Ausgeprägtes Markenbewusstsein: Wo gehts hier zum Patentamt, bitte?

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Manchmal hat ja man schlimme Gedanken. Und wenn man schlimme Gedanken hat, kommt man auf komische Ideen. Mir zum Beispiel kam gestern die Idee, auf das Wort „jüdisch“ ein Patent anzumelden. Nicht wegen des Geldes, dass ich fortan damit verdienen würde, wenn jemand das Wort verwendet, sondern wegen der Kontrolle, die man dann über die Verwendung des Begriffs hätte…

von Ramona Ambs

„Jüdisch“ wird heutzutage ja geradezu inflationär benutzt. Da werden Schiffe zu jüdischen Schiffen, obwohl sie nachweislich aus Blech sind und keiner Religion angehören, Facebookgruppen nennen sich „jüdische Stimme für Frieden“ und haben dann vor allem nicht-jüdische Mitglieder, Meinungsaktivisten Pro und Contra Israel vertreten „jüdische Positionen“, ohne zu wissen, dass viele Juden zum jeweiligen Thema eine ganz andere ode auch garkeine Meinung haben.

Ganz perfide aber wird es, wenn der Begriff jüdisch ergänzt wird. So zum Beispiel wenn die Rede auf die deutsch-jüdische Symbiose kommt, die es zwar so nie gab, die aber heute bei allen unpassenden Gelegenheiten serviert wird wie Vanilleeis mit grünen Himbeeren…. Ganz aktuell wettern nun – als Reaktion auf Wulffs Rede – diverse Politiker gegen den Islam und bemühen als Begründung die christlich-jüdische Basis unseres Landes… Seltsam. Sonst hat man es doch auch nicht so mit den Juden. Zumindest musste der Zentralrat im Jahr 2004 und 2005 sehr darum kämpfen, dass der Zuzug von Juden aus den GUS-Staaten in die Bundesrepublik nicht einfach gestoppt wurde. Daran erinnert man sich aber nicht so gerne, viel lieber spricht man von den jüdisch-christlichen Traditionen.

Als Familienministerin von der Leyen 2006 eine Wertekonferenz (Bündnis für Erziehung) einberief, lud sie dazu nur Vertreter der christlichen Kirchen ein. Das Christentum sei Grundlage, immerhin handle man nach den „christlichen Zehn Geboten“. Sogar als glaubhaft versichert wurde, dass Moses, der Überbringer dieser Gebote, weder katholisch noch evangelisch war, konnte man sich nur „zu einem späteren Zeitpunkt vorstellen“ eventuell auch andere, z.B. Juden oder Muslime, mit einzubeziehen. Von christlich-jüdisch war damals keine Rede.

Da kann man schon auf den Gedanken kommen, man bemühe sich nur deshalb so um das „Jüdische“, weil man meint, es gegen die Muslime in Stellung bringen zu können.
Wenn ich aber schon dabei bin, melde ich doch gleich ein weiteres Patent an – auf den Begriff „muslimisch“. Muslimisch ist zwar nicht so chic wie jüdisch – oder haben Sie schon mal jemanden getroffen, der so getan hat, als sei er Moslem, es aber gar nicht war? Ich auch nicht. Sind Sie schon mal mit einem muslimischen Schiff gefahren? Haben Sie schon mal ein Buch über die deutsch-muslimischen Denker gelesen? Nein? Auch nicht?
Macht nichts, denn muslimisch ist dennoch ein Begriff, der derzeit noch häufiger anzutreffen ist als jüdisch. Da käme schon was zusammen, denn Islam-Debatten sind trendy.

Die Nutzungsrechte an den Begriffen würde ich allerdings stark einschränken – die Bindestrich-Kombination aus jüdisch und christlich würde ich schlicht verbieten. Das ist nämlich irreführend. Die christliche Judenfeindschaft hat schliesslich eine viel längere Tradition als die jetzt allseits besungenen christlich-jüdischen Werte. Dafür würde ich aber im Gegenzug auf meine Patenteinnahmen verzichten, wenn sich ein jüdisch-muslimischer Kulturverein gründet oder eine „muslimische Stimme gegen den Terror“. Da wär ich dann schon mal grosszügig.
Ich müsste es nun nur noch schaffen, dass das Patentamt Begriffe aus dem üblichen Wortschatz als „Wortmarke“ anerkennt! Es fehlt mir also nur noch ein guter Fachanwalt für Patentrecht!

5 Kommentare

  1. Danke, sehr anregender Gedankengang.
     
    und  @Gutmensch zu deutsch-muslimische-Denker:
    Wissen Sie, was eine rhetorische Frage ist? 😉

  2. Die Sprachen sind seit einigen tausenden Geschichtsjahren
    in Babylon, war das wirklich Bagdad, verwirrt,
    vermischt, mit den verschiedensten Inhalten versehen,
    welche wirklich fast niemand vollstaendig wiedergeben kann.
     
    Sprache ist noch nicht einmal ein Spiegel…
    des Sprechers oder Schreibers,
    weil die Auffassungen auch beim selben Wortschatz
    auseinanderlaufen.
    Immer.
    Prinzipiell immer.
     
     

  3. „Da kann man schon auf den Gedanken kommen, man bemühe sich nur deshalb so um das “Jüdische”, weil man meint, es gegen die Muslime in Stellung bringen zu können.“

    => Viel naheliegender (vgl. die falsche Jüdin Edith Lutz) wäre dieser Satz:

    „Da kann man schon auf den Gedanken kommen, man bemühe sich nur deshalb so um das “Jüdische”, weil man meint, es gegen Israel in Stellung bringen zu können.“
     

  4. Selbstverständlich gibt es Leute, die nur so tun, Muslim zu sein. Nur wäre es eine Sünde, darüber zu urteilen, also jemandem das Muslimsein abzusprechen. Das liegt daran, dass das Bekenntnis zum Islam keiner Prüfung unterliegt. Ob jemand an Gott und das Prophetentum Mohammeds glaubt, ist eine Sache des Herzens.

    Die Mavi Marmara kann man natürlich als muslimisches Schiff bezeichnen, denn sie wurde von einer islamischen Hilfsorganisation gechartert. Auch sonst ist das Adjektiv muslimisch für alles anwendbar, was sich auf Muslime bezieht, bzw. islamisch für alle Bezugnahmen auf den Islam.

    Deutsch-muslimische Denker? Murad Hofmann zum Beispiel, oder wenn wir österreichisch-muslimisch zulassen, dann ist Muhammad Asad sicher einer der bedeutendsten Islamgelehrten des 20. Jahrhunderts gewesen. Übrigens ein gebürtiger Jude.

    Aber natürlich ist das Reden von „jüdisch-christlichen Werten“ schwachsinnig in Abgrenzung zum Islam. Die theologische Schnittmenge von Judentum und Christentum schließt den Islam mit ein.
     

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