Der holocaustrelativierenden Opfer-Täter-Umkehr, wie sie sich jüngst in einer „propalästinensischen“ Provokation in der KZ-Gedenkstätte Mauthausen manifestierte, gilt es entschieden und entschlossen entgegenzutreten, um die Würde der Opfer zu schützen und den grassierenden israelbezogenen Antisemitismus zu bekämpfen.
Von Thomas Tews
Vor Kurzem kam es beim Besuch von rund 600 Teilnehmenden eines internationalen antifaschistischen Jugendcamps in der österreichischen KZ-Gedenkstätte Mauthausen zu einem Zwischenfall: Ein Teilnehmer trug ein – den Gedenkstättenmitarbeitenden im Rahmen ihrer Betreuung der Gruppe zunächst nicht aufgefallenes – T-Shirt mit der Aufschrift „Free Palestine“ auf der Vorderseite und der – von einer Frau, bei der es sich um Dalal Mughrabi, die Drahtzieherin des 1978 in der Nähe von Tel Aviv stattgefundenen ‚Küstenstraßenmassakers‘ mit 38 Toten, zu handeln scheint, gehaltenen – palästinensischen Flagge auf der Rückseite. Als eine Einzelbesucherin der Gedenkstätte, laut eines Berichtes eine junge Jüdin, des T-Shirts gewahr wurde, reagierte sie lautstark, was die Gedenkstättenmitarbeitenden einer am 7. August veröffentlichten Stellungnahme der Gedenkstätte zufolge zuerst nicht einordnen konnten. Nachdem klar geworden sei, worum es ging, hätten die Mitarbeitenden „umgehend“ reagiert, versucht, „die Situation zu deeskalieren“, zugleich zur Unterstützung die Polizei verständigt, aber bis zum Eintreffen der Polizei die Lage bereits beruhigen können.
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Mauthausen. Ein Schüler steht auf dem Boden eines Vernichtungslagers. Auf seinem Rücken: die palästinensische Flagge, gehalten von einer Figur, in der viele Dalal Mughrabi erkennen – die Terroristin des Küstenstraßen-Massakers in Israel von 1978, 38 Tote, darunter… pic.twitter.com/1C8Mmsl8hY
— Ahmad Mansour (@AhmadMansour__) August 7, 2026
Die KZ-Gedenkstätte Mauthausen betont in ihrer Stellungnahme, dass ihre Mitarbeitenden „nach Bekanntwerden des Sachverhalts“ und „im Rahmen ihrer Möglichkeiten alles unternommen“ hätten, „um die Situation bestmöglich zu lösen“ und dabei nach folgenden Prinzipien zu handeln: „Deeskalation als oberstes Gebot“ („besonnen, ruhig und deeskalierend“ reagieren), „Diskussion vor Anschuldigung“ („den offenen Dialog“ und „das sachliche Gespräch“ suchen), „Wahrung der Meinungsvielfalt“ (solange die Meinungen „sich im Rahmen der geltenden Gesetze bewegen, keine antisemitischen, rassistischen, oder allgemein diskriminierenden Positionen vertreten oder die Würde der Opfer nicht verletzen“) sowie „Fokus auf den historischen Kontext“ („Kontroversen konstruktiv […] nutzen, um über die Bedeutung von Symbolen, Geschichte und gesellschaftlicher Verantwortung zu sprechen“).
Weiter heißt es in der Stellungnahme, dass „KZ-Gedenkstätten im Allgemeinen und die Gedenkstätte Mauthausen im Besonderen […] auch als Projektionsflächen für gegenwärtige politische Konflikte“ dienten, was „[i]m Sinne einer Reflexion der Bedeutung des Vergangenen für die Gegenwart […] an solchen Orten auch erwünscht“ sei und „den Grundsätzen der historisch-politischen Bildung“ entspreche. Aktuell komme „es jedoch vermehrt zu Situationen, in denen politische Anliegen, die an diese Orte geknüpft“ würden, „in diametralem Gegensatz zueinander“ stünden. „Die Geschichte und die Würde des Ortes“ geböten es, „solche Konflikte sachlich und in gegenseitiger Empathie auszuverhandeln“.
