„In Drohobytsch hatten wir alle denselben Bekannten“

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Unterwegs mit Bruno Schulz als gutem Geist, Foto: privat

Von Lothar Quinkenstein

[…] wir […] rannten […] mit aller Kraft
auf der nach unten fahrenden Rolltreppe nach oben.
Tamara Duda, Donezk Girl

Durch den schweren Schlaf dringt der Laut ans Ohr. Schneidet sich tiefer. Lässt sich nicht mehr bannen mit den Fetzen eines Traumes. Ist da und bleibt. Messerscharf. Luftalarm.

Ich taste nach dem Handy. Halb drei. Und wie jedes Mal, wenn die Sirene heult, flackert auch jetzt wieder Victoria Amelinas Gedicht durch den Kopf: „Luftalarm im ganzen Land / Als führte man alle gleichzeitig / Zur Erschießung / Und zielte doch nur auf einen / Meistens auf den am Rande // Heute bist das nicht du, Entwarnung.“

Dass Gedichte nicht schützen gegen diese Realität – der Kopf weiß es. Doch kommt er nicht an gegen die bleierne Schwere in allen Gliedern. Fast 16 Stunden Fahrt gestern. Zu spüren in jeder Faser. Und während der Ton weiter an- und abschwillt, stolpern die Gedanken. Dass dieses Hotel in Truskavets vielleicht nicht unbedingt zu den ersten Zielen … Aber was soll das heißen? Es gibt kein „vielleicht nicht“. Auch das weiß der Kopf. Die Russen schießen auf alles. Auf Theater, auf Museen, auf Schulen, auf Kindergärten, auf Spielplätze, auf Sportplätze, auf Entbindungskliniken, auf Bahnhöfe, auf Personenzüge, auf Baumärkte, auf Supermärkte. Mitten in Menschenmengen auf Promenaden. Mitten in Menschenmengen, die aus der Kirche kommen. Also warum nicht auf dieses Hotel?

Doch bringt der Kopf den Körper nicht dazu, sich zu bewegen. Die Vorstellung, Kleider überzuziehen, nach unten in den Schutzraum zu gehen. Bleierne Schwere – nicht zu überwinden. Der schneidende Ton ebbt ab. Schwillt nicht wieder an. Jetzt dauert, was er mitgeteilt hat: die Bedrohung.

Der Schlaf ist dünn nach einem Alarm. Halbstundenweise der Blick aufs Handy. Das Warten auf die Entwarnung. Am Ende verschlafe ich sie doch.

Gegen halb acht gehe ich zerschlagen unter die Dusche. Ein rascher Blick in den ukrainischen Nachrichtenkanal. Lviv wurde getroffen, Burschtyn. Und Stryj. Keine 40 Kilometer von hier.

Im Frühstücksraum sehe ich unter den Festivalgästen etliche bekannte Gesichter. Wie bei jeder Begegnung dieser Art seit dem 24. Februar 2022 herrscht eine ebenso herzliche wie ernste Atmosphäre.

„In Drohobytsch hatten wir alle denselben Bekannten. Er heißt Bruno Schulz“ – wie Serhij Zhadan geschrieben hat. Wenn wir uns jetzt wiedersehen, in der Stadt der Zimtläden, befinden wir uns in einem Land im Krieg. In einem Land, das sich mit aller Entschlossenheit verteidigt gegen ein bestialisches Imperium, das nur eine Absicht hat: dieses Land zu vernichten.

Am 19. November 1942, wurde Bruno Schulz auf offener Straße erschossen. Im Ghetto von Drohobytsch. Von einem Angehörigen der Gestapo, dessen Namen ich nicht nennen muss. So viel Aufmerksamkeit hat der Mörder nicht verdient.

Das einwöchige Festival im Sommer, das große SchulzFest, findet alle zwei Jahre statt, seit der Vollinvasion nicht mehr Ende Mai, Anfang Juni, sondern im Juli. Die beiden Gedenktage wiederum, am 19. und 20. November, sind eine jährliche Veranstaltung, benannt nach einer Erzählung von Bruno Schulz: Druga Jesień – Друга Oсінь – Der zweite Herbst.

Den Zweiten Herbst 2025 haben wir zum Anlass genommen, mit unserer Berliner Initiative einen weiteren Transport mit Hilfsgütern durchzuführen. Neben unseren engen Kontakten nach Lviv, dem häufigsten Ziel unserer Fahrten mit humanitärer Hilfe, haben wir auch enge Verbindungen nach Drohobytsch. Im Oktober 2024 hatten wir eigens eine Fahrt in die Stadt von Schulz organisiert, um das dortige Studentenwohnheim zu unterstützen, in dem viele Binnengeflüchtete untergebracht sind, sowie das Theater. Seit dem Frühjahr 2022 wird dort in ganz besonderer Weise zivilgesellschaftliches Engagement umgesetzt: Eine Gruppe von Freiwilligen aus dem Theater und befreundeten Kreisen kocht in großem Umfang Essen ein, das zusammen mit weiteren haltbaren Lebensmitteln an die Front gebracht wird, zu den Einheiten, in denen Drohobytscher Soldatinnen und Soldaten kämpfen.

Unterwegs, Foto: privat

Im Oktober 2024 hatten wir gastronomische Ausstattung mitgebracht, finanziert über unsere private Spendeninitiative, hochwertige Formen zum Brotbacken, ein Vakuumiergerät, Spezialtöpfe für Großküchen, einen leistungsstarken Gemüseschneider. Für das Wohnheim brachten wir Roller und Fahrräder mit – für die geflüchteten Kinder in dieser Einrichtung. Vor der Tour war ich mehrere Wochen kreuz und quer durch Berlin gefahren, hatte Stück um Stück ich weiß nicht wie viele Roller, Lauf- und Fahrräder zusammengetragen, die Freunde, Bekannte und Bekannte von Bekannten gespendet hatten.

In Drohobytsch – beim Versenden der Fracht, Foto: privat

Dieses Mal haben wir das nächste Paket Vakuumierfolien für die Theaterküche dabei, außerdem Krücken und Rollatoren, für die älteren Menschen unter den Geflüchteten im Wohnheim. Viele von ihnen, die aus frontnahen Ortschaften evakuiert wurden, haben so gut wie nichts mitnehmen können. Ihre Wohnungen, ihre Häuser sind zerbombt, oft nicht einmal mehr als Ruinen vorhanden, buchstäblich ausgelöscht.

Beim Frühstück werden Einzelheiten zu den Angriffen der Nacht ausgetauscht. Lviv ist schwer getroffen worden. Zum Glück keine Toten, keine Verletzten. Außerdem das große Elektrizitätswerk bei Burschtyn. Und ein Gasspeicher bei Stryj.

Auch wenn sie nichts helfen an diesem Morgen – die Assoziationen lassen sich nicht aufhalten, sie stellen sich ein beim Klang der Namen: In Burschtyn wurde Debora Vogel geboren. In Stryj Julian Stryjkowski (Pesach Stark).

Aber warum sollte es ein Gegensatz sein? Vielleicht hat die Literatur gerade jetzt sogar mehr zu sagen als in Zeiten des Friedens. Wir sind hierhergekommen, um heute und morgen noch intensiver an Bruno Schulz zu denken, als wir es ohnehin schon tun. An seine einzigartige Prosa zu erinnern, deren Kraft tatsächlich in der Lage ist, wenn nicht die Wirklichkeit, so doch die Wahrnehmung von ihr zu verändern. Drohnen und Raketen kann unser Schulz-Gedenken nicht abwehren, das steht uns klar vor Augen. Das kann nur die ukrainische Flugabwehr. Dennoch ist auch die Literatur Teil eines Behauptungswillens. Die Russen haben das von ihnen zerbombte Theater in Mariupol, in dem Hunderte Zivilisten Zuflucht gesucht hatten – vor und hinter dem Gebäude stand in riesigen Buchstaben KINDER auf dem Boden –, mit Staffagewänden umstellt, auf denen Puschkin, Lermontov und weitere Tolstojewskijs abgebildet sind. Dasselbe Regime hat letzte Nacht Lviv, Burschtyn und Stryj beschossen.

