50 Jahre in Sibirien

Gestern verstarb Margit Bartfeld Feller im Alter von 96 Jahren in Tel Aviv. Sie wurde 1923 in Czernowitz geboren, 1941 deportierten die Sowjets die gesamte Familie nach Sibirien. 1948 heiratete sie in Sibirien, den ebenfalls aus Czernowitz verschleppten Kurt Feller und bekam eine Tochter. Margit Bartfeld-Feller arbeitete in einer Musikschule in Tomsk, Kurt Feller, der Architekt, starb 1979. 1990 durfte die gesamte Familie nach Israel ausreisen. Margit begann in Tel Aviv zu schreiben, ihr Leben aufzuschreiben, ihr Leben in der Bukowiner Heimat, ihr 50 Jahre langes Leben in Sibirien…

Von Christel Wollmann-Fiedler

12 Bücher schrieb Margit Bartfeld-Feller bislang, die von Professor Dr. Erhard Roy Wiehn herausgegeben wurden und im Hartung-Gorre Verlag in Konstanz erschienen sind. Geehrt wurde Margit Bartfeld-Feller mit dem Theodor Kramer Literaturpreis 2013 in Österreich. In ihrer Wohnung in Tel Aviv überreichte im Mai 2014 der Österreichische Botschafter in Israel, Dr. Franz Josef Kuglitsch, der Schriftstellerin und Zeitzeugin für ihre hochinteressanten und historisch sehr wichtigen Bücher das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst.

Ein langes Leben hat Margit Bartfeld gehabt, ein schwieriges sowieso. Bei ihren liebevollen Erzählungen über Czernowitz wurde sie wieder eine junge Frau, man konnte meinen, sie hat die Stadt nie verlassen. Die Gedanken an ihr behütetes Elternhaus haben sie ständig begleitet.

Ein Gespräch mit Margit Bartfeld-Feller in Tel Aviv im Jahr 2012

Von Christel Wollmann-Fiedler

Die Bukowina bezeichnest Du als eine Märchenlandschaft. War sie es wirklich oder sind das wiederkehrende Träume im Alter?

Kaiser Franz Josef hatte den Juden in der Bukowina, in Czernowitz, viele Rechte eingeräumt. Wir konnten deshalb beginnen zu leben und zu schreiben. Sehr viele Dichter, sehr viele Lyriker kamen aus Czernowitz. Sie wollten schreiben, nochmals schreiben, alles der Welt erzählen. Außerdem fühlte man in Czernowitz nicht die Unterschiede zu den nichtjüdischen Bewohnern. Es gab ja noch andere, Ruthenen, Deutsche, Griechen, Türken, Katholiken, Protestanten, Griechisch Orthodoxe, eben verschiedene Völker und Religionen. Ein Vielvölkerstaat, sagt man. Man hat in Freundschaft und guter Nachbarschaft nebeneinander gewohnt und wir Juden haben uns dazugehörig gefühlt. Dann kam 1918 die rumänische Sprache, die Bukowina wurde Rumänisch. Im Lyzeum mussten wir alle Rumänisch sprechen.

Ich komme nochmal auf die Märchenlandschaft zu sprechen

Die Natur ringsherum, die Karpaten zum Wandern und Bergsteigen, das alles war für mich eine Freude. Meine Eltern waren Sportler, wir sind gerne in die Berge gegangen. Für mich war das wie ein Paradies. Der Cecina bei Czernowitz, die Wasserfälle, die Natur, die Blumenpracht im Frühling, habe ich schon als Kind und Jugendliche sehr genossen. Ich will nicht übertreiben, wirklich nicht, aber das war eine Märchenlandschaft für mich.

Auch Dein Schwärmen über Czernowitz kehrt immer wieder. Die Liebe von damals könnte sich in einen Mythos verwandelt haben?

