„Ein kleiner aber bedeutender Weg“

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Beate Klarsfelds Rede anlässlich der Verleihung des Giesberts-Lewin-Preises der Kölnischen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit…

Liebe Freunde,

Ich danke der Kölnischen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, die mir heute, hier in Köln, einer Stadt mit der mich Verschiedenes verbindet, den Giesbert-Lewin Preis verleiht. Aus der Liste meiner Vorgänger habe ich auch ersehen, dass ich die erste Frau bin, die diesen Preis erhält.

Nein, ich komme nicht aus Köln, ich bin Berlinerin und das bedeutet, als ich ein kleines Mädchen war, spielte ich in den Ruinen dieser Stadt und dann später als junges Mädchen und Erwachsene fuhr ich oft von einem Sektor in den anderen, vom Westen, wo ich wohnte, in den Osten zu den Verwandten. Das verlief bis 1961 ohne Schwierigkeiten. Das prägte mich in meinem Gefühl der wiedervereinten Deutschen, noch lange vor dem Mauerbau und bis hin zum Mauerfall. Ich fühlte mich immer als Deutsche, die sich weder zu Ost- noch zu Westdeutschland zuordnen ließ.

1960 kam ich mit 21 Jahren nach Paris. Man empfing mich als Deutsche, d.h. mit einem gewissen Misstrauen, was mich zwang, mir öfter das Bild Hitlerdeutschlands vor Augen zu führen. Glücklicherweise begegnete ich nach knapp drei Monaten einem gut aussehenden jungen Mann, Serge, der später mein Ehemann wurde. Er war der Sohn eines Juden, der in Auschwitz ums Leben gekommen war. Serge hat niemals von mir gefordert, zum jüdischen Glauben überzutreten; er wollte aber auch nicht, dass ich mich nicht mehr als Deutsche fühlte. Im Gegenteil, er sagte immer, sei eine richtige Deutsche wie Sophie Scholl, deren Beispiel ihn davon abgehalten hatte, in ihm, dem Juden, anti-deutsche Gefühle aufkommen zu lassen.

Er hatte zu diesem Zeitpunkt schon sein Geschichtsstudium beendet und half mir dabei, die Geschichte Deutschlands zu studieren. Dieses Thema war von unserem Geschichtslehrer in Berlin kaum behandelt worden. Ich lernte also, was zwischen 1933 und 1945 in Deutschland geschah, wie das deutsche Volk dem Nationalsozialismus verfallen konnte und wie es zur Teilung in einen westlichen und einen östlichen Block kam.

Er ermutigte mich dazu, mich bei dem Deutsch-Französischen Jugendwerk zu bewerben, das 1963 von De Gaulle und Konrad Adenauer gegründet worden war. Ich wurde als Sekretärin eingestellt. Ich habe während dieser Zeit ein Buch geschrieben, einen Leitfaden für die deutschen au-pair Mädchen, denn auch so hatte ich nach meiner Ankunft in Paris begonnen. Als ich 1967 in der Zeitung “Combat” drei Artikel veröffentlichte, in denen ich die Bundesrepublik kritisierte, Kurt-Georg Kiesinger als Kanzler gewählt zu haben, wurde ich fristlos entlassen. Keiner der Angestellten hatte ein ermutigendes Wort für mich, nur die Telefonistin wünschte mir viel Glück.

Ich erinnerte mich dann, was Hans und Sophie Scholl in ihrem allerletzten Flugblatt geschrieben hatten. Ich kann nicht wörtlich zitieren, es ist die Übersetzung aus dem Französischen:

“Wenn der Krieg eines Tages beendet ist, dann muss man aus Sorge um die Zukunft die Verbrecher hart bestrafen, um jedem die Lust zu nehmen, ein gleiches Abenteuer noch einmal zu beginnen. Vergesst auch nicht die kleinen Schweinehunde dieses Regimes, erinnert euch an ihre Namen, dass nicht einer von ihnen entkommt. Sie sollen nicht in letzter Minute ihre Weste wenden und so tun, als wäre nichts geschehen.”

Der Person von Kurt-Georg Kiesinger, Mitglied der NSDAP, stellvertretender Abteilungsleiter der hitlerischen Rundfunkpolitischen Abteilung für das Ausland, stellte ich die Person von Willy Brandt gegenüber, einen Mann, der sich dem Nationalsozialismus widersetzt hatte.

Als ich meine Kampagne gegen Kiesinger begann, hatte ich als einzigen Unterstützer meinen Mann. Ich begriff sehr schnell, dass, um erfolgreich zu sein, man sich symbolischer und polarisierender Aktionen bedienen musste. Die Ohrfeige für Kiesinger hatte großes Aufsehen erregt: Es war die Tochter, die den Vater schlägt, weil er seine ganze Intelligenz und Energie in den Dienst des Hitlersystems gestellt hatte.

Vor dem Richter, der mir vorhielt, ich hätte Gewalt angewendet, und mich zu einem Jahr Gefängnis ohne Bewährung verurteilte, antwortete ich : “Gewalt ist, wenn man einen Nazi-Kanzler der deutschen Jugend aufzwingt”.

