Keine weiteren Stolpersteine in Heidenau

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Foto: Dr. Bernd Gross / CC BY-SA 4.0

Und eine Partei, die sich christlich nennt, macht mit…

Von Karl-Josef Müller

Fünf Stolpersteine gibt es bislang in Heidenau, sie erinnern nicht nur an Einwohner jüdischer Herkunft, sondern auch an andere Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.

Käthe Irma Mickwausch-Reiner hatte ein langes, dramatisches Leben hinter sich, als sie am 22. November im Alter von 102 Jahren in Heidenau verstarb. Seit 1914 dürfte dieser Ort in der Nähe von Dresden so etwas gewesen sein wie ihre Heimatstadt. Den Nazis galt sie als „jüdischer Mischling“, ihr Vater, der sozialdemokratisch gesinnte Kaufhaus-Unternehmer Maximilian Reiner, war jüdischer Herkunft, ihre Mutter war die nichtjüdischer Elsa Emmy Dorothea, geborene Rösler. Lange Zeit konnte Käthe Irma Mickwausch-Reiner ein halbwegs ’normales‘ Leben in Heidenau führen. Doch der Vater wurde inhaftiert, enteignet, konnte schließlich in die USA ausreisen.

Im Februar 2023 wurden in Heidenau vier Stolpersteine verlegt, die an Käthe, ihren Bruder Horst und ihre Eltern, Maximilian und Else Reiner, erinnern. Käthe traf ihren Ehemann Günther im Jahr 1932 während ihres Studiums an der Dresdner Kunstakademie. Nach dem Zweiten Weltkrieg machten sich die beiden ab 1945 als Künstlerleerpaar unter dem gemeinsamen Namen „Mickwausch-Entwürfe“ einen Namen – sie entwarfen vor allem Werbematerialien wie Plakate, Prospekte, Anzeigen und Logos für den DDR-Export. (Siehe Linus Wittich)

Im August 2021 war bereits der erste Stolperstein in Heidenau am Eingang des Rathauses für Paul Gröger verlegt, der erste Bürgermeister der Stadt Heidenau.

Doch in Heidenau sollen keine weiteren Stolpersteine mehr verlegt werden. Laut Spiegel hat der Stadtrat einen entsprechenden Antrag von AfD und CDU beschlossen. Viele Bürger, Angehörige und Initiativen empfänden Stolpersteine im Gehwegbereich als keine angemessene Form des Erinnerns. Künftig soll das Gedenken vor allem auf dem Nordfriedhof der Stadt stattfinden.

Diese Argumentation erinnert an die Situation in München. Auch dort werden keine Stolpersteine auf städtischem Grund verlegt. Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, hatte sich vehement gegen die Stolpersteine und für aus ihrer Sicht würdigere Alternativen ausgesprochen. Und diese Alternativen gibt es in München. Warum man in Heidenau kaum einen vergleichbaren Weg einschlagen möchte – eine Frage, die sich angesichts der ‚Ablehnungskoalition‘ von AFD, CDU und der Bürgerinitiative Oberelbe von selbst beantwortet?

In München sind an die Stelle weiterer Stolpersteine Erinnerungszeichen getreten. Diese befinden sich immer in Augenhöhe des Betrachters, anstatt im Boden vor dem früheren Wohnhaus der Opfer. Heidenau möchte das Gedenken zentralisieren, möglicherweise auf dem Nordfriedhof. Das Erinnern wird damit aber nicht im öffentlichen Alltagsraum stattfinden. Charlotte Knoblauch ist entsetzt über den Vorstoß von CDU und AFD. Orte der Erinnerung aus dem Stadtbild zu entfernen, sei der ‚völlig falsche Weg‘, sagte Knobloch den Zeitungen der Funke Mediengruppe.

Wir müssen davon ausgehen, dass die Vorgänge in Heidenau, und insbesondere die Tatsache, dass die CDU sich mit der AFD gemein macht, schon bald in Vergessenheit geraten werden. Gab es da nicht so etwas wie eine Brandmauer?

Ein weiterer Gedanke. In Hessen haben nahezu alle jüdischen Friedhöfe der Landjudenschaft die Zeit der NS-Herrschaft weitgehend unbeschadet überstanden. Und selbst einige Synagogen haben die Reichspogromnacht überlebt, weil ihre Zerstörung durch Feuer anliegende Gebäude gefährdet hätte. Man glaubte wohl nicht an die Schutzfunktion der Brandmauer, oder es existierte keine …

Doch die Erinnerung an die Friedhöfe wie die Synagogen lässt, um es vorsichtig auszudrücken, zu wünschen übrig. Die Friedhöfe befinden sich in der Regel außerhalb der Ortschaften, und erst seit einiger Zeit sind sie etwa auf Google Maps verzeichnet. Diese ‚Zurückhaltung‘ wird manchmal auch damit begründet, einer möglichen Friedhofschändung vorzubeugen… Wer nicht weiß, wo genau sich einer der vielen jüdischen Friedhöfe überhaupt befindet, kann dort keine Grabsteine beschmieren oder umkippen. Die genaue Lage der jüdischen Friedhöfe in Hessen ist allerdings im „Landesgeschichtlichen Informationssystem Hessen“ verzeichnet, gleiches gilt für die zerstörten und noch erhaltenen Synagogen. Zynisch formuliert, kann Heidenau von Glück reden, in seiner Mitte kein ehemaliges Synagogengebäude vorfinden zu müssen. In Pohl-Göns, einem kleinen Ort im hessischen Wetteraukreis, wird eine solche Synagoge, über Jahrzehnte versteckt hinter einer Backsteinmauer, nun wieder ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt, wie einige Jahre zuvor bereits im wenige Kilometer entfernten Münzenberg. Sichtbar im öffentlichen Raum erinnern diese Gebäude daran, dass jüdisches Leben einstmals zum Alltag in Deutschland gehörte.