Energieinfrastruktur. Ein nüchtern klingendes Wort. Aber was bedeutet es letztlich? Wer im November die Energieinfrastruktur zerstört, will dem Leben die Grundlage nehmen. Will das Leben dem Winter ausliefern. Will das Leben zerstören.

Drohobytsch nach den Angriffen – ohne Strom, Foto: privat

Bruno Schulz – Debora Vogel – Julian Stryjkowski – sie stehen mir an diesem Morgen, beim Frühstück im Hotel Revita in Truskavets, für so viel mehr als nur Literatur. Ihre Texte haben mir maßgeblich den Weg in die Ukraine gebahnt. Über diese Lektüren hat sich historisches Interesse in eine Topographie der Gegenwart verwandelt.

Dieses Mal sind wir zu fünft und mit zwei Fahrzeugen unterwegs: mit unserem Bus, der wieder bis unters Dach vollgepackt ist mit Fracht, und einem Pkw, den wir in Lviv übergeben wollen. Er soll für Evakuierungen in frontnahen Ortschaften eingesetzt werden.

Die Fahrt verlief glatt, der übliche Nachmittagsstau bei Krakau-Balice blieb aus. Auch an der Grenze hatten wir Glück. Die Schlange recht kurz, knapp zwei Stunden. Bei zwei Fahrzeugen, von denen eines überführt wird, was eine zusätzliche Abfertigung mit Papierkram nötig macht, darf das als zügig gelten.

Das Stück von der Grenze bis nach Truskavets zog sich allerdings. Wir hatten uns für die längere Variante entschieden, knapp 140 km. Der kürzere Weg führt über einen Straßenabschnitt, der mit Schlaglöchern übersät ist. Diesen Weg hatten wir im Oktober 2024 nach Drohobytsch genommen. Und unsere Entscheidung bald verwünscht. Der schwierigste Abschnitt war auf einer Länge von mehr als zehn Kilometern derart marode, dass wir im Schritttempo Slalom fuhren. Wären wir mit unserer Tonne Ladung in eine dieser schartig ausgefressenen Gruben geknallt, die Tour wäre zu Ende gewesen. Dazu die Dunkelheit, die auf den Landstraßen, und in Waldstücken zumal, von einer Intensität ist, wie man sie kaum kennt. Deutschland ist so dicht besiedelt, dass von irgendwoher immer ein Licht rieselt. Auf einer ukrainischen Landstraße Richtung Drohobytsch oder Truskavets ist es – um unseren Alex zu zitieren – „finster wie im Bärenarsch“.

Diese Slalomfahrt wollten wir jetzt auf keinen Fall wiederholen, entschieden uns also für den Umweg. Außerdem passte es ganz gut, denn wir wollten noch ein Paket aufnehmen, an einer Tankstelle an der Hauptroute nach Lviv.

Bei jeder Fahrt steht, wer gerade nicht am Steuer sitzt, mit allen möglichen Leuten in Kontakt. Das Netz von Personen, mit denen wir kooperieren, hat sich seit dem Februar 2022 weit über die Ukraine gespannt. Viele Personen werden vorab informiert, dass wir unterwegs sind – um eben solche Volten zu ermöglichen –, und irgendwann kommt dann von irgendwoher eine Nachricht: „Wenn Ihr gerade dort oder dort seid – würdet Ihr noch was mitnehmen? Genauere Info folgt! …“ Und weil jedes an seinen Zielort gelieferte Paket – seien es Medikamente, Tourniquets, Drohnen oder Babynahrung – der Ukraine hilft, bemühen wir uns um größtmögliche Flexibilität.

Also zuerst weiter nach Osten. Wir übernehmen das Paket. Dann biegen wir nach Süden ab. Bis wir schließlich in Truskavets ankommen, ist es fast 21.00 Uhr ukrainischer Zeit.

Meine Bleibe ist rasch gefunden. Da ich mit einem Beitrag für die Gedenktage eingeladen bin, hat mich Vera Meniok, die Organisatorin, zusammen mit den anderen Festival-Gästen untergebracht. Das Hotel für unsere Gruppe bereitet allerdings Kopfzerbrechen. Wir irren durch die Kleinstadt Truskavets, die Navigation hält uns zum Narren, behauptet, wir hätten unser Ziel erreicht, wo weit und breit kein Hotel zu sehen ist. Drei Mal fahren wir denselben Hügel hinauf und hinunter. Endlich kann uns eine Bedienung in einer Kneipe weiterhelfen, in der wir, schon ziemlich ratlos, um Hilfe bitten. Es stellt sich heraus, dass wir herrlich mit der Kirche ums Dorf gefahren sind.

Jetzt sind wir also angekommen. Und eine Straße weiter können wir sogar noch etwas essen. Des Krieges wegen schließen die Lokale früh, doch eine Suppe und einmal Varenyki für alle hat die Küche noch. Das warme Essen schmeckt wunderbar nach der langen Fahrt. Dazu ein kühles Bier.

Wir verabschieden uns auf der Kurpromenade von Truskavets – mit der Hoffnung auf eine ruhige Nacht. Die leider alles andere als ruhig werden sollte.

Nach dem Frühstück gehe ich auf mein Zimmer, suche rasch zusammen, was ich für den Tag mitnehmen möchte. Mein Handy meldet sich: eine Nachricht von einer Freundin aus Przemyśl. Kasia gehört zum Kreis der Menschen um das dortige Ukrainische Haus, die mir sehr nahestehen, nicht zuletzt durch meinen dortigen Aufenthalt als freiwilliger Helfer von Ende Februar bis Mitte März 2022. Sie weiß, dass wir in der Ukraine unterwegs sind, ist besorgt nach dem nächtlichen Angriff. Sie schickt ein Foto mit, das ich am Morgen bereits in dem Nachrichtenkanal gesehen habe. Lviv im ersten Licht, eine schwere Rauchschwade über den Dächern. Als ich ihr gerade geantwortet habe, dass bei uns alles in Ordnung sei, heult wieder die Sirene los.

Ich ziehe mir die Jacke über, nehme den Rucksack, gehe nach unten.

Novembersonne, die Luft riecht nach welkem Laub. Wir warten auf den Bus, der uns nach Drohobytsch bringen soll, zur Eröffnung des Zweiten Herbstes.

Das Rathaus in Drohobytsch, Foto: privat

Im polnischen Drohobytsch war es die Mickiewicz-Straße. Jetzt ist es die Schewtschenko-Straße. Gleich bei der niedrigen Mauer, die die Grünanlage begrenzt, ist die Gedenkplatte in den Gehweg eingelassen. Sie verewigt Bruno Schulz nicht in einer nationalstaatlichen Kategorie, sondern schlicht als „großen Künstler und Drohobytscher“. Wenige Schritte weiter die Gedenkallee für die Gefallenen aus Drohobytsch. Eine Art Laubengang, mit durchbrochenen Wänden, an denen die Fotos befestigt sind, begleitet von den ukrainischen Farben. In der Höhe, unter dem First der Konstruktion, schweben die Vogelfiguren, die in diesem Krieg zum Sinnbild der Hoffnung inmitten des allgegenwärtigen Todes geworden sind.

Die Nähe der beiden Orte ist bedrückend. Die Stelle, an der der Gestapo-Verbrecher den jüdisch-polnischen Schriftsteller, Zeichner und Lehrer ermordete. Das Gedenken für die ukrainischen Gefallenen des russischen Angriffskrieges, der nun schon elfeinhalb Jahre dauert.

Ein Streifenwagen steht quer über der Straße. Für die Dauer der Zeremonie ist die Durchfahrt gesperrt. Um die zwanzig, dreißig Personen haben sich schon versammelt. Vera Meniok ist bereits da, sie hilft eben beim Einrichten der Mikrophone.

