Einmal im Jahr

0
13

Der vorliegende Beitrag erschien am 28. September 1900 in der Zeitschrift „Die Welt“, dem Zentralorgan der Zionistischen Bewegung. Der Beitrag ist unter dem Namen Leo Rafaels veröffentlicht, dem Pseudonym von Leon Kellner. Der Philologe und Lehrer war einer der frühesten Weggefährten Herzls in Wien und engagierte sich sowohl für die Verbreitung der zionistischen Idee sowie in der Organisation der Bewegung.

In seinem Artikel geht Kellner auf das Phänomen ein, dass viele säkulare Juden nur noch an Jom Kippur in die Synagoge gehen und interpretiert dieses Festhalten an dem religiösen Brauch als tief verwurzelten, unbewussten Drang nach nationaler und gemeinschaftlicher Zugehörigkeit. Das ganze Jahr über lebe jeder für sich, erst an Jom Kippur würden Juden als Stammesbrüder zusammenkommen. Habe man sich in der Jugend darüber noch lustig gemacht, spotte man jetzt nicht mehr, sondern klammere sich „vielmehr an den kostbaren Rest jüdischen Stammesgefühls und wünsche[n] nur, die berufenen Hüter des Judenthums wären sich der Pflichten bewusst, die ihnen der Tag auferlegt.“

Einmal im Jahr

Leo Rafaels
Die Welt, 4. Jahrgang, Nr. 39, 28. September 1900

Die jüdische Bevölkerung der grossen Städte kommt das ganze Jahr über nicht dazu, sich über die Tages- und Augenblicksinteressen, über die persönlichen Angelegenheiten zu erheben; über schwerer Arbeit und kostspieliger, anspruchsvoller Erholung wird alles, was nicht aufdringlich zu den Sinnen spricht oder an unserer Selbstsucht zerrt, vollständig vergessen. Wenn man sich einmal mitten in der Prosa des Alltagslebens seines Judenthums erinnert, so bewirkt gewöhnlich eine feindliche Mahnung die ungewöhnliche Regung. Von innen heraus, instinctmässig, elementar wendet sich der moderne westeuropäische Jude seinem Volke nur einmal im Jahre zu: am Versöhnungstage sind die sonst leeren Tempel und Betstuben bis in die letzten Winkel gefüllt.

Einst, da wir jung waren und vom Leben dieselbe starre Folgerichtigkeit erwarteten, die wir im Reiche des Geistes zu finden glaubten, da sahen wir auf die Jom Kippur-Juden mit unsäglicher Ueberlegenheit herab, und die ganze trostlose Zerfahrenheit des westlichen Judenthums kam uns an diesem Tage zum schmerzlichen Bewusstsein. Einmal im Jahre! Unwillkürlich kamen die Gelegenheiten ins Gedächtnis, die sich alljährlich nur einmal ereignen — einmal im Jahre, am 9. Ab, wird den Todten ein Besuch abgestattet, einmal im Jahre wird einer theuren abgeschiedenen Seele ein Flammenopfer gebracht. Sieht es nicht ganz so aus, als wäre der Besuch, den der moderne Stadtjude am Jom Kippur dem Tempel abstattet, eine Höflichkeit, eine Pietät, die der Ueberlebende dem Todten erweist, dem todten Judenthum, das sein viertausendjähriges, immer und überaus kraftvollos Dasein in Westeuropa beendet hat und nur einmal im Jahre zu einem gespenstischen Scheinleben erwacht?

Die überlegene Spottsucht ist mit unserer Jugend verschwunden; der Schmerz ist geblieben. Was waren das für brave Juden, deren Instinct sie dazu trieb, wenigstens einmal im Jahre in einer Versammlung von Stammesgenossen zu sitzen, sich durch das Gebetbuch an die gemeinsame Vergangenheit mahnen und in den süssen Traum einwiegen zu lassen, als stünde uns noch eine gemeinsame Zukunft bevor! Die Söhne dieser Jom Kippur-Juden geben uns keine Veranlassung mehr, über Inconsequenz zu spotten, denn sie haben den jüdischen Instinct vollständig überwunden und sind starkgeistig genug, jeden etwa vorhandenen Rest von Erinnerung an den einen Tag männlich zu unterdrücken.

Was denken die Jom Kippur-Juden und was empfinden sie, wenn sie am Versöhnungstage auf die leeren Plätze sehen, von wo aus ihre Kinder in jungen Jahren andächtig nach Osten sahen und den Rücken beugten vor dem Schatten des Allerheiligsten!