Ich habe mich auch zusammen mit der deutschen antifaschistischen Jugend stark gegen die NPD engagiert, die vor den Wahlen im Jahre 1969 auf dem Weg war, die 5 % Klausel zu überspringen. Dank unserer zahlreichen Demonstrationen gegen die NPD, in denen wir von ihren Saalordnern blutig geschlagen wurden, dank der Fotos, die der Spiegel und der Stern ihren Lesern vermittelte, erlitt diese Partei eine knappe Niederlage und konnte nicht in den Bundestag einziehen.

Wir haben durch diese Aktionen dazu beigetragen, dass auch Kiesinger nicht wieder gewählt wurde. Willy Brandt wurde der neue Bundeskanzler. Durch dieses Engagement bin ich der Linie der Deutschen gefolgt, die in ihrem Kampf gegen den Nazismus für mich ein Beispiel waren.

In einer derartigen Kampagne, in der man sein Schicksal und sein Leben aufs Spiel setzt, kann man natürlich ohne Unterstützung nichts erreichen. Staaten unter-einander können Verträge abschließen und dann, wenn notwendig, wieder auflösen. Das nahmen wir zum Beispiel, als wir uns Hilfe von der DDR holten,  die natürlich über meine Attacken gegen den Bundeskanzler  sehr erfreut war.

Ich wurde eine Heldin für die DDR: mir wurde die Lambrakis Medaille verliehen und ich war Ehrengast zum 20. Jahrestag der DDR und durfte im Arm des sowjetischen Marschalls vor Ulbricht, Brejnev und den anderen Staatschefs der östlichen Länder den Ball eröffnen. Kurze Zeit danach wurde ich im Zentrum von Warschau und in Prag festgenommen, weil ich gegen den Antisemitismus und die Repression in diesen Ländern öffentlich demonstrierte, mich ankettete und Flugblätter verteilte. Es kam natürlich zum Bruch, allerdings hat die DDR später während unserer Aktionen gegen die NS-Verbrecher, die Verbindung mit uns wieder aufgenommen.

Ich bin dadurch unversöhnlich geworden und setzte mir für meine künftigen Aktionen folgende Richtlinien:

  • verhindern, dass ehemalige aktive Nazis wieder eine Rolle in der deutschen Politik spielen konnten,
  • für die Bestrafung der NS-Verbrecher zu kämpfen,
  • den Juden zu helfen, wo auch immer sie verfolgt wurden,
  • Solidarität beweisen mit dem Staat Israel und sich für seine Sicherheit und Entwicklung einzusetzen.

Diese Richtlinien waren von großer moralischer Bedeutung für mich in meiner künftigen Arbeit. Sie hätten von jedem Deutschen respektiert werden müssen, der die Konsequenzen aus dem Zweiten Weltkrieg ziehen wollte. Und diesen Richtlinien folgte ich in meinen Demonstrationen in der ganzen Welt.

Mein Mann ging als Freiwilliger 1967 nach Israel und erreichte die Golan Höhen mit der Armee. Nach dem Yom Kippur Krieg bin ich nach Damaskus gereist, um mich für eine bessere Behandlung der israelischen Kriegsgefangenen einzusetzen; 1974 wurde ich auf dem arabischen Gipfeltreffen in Rabat festgenommen, weil ich Flugblätter verteilte, in denen ich Frieden zwischen den arabischen Staaten und Israel forderte; diese Aktion wiederholte ich dann auf dem arabischen Gipfeltreffen in Algerien.

In meinen Kampagnen gegen die NS Verbrecher wurde ich oft festgenommen, in Deutschland, Österreich, aber auch in La Paz, in Santiago, in Asuncion. Ich habe gegen die Militärjunta der Kolonelle in Buenos Aires und Montevidio 1977 demonstriert. Ich habe alle südamerikanischen Diktaturen kennengelernt und ich habe in Damaskus mehrmals die Auslieferung von Alois Brunner gefordert, der beste Mann von Adolf Eichmann.

Wohl bin ich eine echte Berlinerin, aber ich habe auch Verbindungen zu Köln, oder besser gesagt zu Köln-Ossendorf, denn ich habe hier zweimal mehrere Wochen eingesessen. Aus Israel erhielt ich hunderte von Briefen ins Gefängnis, in denen die Israelis mir ihre Solidarität aussprachen.

Serge, ich und unsere Freunde, die Söhne und Töchter der deportierten Juden aus Frankreich, die sich uns angeschlossen hatten, mussten alle diesen Weg gehen, der uns durch die Gefängnisse führte.