Ich begrüße Leonid Golberg, den Hüter der Synagoge in Drohobytsch. Grzegorz Józefczuk, den Spiritus rector der Lubliner Schulz-Gesellschaft und seinerseits Mitorganisator der Schulz-Veranstaltungen in Drohobytsch seit der ersten Stunde.

Zu Beginn war es eben eine Handvoll Menschen gewesen, die es nicht hatte hinnehmen wollen, dass nach dem nationalsozialistischen Massenmord und den Jahrzehnten der Kulturvernichtung im Namen der Sowjetisierung eine Persönlichkeit wie Bruno Schulz in seiner Stadt dem Vergessen anheimgefallen war. Vera Meniok, ihr so tragisch früh verstorbener Mann Ihor Meniok, von polnischer Seite Jerzy Ficowski, Władysław Panas – sie hatten sich damals der beschwerlichen Aufgabe gestellt, die Erinnerung an das Drohobytscher Genie wiederzubeleben. Ergebnis dieser Mühen sind das SchulzFest, das Gedenken im November, die Platte im Gehsteig, eine mittlerweile wohl dreistellige Zahl an Publikationen und ein immenses kulturelles Programm, das über mehr als zwei Jahrzehnte hinweg Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt in die westukrainische Kleinstadt gebracht hat, an den Ort, den dem diese unfassliche Prosa entstanden war. Ariko Kato, die Übersetzerin der Werke von Schulz ins Japanische, Sotirios Karageorgos, der Übersetzer ins Griechische, Jerson Vicente Fontana, Schauspieler und Regisseur aus Brasilien, der nach Motiven von Schulz ein Einpersonenstück geschaffen hat, der isländische Schriftsteller Sjón, der Schulz die größte Verehrung entgegenbringt … in der Stadt der Zimtläden, bin ich ihnen begegnet.

Von der Marktseite her taucht eben unsere Gruppe auf: Alex, Elisabeth, Bajszel-Alex, Miriam.

Mittlerweile haben sich an die 100 Menschen versammelt, ich entdecke immer mehr bekannte Gesichter. Eine eigenartige Empfindung, bei jedem Besuch hier stellt sie sich ein – das Gefühl einer Rückkehr an einen vertrauten Ort. An einen Ort, der eigentlich nie fremd gewesen ist, nicht einmal beim ersten Aufenthalt. Als ich zum ersten Mal nach Drohobytsch kam, war es, als würde ich alles „wiedererkennen“. Alles bot sich so dar, wie ich es mir in meiner jahrzehntelangen Beschäftigung mit dieser Prosa vorgestellt hatte. Bis ins Detail. Und zugleich war es noch um ein Vielfaches schöner, intensiver, überwältigender. Weil es nun als Wirklichkeit vor mir lag.

Aber nichts daran war überraschend oder gar befremdlich. Es war die Stadt seines Werkes (die dort ohne Namen bleibt) – und einen besseren Reiseführer für Drohobytsch gibt es nicht. Diese Tage des ersten Besuchs, unter einem blauen Himmel Ende Mai, Anfang Juni, der damals jenseits des Donbas noch sicher war, haben sich mir eingeprägt als ein großes, unfassliches Glück.

Ich weiß noch, wie ich nach einer Vernissage im Rahmen des Festivals mit zwei Studentinnen von Vera am Hintereingang des Universitätsgebäudes stand. Das Laub an den Bäumen, leuchtend grün. Wir sprachen – auf Polnisch – über den Krieg im Osten des Landes. Sie waren eben im Begriff, ihr Studium abzuschließen, halfen bei der Organisation des Festivals, und versuchten, trotz der zutiefst beunruhigenden Entwicklung seit der Annexion der Krim, optimistisch zu bleiben. Rita war aus Charkiv nach Drohobytsch gekommen, weil die Drohobytscher Polonistik einen exzellenten Ruf hat. Ihre Kommilitonin Valentyna kommt aus einem kleinen Ort in der Oblast Lviv.

Heute lebt Rita mit ihrem Mann und ihrem Sohn, der bereits im Krieg zur Welt kam, in einem Dorf bei Charkiv. Nach dem Studium hatte sie dort eine Sprachschule für Polnisch eröffnet, sie auch noch eine Weile zu führen versucht, doch als die Angriffe auf Charkiv immer heftiger wurden, zogen sie aufs Land, wo es sicherer war.

Zwei Aufnahmen, die ich immer wieder vor mir sehe: das Bild der Wiege, die ihr Mann selbst geschreinert hat. Dunkles, schimmerndes Holz, mit aller Sorgfalt poliert. An Seilen an der Zimmerdecke befestigt, schwingt sie auf einem Video, das Rita mir geschickt hat, im warmen Licht einer tiefstehenden Sonne hin und her. Und: die Aufnahmen ihrer Kursräume – nach einem Angriff, bei dem ein Haus gegenüber getroffen wurde. Von der Druckwelle zersprangen alle Scheiben, die Fensterrahmen zerbarsten, Mobiliar wurde durch die Räume geschleudert. Kein Quadratzentimeter, der nicht mit Glassplittern übersät war. An dem Tag wollten sie etwas in Charkiv erledigen, bei der Gelegenheit auch in der Sprachschule vorbeischauen, die jetzt leer stand. Weil sie etwas vergessen hatten, mussten sie auf halbem Weg umkehren und trafen erst nach dem Angriff ein.

„Halb so schlimm“, hatte Rita mir damals geschrieben. „Das kann man alles reparieren. Hauptsache, wir leben!“

Minutenlang hatte ich auf das Foto gestarrt, mit einem schwarzen Stein im Magen. Wenn sie nicht hätten umkehren müssen – sie wären genau zum Zeitpunkt des Einschlags gegenüber in den Kursräumen gewesen.

Valentyna hielt sich am 24. Februar 2022 in Lublin auf. Sie hatte ein Stipendium bekommen, um dort ihre Masterarbeit zu schreiben. Immer wieder fuhr sie dann zwischen Lublin und der Ukraine hin und her, mal nach Drohobytsch, mal nach Lviv, mit einem Pkw, der jedes Mal vollgepackt war mit humanitärer Hilfe und Ausrüstung für die Armee, mit Tourniquets und speziellen blutstillenden Verbänden. Bei einer dieser Fahrten hielt sie sich einige Tage in ihrem Heimatort auf. Von dort schickte sie Fotos eines Sees – nicht anders als malerisch zu nennen. Schilfbestandene Ufer. Die Gruppe, mit der sie dorthin spaziert war, saß im hellen Sand. Ein Hund stand im Wasser, wartete darauf, dass jemand ihm den Stock warf. „Es ist so verrückt“, schrieb sie zu den Fotos, „wir stecken alle fest in dieser entsetzlichen Februarzeitschleife, und hier ist es so friedlich und schön wie immer. Es will nicht in den Kopf.“

Die ersten Worte des Kaddisch für Bruno Schulz.

„Gepriesen und geheiligt werde Sein Name …“

In diesem Moment fährt das Geheul der Entwarnung auf. So scharf es in den blauen Himmel geht über den Dächern des Marktes – es ist Erleichterung. Der Alarm des Morgens ist vorbei.

Niemand unter den Versammelten reagiert auch nur mit einem Wort, einer Geste. Alle stehen reglos, konzentriert. Ohne die kleinste Verzögerung wird das Gebet gesprochen. Mit sicherer, fester Stimme. Unterlegt vom Laut der Sirene. Dann ebbt das Heulen ab und schwillt nicht mehr an. Jetzt sind nur noch die Worte zu hören. Das Kaddisch für Bruno Schulz.

Nach der Zeremonie gehen wir durch die Allee für die Gefallenen. Die Stimmung ist sehr gedämpft, alle sprechen unweigerlich leise. Von den Fotos schauen uns die Gesichter an. Über den Vogelfiguren ein tiefblauer Himmel.

