„Das Tragen der Kufiya als kulturelle Aneignung“

0
14

Richard Schuberths faszinierende Essays über den Antisemitismus, der keiner sein will

Von Roland Kaufhold

„Die Frage sollte umgekehrt gestellt werden: Wann ist Israelkritik nicht antisemitisch?“
Anetta Kahane (S. 18)

Seit dem über mehrere Jahre minutiös geplanten islamistischen Pogrom der Terrororganisation Hamas gegen israelische Zivilisten, überwiegend junge tanzende Menschen, ist der Antisemitismus weltweit und auch auf deutschen Straßen explodiert. Hatte der Hass auf Juden in den Jahrzehnten nach der Shoah zumindest noch überwiegend Scham erzeugt, so wird er heute teils öffentlich als Triumph in Szene gesetzt. Öffentlicher Judenhass wird nun gefeiert. Vereinzelt macht es heute in einem gewissen Milieu sogar Spaß, Juden und Freunde Israels öffentlich zu jagen. Nahezu jeden Tag finden sich hierfür Belege.

Bis 1968 hätte man solche Ungeheuerlichkeiten noch für ein „rechtes Projekt“ gehalten bzw. es so bezeichnet. Auch später dachte man, darunter auch ein Teil der sogenannten „Antisemitismusexperten“, dass dies vor allem ein Problem der NPD oder meinetwegen auch der AfD sei.

Spätestens seit dem 7.10.2023 dürfen sich Kunzelmanns Erben freuen: Der Antisemitismus auf den Straßen hat jede Scham verloren. Nahezu täglich kommt es zu antisemitischen Bedrohungen. Dem entgegen treten nur winzige Gruppen von „Israelfreunden“.

Nun hat der Wiener Publizist Richard Schuberth eine wortgewaltige Sammlung von 39 glänzend ironisch formulierten Essays vorgelegt. Diese sticht aus den bisher vorliegenden neueren Studien über den Antisemitismus seit dem 7.10. –Eva Illouz, Fania Oz Salzberger, Michel Friedman und Moshe Zimmermann– hervor. Seinen Hauptfokus legt Schuberth hierbei auf den linken Antisemitismus.

„Eine Bringschuld“

Im Vorwort – mit Eine Bringschuld betitelt –erinnert Schuberth an sein ungläubiges Erstaunen, als er Schriften von Henryk M. Broder, Sohn polnischer Shoahüberlebender, las, der sich in den 1970er Jahren noch sehr links verortete. Die gemeinsam mit seinem früheren Kölner Freund Peter Finkelgruen in Eigenregie herausgegebene Freie Jüdische Stimme klagte bereits Ende der 1970er Jahre das gesellschaftliche Schweigen zum Antisemitismus an. Als Juden fühlten sie sich vor allem sehr alleine. Nicht-Zugehörigkeit, politische Ausstoßung, war eine Erfahrung, die viele liberalen und linken Juden erleben mussten. Der Frankfurter Psychoanalytiker Sammy Speier (1944 – 2003) legte hierüber schreibend verstörende Dokumente vor.

Die Schriften von Améry, Sartre, Adorno, Horkheimer und Poliakov, an die Schuberth erinnert, bilden eine Hintergrundmatrix für seine Ausführungen zum Antisemitismus. Améry und Sartre haben die Abgründe der „Israelkritik“ und deren unschönen Motive schon vor Jahrzehnten klarsichtig beschrieben. Vieles davon ist heute vergessen. Allein Schuberths gelegentliche Interpretation ihrer Texte ist ein Vorzug dieser analytischen Polemik. Deren frühen Streitschriften seien Pionierleistungen. Wohltuend sei vor allem deren aufrichtiges Bedauern über „eine Linke, die falsch abgebogen ist.“ (S. 14)

Es sei erwähnt, dass in den sozialen Netzwerken die Königlich Bayrische Antifa, die vom Autor nicht erwähnt wird, die Aufgabe übernommen hat, deren Interventionen aufzunehmen und in die gegenwärtige Debatte einzubringen.  

