NYT: Kommentar zur Israel-Kritik

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Die New York Times hat in ihrer Ausgabe vom Sonntag einen differenzierenden Kommentar zur Kritik an Israel veröffentlicht. Thomas L. Friedman trennt darin klar zwischen legitimer, da konstruktiver Kritik und illegitimer, da destruktiver Kritik…

„Es liegt etwas Faules in der Luft. Es besteht ein Trend, Israel – absichtlich oder unabsichtlich – zu delegitimieren, es zu einem Pariastaat zu machen, insbesondere im Anschluss an den Gaza-Krieg. Man hört den Regisseur Oliver Stone verrückte Dinge darüber sagen, wie Hitler mehr Russen als Juden ermordet habe, aber die Juden all die Aufmerksamkeit bekommen hätten, dass sie die Nachrichtenmedien beherrschen und ihre Lobbys Washington kontrollieren würden. Man hört Großbritanniens Premierminister Gaza als großes israelisches ‚Gefängnislager‘ beschreiben und den der Türkei zu Israels Präsident sagen: ‚Wenn es ums Töten geht, wissen Sie sehr gut zu töten.“ Man sieht Sänger Konzerte in Tel Aviv absagen. Würde man eben vom Mars gekommen sein, könnte man denken, Israel sei das einzige Land, dass in einem Krieg Zivilisten getötet hat – niemals die Hamas, niemals die Hisbollah, niemals die Türkei, niemals der Iran, niemals Syrien, niemals Amerika.

The New York Times, 07.08.10

Ich möchte Israels Fehlverhalten gar nicht verteidigen. Ganz im Gegenteil. Ich argumentiere seit Langem, dass Israels kolonisatorische Siedlungen für Israel als eine jüdische Demokratie selbstmörderisch sind. Ich denke nicht, dass Israels Freunde diesen Punkt oft und laut genug stark machen können.

Aber es gibt zwei Arten von Kritik. Konstruktive Kritik beginnt mit der Klarstellung: ‚Ich weiß, in was für einer Welt ihr lebt.‘ Ich weiß, der Nahe Osten ist ein Ort, wo Sunniten im Irak Schiiten massakrieren, der Iran seine eigenen Wähler tötet, Syrien angeblich den Ministerpräsidenten des Nachbarlandes tötet, die Türkei auf die Kurden eindrischt und die Hamas wahllosen Beschuss betreibt und die Anerkennung Israels verweigert. Ich weiß all das. Aber Israels Verhalten macht die Sache manchmal noch schlimmer – für die Palästinenser und für Israel. Wenn man den Israelis verständlich macht, dass man die Welt versteht, in der sie leben, und sie dann kritisiert, werden sie zuhören.

Destruktive Kritik verschließt israelische Ohren. Sie sagt den Israelis: Da ist kein Kontext, der euer Verhalten erklären könnte, und eure Fehler sind so einzigartig falsch, dass sie alle anderen überschatten. Destruktive Kritiker tun Gaza als ein israelisches Gefängnis ab, ohne zu erwähnen, dass sich Israel auch anders verhalten hätte, wenn die Hamas beschlossen hätte, Gaza nach dem einseitigen Abzug Israels in ein Dubai anstatt in ein Teheran zu verwandeln. Destruktive Kritik bestärkt die destruktivsten Elemente in Israel nur darin zu argumentieren, dass nichts, was Israel tut, eine Rolle spielt – warum sich also ändern?“

Den vollständigen Artikel gibt es unter dem folgenden Link

6 Kommentare

  1. @Tarzan und nun frage ich mich hier, wieso nun einmal mehr Israel die Titelzeilen beherrscht und wieder diskutiert wird, was Israel darf und nicht, und wo es angeblich so oft schlecht sein soll, ja so frage ich mich nun, wo sind sie denn die öffentlichen Diskussionen und Titelzeilen zu den Studien von Heitmeyer über z.B. unser Land:
    Zitat
    Wer aus dem Schema der Effizienz fällt, wie Einwanderer, Obdachlose, Behinderte oder Langzeitarbeitslose, wird von rund der einem Drittel der deutschen Bevölkerung als menschlich weniger wertvoll betrachtet.“ (Aktuelle Studie) – war da was mit Euthanasie in der deutschen Geschichte?
    Und das mit dieser Geschichte(!!!)
    Zu dem was Claus Fussek anklagt, zu verhungerten Arbeitslosen, zu 760.000 Mobbing Fällen bei Kindern und Jugendliche jede Woche(!!!!) in Deutschland (Focus No. 20 vom 11.05.2009), zu der gruppenbezogenen Quälerei von Minderheiten (vergl. Winnenden).
    Ja wo sind sie hier diese Diskussionen, wo ist die Empörung und die Selbstkritik!
    Wo ist das Mitgefühl für diese Millionen von Menschen, die in den Niedriglohnsektor getrieben wurden (lt. Jean-Claude Juncker):
    http://www.wort.lu/wort/web/letzebuerg/artikel/2010/08/107883/juncker-wirft-deutschland-sozialdumping-vor.php
     