„Close the Sky now!“ Die verzweifelten Appelle, in so vielen Filmen und Bildcollagen wiederholt. Ende Februar 2022 erreichte mich auch ein Video von Vera mit eben diesem Inhalt. Eine Gruppe ihrer Studentinnen hatte die Sequenzen aufgenommen und montiert.

„Close the Sky over Ukraine! Close the Sky NOW!“

Frau Lambrecht räsonierte damals über Helme.

Wir suchen eine Filiale der Nova Poshta, in der wir Fracht unserer Größenordnung verschicken können, finden eine an der Straße nach Sambir.

Jetzt geht es ans Ausladen. Das meiste wird verschickt, nur etwa 20 Kartons nehmen wir mit nach Lviv. Nicht zu vergessen das Paket, das wir gestern Abend noch mitgenommen haben. Das darf jetzt vor allem nicht auf einem der Stapel landen. Und es gibt noch genügend andere Details, auf die wir achten müssen.

Jede Ladung hat ihre logistischen Tücken. Buchstäblich bis zur letzten Minute nehmen wir Fracht auf. Alles, was jemand an Wichtigem noch besorgen kann, geht mit, solange Platz ist. Wir hatten schon Fahrten, bei denen wir die allerletzten Pakete morgens auf einem Parkplatz an der Autobahn übernommen haben.

Beim Einladen versuchen wir, die Bestimmungsorte halbwegs zusammenzuhalten, am Ende ist aber die Pragmatik der Platzausnutzung wichtiger. Beim Ausladen heißt das: maximale Aufmerksamkeit. In jeder größeren Stadt haben wir auch meistens mehrere Empfänger. Die dürfen nicht durcheinandergeraten.

Heute Morgen kam noch eine wichtige Nachricht von der Front: neue Abholorte! Die Nova Poshta-Filialen, die uns zuerst übermittelt wurden, sind zu unsicher geworden, die Ortschaften liegen unter ständigem Artilleriebeschuss. Die neuen Adressen kommen noch … Also schieben wir alles, was an die Front geht, zuerst einmal auf die Seite.

Unsere Kommunikation beim Ausladen und Sortieren, beim Stapel- und Palettenbauen beschränkt sich auf Orts- und Empfängernamen und unsere internen Kürzel, die für Außenstehende kaum verständlich wären.

Während wir die ersten versandfertigen Paletten labeln lassen, kommt die Nachricht mit den neuen Abholorten für die Pakete, die an die Front gehen. Mit der Entschuldigung dafür, dass es etwas gedauert habe, es sei sehr unruhig im Moment. „Sie schießen gerade wieder mit allem, was sie haben …“.

Nach knapp drei Stunden sind wir fertig, das letzte Paket wird etikettiert. Wir werfen gewissenhafte Blicke unter alle Sitze … in Erinnerung an das eine Päckchen, das es geschafft hatte, in einen Winkel zu rutschen und nach Berlin zurückzufahren.

Wir zahlen, sammeln alle Belege ein. Jetzt nur noch beim Briefschalter die Zollerklärung für den Hauptempfänger aufgeben, ohne den wir die Prozedur nicht abwickeln könnten, und das erste große Stück Arbeit ist erledigt.

Gemeinsam mit uns fährt der Lkw vom Hof, in den ein Gabelstapler – während wir bezahlt haben – die ersten unserer Paletten geschoben hat.

Es ist recht kühl, aber immer noch herrlicher Sonnenschein. Die herbstlichen Gärten leuchten noch einmal im milden Licht. Wolkenlos blau wölbt sich der Himmel. Aus dem in jeder Sekunde Tod und Vernichtung kommen können.

Wir setzen uns in eines der Lokale am Markt, essen eine Suppe. Schauen noch einmal die Einsendebelege durch, prüfen, ob wir auch nichts vergessen, nichts verwechselt haben. Auch wenn die Frachtabfertigung mittlerweile Routine geworden ist – Fallstricke gibt es immer, und jede Ladung hat ihre kniffligen Details. Es wäre äußerst unangenehm, wenn durch einen dummen Irrtum von uns Pakete an falsche Orte geliefert würden.

Dann geht es an die Planung für Lviv. Wir überlegen, in welcher Reihenfolge wir am günstigsten die Stellen anfahren, an denen wir die verbliebene Ladung abgeben. Wie wir die Übergabe des Pkw organisieren. Und auf dem Rückweg werden wir Passagiere mitnehmen. Zwei Mütter, beide mit einem halbwüchsigen Sohn. Treffpunkt Bahnhof Lviv. Weitere Details folgen …

Die anderen bleiben noch einen Moment sitzen, ich möchte, solange es noch hell ist, die Zeit für einen Spaziergang nutzen.

Bei jedem Aufenthalt in Drohobytsch ist das ein kleines Ritual: einmal eine Runde durch die Straßen um den Markt, einmal zu dem Haus, in dem Schulz als Erwachsener wohnte, einmal zu „Biankas Villa“, heute ein Museum, einmal zu dem Haus, das Landau konfisziert hatte, der „Schutzteufel“ von Schulz, wie Jerzy Ficowski ihn nannte.

Die Stille der Straßen, die schimmernden Fassaden mit ihrer unverwechselbaren Aura. Etliche Häuser lassen erkennen, dass hier in der Zeit des Erdölbooms einiges Geld im Umlauf war. Die üppigen Gärten, die auch jetzt, im Spätherbst, ihren eigentümlich verwunschenen Reiz haben. Dazwischen Ausblicke in die Ferne. Karpatenvorland. Heute, bei dem wolkenlosen Himmel, sind die Berge gut zu sehen.

In der Stille dieser Straßen geht mir immer Schulz` „Die Republik der Träume“ durch den Kopf:

„Die Stadt und das Land haben sich zu einem sich selbst genügenden Mikrokosmos abgeschlossen, sich auf eigene Faust am Ufer der Ewigkeit niedergelassen.“ Kazimierz Wierzyńskis „Gedicht für Roman Palester“ schreibt die zweite Stimme dazu: „Öffne das Fenster: dieselbe / große Provinz galizischer Nachtigallen.“

Wierzyński, zwei Jahre jünger als Schulz, wurde in Drohobytsch geboren. Er gehörte der Warschauer Dichtergruppe Skamander an. Er starb 1969 in London. Der Grundton seines Exils war die Sehnsucht nach „seinen Karpathen.“

Namen und Bilder, sie verschlingen, überlagern sich, ein Wirbel aus Assoziationen … Maurycy Gottlieb – Ephraim Moses Lilien – beide in Drohobytsch geboren. Gottlieb, ein Schüler Jan Matejkos, starb, eben 23 Jahre alt, in Krakau. Seine große Liebe, die er nicht hatte heiraten können – Laura Rosenfeld – starb 1944, im Alter von 86 Jahren, fast erblindet und teilweise gelähmt, im Durchgangslager Westerbork oder auf dem Transport nach Auschwitz.

Ephraim Moses Lilien illustrierte Morris Rosenfelds Lieder des Ghetto. Zuvor hatte er Illustrationen für Börries von Münchhausens Juda geschaffen. Ausgerechnet an diesen provinzadligen Dünkelkitschkopf mit seinem christlich verschwurbelten „Zionismus“ hatte er geraten müssen. Das wahre Gesicht des unermüdlichen Balladenschusters zeigte sich, als er die Lieder des Ghetto verriss. Dass Juden auch proletarisch, ja – behüte! – sozialdemokratisch sein sollten, war ihm unerträglich. Aristokratisch hatten sie zu sein! Als die Nationalsozialisten dann politisch aufstiegen, wurde er der Antisemit, der er immer schon gewesen war.

Eines von Gottliebs bekanntesten Bildern sind die „Betenden Juden an Jom Kippur“. Auf diesem Gemälde hat er sich als Kind, als Jugendlichen und als Mann dargestellt; auf der Frauenempore steht die von ihm verehrte Laura. Die Synagoge ist der hiesigen nachempfunden, der Drohobytscher Choralsynagoge, die die größte im Kronland Galizien und Lodomerien war.