„Strom unkontrollierbarer Leidenschaften“

Der 1968 in Österreich geborene Schuberth verweist in links-autobiografischer Erinnerung an seine ersten zaghaften Versuche, sich politisch im „Nahostkonflikt“ zu verorten. Viele Jahre lang versuchte er, „paktfähig zubleiben“ (S. 9) – also auch mit Menschen zu kooperieren, wo es eigentlich menschlich und politisch schon lange nicht mehr passte. Hierzu war es notwendig, über deren „Israelding“ gnädig hinwegzusehen. Seit dem barbarischen Hamaspogrom vom 7.10.2023 war dies nicht mehr möglich. Schuberths Erschrecken über dieses über Jahre geplante Verbrechen war zu groß. Nun wollte er nicht mehr hierzu schweigen. Hierbei schreibt Schuberth immer wieder, und dies ist eines der Vorzüge dieses Buches, auch über eigene verstörende Erfahrungen mit „der Linken“– die zu islamistischen Morden besonders dann schwiegen, wenn Israelis und Juden die Opfer waren. Sein Buch sei eine „Bringschuld“. (S. 10).

Alle eilfertigen Verweise auf den Siedlerchauvinismus in der Westbank mögen zwar sachlich naheliegend erscheinen. Das Pogrom des 7.10. hatte jedoch nichts mit diesen israelischen Rechten zu tun. Sowohl die radikal antisemitischen Hamas-Täter als auch ihre hiesige Unterstützerszene werde in ihrem Vernichtungswahn vorangetrieben von einem „Strom unkontrollierbarer Leidenschaften“. (S. 21) Diese unbewussten, zerstörerischen psychischen Motive beispielhaft immer wieder zu analysieren ist eines der Vorzüge dieses Werkes. Schuberth liefert mit seinem Buch auch Grundlagen einer Psychoanalyse des Antisemitismus.

„Die kosmische Versöhnung von Wahn und Wirklichkeit“

Die durch das Pogrom evoziert „unausbleibliche Reaktion Israels“ (S. 21), der militärische Selbstschutz gegen die skrupellösen palästinensischen Massenmörder, die von der Hamas  zynisch intendiert wurde, wurde von einem breiteren hiesigen politischen Spektrum aufgegriffen. Israel warnte in seinem Verteidigungskrieg immer wieder mittels Flugblättern die Bewohner der zu bombardierenden Stadtviertel. Dies sei eine Praxis, die „von keiner anderen kriegsführenden Macht bekannt ist.“ (S. 23)

Die zynische Strategie der vom Iran gesteuerten Massenmörder der Hamas wollte eben diese Bilder des Schreckens. Je mehr Palästinenser als Folge ihres Pogroms starben, desto größer die Vernichtung-Freude der Hamas. Bekanntlich war es 2005 der „Hardliner“, der rechte Falke Ariel Scharon, der Gaza im August 2005 ohne Gegenleistungen abgab und hierbei 21 Siedlungen von 8000 rechtsradikalen bzw. nationalreligiösen Siedlern rund um Gaza gewaltsam geräumt hatte, darunter die Siedlung Gush Katif nahe Nir Oz.

Sowohl für die Hamas als auch „für den jahrzehntelang ausgebrüteten antiisraelischen Wahn in Okzident wie Orient“ habe sich der überlebensnotwendige israelische Gegenschlag „als Jackpot“ erwiesen (S. 25). Schuberth veranschaulicht diese Apologie meisterhaft. Der kollektive antisemitische Wahn war zuvor bereits vorhanden, wurde aber von den islamistischen, vom Iran finanzierten Mördern gezielt freigesetzt.

Hierzu sei an Sigmund Freud – den der Autor häufig zu Wort kommen lässt – erinnert: Am 18.8.1932 hatte Freud in einem Brief an seinen Freund Arnold Zweig geschrieben: „Also vielleicht arbeiten die Nazis mir einmal in die Hände. Wenn Sie mir von ihren Grübeleien erzählen, kann ich Sie von dem Wahn befreien, daß man ein Deutscher sein muß. Sollte man dies gottverlassene Volk nicht sich selbst überlassen?“ Je stärker der „ewigen Antisemitismus“, der mörderische Hass auf die Juden Anfang der 1930er Jahre für Freud in seiner historischen Dimension erlebbar und verstehbar wurde, je konkreter der Antisemitismus nun Freud selbst bedrohte, desto stärker identifizierte dieser sich mit seinen jüdischen Wurzeln. Seine 1939, kurz vor seinem Tode abgeschlossene Studie Der Mann Moses und die monotheistische Religion hat dies als Fokus.