Mein Papa war ein Freund von Elieser Steinbarg und war ein Liebhaber von Lyrik, ein Liebhaber der jüdischen Geschichte und Sprache und hat mir das Lesen eingeimpft. Viel erklärt hat er uns Kindern, meinem jüngeren Bruder und mir. Papa war von den Fabeln Elieser Steinbargs sehr begeistert. Die Eltern veranstalteten literarische Abende, dazu wurden interessierte Anhänger der Fabeln von Steinbarg eingeladen, es wurde an solchen Abenden auch viel gesungen. Im hintersten Winkel sass ich als Kind und habe gestaunt. Das Lied „Liebe kleine Kindalach schlufn, schlufn schoin“ von Elieser Steinbarg geht mir bis heute nicht aus dem Sinn. Das habe ich alles mitbekommen. Damals hat sich für mich eine ganz andere und neue Welt eröffnet.

Das Regime hatte sich geändert, 1940 kamen die Russen nach Czernowitz. Im Russenjahr hat man zwei Jüdische Schulen eröffnet und eine Ukrainische. Das Hofmann-Lyceum, später Lyceum Julia Hasdau, in das ich damals ging, wurde aufgelöst. Natürlich hat der Papa mich in die Jüdische Schule geschickt. Professor Hersch Segal, Professor Chaim Gininger und Lebu Levin waren dort unsere Professoren. Hersch Segal war Mathematikprofessor, aber auch Lyriker.

Ich habe in meinem Leben eine große Aufgabe übernommen. Eine Nichte von Edith Silbermann, Amy Colin, kam nach einer meiner Lesungen in Wien zu mir und meinte, dass ich die einzige wäre, die die Sammlungen von Hersch Segal übersetzen kann. Er hat mit den Kindern der Eltern gesprochen, die aus Transnistrien zurückgekommen sind oder in Transnistrien gesehen haben, wie ihre Eltern umgebracht wurden. Die Schüler sollten diese Erlebnisse aufschreiben „Mein schönster und mein schrecklichster Tag in meinem Leben“ war das Thema. Eine große Sammlung von Gesprächen ist entstanden.

In Deiner Familie habt Ihr jüdisches Leben gelebt mit Bräuchen, Gewohnheiten, jüdischen Feiertagen und der Synagoge?

Nein, natürlich nur an den großen Feiertagen, wir waren ja nicht strenggläubig, schon gar nicht orthodox. Wir lebten einfach ein traditionelles jüdisches Leben.

Deine Tante Martha sang im Kinderchor bei Elieser Steinbarg. Joseph Schmidt, der später ein weltberühmter Tenor wurde, war ebenfalls im Chor. Hast Du ihn kennengelernt? Was hast Du über ihn erfahren. Wie war er?

Ja, sie haben alle zusammen im Chor gesungen, auch meine Tante Susi war dabei. Josef Schmidt kannte ich nicht, ich war ja noch gar nicht geboren. Ich kann Dir, wenn Du möchtest die Stücke vorspielen. Elieser Steinbarg hat lebende Bilder geschrieben und sie dann singen lassen. „Liebe klejne Kindalach schlufn, schlufn schojn“, das jüdische Wiegenlied, wurde von meiner Oma zur Mutter weitergegeben, die gab es an mich weiter. Ich sang es mit meiner Tochter Anita und sie wiederum mit ihren Kindern. Hin und wieder hat man mich bei meinen Lesungen gebeten ein jüdisches Lied zu singen. Natürlich sang ich dann das Wiegenlied.

Über Deine Klassenkameradinnen in Czernowitz schreibst Du sehr schön, hast sie in Erinnerung behalten. So auch Selma Meerbaum Eisinger. Ihr Gedichtsbändchen liegt auf meinem Schreibtisch und dieses glückliche jugendliche Gesicht strahlt mich an. Was war das für ein Mädel, ich bin neugierig, erzähl mir bitte über sie?