Freunde hatten Schulz immer wieder gedrängt, die Hilfe anzunehmen und sich aus dem Ghetto schleusen zu lassen. Er zögerte lange, stimmte endlich zu. Alles war vorbereitet, die falschen Papiere waren besorgt, ein Versteck bei vertrauenswürdigen Eingeweihten stand zur Verfügung. Am 20. November 1942 sollte Bruno Schulz aus dem Ghetto gebracht werden. Dann kam der 19., der „Schwarze Donnerstag“. Über 200 Menschen wurden bei dem Massaker im Ghetto ermordet. Auslöser war angeblich der Angriff eines Juden auf einen deutschen Besatzer gewesen. Die Ermordeten wurden in einem Massengrab auf dem neuen jüdischen Friedhof beerdigt. Die Stelle ist nur mehr ungefähr auszumachen, ein Teil des Friedhofsareals wurde auch bebaut.

Einer der größten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts hat nicht einmal einen Grabstein, auf dem sein Name steht. Das ist die Leere – der Mnemocid –, die die deutschen Verbrechen hinterlassen haben.

Am frühen Abend eine Veranstaltung in der Jarosz-Villa. Der Weg dorthin führt jetzt durch dunkle Straßen, die Folgen des Beschusses in der Nacht zuvor.

Die im Arco Verlag erschienene Anthologie Dichtung der Verdammten wird vorgestellt, die dem „Fünfgestirn“ der ukrainischen Neoklassiker gewidmet ist. Arco publizierte Jiři Mordechai Langers Neun Tore in einer großartigen Neuübersetzung von Kristina Kallert. Gab den bislang umfangreichsten Band mit Texten von Debora Vogel in der Übersetzung von Anna Maja Misiak heraus. Artem Tschechs Nullpunkt ist dort erschienen, ebenso der Band Ein Hauch von Grauen und verborgene Hoffnung mit ukrainischen Stimmen zum Ersten Weltkrieg.

Jurko Prochasko ist auf dem Podium mit dabei. Eben begrüßt er das Publikum, da gehen im Saal die Lichter aus. Mit einem Schlag wird es stockdunkel. Von draußen dringt nicht der kleinste Schimmer herein. Kein Wort im Publikum, kein „Ach“, kein „Ooh“. Nach und nach gehen Handytaschenlampen an. Halblaute Stimmen von vorn: „Wenn ich dir so Licht gebe, reicht dir das zum Lesen? …“

Ich muss mir eingestehen, dass ich die Person Oswald Burghardts bisher nicht kannte. Seine Übersetzungen klingen ausgesprochen elegant, gehen leicht ins Ohr. Mein erster Gedanke führt zu Rilke. Der tatsächlich, wie ich durch Lektüren nach der Rückkehr erfahre, ein wichtiger Bezugspunkt war.

Ein Abend über die fünf ukrainischen Neoklassiker, von denen drei in stalinistischen Lagern elend ums Leben kamen, findet bei Handylicht statt, weil die russischen Barbaren ihren Vernichtungskrieg gegen die Ukraine fortsetzen.

Nach der Veranstaltung tasten wir uns mit huschendem Schein durch den verwinkelten Korridor, die Treppe hinunter zum Ausgang. Stehen noch einen Moment auf der Straße.

Vereinzelt nur ist noch jemand unterwegs. Die Lichtkegel der Telefone schneiden winzige Stücke Helligkeit aus der Finsternis. Die Menschen selbst bleiben verschluckt. Einsame Autos wischen für Augenblicke mit den Scheinwerfern über die Fassaden, dann sinkt alles zurück in die Nacht. Die Straße wird zur düsteren Schlucht, die Häuser stehen wie schwarze Felswände da. Als wäre alles Leben aus ihnen verschwunden.

Jurko Prohasko stellt sich auf die Straße, hält sein Handy über sich.

„Der Übersetzer in Kriegsbeleuchtung …“

Auf einer Bühne wäre er mit diesem Chiaroscuro auf dem Gesicht ein eindrucksvoller Kapellmeister Kreisler. Auf der Straße im stockdunklen Drohobytsch ist er Jurko Prohasko, kurz vor seiner Rückfahrt nach Lviv.

Am nächsten Morgen gehe ich zum Polonistischen Zentrum, um mir die Vorträge bis zum Mittag anzuhören. Mein Beitrag ist für den frühen Abend vorgesehen.

Ursprünglich war ein literarischer Dialog geplant gewesen, zusammen mit Tomasz Różycki. Doch war er leider krank geworden und konnte nicht zu den Gedenktagen kommen. So hatte ich aus unserem gemeinsam erstellten Text meinen Part herausgelöst und eine Art erzählten Essay daraus geformt.

Unsere Gruppe möchte heute Vormittag zu der Gedenkstätte im Wald von Bronitza fahren, dem Exekutionsort der Drohobytscher Jüdinnen und Juden. Wenn es stimmt, was Jerzy Ficowski überliefert – dass Schulz` verschollenes Romanfragment „Der Messias“ mit dem Satz begann, dass der Messias gekommen und in Sambor schon gesehen worden sei –, dann geht er noch immer diesen Weg. Von Sambor nach Drohobytsch. Durch den Wald von Bronitza.

Den ganzen Tag über rattern vor jedem Geschäft Generatoren. Als vibrierende Wolke schwebt das Geräusch über dem Ringplatz. Bewegt man sich, lassen sich einzelne Tonlagen unterscheiden, aus der Sphäre der einen Klangfarbe tritt man in die nächste. Hier ist es ein tiefes, sonores Brummen, einen Ladeneingang weiter ein helles, tremolierendes Knattern, auf das wiederum die nächste Variante folgt.

„Zeitgeräusch“ … hieß das nicht so, in den Studien zum Hörspiel? Ein regelmäßig wiederkehrender Laut, der die Stimmen begleitet und vor allem dazu dient, das Vergehen der Zeit spürbar zu machen. Hier, mit der Gedenkplatte und der Allee für die Gefallenen, zieht sie sich zusammen, verkürzt sich auf wenige Meter zwischen der einen und der anderen Barbarei. 23. August 1939 – 1. September 1939 – 17. September 1939 – 24. Februar 2022.

Schilderungen von Augenzeugen aus Thomas Sandkühlers „,Endlösung` in Galizien“ stehen mir wieder vor Augen. Der widerliche Ton in den Tagbucheinträgen Felix Landaus. Bar jeder menschlichen Regung, jeden Mitgefühls. Ein ekelhafter Soziopath.

In dem Dokumentarfilm, der abgefangene Telefongespräche russischer Soldaten collagiert, ist an einer Stelle eine unschuldig piepsige Kinderstimme zu hören. Ein kleines Mädchen spricht mit seinem Vater: „Papa, töte ganz schnell alle Ukrainer und komm nach Hause.“

Von den Zeiten des Zarenreichs über die Stalin-Ära bis in die jüngste Gegenwart ist die Geschichte Russlands geprägt von katastrophaler Gewalterfahrung. Diese Gesellschaft, die im Grunde nie wirklich eine „Gesellschaft“ war, lebte – und lebt – im Zustand ständiger Verrohung. Doch zeigt der Holocaust, dass Täter, die in der Lage sind, grauenhafte Dinge zu tun, auch aus auf den ersten Blick unscheinbaren bürgerlichen Sphären kommen können. Landau war kein „Dieb im Gesetz“, der ein Leben als Krimineller in den mythischen Rang der Auserwähltheit erhob. Ohne die Möglichkeit, in einem verbrecherischen Regime zum Funktionsträger zu werden, wäre er vermutlich ein großmäuliger Möbeltischler mit übersteigertem Geltungsbedürfnis gewesen. In Drohobytsch trug er Uniform und erschoss Menschen in der Mittagspause. Einfach so, zum „Zeitvertreib“.

