80 Jahre Pogromnacht – Zeitzeugenberichte aus Nürnberg

Am 9. November 1938 brannten in Deutschland die Synagogen, Menschen wurden ermordet und ihres Eigentums beraubt. Die Pogromnacht war der Auftakt zur Vernichtung der jüdischen Bevölkerung. In unserer neuen Serie, die am 4.11. mit dem erstem Portrait startet, berichten jüdische Emigranten aus Nürnberg über die Geschehnisse in der ehemaligen Stadt der Reichsparteitage…

In der rund 970-jährigen Geschichte Nürnbergs war der Umgang mit der jüdischen Minderheit geprägt von Diskriminierung und Pogromen. Dennoch wohnten und arbeiteten über Jahrhunderte Juden in der Stadt, wobei es in den Jahren 1499 bis 1850 eine große Unterbrechung gab. In den 1920er Jahren lebten über 9.000 Juden in Nürnberg. Nach der Shoa gründete eine Handvoll Überlebende eine neue Gemeinde. Zum Beginn der 1990er Jahre zählte die IKG Nürnberg rund 300 Mitglieder. Danach hat die jüdische Gemeinde Nürnberg viele Hundert sogenannten Kontingentflüchtlinge aus der ehemaligen Sowjetunion aufgenommen, sodass heute knapp 2.000 Menschen jüdischen Glaubens in der Frankenmetropole leben.

Nach der Wahl Hitlers zum Reichskanzler wurde schon am 16. März 1933 der Fraktionsführer der NSDAP, Willi Liebel, zum »kommissarischen« Oberbürgermeister Nürnbergs ernannt. Unmittelbar nach der sogenannten Machtübernahme kam es zu willkürlichen Verhaftungen. Die Menschen wurden zumeist nach Dachau verschleppt und dort ermordet. Der damalige Sekretär der Israelitischen Kultusgemeinde, Bernhard Kolb, berichtet:

»Schon im März 1933 wurde eine große Anzahl der Gegner Streichers, darunter vor allem denunzierte oder aus sonstigen Gründen besonders missliebige Juden, verhaftet. Ich erinnere mich besonders an den Fall des Nürnberger Rechtsanwaltes Rosenfelder, der wiederholt in Beleidigungs- und Verleumdungsprozessen gegen Streicher aufgetreten war. Bald nach seiner Verhaftung wurde Rosenfelder nach Dachau überführt und dort umgebracht. […] Außer Rosenfelder wurde im gleichen Monat auch eine Anzahl anderer jüngerer Juden verhaftet und nach Dachau gebracht. […] Auch die­se wurden im Lager später getötet. Ich wurde in meiner Eigenschaft als Geschäftsführer der Israelitischen Kultusgemeinde stets davon verständigt, dass die Leichen der Getöteten im Lager in Dachau abgeholt werden könnten. […] Obwohl die Särge verschlossen waren, habe ich sie öffnen lassen. Ich habe die Leichen identifiziert und außerdem festgestellt, dass die Verstorbenen durch Schüsse getötet worden waren.«

Neben den schon fast alltäglichen Übergriffen kam es im April 1933 zum ersten reichseinheitlich durchgeführten Boykott-Tag gegen jüdische Geschäfte. SA-Männer postierten sich vor den Läden und verwehrten den Kunden den Zutritt. Nach Abschluss der Aktion wurde die Israelitische Kultusgemeinde gezwungen, die Kosten für die NSDAP-Posten zu übernehmen. Die Ausgrenzung der Juden machte auch vor den Ärzten nicht halt. Man verbot den Medizinern die Benutzung der Operationssäle in der städtischen Poliklinik. Die verbeamteten Ärzte wurden entlassen. Grundlage war das »Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums« vom 7. April 1933. Ähnlich erging es den Rechtsanwälten. Mit einem entsprechenden Reichsgesetz wurde auch ihnen die Ausübung ihres Berufes untersagt.

Im Juli 1933 drangen Mitglieder der SA in die Häuser jüdischer Geschäftsleute ein und »beschlagnahmten« Schuldscheine und Kontobücher. Man verhaftete etwa 300 Juden. In den Aufzeichnungen Kolbs heißt es dazu:

»Sie wurden durch die Straßen geführt, geschlagen und schließlich nach einem SA-Sportplatz im Süden Nürnbergs gebracht. Unter ihnen waren mehrere mit 70 Jahren und mehr. Sie wurden zu den erniedrigendsten Arbeiten gezwungen und schließlich musste eine Anzahl mit den Zähnen Gras ausrupfen.«

Die Ausgrenzung erfolgte auf allen wirtschaftlichen und sozialen Ebenen. Am 15. September 1935 erließ der Reichstag die »Nürnberger Gesetze«. Mit dem »Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre« und dem »Reichsbürgergesetz« waren die Juden nun auch »legal« zu Menschen zweiter Klasse abgestempelt.