Demgegenüber verteidigt Israels Botschafter in Österreich David Roet, dessen verstorbener Vater Haim Roet als jüdisches Kind den Holocaust versteckt in den Niederlanden überlebt hatte, in seinem am 11. August von der österreichischen Tageszeitung Die Presse veröffentlichten Gastkommentar zum Vorfall in der KZ-Gedenkstätte Mauthausen den Vorrang des Gedenkens an die Opfer „vor den politischen Auseinandersetzungen unserer eigenen Zeit“. Israel mit NS-Deutschland zu vergleichen, verzerre und relativiere den Holocaust, wobei Roet auf die Arbeitsdefinition von Antisemitismus der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) verweist. Deren Aufzählung aktueller Beispiele für Antisemitismus beinhaltet „Vergleiche der aktuellen israelischen Politik mit der Politik der Nationalsozialisten“.
Roet fordert eine Stärkung der „bestehenden Regelungen“, wenn diese „KZ-Gedenkstätten und Gedenkveranstaltungen nicht ausreichend vor politischer Instrumentalisierung, antisemitischer Verzerrung und Verletzungen der Würde der Opfer“ schützten. „Manche Orte“ müssten „außerhalb der politischen Auseinandersetzungen unserer heutigen Zeit bleiben“ und die KZ-Gedenkstätte Mauthausen sei „einer von ihnen“.
Der Versuch einer Instrumentalisierung des Holocaustgedenkens im Dienste einer antiisraelischen Agenda lässt sich auch in Deutschland beobachten, beispielsweise bei der von linksextremen Gruppen getragenen Kampagne „Kufiyas in Buchenwald“, welche der KZ-Gedenkstätte Buchenwald vorwirft, „zunehmend zu einem Ort des Geschichtsrevisionismus und der Genozidleugnung“ zu werden und „die ideologische Munition für den andauernden Genozid in Palästina“ zu liefern.
Hinsichtlich dieses Genozidvorwurfes gegenüber Israel betont das vor zwei Jahren vom – auf Veröffentlichungen zu jüdischer Kultur und Zeitgeschichte spezialisierten – Verlag Hentrich & Hentrich veröffentlichte Buch Die Fragemauer – 100 Antworten zu jüdischem Leben und Israel, dass „Kritik an Aktionen der israelischen Armee durchaus berechtigt sein“ könne, aber „[l]autstarke Genozidvorwürfe […] niemals einen produktiven Diskurs“ förderten, sondern vielmehr „antisemitisch-verzerrend“ wirkten. In ihnen mische sich „[z]u einer Dämonisierung Israels […] eine Form von Post-Schoah-Antisemitismus, bei der Israel zum vermeintlichen Täter“ werde.[1]
Ähnlich argumentiert Michael Brenner, Inhaber des Lehrstuhles für Jüdische Geschichte und Kultur an der Ludwig-Maximilians-Universität München, in der im vergangenen Jahr erschienenen aktualisierten Auflage seines Buches Israel. Traum und Wirklichkeit des jüdischen Staates: „Die Opfer von gestern sind in der Weltmeinung zu den Tätern von heute geworden.“[2]
Dieser holocaustrelativierenden Opfer-Täter-Umkehr gilt es entschieden und entschlossen entgegenzutreten, denn nur so lässt sich die Würde der Opfer, als deren Anwältin sich die KZ-Gedenkstätte Mauthausen versteht, wirkungsvoll schützen und der grassierende israelbezogene Antisemitismus bekämpfen.
Anmerkungen:
- Carsten Ovens (Hrsg.), Die Fragemauer – 100 Antworten zu jüdischem Leben und Israel. Hentrich & Hentrich, Berlin/Leipzig 2024, S. 98. ↑
- Michael Brenner, Israel. Traum und Wirklichkeit des jüdischen Staates. Von Theodor Herzl bis heute. 3., aktualisierte und erweiterte Auflage. C.H.Beck, München 2025, S. 248. ↑