Die Verkäuferin, die in der Metzgerei Wurst und Schinken abwiegt. Die Kundin, die die Päckchen entgegennimmt. Das junge Paar, das sich auf einer der Bänke aneinanderschmiegt. Die beiden Jugendlichen, die in der Buchhandlung vor einem der Regale stehen und sich unterhalten. Die Kellnerin, die im Franko Beef & Burger gerade zwei Gläser Bier und zwei Salate serviert. Sie alle soll der Papa schnell töten und dann nach Hause kommen.

Pervertierter Familiensinn im russkij mir.

Wenig Tage nach dem 24. Februar hatte ich eine Nachricht von einer Freundin aus Kyiv erhalten. Dazu ein Foto: Ein Kassenbon aus einem Supermarkt. Unter der Summe stand, in derselben Schrift, in der die Waren bezeichnet waren: „Die zweite Wange werden wir nicht hinhalten.“

Tomasz Różycki war in jenem Frühjahr in Berlin gewesen, er hatte ein Stipendium, unterrichtete an der Humboldt-Universität. Wir sahen uns regelmäßig. Als die Bilder aus Butscha durch die Nachrichten gegangen waren, trafen wir uns vor der russischen Botschaft. Tomasz hatte eine Seminargruppe mitgebracht. Trotzdem waren wir nur eine Handvoll, und die meisten waren Ukrainerinnen und Ukrainer.

Eine Stunde lang lag ich mit symbolisch auf dem Rücken gefesselten Händen auf dem Boden, neben der Reihe der anderen. Was wir zum Ausdruck brachten in diesem Nieselregen im April, juckte in der Botschaft niemanden.

Im Theater hat gerade wieder eine große Aktion stattgefunden. Frisch gebackene Brote liegen aufgereiht. Zusammen mit an die hundert großen Bechern mit Griebenschmalz sollen sie an die Front gehen. „Ukrainischer Snickers“ steht auf den Etiketten. Wir sollen unbedingt probieren! …

Es geht ja nicht nur um die Kalorien, sagt Lesya, die Geschäftsführerin des Theaters. Am wichtigsten ist, dass es von zu Hause kommt. Jedes Brot, jeder Becher Schmalz, jedes Glas Eintopf erinnert sie an ihre vertraute Welt.

Wir übergeben das Paket mit den Vakuumierfolien, unterhalten uns noch eine Weile im Hof des Theaters, zwischen den ebenso liebevoll wie raffiniert gestalteten Beeten und den Volièren mit den exotischen Vögeln. Der ganze Hof wirkt wie eine Requisitenkammer zu einer großen Schulz-Inszenierung im Namen einer nach Herzenslust phantasierenden Wirklichkeit: „Es begann mit dem Ausbrüten von Vogeleiern …“

Dann fahren wir weiter zum Wohnheim. Neben den Krücken und Rollatoren haben wir Geschenkpäckchen für die Kinder dabei. Sie sollen am Nikolaustag überreicht werden.

Wir machen einen kleinen Rundgang. Der Leiter des Wohnheims zeigt uns, was in der Zwischenzeit renoviert wurde. Auch Tamara ist gekommen, sie ist Musikerin und Musiklehrerin, arbeitet für das Theater und leistet unermüdlich ehrenamtliche Hilfe für das Wohnheim.

Wo wir an offenen Zimmertüren vorbeigehen, werden wir gebeten einzutreten. Wir möchten nicht stören … Aber nein … kommen Sie doch …

Meistens sind es ältere Frauen. Fotos mit den Enkeln, kleine Andenken, ein besticktes Deckchen, ein Wandteppich mit Blumenmuster, gerettet aus einem Zuhause, von dem oft vermutlich nicht einmal eine Ruine geblieben ist. Die Ortsnamen, die in den Gesprächen auftauchen, sind zu Sinnbildern des Grauens geworden. Dort ist kein Stein mehr auf dem anderen.

So kurz diese Begegnungen dauern, sie gehen tief unter die Haut. In wenigen Sätzen kondensiert sich, was diesen Menschen angetan wurde. Sie haben ihr Zuhause verloren. Ihre Wohnungen oder Häuser sind zerbombt. Kinder und Enkel vielleicht im Ausland, vielleicht an der Front. Sie selbst haben ausgeharrt, so lange es nur irgendwie ging. Zuletzt im Keller. Ohne Strom, ohne Wasser. Ohne Möglichkeiten einzukaufen, weil im Ort kein einziges Geschäft mehr betrieben wurde. Angewiesen auf Hilfslieferungen, die oft des Beschusses wegen nur unregelmäßig eintrafen. Bis sie sich doch evakuieren ließen. Und jetzt sind sie hier. Am anderen Ende des Landes. Sie lächeln, drücken uns die Hand. Danken uns dafür, dass wir die Ukraine noch nicht vergessen haben. Und der Schmerz ist geradezu physisch spürbar.

Im Erdgeschoss gibt es einen großen Raum, der für verschiedene Zusammenkünfte genutzt wird. An den Wänden hängen Bilder, von Kindern gemalt. Bastelnachmittage, Singen, Musizieren, Lesegruppen – die Leitung bemüht sich, so viel wie möglich an „Normalität“ zu schaffen. Ablenkung, sagt Tamara, ist ganz wichtig. Die Menschen dürfen nicht in ihrer Traurigkeit versinken. Jetzt gibt es auch eine Sportgruppe, alles ältere Frauen. Sie treffen sich zum Walking, das ist gut. Ihr Zuhause können wir ihnen nicht zurückgeben, wir können nur versuchen, ihnen hier zu helfen.

Hinter dem Wohnheim sind in einem Streifen Grünland abgeerntete Gemüsebeete zu sehen. Auch das war sozusagen eine Initiative gegen das Heimweh. Wer wollte, konnte sich dort seine Tomaten, Gurken, Bohnen ziehen. Aus Berlin kenne ich von Geflüchteten Geschichten von den prächtigen Gemüsegärten in der Südukraine. Weintrauben, Pfirsiche, Melonen – eine Sehnsucht, die mit Angeboten aus dem Supermarkt nicht zu besänftigen ist.

Vor dem Wohnheim blühen noch Astern und Dahlien. Der Rasen und die Büsche sind gepflegt. Auch darum kümmern sich – auf Anregung des Leiters – die Menschen, die hier wohnen. Er hat einen grünen Daumen, sagt Tamara. Er hat hier schon so viel bewegt. Ein Segen, dass er das Wohnheim leitet.

Meinen erzählten Essay, den ich am frühen Abend in einer Galerie vortrage, übersetzt Danylo Ilnyckij ins Ukrainische. Wir sehen uns bei dieser Gelegenheit zum ersten Mal. Aber ich kenne bereits einige seiner Texte, in denen er faszinierende Brücken schlägt. Schulz ist selbstverständlich immer wieder gegenwärtig, Debora Vogel, ebenso Bohdan Ihor Antonytsch, der unter anderem in Jurji Andruchowytschs Zwölf Ringe eine zentrale Rolle spielt.

Später, als wir schon im Hotel sind, tauchen von irgendwoher noch ein paar Flaschen Wein auf, wir sitzen noch eine Weile im Frühstücksraum zusammen.

Schulzsche Inspirationen – („Die Krokodilgasse“), Foto: pruvat

Ich spreche länger mit Magdalena Rabizo-Birek, die am Vormittag einen faszinierenden Vortrag im Polonistischen Zentrum gehalten hat. Sie lehrt an der Universität in Rzeszów. Mein polnisches Abenteuer hatte 1994 in Mielec seinen Anfang genommen. Eine Fahrt nach Rzeszów war damals noch ein kleines Unterfangen gewesen. Heute führt die Autobahn bis an die polnisch-ukrainische Grenze, Mielec hat eine eigene Abfahrt.

Ich unterhalte mich mit Danylo und seiner Partnerin Diana. Sie hat, so erfahre ich jetzt, Debora Vogels Gedichte für ein Hörbuch rezitiert, in der Übersetzung von Jurko Prohasko.