Sie war ein ganz besonderes Mädchen. Wir haben auch andere Mitschülerinnen gehabt, die interessant waren. Sie hat so etwas ganz besonderes ausgestrahlt. Sie hat ihre Gedichte gedankenverloren und ganz einfach vorgetragen. Mit Renee Abromovich und zwei anderen Mädels sind wir nach dem Unterricht oft mit Selma zusammen gewesen und waren immer begeistert von der Selma. Selma war ein himmelhochjauchzend, zu Tode betrübter Mensch! Sie konnte tanzen und lachen. Unter der Schulbank hat sie heimlich Gedichte geschrieben und Bücher gelesen. Wir haben dieses Geheimnis gehütet. Das ist mir so in Erinnerung geblieben. Sie wollte nicht so gerne lernen. Sie war ein armes Mädelchen von zu Hause. Der Vater starb und die Mutter heiratete Eisinger. Die Familie war arm. In einem ärmlichen Haus in der Bielergasse 38, in dem es kein Wasser und kein Licht gab, ist sie aufgewachsen. Sie ist zu uns gekommen, wir gingen aber nicht zu ihr. Sie hat sich geniert, deshalb hat sie uns nicht eingeladen. Wir sollten anscheinend in diese Ärmlichkeit nicht hineinblicken. Dabei haben wir sie sehr gemocht. Sie war ein großer Stern für uns.

Ich war sehr daran interessiert, dass für sie in Czernowitz eine Gedenktafel angebracht wird. 2004 wurde die Tafel an dem Haus, in dem sie wohnte, endlich aufgehängt. Liane Shmueli und Helmut Kusdat, auch Peter Rychlo und meine Tochter Anita waren dabei. Ich habe über Selma erzählt und Kerzen wurden aufgestellt.

Europa begann spätestens mit Beginn des 2. Weltkrieges aus den Fugen zu geraten und von heute auf Morgen veränderte sich die Welt, das Leben der Menschen, vor allem der jüdischen Bevölkerung. Im Juni 1941 wurdest Du mit den Eltern und Deinem jüngeren Bruder von den Sowjets aus Czernowitz abgeholt, in einen Güterzug gepfercht und nach Sibirien nach Tscheremoschinski in die Nähe von Tomsk deportiert. Ahntest Du, was auf Dich zukommt?

Nein, es war einfach schrecklich, wir wussten gar nichts! Als man uns abholte, sollten wir in 20 Minuten alles zusammenpacken. Wir wussten nicht, werden wir zur Polizei gebracht, oder irgendwo hingefahren. Nicht ein Wort hat man uns gesagt. Ich hatte ein bisschen Glück. Ein junger Komsomoles, ein Soldat, hatte Mitleid mit mir. Er wollte mein Zimmer sehen. Ich hatte ein wenig Angst. Er nahm die große Tischdecke, warf alle Kleider aus dem Schrank auf das Tuch und raffte es zu einem Bündel zusammen. Das war alles, was wir mitnehmen konnten. Zwei bis drei Jahre hatten wir nichts zu essen, außer Beeren und Hagebutten. Es war eine fürchterlich schwere Zeit. Transnistrien war sehr schwer für die Juden, man hat getötet und viele sind verhungert, doch das waren ein bis zwei Jahre.

Stalin war schlau. Er brauchte keine Kugeln zum Töten. Er hat uns in den Sumpf verbannt und wusste, dass dort die Menschen umkommen. Man muss gar nicht viel tun und die Menschen gibt es nicht mehr, alles ist damit erledigt.

Die aussichtslose Lage ging weiter und Du kamst in das ärmliche Dorf Krassnojarka. Wieder spürtest Du an Leib und Seele die Aussichtslosigkeit. Ich vermute Du kamst in einen Flecken Erde, wo kaum Zivilisation war.

Oh, ja ein ärmliches Dorf am Wasjuganfluss, ein  „Todesnest“. Dort lebten Bauern. Die einen waren hasserfüllt, die anderen, vor allem die Babuschkas, die alten Frauen, hatten Mitleid mit uns. Sie gaben uns Kartoffelschalen, nicht Kartoffeln. Sie haben uns schrecklich ausgenutzt. Meine Mutter konnte nähen, dafür bekam sie ein paar Kartoffeln. Es war wirklich eine ziemlich aussichtslose Lage. Die großen Moskitos und Fliegen haben uns ganz schrecklich geplagt. Nach unserem Ankommen in Sibirien waren wir am nächsten Tag  kaum wiederzuerkennen, so verbissen waren wir, bluteten und die Augen waren geschwollen. Manch junge Leute haben diese ausweglose Situation nicht wahrhaben wollen und flüchteten. Ein Geschwisterpaar Regenbogen kam zu meiner Mama und bat um Dinge zum Eintauschen. Dann verschwanden sie. Man hat sie später im Sumpf völlig zerfressen von den großen Ameisen gefunden. Ich erinnere mich auch noch an andere junge Burschen, die geflüchtet sind. Man hatte sie erschossen, auch erledigt!

