Unser Haus: Richtfest für liberale Synagoge in Hameln

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Zehn Jahre lang hat die liberale „Jüdische Gemeinde Hameln“ für ihr eigenes Gemeindezentrum gestritten und gesammelt. Im September feierte sie endlich Richtfest. Von einem Dach wird man bei der offiziellen Eröffnung des zweistöckigen Backsteinbaus im Februar 2011 aber nicht viel sehen: Nur eine gläserne Oberlichtspitze, die Licht in den Betraum werfen soll, ragt dann empor…

Von Heinz-Peter Katlewski

„Unser Haus“, hebräisch „Beitenu“, soll das rote Gebäude mit seinem elliptischen Grundriss heißen. Das haben die 200 Mitglieder der Gemeinde beschlossen. Es ist der erste Neubau einer Reformsynagoge in Deutschland nach 1945, doch wird das G’tteshaus auf historischem Grund errichtet: Von 1879 bis 1938 stand hier die Synagoge der damaligen jüdischen Gemeinde der Stadt.

Die neue Gemeinde ist jung, kaum 14 Jahre alt. Die Initiative, die zu ihrer Gründung führte, kam von der heutigen Vorsitzenden, Rachel Dohme. Damals hatte die Liebe die Amerikanerin aus dem heimatlichen Pennsylvania ins Weserbergland gelockt. Als sie 1990 erfuhr, dass im Nachbarort Hasperde jüdische Kontingentflüchtlinge vorübergehend in einem alten Schloss einquartiert waren, reagierte sie kurzentschlossen: „Ich habe meine Kinder in den Wagen gesetzt und bin hingefahren.“ Zuerst vermittelte sie den Neuankömmlingen deutsche Partnerfamilien. Schon bald aber erteilte sie den Kindern auch jüdischen Religionsunterricht und feierte mit den zugewanderten Familien den Schabbat.

1996 hatte sich der informelle Kreis zu einer „Jüdischen Gruppe“ in Hameln weiterentwickelt. Im Frühjahr 1997 schritt man zur Gründung einer Gemeinde. Polina Pelts, heute zweite Vorsitzende, erinnert sich: „Für meine 85 Jahre alte Mutter, die mit uns aus Odessa nach Deutschland gekommen war, war es ein beglückendes Erlebnis, hier eine Gemeinde ins Leben zu rufen.“ Im Frühjahr 1997 wurde die Gemeinde ins Vereinsregister eingetragen. Von Anfang an war man sich einig, dass Männer und Frauen in Kultus und Kultur gleiche Rechte haben sollten. Noch im gleichen Jahr schloss sich die Gemeinde deshalb der Union progressiver Juden an. Seit 2005 wird sie über den niedersächsischen Landesverband auch vom Zentralrat der Juden in Deutschland vertreten.

Das Programm umfasst heute das ganze Spektrum jüdischer Gemeindearbeit – angefangen von wöchentlichen Gottesdiensten am Schabbat über regelmäßige Schiurim (Vorträge zu religiösen Themen), Sprachkurse, eine Jugendgruppe, ein Seniorencafé, einen Literaturkreis, Religionsunterricht für Kinder und Erwachsene, einen Chor und eine Tanzgruppe. Rabbinerin Irit Shillor kommt seit 2003 einmal im Monat aus England für ein paar Tage nach Hameln. Zudem absolvieren hier regelmäßig Rabbinerstudenten vom Potsdamer Abraham-Geiger-Kolleg ihre Gemeindepraktika.

Zu den wichtigen Erfahrungen der liberalen Gemeinde gehört, dass sie sich – anders als die Gemeinde vor 1938 – von Politik, Kirchen und der Bevölkerung weitgehend unterstützt fühlen darf. Das Geld für den notwendigen Eigenbeitrag zum Neubau des Gemeindezentrums wurde zu einem wesentlichen Teil von Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens der Stadt und lokalen Bürgerinitiativen gestiftet.

Heinz-Peter Katlewski ist Autor von Judentum im Aufbruch. Von der neuen Vielfalt jüdischen Lebens in Deutschland, Österreich und der Schweiz
Zukunft, 10. Jahrgang Nr. 10, Oktober 2010 – Heshvan 5771

2 Kommentare

  1. Hameln, Kreistadt in Hannover, Juden in H. werden zuerst erwähnt in einem Privileg des welfischen Herzogs Albrecht vom J. 1277, der der Stadt H. das Recht gibt, mit Wissen des Vogtes Juden aufzunehmen und Schutzgelder von ihnen anzunehmen. 1320 finden sich Juden im Verzeichnis der Bürger, die verpflichtet waren, die Stadtrosse zu halten; zwei Jahre später (1322) wird Isaak Bunnenmesonne aus Oldendorf als Bürger aufgenommen, In den ersten Jahrzehnten des 14. Jh. müssen bereits mehrere Juden in H. ansässig gewesen sein; 1344 gibt der Rat zwei Juden die Erlaubnis, eine Synagoge in ihrem Hause zu errichten. Aus dem Anfang des 14. Jhts. stammt auch die Formel des Hamelner Judeneides, der mit dem Dortmunder im wesentlichen übereinstimmt. In den J. 1348/1349 wird H. unter den Märtyrerstädten genannt. Um diese Zeit scheinen die Juden aus H. vertrieben worden zu sein. Im J. 1407 verspricht ein Jude Joel aus H., vor dem Rate der Stadt und nirgendwo anders Recht zu geben und zu nehmen. Eine größere Anzahl von Juden siedelte sich um die Mitte des 16. Jhdts. wieder in H. an; als 1590 Herzog Heinrich Julius (6. Jan. 1590, später ergänzt durch ein Dekret vom 15. Juli 1591) einen strengen Ausweisungsbefehl der Juden aus den welfischen Landen erließ, sah der Rat der Stadt H. darin einen Eingriff in sein altes Recht, und so blieben, wie in Hannover, auch in H. einzelne Juden wohnen. Gegen Ende des 17. Jhts. waren einige jüdische Familien in H. wohnhaft; zwei werden in den Memoiren der Glückl von Hameln erwähnt, drei in dem Verzeichnis der Leipziger Meßgäste. Zu den bekannt gewordenen zählen Josef Hamelin, auch Jobst Goldschmidt genannt, der Schwiegervater der Glückl von H. und auch Liffmann Behrens Cohen in Hannover, ferner die Familie des Joseph Gerson Spiegelberg (1802-44). – Die heutige Synagoge wurde 1879 eingeweiht. Der jetzige Friedhof ist seit 1742 in Benutzung. Als Rabbiner wirkten in H. Elieser Leser Langenzahn (gest. 1749), Nathan b. Löb Hamel (gest. 1751), Josef, Sohn des Simeon Levi (gest. 1761), Mose Jehuda Selkeli (gest. 1782); von da ab besteht in H. kein Rabbinat mehr. Gegenwärtig (1931) zählt die Gemeinde 170 Juden (Gesamtbevölkerung 25 000).
     
    (ENCYCLOPAEDIA JUDAICA, Berlin 1931)

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