Danylo und Diana sind in vielen Sphären tätig. Literarisch, musikalisch, anthropologisch. Diana spielt Theater, erarbeitet Museumsprojekte. Danylo ist hauptberuflich Literaturwissenschaftler an der Katholischen Universität Lviv und arbeitet als Übersetzer. Ihr Lviv kennen die beiden in den Prismen der verschiedenen Sprachen und Kulturen. Kennen die Karpaten, die Welt der Huzulen, Lemken und Bojken. Sammeln die Musik dieser Region.

Am Morgen wollen wir früh los nach Lviv. Das Hotel liegt noch in tiefem Schlaf.

Nur in der Küche sind schon zwei Frauen damit beschäftigt, das Frühstück vorzubereiten. Ich bitte sie, mein Exemplar des Buches Die Geometrie des Verzichts, das ich für meinen Vortrag mitgenommen hatte, Danylo und Diana zu geben, mit einem Gruß dazu.

Es ist der Beginn eines Gespräches, das seitdem andauert. Eine weitere wunderbare Begegnung im Namen von Bruno Schulz.

Der Morgen ist diesig, düster novemberlich. Wir halten unterwegs an einer Tankstelle an der Landstraße. Kaffee und Croissant, an einem nicht ganz ausgeschlafenen Morgen – die ukrainische „Frühstückskombi“ unserer Fahrten.

Die letzten Pakete werden wir in Lviv bei drei Organisationen abgeben. Unter anderem wollen wir zur Aufnahmestation für Binnengeflüchtete am Bahnhof. Wir haben auch die nächste Spendensumme für die warmen Mahlzeiten dabei, die dort ausgegeben werden. Und wir müssen einer Malerin Bilder und Farben bringen, die auf verschlungenen Wegen nach Berlin gelangt sind und nun endlich an ihr Ziel kommen sollen.

Anschließend treffen wir uns mit einem Freund zu einem späten Mittagessen.

Wir fragen ihn, ob er vielleicht Kontakte wüsste, die bei der Überführung des Pkws behilflich sein könnten.

Er meint, es würde sich nicht lohnen, dass jemand den Wagen nach Dnipro fährt. Das sei eine recht lange Strecke, die Benzinkosten ziemlich hoch.

Aber wie sonst könnten wir das Auto …?

Auf der Schiene.

Wir sind platt.

Auf der Schiene?

Ja, das kostet fast nichts. Und geht genauso schnell.

Er nimmt sein Handy. Zwei Telefonate und keine zehn Minuten später ist alles erledigt:

Morgen um zehn geht der Wagen auf die Schiene. Ich fahre ihn selbst zum Güterbahnhof. Setzt mich mit Eurem Kontakt in Dnipro in Verbindung, dann kann ich sie direkt informieren.

Großartig! Wir bedanken uns vielmals. Die Kosten übernehmen selbstverständlich wir.

Ja, kein Problem. Das machen wir, wenn alles erledigt ist.

Wir übergeben Schlüssel und Papiere. Vom Standort werden wir noch ein Foto schicken. Der Wagen steht bei dem Freund, bei dem wir sonst meistens übernachten, wenn wir eine Tour zu zweit machen.

Wirklich wundern müssen wir uns nicht mehr. Momente wie diesen haben wir bei unseren Fahrten schon oft erlebt. Eine Frage taucht auf – jemand hat eine Idee, wie das Problem zu lösen ist. Ein Anruf oder zwei. Ein Kontakt wird weitergereicht. Und die Sache ist erledigt.

Unser Freund arbeitet nicht bei der Güterabfertigung der Ukrainischen Bahn. Aber er weiß, wen er anrufen muss, wenn ein Auto auf der Schiene von Lviv nach Dnipro gebracht werden soll.

In dieser Hinsicht hat der Krieg eine unglaubliche Dynamik in Gang gebracht. Berufliches und privates Engagement sind nicht mehr zu trennen. Wer wofür zuständig ist, ergibt sich aus der jeweiligen Situation.

Im Frühjahr 2014 war die ukrainische Armee kalt erwischt worden. Das war die Geburtsstunde der Freiwilligenarbeit gewesen, die sich privat organisierte, um militärische Einheiten zu unterstützen – vor allem: um Unmögliches möglich zu machen. Aktionen, die man „unter normalen Umständen“ als völlig aberwitzig verworfen hätte – z.B. Ausrüstung in allen möglichen Ländern auftreiben, „irgendwie“ kaufen und auf allen nur erdenklichen Wegen in die Ukraine bringen – wurden zu Aufgaben, die sich lösen ließen, weil sie gelöst werden mussten. Eine Alternative gab und gibt es nicht: „Wir müssen es einen Tag länger aushalten als sie.“

Wir fahren zum Standort des Wagens, schicken ein Foto.

Und dann haben wir … ja … Feierabend. Die Fracht ist verschickt und abgeliefert. Die Sache mit dem Pkw ist glücklich erledigt. Jetzt haben wir wieder einen Blick für die stets aufs Neue unfassliche Schönheit dieser Stadt. Können überlegen, was wir mit dem Abend machen. Alle Pflichten sind erfüllt.

Als wir ins Zentrum zurückfahren, leuchtet plötzlich die Warnlampe mit dem Motor-Symbol auf. Das hat uns gefehlt!

Es ist kurz vor vier, eilig suchen wir die nächste Ford-Werkstatt. Die Motorleuchte zu ignorieren, ist uns etwas zu heiß. Und während wir uns durch den um diese Zeit verheerend dichten Verkehr schlängeln, beschließen wir, unseren Kontakt, der immer die Passagiere an uns vermittelt, noch nicht zu beunruhigen. Die beiden Mütter mit ihren Söhnen werden heute Abend in den Nachtzug Kyiv-Lviv steigen. Es wäre übel, wenn wir die Fahrt absagen müssten, aber bevor wir nichts Genaueres wissen, verbreiten wir keine Panik.

Die Werkstatt hat noch geöffnet. Wir erklären unser Anliegen. Dass wir morgen nach Berlin müssten. Ob es möglich wäre, den Fehler auszulesen …

Wir sehen wahrscheinlich ein wenig verzweifelt aus. Sie wollen wahrhaftig versuchen, uns dazwischenzuschieben. Und während uns eine Sitzgruppe bei den großen Fenstern zu glühenden Kohlen wird, sehen wir, wie jemand mit einem Gerät unter dem Arm auf unseren Bus zusteuert und darin verschwindet.

Die Minuten bis zu seiner Rückkehr werden zur Ewigkeit.

Also … der Fehler ist nicht direkt beim Motor, da ist alles in Ordnung. Es muss irgendwo zwischen Motor und Auspuff sein. Aber was Ernsts kann ich nicht sehen. Mein Vorschlag: Einfach fahren und nicht daran denken. Und in Berlin nochmal checken lassen.

Wir wissen nicht, wie wir uns bedanken sollen. Als wir fragen, was wir zu zahlen hätten, winkt der Kollege am Computer ab.

Ist schon ok. Have a safe trip to Berlin!

Am Abend treffen wir uns mit Freunden im „Faulen Hund“.

Es ist einer jener Lviver Abende, in denen sich Schmerz und Schönheit unentwirrbar verschlingen. An den Wänden hängen Fahnen ukrainischer Einheiten. Wir sitzen zusammen und unterhalten uns. Ja, auch über den Krieg. Aber auch über vieles andere.

Der Abschied nach einem solchen Abend fällt schwer. Es ist nicht das übliche „Man sieht sich und bis dann …“ nach einem netten Abend in Berlin. Die Gewissheit, dass hier Tag um Tag und Nacht um Nacht Tod und Verwüstung aus dem Himmel kommen, die Gedanken an Freunde, die an der Front sind, die Gedanken an Gefallene, die unseren Freundinnen und Freunden nahestanden – diese Gewissheit dringt in jede Faser.

In Siniša Glavaševićs Geschichten aus Vukovar gibt es eine Miniatur darüber, wie die oft so mechanisch ausgeführte Geste einer Umarmung zum Abschied mit einem Mal existentielle Bedeutung erlangt. Seit dem 24. Februar geht mir diese Geschichte nicht mehr aus dem Kopf.