„Relativierung jüdischer Leiderfahrungen, Steigerung und Abfuhr subjektiver Affekte“

Der Antisemitismus als Leugnung der Moderne und der Unfähigkeit zum abstrakten Denken (Samuel Salzborn) verwende das fantasierte Bild des Juden, um Ausbeutung, Modernisierung und weitere sich widersprechende Bedrohungen harmonisch abzuwehren. Nun erscheint der Jude, der Israeli, in dem Orkan „linker“ antisemitischer Hassdemos „als der eigentliche Nazi und Völkermörder“ (S. 43). Der Antisemitismus, der keiner sein will müsste in seiner intellektuellen Unbelehrbarkeit Entsetzen und Scham auslösen. Stattdessen wurden die schwerst attackierten Israelis mit dem 7.10., um ihr Überleben ringend, zu skrupellosen Tätern gemacht. In seinem Epilog „Antisemitisches Karussell“ konstatiert Schuberth lakonisch zu diesem kollektiven linken Wahn: „Als die Juden dieses Zwergenstaats nach einem der misslungenen Angriffskriege gegen sie eine Pufferzone in der Größe der Bezirke Göttingen und Bautzen okkupierten, wurden sie zu Symbolen imperialistischen Größenwahns“ (S. 298).

„..dass Widerstand zwecklos ist und die Angreifer nur noch wütender macht“

In dem Essay Der Fehdehandschuh erinnert der sehr belesene Autor an Wladimir Ze´ev Jabotinskys Diktum, dass Juden zuvörderst ein Volk wie alle anderen Völker sein wollten. Als ersten Schritt hierhin forderte der „Revisionist“ Jabotinsky „das Recht, unsere eigenen Schurken zu haben.“ (S. 53) Von den Überlebenden der Shoah wurde nun eine noch höhere Moral als von den übrigen Menschen und Staaten eingefordert. Denמ, so lautet die unbewusste Vorstellung, man müsse vor allem wehrlos sein, sich abschlachten lassen. Dies scheint die Moral vieler Enkel der Mördergeneration zu sein.

Da ist es nur ein winziger seelischer und rhetorischer Schritt, ausgerechnet die am 7.10. ermordeten linken Kibbuzniks und deren Angehörige, die nur mit äußerstem Glück das minutiös geplante Massaker überlebten, zur Wehrlosigkeit zu ermahnen. Das eigentliche „intellektuelle“ Missverständnis dieser seelischen Fixierung auf diesen winzigen jüdischen Staat, das all dem zugrunde liegt, sei jedoch, dass der Antisemitismus, der zur industriellen Judenvernichtung geführt hatte, irgendetwas mit deren realen jüdischen Eigenschaften zu tun hatte. Juden, so spricht es insbesondere in diesen Linken, sollten doch wissen, so lautet das unbewusste Phantasma, „dass Widerstand zwecklos ist, die Angreifer nur noch wütender macht und Gegenwehr dann von der ganzen Welt als Traumabewältigung durch Identifikation mit den Nazis durchschaut würde.“ (S. 54) Entsprechend sehen die hiesigen regelmäßigen Demonstrationen dieser Szene aus; das Jüdische Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus (JFDA) dokumentiert diese regelmäßig.

Solche für jeden vernünftigen Menschen eigentlich leicht verstehbaren seelisch-gesellschaftlichen Prozesse analysiert der Autor in teils ironischer Weise. Als ausgebildeter Linker hat Schuberth immer wieder die Erfahrung gemacht, dass viele Palästinasolidarische häufig „konvertierte Philosemiten“ seien (S. 54).

Die Frage, wie man mit den „Philosemiten“ umgehen solle, hat der Publizist Michael Wuliger, dieser „Zionist wider Willen“, 2020 beschrieben: „Solchen vorgebliche „konsequent“ israelsolidarischen Menschen begegnet man regelmäßig auf den kleinen israelsolidarischen Demonstrationen und Veranstaltungen. Ihr Ressentiment ist offenkundig. Und doch sind wir auf diese selbsternannten Philosemiten vielleicht doch angewiesen, wo wir eh nur so wenige sind…“

Junge Linke tragen, inspiriert durch das Hamaspogrom, das wahnhafte Phantasma mit sich herum, „dass Israel unter der Tarnkappe des Naziopfers Araber“ unterdrücke (S. 55). Die rationale Kritik an diesem offenkundigen antisemitischen Wahn verstärkt jedoch noch die Wut der Palästina- und Hamasbegeisterten. Man mag sich nur ein Video von Karoline Preisler anschauen. Preisler, die Liberale, lebt tagtäglich mit Todesdrohungen, wie auch Volker Beck.