Während des NS-Regimes wurden in Deutschland reichsweit mehr als 3.000 anti­jüdische Verordnungen und Rechtsvorschriften erlassen. Mit der Verabschiedung des »Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums« verwirklichten die Nazis bereits im April 1933 eine ihrer im Parteiprogramm der NSDAP verankerten zentralen Forderungen: Juden war es fortan untersagt, ein öffentliches Amt zu bekleiden. Alle »nichtarischen« Beamten wurden entlassen. Lediglich solche Personen, die bereits vor dem 1. August 1914 beim Staat beschäftigt waren oder im Ersten Weltkrieg an der Front kämpften, durften ihren Dienst weiter versehen. Als »nichtarisch« galt, wer von jüdischen Eltern oder Großeltern abstammte; es genügte, dass dabei ein Teil der Vorfahren »nichtarisch« war. Eine weitere antijüdische Verordnung aus dem Jahre 1938 befahl, dass Männer den Namen »Israel« und Frauen den Namen »Sara« anzunehmen hatten. Ab Oktober wurden die Pässe der deutschen Juden mit einem großen »J« gekennzeichnet.

Nach dem Novemberpogrom von 1938 verschärfte sich die massive Verdrängung der Juden aus dem Wirtschaftsleben. Jüdisches Vermögen wurde erfasst und beschlagnahmt. Mit der »Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben« ergänzte man die bereits bestehenden Berufsverbote: Juden war es nunmehr verboten, als leitende Angestellte oder Betriebsführer zu arbeiten. Ab 1939 folgten zahlreiche Regelungen, die den Juden untersagten, sich zu bestimmten Zeiten oder an bestimmten Orten in der Öffentlichkeit zu zeigen. Juden durften nach 22 Uhr nicht mehr ihre Wohnungen verlassen; außerdem konnten Zuweisungen in bestimmte Wohngebiete oder Häuser von Amts wegen verfügt werden. Nach Kriegsbeginn mussten die Juden ihre Radios und Telefon­apparate abgeben und ihre Lebensmittelrationen wurden gekürzt.

Mit der Polizeiverordnung über die Kennzeichnung der Juden vom 1. September 1941 verpflichteten die Nazis alle Juden im Reichsgebiet, die älter als sechs Jahre alt waren, einen gelben sechszackigen Stern mit schwarzer Inschrift »Jude« zu tragen. Ab Oktober 1941 wurde den Juden das Verlassen Deutschlands untersagt. Es gab kein Entkommen mehr; das Schicksal der deutschen Juden war besiegelt. Mit den nun einsetzenden Deportationen in den Osten begann die sogenannte Endlösung.

Entsprechend einer Volkszählung lebten im Sommer 1933 noch 7.502 Juden in Nürnberg; kaum sechs Jahre später zählte man lediglich 2.611 Personen. Am Vorabend der ersten Deportationswelle im November 1941 verzeichneten die Personenregister nur mehr 1.835 jüdische Männer, Frauen und Kinder.

Zwischen Februar 1933 und Dezember 1939 hatten die meisten Juden die Frankenmetropole verlassen. Viele flüchteten direkt in die Emigration, einige zogen zuerst in andere deutsche Städte. Nach Unterlagen aus dem Statistischen Amt der Stadt Nürnberg wurden im vorgenannten Zeitraum 2.747 Auslandspässe ausgestellt; die Zahl der jüdischen Emigranten lag jedoch höher, als sich allein aus der Zahl der ausgestellten Reisedokumente ersehen lässt. Die Differenz erklärt sich dadurch, dass viele Nürnberger Juden in den ersten Jahren des NS-Systems noch im Besitz von gültigen Pässen waren.

Die Vereinigten Staaten von Amerika gehörten zu den Ländern, die auf der Wunschliste der Auswanderer an erster Stelle standen. Etwa 40 Prozent der Flüchtlinge übersiedelten in die USA; ein Fünftel emigrierte nach England, während es lediglich knapp zehn Prozent der Nürnberger Juden waren, die nach Palästina auswanderten. Die Nachbarländer Holland und Frankreich boten rund 200 jüdischen Bürgern erste Zuflucht vor den Nazis; der Rest wurde in alle Welt verstreut. Insgesamt gelang zwischen 1933 und 1939 etwa 2.500 jüdischen Bürgern die direkte Flucht aus der Stadt der Reichsparteitage. Dazu kommen noch rund 3.000 Nürnberger, die in andere deutsche Städte verzogen; etwa die Hälfte von ihnen konnte sich von dort ins Ausland retten. -(jgt)

Bild oben: Magdeburg.- Zerstörtes jüdisches Geschäft (nach „Reichskristallnacht“ am 9.11.1938).- Hermanns & Froitzheim mit zerbrochenen Glasscheiben, Bundesarchiv, Bild 146-1970-083-42 / CC-BY-SA 3.0

Jakob Goldberger
„In der »Kristallnacht« hat mich ein christlicher Freund mit in seine Wohnung genommen. Dort habe ich die Nacht verbracht, damit ich nicht den Nazihäschern in die Arme laufe“…

Alisa Kirby
„Viele wurden mitgenommen und ins Konzentrationslager gebracht, aber nicht mein Vater. Er hatte sich drauf vorbereitet … seine ganzen Orden vom Krieg rausgeholt, aber man hat ihn nicht geholt“…

Martin Mayer
„Bei der sogenannten Kristallnacht vom 9. auf den 10. November 1938 war ich Gott sei Dank nicht mehr in Deutschland. Da war ich schon auf Kuba. Aber meine Frau war noch in Nürnberg“…

Albert Meinhardt
„Am 9. November 1938 haben meine Eltern von ihrer Wohnung aus beobachtet … ich glaube es war die SA, angefangen hat, das Haus des Bankiers Kohn zu zerstören. Und als sie fertig waren, kamen sie zu uns und zerstörten einen sehr großen Teil unserer Möbel“…

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