Im Hotel liege ich noch lang wach. Ich muss an die Adresse unseres Freundes denken, wo wir so oft schon übernachtet haben – in der „Straße der Familie Kruschelnyckyj“.

Die Familie wurde zum Sinnbild für die Grausamkeit des stalinistischen Terrors. Mit ihren Berufen – eine Ärztin, Literaturwissenschaftler, Schriftsteller, Übersetzer – stand die Familie für die ukrainische Intelligenz in der Zeit der „Wiedergeburt“ der nationalen Identität und wurden eben deshalb brutal verfolgt. Bekannt ist das Foto mit den zehn Familienmitgliedern, von denen nur drei – zwei Frauen der Kruschelnyckyj-Brüder und die 1928 geborene Larysa – den Terror überlebten.

Ivan Kruschelnyckyj wurde 1905 in Rohatyn geboren, 1934 verhaftet und ermordet. Bei seinem Aufenthalt in Wien lernte er Hugo von Hofmannsthals Sohn Raimund kennen, tauschte sich dann auch mit dem Vater aus. In seinen „Gesprächen mit Hofmannsthal“ hat er die Begegnungen festgehalten.

In dieser Nacht habe ich einen verstörenden Traum.

Drohobytsch. Es ist sommerlich warm, ja drückend schwül, doch alle Bäume sind kahl und grau, und ein seltsames Licht liegt über der Stadt, wie bei einer Sonnenfinsternis. Zusammen mit dem Kreis der Schulz-Enthusiastinnen und -Enthusiasten stellen wir uns vor dem Rathaus in einer Reihe auf und beginnen, Gedichte zu lesen. Auf Ukrainisch. Wir lesen einer nach dem anderen, jeder hat einen Stapel Texte dabei (woher?). Die Häuserzeile, auf die wir blicken, wirkt eigentümlich kulissenhaft; es ist die Seite des Marktes, an dessen Ecke sich zu Zeiten von Schulz die Apotheke befunden hatte, mit dem Himbeersirup im Fenster. Außer unseren Stimmen ist kein Laut zu hören. Die Menschen, die vorübergleiten, wirken wie Schatten. Und wir lesen immer weiter, abwechselnd, einer nach dem anderen. Das Ukrainische lese ich in diesem Traum so leicht und flüssig, wie ich es im Wachzustand nie könnte. Manche Gedichte kenne ich, andere sind mir neu und zugleich doch „irgendwie“ vertraut.

So stehen wir in der seltsam erstarrten Stadt, in der es drückend heiß ist und die so winterlich grau wirkt. Und die Schatten von Passanten gleiten vorüber, während wir lesen und lesen.

Mit rasendem Herzen werde ich wach, kann nicht mehr einschlafen.

Als der Handywecker sich meldet, ist es eine Erleichterung. Ich gehe ins Bad, suche meine Sachen zusammen. Nichts vergessen? Powerbank, Ladekabel? Da erst bemerke ich den hellen Schimmer im Raum. Lviv ist dick verschneit. Und immer noch rieseln dichte Flocken

Wir treffen uns am Bus. Fegen und kratzen die Scheiben frei. Fahren durch die weiße Stille zum Bahnhof.

Der Nachtzug aus Kyiv ist auf die Minute pünktlich. Die beiden Mütter mit ihren Söhnen steigen bei uns ein.

Und wie immer, wenn wir Lviv am frühen Morgen verlassen, wandelt sich die Anspannung, wechselt in ein anderes Register. Alles, was mit der Fracht zu tun hatte, ist erledigt. Jetzt haben wir Passagiere an Bord. 90 km bis zur Grenze. Dann müssen wir „nur noch“ quer durch Polen – und die Tour ist geschafft.

Die Landstraße mit ihren charakteristischen Abschnitten; der Wald, die Dörfer, die offene Landschaft. So oft haben sich die Bilder schon eingeprägt. Und stehen jedes Mal von Neuem in eigentümlicher Schärfe vor Augen.

Es schneit immer weiter, wir müssen langsam fahren, brauchen über eine Stunde länger bis zur Grenze als sonst. Das macht sich bemerkbar, die Schlange ist schon bedenklich lang.

Es dauert dann auch ewig, im Schneckentempo rücken wir voran, und als wir die ukrainische Kontrolle hinter uns haben, ist an der polnischen genauso der Wurm drin.

Zwischen Rzeszów und Krakau dämmert es schon. Einziger Vorteil der verlorenen Zeit – die Autobahn ist so gut wie leer. Wir fahren zügig, kommen gut voran. Aber Mitternacht wird es werden.

Wir besorgen unseren Passagieren die Fahrkarten für die Weiterfahrt, reservieren ihnen Zimmer in Hotels bei den Bahnhöfen, von denen sie morgen früh weiterfahren werden. Einmal Südkreuz, einmal ZOB.

Bei Opole erreicht uns die erste Nachricht mit einem Dank aus Kyiv. Die ersten Pakete sind angekommen.

Und weiter spulen wir die Kilometer ab. Tanken, Espresso, Fahrerwechsel.

Das graue Band der Autobahn. Das eins wird mit dem Brummen des Motors. Auf den Rückbänken ist es still geworden. Unsere Passagiere schlafen. Wir hören Svjatoslav Vakartschuk. Wie so oft bei diesen Fahrten.

Eine Schwebe der Unwirklichkeit. Bis sich nicht mehr sagen lässt, was als das Verlässlichere gelten soll – Berlin, auf das wir zusteuern, oder das Land im Krieg, aus dem wir kommen.

Gegen Mitternacht steigen Bajszel-Alex und Miriam an der S-Bahn-Station Sonnenallee aus. Dann bringen wir die beiden Frauen mit ihren Söhnen zu den Hotels.

Jetzt ist auch für uns die Tour zu Ende. Alex und Elisabeth setzen mich vor der Haustür ab.

Hundemüde und hellwach zugleich. Momente der Fahrt flackern durch den Kopf.

Plötzlich weiß ich, woran mich der Traum erinnert! Während der ganzen Rückfahrt hatte es im Hinterkopf rumort und nicht ans Licht gefunden: Fahrenheit 451!

Als Student hatte ich den Film gesehen. Wann war das gewesen? Ende der Achtziger Jahre.

In einer anderen Zeit, auf einem anderen Planeten.

Oskar Werner, dessen Trakl-Rezitationen wir mit verschwörerisch infantilem Ernst von einer Schallplatte gehört hatten. Am liebsten solide berauscht und weit nach der Geisterstunde. Bis zum melancholischen Overkill.

Die herbstlichen Wälder, heute Morgen, im stiebenden Schnee. In jedem Dorf die Friedhöfe, von weitem zu erkennen am leuchtenden Blau-Gelb der Fahnen auf den Gräbern der Gefallenen.

„Die heiße Flamme des Geistes nährt heute ein gewaltiger Schmerz.“

Knapp 20 Kilometer vor der Grenze zweigt sie ab, linker Hand, die Nebenstraße nach Horodok.

Der Autor – begeisterter Schulz-Leser seit über 30 Jahren – gehört dem Freundeskreis um Alexander Weiß (Berlin) an, der alle ein bis zwei Monate Transporte mit Hilfsgütern für die Ukraine durchführt. Jeder Transport wird über private Spenden finanziert. Wesentliche Unterstützung leistet dabei die ProgrammSchänke „Bajszel“ in Berlin-Neukölln, die ihre Veranstaltungen mit Spendensammlungen verbindet und immer wieder spezielle Soli-Abende für die Ukrainehilfe organisiert. Dieser Text entstand zwischen Januar und Mai 2026.

Das diesjährige SchulzFest findet vom 12. bis 18. Juli statt – es beginnt am Geburtstag von Bruno Schulz: 12. Juli 1892. Mehr unter https://www.facebook.com/brunoschulz.org/