Wir hatten es uns zur Aufgabe gemacht, ein Kräfteverhältnis mit der deutschen politischen Gesellschaft herbeizuführen. Wir wollten sie zwingen, die NS-Verbrecher zu bestrafen, die die Deportationen der Juden aus Frankreich organisiert hatten. Erfolgreich konnten wir nur sein, wenn wir illegal handelten und dann vor Gericht die Verantwortung für diese Taten auf uns nahmen. Wir konnten aber somit der Öffentlichkeit zeigen, dass hinter unserem skandalösen Vorgehen, sich viel größere Skandale versteckten, nämlich die Straffreiheit für die großen NS-Verbrecher wie Kurt Lischka in Köln. Das war ein Tauziehen zwischen uns und den Instanzen und wir machten kein Geheimnis daraus, dass wir nie aufgeben würden. Sollte die deutsche politische Gesellschaft sich weigern, diese NS-Verbrecher zu verurteilen, dann könnte das zu einem tragischen Ende führen. Glücklicherweise hat der Bundestag ein Gesetz ratifiziert, das auch den Namen Lex Klarsfeld trägt, und im Laufe von zahlreichen Demonstrationen in Deutschland und besonders in Köln, hat die deutsche Justiz dieses Gesetz zur Anwendung gebracht.

Am Abend nach der Ohrfeige sagte Serge zu mir: „Jetzt kannst Du cool sein, niemals in Deinem Leben wirst Du wieder etwas so Wichtiges tun.“ Ja, er hatte Recht gehabt. Ich war die erste Deutsche, der Menahim Begin die Hand schüttelte bevor er mich umarmte; ich war mit Golda Meir befreundet; die Knesseth hat mich zweimal für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen in den Jahren 1977 und 1984. Ich bin Offizier der Ehrenlegion und Kommandeur de l’Ordre National du Mérit: die französischen Präsidenten Mitterand, Chirac und Sarkozy haben mich persönlich ausgezeichnet. Bei meiner letzten Auszeichnung am 9. November unterstrich der französische Präsident die Symbolik, eine Deutsche an diesem Tag zu ehren: die Kristallnacht und der Fall der Mauer.

Ich glaube, dass heute die Deutschen verstehen, dass das Leben, das ich gewählt habe, wohl eng abgesteckt, aber auch riskant war. Es war ein kleiner aber bedeutender Weg, denn ich habe eine solide Brücke geschlagen zwischen Deutschen, Israelis und Juden, aber auch zwischen Deutschen und Franzosen. Vor einigen Wochen wurden Serge und ich in Metz im Haus von Robert Schumann geehrt. Es ist eine europäische Begegnungsstätte und ein Museum, in dem die Gründung der EWG dokumentiert wird. Ich möchte daher heute Abend die Gelegenheit ergreifen und drei Männern meine Bewunderung aussprechen, die es nach dem Krieg verstanden hatten, den Weg für die europäische Aussöhnung und Einheit vorzubereiten; ich möchte Robert Schumann, Konrad Adenauer und Alcide de Gasperi nennen. Ich weiß nicht, ob dieser Satz vollständig ist! Bitte prüfen!

Der Prozess von Köln war beispielhaft und wir haben Tausende von französischen Juden, besonders Jugendliche, per Zug und Bus in diese Stadt gebracht. Am 30. Januar 1980 zogen Tausende von Juden mit uns zusammen vom Dom zum Appellhofplatz; ich glaube man hatte das noch niemals gesehen, dass so viele Juden zusammen durch die Straßen von Köln marschierten, das letzte Mal war es in der Kristallnacht, als der SS-Mann Kurt Lischka, der Chef des Judendezernats der Gestapo für das ganze Reich in Berlin war, bevor er 1939 den Posten des Gestapo-Chefs von Köln besetzte.

Es ist Herrn Heinz Fassbender, Vorsitzender Richter im Lischka Prozess und Heiner Lichtenstein, der ebenfalls den Giesbert-Lewin Preis erhielt und uns leider viel zu früh verlassen hat sowie den Journalisten vom Kölner Stadtanzeiger und vom WDR, zu verdanken, dass dieser Prozess in der Öffentlichkeit so gut aufgenommen wurde. Herr Dr. Joachim Arnzt, Präsident des Verwaltungsgerichts hat sich dafür eingesetzt, dass neben dem Verhandlungssaal 101 heute eine Gedenktafel an den Lischka Prozess erinnert. Die Öffentlichkeit hat auch hier verstanden, dass sich Deutschland nur durch gerechte und schwierige Gesten rehabilitieren kann, d.h. Männer zu verurteilen, die nach 1945 keine Straftaten begangen hatten, die aber auf ihren Schultern die Verbrechen von Hitlerdeutschland trugen.

Der Giesbert-Lewin Preis verleiht mir die Kraft, meine Arbeit weiterzuführen. Das Aufspüren von NS-Verbrechern allerdings ist beendet.

Zusammen mit unserer Organisation „Die Söhne und Töchter der deportierten Juden aus Frankreich“ haben wir es uns heute zur Aufgabe gemacht, mit den zahlreichen Büchern und Dokumentationen und den Gedenkfeiern das Schicksal der 80000 Juden in Frankreich aufzuzeigen. Sie starben in den Internierungslagern in Frankreich, wurden hingerichtet, aber 76000 unter ihnen endeten in den Gaskammern.

http://www.koelnische-gesellschaft.de
Foto: Tal Kaizman