Jemand meinte damals wie Du geschrieben hast in einem Buch: Du gewöhnst Dich, oder krepierst! Wurde diese Aussage zu einer Überlebensphilosophie?

Ja, natürlich: entweder Du gewöhnst Dich, oder krepierst! Ein alter Mann hatte das zu meiner Mama gesagt. Daraufhin begann sie zu kämpfen. Der alte Bauer Tichonitsch kam hummpelnd zu meiner Mutter Cilly und erzählte ihr, dass ein Pferd in den Abgrund gestürzt sei. „Wenn Du hingehst, kanns Du Fleisch herausschneiden“. Stell Dir die Tapferkeit meiner Mama vor, sie war damals 45 Jahre alt. Sie hatte ein kleines Klappmesserchen und einen Rucksack. Sie kam am Abhang an und kletterte hinunter bis zu dem Pferd. Die Geier kreisten bereits über dem toten Pferd. Stück für Stück hat sie herausgeschnitten und mit dem Fleisch den Rucksack gefüllt. Sie hatte kaum noch Kraft, sie war sehr zart, und ist mit dem Rucksdack den Berg wieder heraufgekrochen und zerrte ihn bis zu unserer Hütte hinter sich her. Im Zimmer hatten wir einen russischen Ofen, den hat sie eingeheizt und Stück für Stück das Fleisch gebraten. Es duftete und alle Nachbarn waren baff. Ein fast verhungerter Nachbar kam und wollte wissen, woher der wunderbare Bratenduft kommt. Für mich war das auch so ein grosser Moment als ich später von der Arbeit kam und für meinen Bruder Otti auch.

Die Männer aus dem Dorf waren im Krieg. Täglich starben Menschen vor Hunger, Erschöpfung und an Krankheiten. Wir mussten sie begraben. Ein Herr aus Czernowitz hatte eine Grube ausgehoben. Nun stand er darin und meinte: Fräulein Margit, jetzt reichen Sie mir bitte die Leiche.“ Damals war das schrecklich, schrecklich für mich, heute ist es eine skurille Begebenheit und ist fast zum Lachen!

Die Winter sind lang und kalt in der Taiga in Sibirien. Wie und unter welchen Bedingungen wohntest und arbeitest Du dort?

Vorstellen kann sich das niemand. Ich hatte ein Skijäckchen aus Czernowitz mitgebracht. Das trug ich, mit einem Strick umgebunden, doch keine Fussbekleidung. Meine Mama war sehr erfinderisch. Papa war längst nicht mehr am Leben, nur ein Jahr war er mit uns in Sibirien. In einem Kolchos arbeitete er in der Trockenkammer, wo Getreide getrocknet wurde. Mit bloßen Füssen stand er auf dem Getreide und lüftete es mit einem Rechen.

Nur eine dicke Decke hatten wir und Mama beriet mit uns. Wir werden auf den Bänken schlafen und die Decke werden wir opfern. Sie wollte daraus für uns Socken und Stiefel anfertigen. Das war die Lösung. Von Papa hatten wir noch eine alte Aktentasche aus Leder. Daraus hatte sie die Sohlen geschnitten. Die Eingeborenen, die Ostiaken, haben so etwas Ähnliches angefertigt. Bei denen konnte man eventuell so einen Strumpf-Stiefel kaufen. Wie ich angezogen war, wenn ich auf die Bäume gekrochen bin, weiß ich kaum noch. Zuerst konnte ich nicht auf die Fichten klettern, ich schaffte es einfach nicht. Dann hatte ich es gelernt. Wir mussten Fichteäste herunterhacken von den Bäumen. Unten auf dem Boden lagen dicke Seile, auf die wir die Äste fachmännisch aufgestapelt haben. Die Stricke wurden zusammengebunden. Dann krochen wir unter die schweren, riesigen Bündel, mindestens 30 kg schwer, die wir dann sehr gebückt, fast kriechend zur Sammelstelle gebracht haben. Ochsen brachten die Bündel von der Sammelstelle zur Verarbeitung. Dort stand ein Holzbottich, der so gross wie ein Zimmer war. Auf einer Leiter krochen wir am Bottich hoch und warfen die Fichtenzweige hinein. Der Bottich wurde hermetisch verschlossen. Es dauerte lange bis das Öl Tropfen für Tropfen aus dem Hahn lief. So wurde Fichtenöl aus den Nadeln gewonnen. Das Öl war sehr teuer, und wir durften nicht einen Tropfen für unsere zerschnittenen und zerrissenen Hände davon nehmen. Man hätte uns eingesperrt.

