Eine Reise durch das jüdisch-muslimische Spanien
Von Kadir Boyacı
Anfang Juli war ich mit unserem Team im Rahmen unseres EU-geförderten Projekts „Brücken des Verstehens“ zwei Wochen lang in Spanien unterwegs. Wir haben elf Städte besucht, in denen Muslime und Juden über Jahrhunderte zusammengelebt haben, darunter Toledo, Córdoba, Sevilla, Granada, Ávila und Segovia. Wir standen in Synagogen, die heute Kirchen oder Museen sind, liefen in Córdoba den Spuren von Maimonides nach, und wurden immer wieder daran erinnert, dass die sephardischen Juden, die diese Städte über Generationen mitgeprägt hatten, 1492 durch das Alhambra-Edikt gezwungen wurden, das Land zu verlassen. Es war ein überwältigendes Erlebnis, das mich seither nicht mehr losgelassen hat: Wohin sind all diese Menschen gegangen, und was haben sie aus ihrer Heimat mitgenommen?

Eine Antwort liegt weit östlich von Spanien, im heutigen Nordwesten der Türkei. Viele der Vertriebenen fanden Aufnahme im Osmanischen Reich, und aus dieser neuen Nachbarschaft entstand eine der eindrücklichsten, aber am wenigsten bekannten Formen jüdisch-muslimischer Verflechtung: die sogenannten Maftirim.
In Edirne, einer Stadt an der Grenze zwischen Europa und Anatolien, sangen jüdische Kantoren jahrhundertelang hebräische Gebete in den Tonleitern der osmanischen Hofmusik und der Mevlevi-Derwische. Die Maftirim sind ein Echo derselben Geschichte, die ich in Spanien mit eigenen Augen gesehen habe – und sie sind heute fast verstummt.
Der Klang von Edirne
Wenn über das Verhältnis von Judentum und Islam gesprochen wird, geht es meist um Texte, um Theologie oder um Politik. Selten ist von Musik die Rede, dabei war sie über Jahrhunderte einer der intimsten Orte der Begegnung. Wer verstehen will, wie tief osmanisches Judentum und osmanischer Islam miteinander verwoben waren, kommt an einer Tradition nicht vorbei, die in keinem Geschichtsbuch für den Alltag verankert ist: den Maftirim.
Edirne, damals eine der bedeutendsten Städte des Osmanischen Reiches, wurde nach 1492 zu einem Zentrum jüdischen Lebens. In dieser Stadt lebten und wirkten zugleich einflussreiche Mevlevi-Sufi-Konvente, die für ihre kunstvolle religiöse Musik bekannt waren. Aus dem Nebeneinander wurde über Generationen ein Miteinander: Jüdische Kantoren begannen, hebräische Piyyutim, liturgische Gedichte, nicht nach ererbter synagogaler Melodik zu singen, sondern in den Makamen der osmanischen Kunstmusik, denselben komplexen, mikrotonalen Tonsystemen, in denen auch die Derwische ihre Zikr-Gesänge vortrugen.
Israel Najara und die Geburt einer Tradition
Eine Schlüsselfigur dieser Entwicklung war Rabbi Israel Najara, geboren um 1555 vermutlich in Damaskus, gestorben 1625 in Gaza. Najara war einer der einflussreichsten hebräischen Dichter seiner Zeit. In seinem Hauptwerk, den 1587 erstmals veröffentlichten „Zemirot Yisrael“, ordnete er in einer späteren Ausgabe von 1599 mehr als 200 Piyyutim ausdrücklich nach dem osmanischen Makam-System. Er schrieb religiöse Poesie also bewusst für Melodien, die er der muslimischen Umgebung entlehnte, nicht aus Verlegenheit, sondern aus künstlerischer Überzeugung. Sein Werk wurde zur Grundlage einer Tradition, die sich von Edirne aus über Istanbul, Bulgarien, Bosnien und bis nach Ägypten verbreitete.
Blütezeit, Verbreitung und Bruch
Ihre Blütezeit erlebte die Maftirim-Tradition im 17. Jahrhundert, mit einem letzten Aufleben noch in den 1920er Jahren. Kantoren komponierten und überlieferten mündlich ein Repertoire, das einst mehr als tausend Gedichte umfasst haben soll, gesungen in Formen, die unmittelbar der weltlichen osmanischen Kunstmusik entlehnt waren: Pesrev, Şarkı, Beste. Diese Musik erklang nicht am Rand des jüdischen Gottesdienstes, sie stand am Anfang des Schabbatmorgens, als eine Art Ouvertüre, mit der sich die Gemeinde auf das Gebet einstimmte.
Was im 20. Jahrhundert folgte, war ein doppelter Bruch: Emigration, Assimilation und die Schoah dezimierten die jüdischen Gemeinden Südosteuropas und Anatoliens, und mit ihnen verschwanden die Trägerinnen und Träger dieses Wissens. Nur ein kleiner Kreis von Meisterkantoren bewahrte die komplexen Melodien mündlich weiter, ohne umfassende Verschriftlichung. Noch zu Beginn der 2000er Jahre berichteten Musikerinnen wie Karen Gerson Şarhon vom Zentrum für osmanisch-türkische sephardische Kultur in Istanbul, dass nur noch eine Handvoll älterer Kantoren, unter ihnen der langjährige Oberkantor Yitzhak Macoro, das vollständige Repertoire beherrschten, während jüngere Gemeindemitglieder der fremd klingenden Musik zunehmend entwachsen waren.
Was von der Stille bleibt
Genau darin liegt die eigentliche Aktualität dieser Geschichte. Die Maftirim sind kein Beweis für einen ungetrübten interreligiösen Idylle, sie sind das Ergebnis von Nachbarschaft, Neugier und jahrhundertelanger kultureller Nähe, die niemand eigens verordnet hatte. Wenn heute mühsam nach Formaten für jüdisch-muslimischen Dialog gesucht wird, war hier über Jahrhunderte ein Dialog längst Alltag, nicht verhandelt, sondern gesungen. Dass diese Musik heute fast verklungen ist, sollte weniger nostalgisch als mahnend gelesen werden: Was gemeinsam gewachsen ist, kann auch gemeinsam verloren gehen, wenn niemand es weiterträgt.
Initiativen wie die mehrbändige Maftirim-Sammlung des Sephardic Center Istanbul versuchen, die letzten erhaltenen Aufnahmen zu sichern, bevor auch die letzten Stimmen verstummen. Es ist eine stille Rettungsarbeit, ganz ohne große Bühne. Vielleicht ist gerade das die passende Fortsetzung einer Tradition, die nie auf Sichtbarkeit angelegt war, sondern auf das leise, gemeinsame Singen zweier Religionen in einer Stadt.
Musikbeispiele:
Hazan Aaron Kohen Yasak & Maftirim İlahiler Korosu – Azkir Hasde El
David Sevi
Kadir Boyacı ist Soziologe und islamischer Theologe sowie Geschäftsführer des Forums für Interkulturellen Dialog e.V.



