Wir müssen uns entscheiden: Hardliner oder Demokratie

In seiner Abschiedsrede vor der Liberalen Jüdischen Gemeinde in München spricht Roy Siny, der israelische Gesandte der WUPJ (World Union of Progressive Judaism), von Israel als einer Gesellschaft deren ungerechte Lastenverteilung und vom Extremismus bestimmtes Bildungssystem eine Spaltung nur noch weiter aufreissen und die Existenz des Staates mehr gefährden als jeder äußere Feind…

Roy Siny (English Version)

Liebe Gemeinde,
normalerweise wendet sich ein Schaliach, ein Gesandter aus Israel, in Krisenzeiten an die Gemeinde. Wir erinnern uns an die Gaza-Flotilla, Militäroperationen oder auch Kriege. In der Regel weisen wir auf äußere, fremde Gefahren für unser jüdisches Heimatland hin.

Ich bin froh darüber, dass es seit ich in München angekommen bin, keinen solchen Anlass gegeben hat. Heute, kurz bevor ich München in Richtung Berlin verlasse, möchte ich die Gelegenheit nutzen und über Entwicklungen im Inneren des Landes zu sprechen.

Ich denke, wir haben über all die Jahre hinweg nur die Bedrohungen von außen – außerhalb der israelischen Grenzen – wahrgenommen. Probleme im Inneren der israelischen Gesellschaft wurden verharmlost, geleugnet, verdrängt und Debatten darüber an den Rand gedrängt.

Dabei hat die Gründergeneration Israels ihrer Folgegeneration einen Modellstaat hinterlasssen: Einen Ort zu dem sich eine jede und ein jeder hinzugehörig fühlen konnte und davon überzeugt sein konnte, einen eigenen Beitrag zum Aufbau dieses Wunders zu leisten.
Die zweite Generation jedoch missbrauchte das in sie gesetzte Vertrauen. Anstatt die Aufbauarbeit ihrer Vorväter und -mütter fortzusetzen, wollten die Vertreter der zweiten Generation lieber die ökonomischen Früchte genießen, das politische Spiel überließen sie den Extremisten, die die Kontrolle über den religiösen, politischen und zionistischen Diskurs in Israel gerne übernahmen und so – basierend auf einem Mix aus Vulgärkapitalismus und Hardlinertum – Realitäten schufen, unterstützt von einem machtversessenen und finanzkräftigen ultra-orthodoxen Establishment.

Doch was uns betrifft, die dritte Generation, so wurde uns jahrelang glauben gemacht, zur Armee zu gehen und später als Reservisten zu dienen, ein Vermögen an Studiengebühren zu entrichten, für eine Wohnung in Tel-Aviv mehr Miete zu zahlen als im Stadtzentrum Münchens und mit jedem Einkauf im Supermarkt tiefer in die Schuldenfalle zu sinken. Uns wurde glauben gemacht, dass es in einem Land das sich andauernd verteidigen muss, unverzichtbar sei und dies der Prei,s den wir zu zahlen haben.

In der Realität jedoch gab es Andere, die diesen Preis nicht zahlen mussten. Während Hochschulabsolventen es trotz Arbeit nicht schaffen, ihre nicht mehr enden wollenden Bankschulden zu tilgen, gibt es Leute in Israe,l die in den letzten zwei Jahrzehnten einen unglaublichen Reichtum angehäuft und damit Israel zu einem ersten Platz verholfen haben: Israel ist der Staat mit der höchsten Ungleichheitsrate in der westlichen Welt. Auch Siedler und Ultraorthodoxe, wurden davon befreit, ihren Anteil an den Lasten zu übernehmen. Sie wurden subventioniert, sie werden es immer noch, und genießen ein komfortables Leben auf Kosten einer schwindenden Mittelklasse sowie einer Arbeiterklasse, von der ein Drittel trotz festen Anstellungsverhältnisses unterhalb der Armutsgrenze lebt.