Zederzapfen sammelten wir bei Tag, in Säcken trugen wir sie zu einer Holzkiste, in der ein Drahtgitter angebracht war. Die Zapfen schütteten wir hinein, das Feuer darunter öffnete die Zapfen und wir haben nachts die Nüsse aus den Schalen gelöst. Wir mussten sie natürlich auch abliefern, durften sie nicht essen. Wir hatten kein Brot, dann haben wir doch mal eine Handvoll gestohlen. Der einzige Ausweg am Leben zu bleiben!

Überall in Europa war Krieg, die Vertreibung der Menschen aus dem Osten begann, die Juden wurden in die Gaskammern getrieben und ermordet, die Versorgung der Menschen wurde knapp. Hunger war die Folge. Wie hast Du Dich und Deine Familie versorgt?

Im Winter war die Versorgung fast nicht möglich. Zwei Monate nur war Sommer, ein wenig Frühling und acht Monate Winter war in der Taiga. In der Taiga sammelten wir Pilze, pflückten Hagebutten und Heidelbeeren, Männer und Frauen haben gefischt. Meine Mutter wäre fast gestorben vor Hunger, mein Bruder rettete sie. Otti hatte ein paar kleine Fische, Tschappys, gefangen, direkt übers Feuer gehalten und Mutter gegeben. Sie begann zu schauen und zu leben. Wenn ich das erzähle, wird mir eisekalt!

Die Hungerzeit begann extrem mit dem Winter. Wie waren angewiesen auf mitleidige Einheimische, die uns etwas zusteckten. Fischgräten sammelten wir, trockneten sie und haben daraus Mehl gemacht. Mit Kartoffelschalen mischten wir das Mehl, gaben Wasser hinzu und brieten das Ganze auf einer Eisenplatte. Brennesseln und Hagebutten erhielten uns mit ihren Vitaminen am Leben.

Zufälle gab es auch in der russischen Taiga, so am Flughafen Kargassok nach Deiner Blinddarmoperation, die eigentlich gar nicht stattfand, sich aber die Wunde zur Sepsis entwickelte.

Flughafen kann man kaum sagen. Es war eine Baracke. Der Leiter vom Flughafen hatte mir angeboten über Nacht zu bleiben, zuvor war ich operiert worden und konnte nicht nach Hause. Den Piloten diente die Baracke als Nachtlager und wenn sie einverstanden wären, könnte ich bleiben. Abends kamen die acht Piloten, mit denen ich bereits Russisch sprechen konnte. Mich hatten sie in kürze lieb gewonnen und wenn sie tagsüber unterwegs waren, habe ich gekocht. Einen Auerhahn schleppten sie an und Fische. Ich kam mir vor, wie Schneewittchen und die sieben Zwerge. Mascha nannten sie mich. Ich hatte eine Blinddarmnarbe, die völlig vereitert war. Es gab kein Verbandsmaterial. Ich musste in die Taiga gehen und Blätter holen zum Abdecken der Narbe.