Sie mögen alle Aufklärung und Weisheit der Welt in sich aufgenommen haben, sie mögen einfältige Krämer sein — ihnen allen geht es beim Anblicke der leeren Plätze wie ein Schwert durchs Herz. Diese Empfindung der Alten ist nicht leicht hinwegzulächeln und nicht oberflächlich zu erklären. Wir sind nach langer Schulung sehr duldsam geworden in Sachen der Religion und Politik; wir kündigen unseren Freunden nicht den Verkehr, weil sie anders wählen als wir, und wir lassen jedem die Freiheit, mit dem Welträthsel fertig zu werden wie er kann. Namentlich jüdische Väter haben ihren Kindern gegenüber ein unerschöpfliches Mass von Toleranz. Nur am Jom Kippur bäumt sich in Aerzten und Advocaten, in Philosophen und Technikern das Gefühl auf gegen die Söhne, die es versäumen, wenigstens einmal im Jahre ihres Judenthums zu gedenken.

Ist das ein Rest von alter Gewohnheit, ein atavistischer Spuk, der auch die Aufgeklärtesten unseres Volkes am Jom Kippur beherrscht?

Ach nein! Die Duldsamkeit der jüdischen Väter ist sehr, sehr gross, aber irgendwo muss sie ihre Grenze finden, sowie der enthaltsamste Selbstpeiniger irgendwo auf den Widerstand der Natur stossen muss. Der fastende Büsser greift zu Speise und Trank, wenn er vor der Vernichtung steht, und der westeuropäische Jude erzittert am Jom Kippur in tiefster Seele, weil er auf den leeren Plätzen den Tod sieht, der seinen Stamm bedroht. Es wird nicht allen diesen Vätern klar, warum sie, die doch wahrhaftig nicht gläubig sind und mit dem Judenthum nur noch sehr lose zusammenhängen, bei der Gleichgültigkeit ihrer Söhne einen so brennenden Schmerz empfinden; aber das Instinctive, Dunkle, scheinbar Unerklärliche dieser Empfindung hebt sie über den Verdacht hinaus, als wäre sie einer so seichten Quelle wie Gewohnheit entsprungen. Ein solcher Schmerz hat seine Wurzeln im tiefsten Sein, eine solche Furcht vermag nur der Tod in uns zu wecken.

Der Instinct ist im Rechte wie immer. Was am Jom Kippur die Stammesgenossen zusammenführt, ist nicht in erster Reihe der Glaube, nicht die Furcht vor der Sünde, einem fast erloschenen Begriffe. Was sie mit elementarer Gewalt dazu treibt, trotz der Geringschätzung, mit der sie die Ceremonienmeister im Tempel belächeln, trotz des Spottes, mit dem sie sich selbst reichlich bedenken, einen ganzen langen Tag nur halb verstandene Gebete anzuhören, das ist der unbewusste Drang, einmal im Jahre mit den Sinnen die Zusammengehörigkeit zu fühlen, eins zu sein mit dem Volke, wieder einmal im eigenen Herzen das warme Blut des lebenden Volkskörpers zu spüren.

Wie thöricht, wie kurzsichtig ist es doch von unseren aufgeklärten Juden, den Jom Kippur ausschliesslich als eine persönliche Sache darzustellen, als eine Gelegenheit, mit seiner Seele abzurechnen! Wie verkehrt ist es von den sogenannten Idealisten, unsere Feste überhaupt ihres gesammtjüdischen Charakters entkleiden und in „ethische Institutionen“ umgestalten zu wollen! Welcher moderne Mensch würde sich stundenlang seine Ohren bestürmen lassen und sich dabei einreden, dass er mitten unter der Menschenmenge sein Innerstes prüft und Abrechnung mit seiner Seele hält? Nein, die Jom Kippur-Juden gehen einmal im Jahre in den Tempel, nicht um sich von Predigt und Gesang erbauen zu lassen, sondern weil der Tempel noch immer trotz allem Firlefanz der Reform ein Versammlungshaus ist, eine „Synagoge“, wo sich Juden zusammenfinden, um sich in der Zerstreuung von ihrem Dasein zu überzeugen.

Oder haben wir sonst eine Einrichtung, die uns zu gemeinsamen Angelegenheiten und zur Stärkung des Zusammengehörigkeitsgefühles versammelt? Welche denn?

Was den Griechen die Amphiktyonien und olympischen Spiele waren, Sammelpunkte nationalen Empfindens, das waren uns in allen Zeiten die Feste im Tempel von Jerusalem. Was ist uns heute, da wir in der Zerstreuung und Zersplitterung mehr als je der Sammlung bedürften, von den Festen geblieben?

Das ganze Jahr über lebt jeder für sich; erst der Versöhnungstag sieht Juden als Stammesbrüder beisammen. Wir sind alt und weise geworden: wir spotten nicht mehr. Wir klammern uns vielmehr an den kostbaren Rest jüdischen Stammesgefühls und wünschen nur, die berufenen Hüter des Judenthums wären sich der Pflichten bewusst, die ihnen der Tag auferlegt. Einmal im Jahre ist Gelegenheit vorhanden, jüdische Väter und Mütter an ihr Volksthum zu erinnern; wehe uns, wenn wir diese Gelegenheit versäumen.