags zuvor getan und erlebt habe. Ich berichte von meinem nächtlichen Ausflug zum Kotel, vom palästinensischen Wirt am Jaffa-Tor und vom nach der Uhrzeit fragenden Araber. Mein Besuch am Kotel scheint ihm besser gefallen zu haben als meine Mahlzeit beim Palästinenser. Über meinen Spaziergang durch Ostjerusalem schüttelte er nur den Kopf und nennt mich einen Schlemihl, einen Narren.

Im nächsten Teil: Gespräche über Fremde, Freunde und Frieden

Wolfgang Frindte ist Sozialpsychologe und war Professor für Kommunikationspsychologie am Institut für Kommunikationswissenschaft der Universität Jena. Von 1998 bis 2005 war er Gastprofessur für Kommunikations- und Medienpsychologie am Institut für Psychologie der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck und 2004 Fellow am Bucerius Institut der Universität Haifa. Zu seinen Buchveröffentlichungen gehören u.a. „Inszenierter Antisemitismus“ (2006), „Inszenierter Terrorismus“ (2010, mit Nicole Haußecker), „Der Islam und der Westen“ (2013), „Muslime, Flüchtlinge und Pegida“ (2017, mit Nico Dietrich) und „Halt in haltlosen Zeiten“ (2020, mit Ina Frindte).

Bild oben: Das Goldene Tor der Altstadt, aufgenommen im Sommer 2013

Literatur
Allport, W. Gordon (1954). The nature of prejudice. Reading: Addison-Wesley.
Bernstein, Fritz (1980, Original: 1926). Der Antisemitismus als Gruppenerscheinung. Königstein/Ts.: Jüdischer Verlag.
Bin Gorion, Micha Josef (1914). Die Sagen der Juden. Frankfurt a. M.: Rütten & Loening.
Buber, Martin & Rosenzweig, Franz (1987). Die fünf Bücher der Weisung (Verdeutschung). Heidelberg: Lambert Schneider.
Elon, Amos (1999. Jerusalem – Innenansicht einer Spiegelstadt. Hamburg: Wunderlich Verlag.
Gur, Batya (2000). In Jerusalem leben – Ein Requiem auf die Bescheidenheit. Frankfurt a. M.: Schöffling und Co.
Herzog, Chaim & Gichon, Mordechai (2000). Die biblischen Kriege. Augsburg: Bechtermünz.
Kant, Immanuel (1977, Original: 1795). Zum ewigen Frieden. Ein philosophischer Entwurf. Werke in zwölf Bänden. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
Landmann, Salcia (1997). Die klassischen Witze der Juden. Berlin: Ullstein.
Oz, Amos (2008). Eine Geschichte von Liebe und Finsternis. Berlin: Suhrkamp.
Rosten, Lea (2002). Jiddisch – eine kleine Enzyklopädie. München: Deutscher Taschenbuchverlag.

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