
Im September 2025 sorgte US-Präsident Donald Trump für weltweite Verunsicherung unter Schwangeren. Bei einer Pressekonferenz im Weißen Haus, flankiert von Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. und dem Chef der US-Gesundheitsbehörde CMS, Mehmet Oz, erklärte Trump, die Einnahme von Paracetamol (Wirkstoff in Tylenol/Acamol) während der Schwangerschaft könne das Autismus-Risiko beim Kind deutlich erhöhen. „Tylenol zu nehmen ist nicht gut“, sagte er wörtlich und riet Schwangeren, Schmerzen und Fieber notfalls einfach auszuhalten. Die FDA kündigte daraufhin an, Ärzte offiziell vor dem Medikament zu warnen.
Die Behauptung stieß bei Medizinerinnen und Medizinern weltweit auf scharfe Kritik. Fachgesellschaften wie das American College of Obstetricians and Gynecologists sowie die Weltgesundheitsorganisation stellten klar, dass die bisherige Datenlage keinerlei belastbaren, kausalen Zusammenhang zwischen Paracetamol und Autismus zeige. Auch der Hersteller Kenvue widersprach den Aussagen des Präsidenten öffentlich. Kennedy selbst ruderte Wochen später teilweise zurück und sprach nur noch von einem „sehr nahegelegten“, aber nicht bewiesenen Zusammenhang, hielt aber an seiner grundsätzlichen Warnung fest. Die Kontroverse zeigt, wie sehr politische Rhetorik und wissenschaftliche Evidenz auseinanderklaffen können, wenn es um ein Thema geht, das Millionen Frauen unmittelbar betrifft: Welche Medikamente sind in der Schwangerschaft eigentlich sicher?
Genau hier setzt eine neue, besonders umfangreiche Untersuchung aus Israel an. Ein Forschungsteam der Ben-Gurion-Universität des Negev (BGU) unter der Leitung von Dr. Sharon Daniel hat die Daten von mehr als 264.000 Schwangerschaften analysiert – gesammelt über 20 Jahre im Rahmen des siPREG-Registers (Southern Israeli Pregnancy Registry) am Soroka University Medical Center in Beer Scheva. Die Ergebnisse wurden in den renommierten Fachjournalen PLOS Medicine und Human Reproduction Open veröffentlicht und liefern eine der bislang solidesten Antworten auf die Frage, ob gängige Schmerzmittel in der Schwangerschaft Fehlbildungen begünstigen.
Das Fazit der Forscherinnen und Forscher: Weder NSAR (nichtsteroidale Antirheumatika wie Ibuprofen, bekannt unter Namen wie Advil oder Nurofen) im ersten Trimester noch Paracetamol über die gesamte Schwangerschaft hinweg erhöhen das Risiko für Geburtsfehler.
Interessant ist dabei die Methodik. Auf den ersten Blick sah es in den Rohdaten tatsächlich so aus, als gäbe es einen leichten Anstieg von Fehlbildungen bei Frauen, die diese Medikamente eingenommen hatten: Bei NSAR lag die Rate bei 8,2 Prozent gegenüber 7,0 Prozent bei Nichtnutzerinnen, bei Paracetamol bei 7,9 gegenüber 6,9 Prozent. Genau solche Zahlen befeuern häufig Schlagzeilen und politische Warnungen.
Das Team um Dr. Daniel ging jedoch einen entscheidenden Schritt weiter und rechnete heraus, wofür die Medikamente überhaupt eingenommen worden waren – etwa hohes Fieber, Infektionen oder chronische Erkrankungen. Nach dieser statistischen Bereinigung verschwand der Zusammenhang vollständig. Nicht die Schmerzmittel selbst, sondern die zugrunde liegende Erkrankung der Mutter erklärte das leicht erhöhte Risiko. Dr. Daniel, die als leitende Kinderärztin an der BGU und als Innovationsdirektorin bei der Krankenkasse Clalit tätig ist, betont, dass sich dieser Unterschied nur mit sehr großen, langfristig erhobenen Datensätzen zuverlässig herausrechnen lässt.
Konkret fand die erste Studie keine erhöhte Rate an Fehlbildungen des Herzens, des Nervensystems, des Verdauungstrakts, der Harnwege oder des Bewegungsapparats bei Kindern, deren Mütter im ersten Trimester NSAR eingenommen hatten – selbst wenn einzelne Wirkstoffe getrennt betrachtet wurden.
Die zweite Studie widmete sich ausschließlich Paracetamol, das mit 15,5 Prozent im ersten und 14,1 Prozent im dritten Trimester zu den am häufigsten eingenommenen Medikamenten in der Schwangerschaft überhaupt zählt. Auch hier zeigte sich keine Verbindung zu Fehlbildungen, Totgeburten oder niedrigem Geburtsgewicht. Selbst bei Einnahme im dritten Trimester fanden die Forschenden keine erhöhten Raten an Nierenversagen bei Neugeborenen oder an einem vorzeitigen Verschluss des Ductus arteriosus, eines wichtigen fetalen Blutgefäßes – ein Punkt, der angesichts der jüngsten politischen Debatte besonders relevant ist.
Um die Ergebnisse zusätzlich abzusichern, führte das Team um Ko-Autor Dr. Ariel Hassidim eine Sensitivitätsanalyse durch, die auch nicht dokumentierte, rezeptfreie Einnahmen berücksichtigt. Das Ergebnis blieb stabil: Nur eine unrealistisch hohe Dunkelziffer an nicht erfasstem Medikamentenkonsum hätte die Resultate kippen können.
Einordnung statt Verunsicherung
Die BGU-Forschung reiht sich in eine wachsende Zahl großer Studien ein, die den Trump-Kennedy-Behauptungen widersprechen – darunter auch eine schwedische Kohortenstudie mit 2,5 Millionen Geburten sowie eine im Januar 2026 im Lancet veröffentlichte Übersichtsarbeit, die ebenfalls keinen Zusammenhang zwischen Paracetamol und Autismus, ADHS oder Intelligenzminderung fand.
Für Dr. Daniel geht es am Ende um mehr als nur um einzelne Zahlen: Ziel des siPREG-Registers sei es, Unsicherheit durch Evidenz zu ersetzen, damit Ärztinnen und Ärzte Schmerzen und Fieber in der Schwangerschaft verantwortungsvoll behandeln können, ohne Mutter oder Kind unnötigen Risiken auszusetzen. Angesichts der Verunsicherung, die politische Warnungen wie jene aus Washington ausgelöst haben, dürfte diese Botschaft bei vielen werdenden Müttern auf offene Ohren stoßen.