21% der Erstklässler in Israel erhalten eine ultra-orthodoxe Schuldbildung, deren Curricula weder Mathematik noch Fremdsprachen beinhalten und nach deren Verständnis die Demokratie eine Versündigung darstellt, die zu säkularen europäischen Regimes gehört.
Wiederum 24% der Erstklässler in Israel besuchen eine arabische Schule. Wenn in 12 Jahren diese Kinder, die in zwei unterschiedlichen undemokratischen Systemen aufwachsen und beiderseits entfremdet werden von der Idee eines demokratischen jüdischen Nationalstaats, zu Wählern werden, dann werden sie eine anti-demokratische Mehrheit bilden.

Fügt man diesem Bild noch das der furchtbaren Ungerechtigkeit hinzu, dann wird einem bewusst, dass die größte Gefahr für Israel nicht von einem Mahmud Ahmadi-Nijad ausgeht, nicht von einer Hamas und auch nicht von der Hisbollah. Israel ist stark genug, um solche Feinde zu bezwingen. Es kann jedoch kaum überleben, wenn es nicht seine innere Spaltung überwindet.

Mir dieser Fakten bewusst, wurde ich nach Europa geschickt wo ich unentwegt nach einem Weg suchte, junge Jüdinnen und Juden in der Diaspora stärker an Israel anzubinden. Immer wieder habe ich versucht zu erklären, dass Solidarität mit Israel nicht gleichbedeutend sei mit der Unterstützung der israelischen Regierung. Ich habe mich bemüht ein Diskussionsklima unter Jüdinnen und Juden außerhalb Israels zu schaffen, in welchem sie mit einer gleichberechtigten Stimme sprechen und sich um dieses Land kümmern können, sich zuständig fühlen für einen Ort, auf den auch sie zu recht stolz sein können.

Während meiner Reisen durch all die vielen verschiedenen Länder, mit mehr als 70.000 Kilometern Wegstrecke, begriff ich in vielerlei Hinsicht, dass ich selbst auf der Suche nach diesem verlorenen Stolz war.

Jüngst, habe ich ihn wiedergefunden. Fieberhaft vor Aufregung habe ich seit zwei Wochen am Ende eines jeden Tages die Nachrichten aus Israel verfolgt, habe ich dabei das kostbarste Gut des Staates Israels beobachtet wie es aus seinem unendlich langen Schlaf erwacht: Die Menschen.

Tausende junger Frauen und Männer, überwiegend angeführt von Frauen, befinden sich nun auf den Straßen in über 15 verschiedenen Städten in Israel. Junge Menschen, die langsam begreifen dass sie der Staat Israel sind. Was wieder einmal als ein weiterer Facebook Protest begann, vermochte so viele junge Israelis zusammenzuführen, um aufzustehen und zu kämpfen für eine lohnende Sache.

Es hat in den 63 Jahren seiner Existenz keine Situation in Israel gegeben in der sich aller Fokus allein auf die inner-israelischen Spannungen und Herausforderungen richtete. Doch all die Jahre gab es sie bereits und immerfort unter den Teppich gekehrt, konnten sie dort blühen und gedeihen.

Seht euch diese jungen Frauen und Männer an und unterstützt sie! Sie kämpfen für ein besseres Israel – für uns Israelis, und für euch! Israel gehört nicht allein den Israelis, es gehört auch euch. Es kämpft nun um seine Zukunft und Ausgestaltung. Mit welchem Israel würdest du dich gerne identifizieren? Mit welchem Israel würdest du gerne assoziiert werden? Die Antwort alleine ist noch nicht genug. Es ist an der Zeit für uns alle zu verstehen, dass wir vielleicht an einer einmaligen Wegkreuzung stehen. Eine Straße wird Israel zum Verlust seiner demokratischen und moralischen Gesellschaft führen. Die andere mag uns vielleicht dorthin führen wo wir noch anhalten können und die Fehler der Vergangenheit, die wir entlang dieses Weges begangen haben, korrigieren können.

Diese jungen Menschen dort draußen auf den Straßen halten das Steuerrad, aber ihr besitzt die Kraft Ihnen zu sagen welchen Weg es zu beschreiten gilt. Es ist nicht nur euer Privileg, sondern eure Pflicht!

2 Kommentare zu “Wir müssen uns entscheiden: Hardliner oder Demokratie

  1. ein haufen von hoch-stilisiertem geplänkel, dass eher die sehnsüchte Roys exemplifiziert statt konkret über die lage aufzuklären.
    „toller“ artikel.

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