Die äußere Anerkennung von Schuld als Voraussetzung einer Verständigung

Jeder militärische Sieg Israels – 1948, 1967, 1973, 1982 – gegen seine arabischen Angreifer, angeführt vor allem vom politikunfähigen Arafat, der jede Chance auf eine palästinensische Eigenstaatlichkeit zurückwies, wenn eine Verhandlungslösung unmittelbar bevorstand, löste entsprechende infantile Selbstinszenierungen als vorgebliches „Opfer“ aus.

Richard Schuberth zerlegt analytisch und beschreibend die vorgebliche Solidarität vieler mit der Hamas und deren offen gepredigtem Vernichtungswunsch. Angetrieben werde dies durchgängig durch unbewusste Motive. Schuberth verweist hierbei auch auf Detlev Claussen.  Die Juden „erinnern an die Tat, auch wenn die Täter und ihre Nahfahren selbst nicht erinnern wollen“, konstatierte Claussen einmal (S. 65). Das Wiedererscheinen von Juden nach Auschwitz – Zvi Rix hat dies in seinem berühmten Bonmot bereits vor 50 Jahren antizipiert – war für die sich unschuldig fühlenden Nachkommen der Täter mit einem lästigen, unbewussten Gefühl des Unheimlichen verbunden. Es bedürfe einer „äußeren Anerkennung von Schuld“, die ererbt wurde, um den unbewussten, inneren Wiederholungszwang dieser Erbschaft vielleicht doch, vereinzelt, zu durchbrechen. Dass dies gelingt, dafür spricht eher wenig.

All dies beleuchtet Schuberth in seiner Essaysammlung immer wieder aufs Neue. Die Hoffnung auf einen gesellschaftlichen Fortschritt beim Engagement gegen den Antisemitismus, der keiner sein will lässt sich der Autor nicht nehmen. Dafür hat er ja seine leicht lesbare Schrift verfasst. Der harte Kern der Pali-Geschirrtuchträger-Bewegung dürfte eher nicht erreichbar sein. Für sie ist ihr entschlossener Kampf gegen Israels Gegenwehr „Erlösung und Endziel“. Israel sei „vermutlich der größte und erfolgreichste Gruppentherapeut aller Zeiten. Sein Lohn ist zugleich die Therapie: Hass.“ Dies sei wohl „die einzige Gruppentherapie der Welt, in welcher der Therapeut sich geheilt fühlt, sobald der Therapeut ermordet ist.“ (S. 175)

Dabei schlägt der Autor niemals in die Kerbe einer antipalästinensischen Einseitigkeit, sondern zeigt immer wieder Empathie für das Schicksal arabischer Menschen, die zwischen die Fronten kommen und kamen, und zeichnet beinahe mit Bedauern die Hoffnungslosigkeit einer in ihren Ideologien gefangenen fanatisierten Gesellschaft nach, welcher Gruppenzwang den – wohl oft heimlich ersehnten – Ausstieg verwehrt. Hier kommt ihm auch sein ethnologisches und kulturhistorisches Wissen zupass. In einem Exkurs über die Geschichte der Kufiya fördert er vieles zutage, was manche Palisolidarischen erstaunen, vermutlich überfordern würde: dass sogenannte Palästinenser kein Exklusivrecht auf dieses im ganzen Vorderen Orient gebräuchliches Accessoire haben, dass es ursprünglich Beduinentracht war, die den Arabern erst vom faschistischen Großmufti al-Husseini als Erkennungszeichen einer lokalen arabischen Identität im Mandatsgebiet Palästina aufgezwungen wurde und auch in Gaza heute so sehr mit der al-Fatah assoziiert wird, dass die Hamas dort immer wieder gewaltsam gegen Kufyia-Träger vorging. „… dennoch ließe sich mit einiger Ironie behaupten“, so Schuberth, „dass das Tragen der Kufiya durch Sesshafte kulturelle Aneignung bedeutet und dass man damit eigentlich seinen Respekt vor einer arabischen Stammeskultur ausdrückt, welcher die palästinensische Sache herzlich egal ist.“

Schuberths Abhandlung und Selbstreflexion könnte ein passendes Geschenk für alle Linken sein, die sich noch für Argumente interessieren.

Richard Schuberth: Vom Antisemitismus der keiner sein will. Edition Tiamat 2026: Critica Diabolis 350, 312 S., 26 Euro, Bestellen?

Leseprobe