Die Piloten schliefen auf dem Fussboden und ich, Maschinka, durfte auf dem einzigen Lederdiwan liegen. Mir war nicht klar, wie lange ich dort bleiben konnte, ich war ja krank. Nach acht Tagen hörten wir plötzlich ein Flugzeug. Ein Arzt wurde irgendwohin geflogen, aber das Wetter war schlecht, und die Maschine musste zwischenlanden. Das war mein Glück. Mit einer Krankenschwester war der Arzt unterwegs. Er versorgte die Wunde gut, ließ mir Verbände und Gaze und Rivanol zur Desinfektion.

Gefangen warst Du, musstest schwere Arbeit verrichten. Die Taiga ist weit, die Entfernungen sind groß. Nur alle paar Wochen taucht ein Flugzeug auf zum Transport. Was für ein Lebensgefühl entwickelt sich?

Ich hatte sehr schwere Arbeit zu verrichten und musste Flöße bauen. Vorstellen kann man sich das eigentlich nicht. Der Lebenswille war groß und ich habe mich in das Leben der Piloten eingefügt. Hosen habe ich sogar für sie geflickt. Mein Mann hatte eine Rückflugkarte für mich bezahlt, doch ich konnte nicht zu ihm kommen. In Tomsk hat er eine Karte von Tomsk nach Karkassok und weiter nach Novojugina, wo ich gewohnt habe. Ich musste nun zu einem großen Flughafen kommen und die Piloten haben mir geholfen. Einer meinte: „Mascha, verzweifle nicht, ich werde Dich nach Hause bringen.“ Ich raffte meine wenigen Sachen zusammen, man schubste mich in eine zweisitzige Maschine und wir flogen nach Vasjugan. Der Pilot bekam einen dicken Kuss von mir, wie ich ihm versprochen hatte. Die Bewohner des Dorfes freuten sich und klatschten.

Wusste die Bevölkerung in Sibirien, die Nachbarn, woher Ihr kamt, wer ihr ward, weshalb ihr dorthin verbannt wurdet? Wussten die Menschen, dass Ihr Juden wart? Haben sie sich mit Euch solidarisiert oder haben sie Juden verachtet?

Nein, verachtet haben sie uns nicht, das kann ich nicht sagen. Aber wir waren „Spezielle“. Vor Jahren waren diese Bewohner dasselbe, sie waren ebenfalls nach Sibirien deportiert worden. 1927 begann Stalins große Säuberung und Menschen wurden erschossen oder deportiert. Sie sind alle durch die gleiche Mühle gegangen, doch sie sind nicht solidarisch geworden. Viele haben uns geschadet und viele haben uns verhöhnt. Meine Mama kam zu einem Brotverkäufer, wollte auf Karten Brot holen, doch er gab ihr keines. Sie kam nach Hause und weinte ganz sehr. Von der Arbeit kam sie, wollte Brot haben und er sagte: „Geh nach Hause und wasch Dich, dann bekommst Du Brot“.

War die beschriebene Hungerzeit mit dem Ende des Krieges in der Sowjetunion in Sibirien vorbei oder ging die Armut und das Hungern weiter?

Immer weiter, immer weiter. Später in Tomsk, wo mein Mann studiert hat und ich als Musiklehrerin gearbeitet habe, wurde die Lage ein wenig besser. Ich war Musiklehrerin im Kinderheim. 12 Jahre hatte ich in Czernowitz Klavierunterricht, konnte Noten lesen und einen Chor leiten. Zwei- und dreistimmig haben wir gesungen. Die Noten habe ich alleine zusammengestellt. Es war sehr gut, dass ich dort arbeiten konnte. Man fragte mich, ob ich das Konservatorium schon beendet hätte. Nein, nein meinte ich, hier ist mein Konservatorium! Der Chor hat wunderschön gesungen. Auch Akkordionspielen habe ich mir beigebracht. Ein Grund: dort fand ich ein Akkordeon, Eine „Trophäe“, die die Russen aus Deutschland mitgebracht hatten. Nachts habe ich die Öfen des Heimes geheizt und habe die Zeit genutzt und Akkordionspielen gelernt. In zwei Wochen konnte ich bereits den Donauwalzer spielen. Akkordionspielen war immer ein Traum von mir, Harfe und Gitarre waren weitere Musikträume.