     
     

  2. @Dave:
    Killerstaat?
    Ab wieviel Ermordeten fängt den bei Ihnen der Killerstaat an?
    Im Umkehrschluss zum Talmud: „Wer einen Menschen rettet ist vor Gott so als ob er die ganze Menschheit gerettet hätte!“, gilt natürlich: „Wer einen Menschen ermordet ist vor Gott so als ob er die ganze Menschheit ermordet hätte“

    Und daraus ergibt sich zwingend dass schon ein Ermordeter – und deren gibt es viele in der Geschichte Israels – dieses an Destruktivität nicht zu überbieten ist!

  3. Warum wird hinsichtlich Israel immer alles hochgekocht?

    Das kommt doch vorzüglich an! Früher konnte man sich über die NATO aufregen, über den Westen aufregen, etc. Der Osten brach zusammen. Was ist geblieben? Israel!
    Kritik muss erlaubt sein. Lösungen müssen aber auch auf den Tisch und nicht jede öffentlich rausposaunte Kritik ist hilfreich. Ein Denkprozess muss in Gang kommen, pauschale Vorurteile müssen abgebaut werden, … , genug Arbeit für die nächsten fünf Jahrzehnte.
    Kleine Empfehlung: Das Kulturgespräch „Gaza und die Folgen – Intellektuellenstreit um Israel“ vom 09.07.2010 im Deutschlandfunk zum Nachhören
     
    In der Sendung ging es auch um die Art der Kritik an Israel.
     
    Viele Grüße
    Olaf

  4. @Tarzan, warum denn so superlativ wie … ist an Destruktivität nicht zu überbieten … oder …Killerstaat…..

    Das ist doch genau das, was Friedman mit konstruktiver und eben nicht konstruktiver Kritik beschreibt.

    Als unter Destruktivität nicht zu überbieten, sehe ich das, was die Deutschen angerichtet haben und selbst dass wäre vermutlich noch zu überbieten gewesen, wenn man sie nicht aufgehalten hätte.

    Und Killerstaat? Was sind denn die ganzen Regimes von Hitler, Stalin, Pol Pot, Saddam, Taylor u.v.a. gewesen, wenn Israel der Killerstaat sein soll?

    Warum wird hinsichtlich Israel immer alles hochgekocht?

  5. Nun, Israel soll einfach anfangen eine konstruktive Politik zu machen – die Aktion auf dem Mittelmeer war und ist an Destruktivität nicht zu  überbieten – und diese Aktion liefert allen  Gegnern Israels eine Steilvorlage das Land als Killerstaat der sich seine eigenen Gesetze macht zu bezeichnen! …
     
     

  6. Auch Thomas L. Friedmann betreibt ein klein wenig Augenwischerei, wenn er nicht erwähnt, dass nicht allein die Siedlungen, sondern AUCH die israelische Gewalt gegen Palästinenser ein sehr ernstes Problem ist und nicht etwa allein die Gewalt der Hamas gegen Israelis, welche vergleichsweise sehr viel geringer ausfällt.

    In diesem Sinn hat auch dieser Artikel durchaus noch demagogische Qualitäten, da er nahe legt, was man geflissentlich übersehen sollte, um nicht angeblich mit gutem Grund Antisemit genannt werden zu dürfen. Natürlich kann es nicht darum gehen, Israel, Juden, Judentum etc. zu delegitimieren, aber eine Politik, die den Frieden regelrecht verunmöglicht, sollte man beim Namen nennen, und der Umstand, dass Leute wie Herr Friedmann das eine und das andere ständig gleichsetzen, soll die Kritiker, welche den ehrlichen kritischen Blick nicht scheuen, diskreditieren.

    Auch er nimmt nicht zur Kenntnis, dass es den Palästinensern auf Grund der umfassenden israelischen Kontrolle über Gaza, welche niemals wirklich beendet wurde, gar nicht möglich wurde Gaza in eine wirtschaftliche erfolgreiche Enklave zu verwandeln, bestätigt hat dies seinerzeit der ehemalige Chef der Weltbank James Wolfensohn.

    ‚ James Wolfensohn, the former chairman of the World Bank, warned yesterday that Gaza was in danger of becoming a „giant prison“ after Israeli withdrawal unless there was swift agreement on freeing the passage of goods and people through border crossings.‘

    http://www.independent.co.uk/news/world/middle-east/gaza-in-danger-of-turning-into-a-giant-prison-says-mideast-envoy-515205.html

    In diesem Sinne kann man gar nicht anders als von Gaza als einem großen Freiluftgefängnis sprechen.

    Selbstverständlich unterstellt man den Israelis, dass diese es begrüßt hätten, wenn sich Gaza positiv entwickelt hätte. Bei näherem Betrachten stellt sich aber dieses positive Vorurteil als Fehler heraus, der sich hartnäckig in den Köpfen vieler festsetzt, die die Realität einfach nicht wahrhaben wollen.

    Die israelische Führung jedenfalls setzte mit dem Abzug konsequent alles daran, dies zu verhindern und machte nicht mal einen Hehl daraus,

    ‚ Weisglass hat die Regel vergessen, nach der diejenigen, die Außenminister, Verteidigungsminister, Kabinettsmitglieder und Botschafter übergehen und direkt im Namen der Regierung sprechen, verpflichtet sind, diskret zu sein. ..
    Indem er Ari Shavit in einem Ha’aretz-Interview (Ha’aretz-Friday-Magazine vom 8. Oktober) sagte, der Abkoppelungsplan sei eine Art, den politischen Prozess einzufrieren und die Gründung eines palästinensischen Staates zu verhindern, stellte Weisglass Sharon letzten Endes als einen Betrüger und Lügner hin und zog das Land in einen Wirbelsturm von Dementis und Entschuldigungen…

    Eine der Bemerkungen, die den Leuten den Kragen zuschnürte, war Weisglass‘ Bezug auf die chemische Lösung Formaldehyd. Für diejenigen, die es nicht wissen, sei gesagt, dass dies eine Lösung ist, in der Leichen und Körperteile aufbewahrt werden. Weisglass beschrieb die Abkoppelung als Formaldehyd, in das der Plan des Präsidenten eingetaucht wird, um den politischen Prozess mit den Palästinensern am Fortgang zu hindern. Bush lachte also über seine Witze. Doch das Hauptthema ist Weisglass‘ Erfindung zur Einfrierung des politischen Prozesses, um die Entstehung eines palästinensischen Staates zu verhindern. „Die Siedler sollten einen Reigentanz um das Büro des Premierministers tanzen“, sagte Weisglass zu Recht.‘

    http://www.nahost-politik.de/israel/regierung/weissglas.htm

    Die Siedlungen sind zweifelsohne das größte Hindernis für die Schaffung eines tragfähigen palästinensichen Staates, der alleine Grundlage für eine Entwicklung zu echtem Frieden sein kann.

    Die palästinensiche Gewalt losgelöst von der israelischen zu sehen, und zwar nicht nur der strukturellen, sondern auch ganz klar, der physischen Gewalt durch den IDF und durch Siedler verharmlost die israelische Politik, um die Verantwortung hierfür einseitig den Palästinensern unterzuschieben.

    Ohne echte, ehrliche und unvoreingenommene Bestandsaufnahme der Situation ist aber eine Verbesserung nicht wirklich möglich und das beinhaltet auch die Notwendigkeit die Scheuklappen abzulegen und nicht nur negative, sondern auch positive Vorurteile abzulegen.

    Artikel wie der Herrn Friedmanns appelieren immerzu an das Mitgefühl für die Israelis. Ich wünsche den Israelis einen tragfähigen, sicheren Staat und ich mache in keiner Weise ‚die Israelis‘ oder ‚die Juden‘ für die Misere verantwortlich, da es keine Haftung des Individiums gibt und diese auch völlig illegetim ist, wie es mir dauernd unterstellt wird, in dem Ansinnen alles was an israelische Verantwortung mahnt auszuklammern. Die israelische Politik hingegen sehe ich ganz klar in der Verantwortung und man sollte diese auch nicht davon frei sprechen.

    Ich frage mich schon, wo eigentlich das Mitgefühl für die Palästinenser bleibt und warum Herr Friedmann dazu so gar nicht in der Lage ist.
    Zu einer faktengerechten Analyse trägt sein Artikel jedenfalls wenig bei.
     

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