Deinen Mann lerntest Du kennen, Du warst eine junge Frau. War er ein Deportierter oder ein Einheimischer?

Meinen Mann lernte ich bereits in Czernowitz kennen. Ich traf ihn bei meiner Englischlehrerin und er gefiel mir gut. Meiner Freundin Sylvia erzählte ich von ihm und schwärmte ihr vor, dass er Augen wie Sterne hätte! Auf dem Schiff nach Sibirien sah ich ihn wieder. Nachts trafen wir uns und sprachen viel miteinander. Wir wussten noch nicht, wie lange die Fahrt sein wird, hatten auch keine Ahnung, wohin wir fahren. Mit dem Güterwagen kamen wir nach einem Monat in Tomsk an, von hier aus fuhren wir mit dem Schiff auf dem OB und weiter auf den Nebenfluss TOM, der schwarzes sumpfiges Wasser hatte,  bis Vasjugan.Wir wurden nach Tscheremoschinski in verwanzte Baracken gebracht. Kurz zuvor wohnten hier Polen, die nach Hause geschickt wurden. Viel gesungen und erzählt haben wir auf der Reise nach Sibirien. Dann wurde alles schwerer!

Als kleine Familie in einem Zimmerchen in Tomsk habt Ihr später Euer Familienleben gestaltet. Dein Mann studierte und Du hast in der Musikschule gearbeitet

Ja, mein Töchterchen Anita ist in Vasjugan geboren worden. Als Anita zwei Jahre alt war sind wir nach Tomsk gezogen. Ich habe dort bereits in der Schule als Gesangslehrerin gearbeitet. Kurt hat in Tomsk studiert, ist Bauingenieur und Architekt geworden. Vorher in Vasjugan hat er als Fassbinder gearbeitet, Man hat ihn angebettelt, ihm ein Fass zu bauen, so gut konnte er das. Auch Butterfässer baute er. In der Taiga hat er die Bäume selbst gefällt und die Daube geschnitten. Zehn Tage war er dann immer alleine in der Taiga mit dem Hund Schnucki.

Mit einem Laienorchester bin ich von Herberge zu Herberge gezogen, um für die Waldarbeiter Konzerte zu geben. Ich erfuhr, dass mein Kurt ganz in der Nähe ist. Da bin ich im Winter viele Kilometer in der Taiga zu ihm gelaufen. Er wohnte in einer Hütte bei einer Osiakin. Sie war sehr gastfreundlich. Ein riesengroßer Tisch stand in der Mitte der Hütte, Klötze zum Sitzen rundherum. Zum Nachtmahl sassen Kurt und ich mit der gesamten Familie am Tisch. Kurt flüsterte mir zu, dass ich alles annehmen soll, was mir die Älteste der Familie anbietet. Da kommt die alte Gana herein mit einem riesengroßen Klumpen Fleisch, rohes gefrorenes Fleisch. Zu Hause haben wir uns ganz schrecklich gefreut und aßen die Stroganina.

Dann wurde für uns alle das Nachtlager auf dem Boden vorbereitet mit verschiedenen Fellen. Die Osiakin schlief auf einem Holzbett. Morgens schenkte sie mir ein großes Rentierfell. Ach, war ich froh, doch wie sollte ich das transportieren? Die Osiakin, die ständig Pfeife rauchte, rollte das Fell wie einen Rucksack zusammen. „So, lauf!“ sagte sie zu mir. Anita, meine Tochter, die 1954 zur Welt kam, ist auf diesem Fell groß geworden.

Wie gingen die Jahre weiter? Warum bist Du so spät nach Israel gekommen?

Wir sind in den Jahren oft nach Moskau gefahren und haben bei der Regierung um Auswanderung nach Israel gebeten, doch erst nach der Öffnung der Grenzen in Europa, nach der Perestroika, durften wir uns auf den Weg nach Israel machen. Mit meiner Mutter Cilly, meiner Tochter Anita, ihrem Ehemann und den beiden Enkelsöhnen kamen wir 1990 in Israel an.                                           

Bild oben: Margit Bartfeld-Feller im Jahr 2015 in Tel Aviv, C.W.-F.

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