4. Juli 1946 – Das Pogrom von Kielce

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Das Haus in der Planty St., Foto: Grzegorz Pietrzak / CC BY 2.5

Vor 80 Jahren ereignete sich im polnischen Kielce ein Pogrom. Die blutige Tat signalisierte das Ende des osteuropäischen Judentum und das Fortbestehen des Antisemitismus nach Auschwitz.

Von Florian Hessel

Am 4. Juli 1946 wird die Fotografin Julia Pirotte in Warschau in ihre Redaktion gerufen. Sie soll über ein 170 km südlich in der zentralpolnischen Kreishauptstadt Kielce stattfindendes Pogrom berichten. “Du musst Dich verstellen,” sagt der Redakteur der 1908 in Końskowola bei Lublin als Gina Diamant geborenen, jüdischen Kommunistin und Kämpferin der Marseiller Résistance. “Sie ermorden weiter Juden in den Zügen, lauern ihnen an den Bahnhöfen auf.”[1]

Julia Pirotte trifft am nächsten Tag in Kielce ein, unbeschadet. Sie notiert: “‘Was ist hier los?’, fragte ich einen der Passanten. ‘Ich weiß nichts. Ich habe nichts gesehen.’ Diese Antwort hörte ich immer und immer wieder. Niemand wusste etwas; niemand hatte etwas gesehen.” Sie fotografiert, auch die nackten Toten im Innenhof des Krankenhaus – Männer, Frauen und Kinder, “massakriert und geschändet.” Sie macht Bilder der verletzten Überlebenden, die ihr berichten.[2]

Morgens acht Uhr am 4. Juli passieren der achtjährige Henryk (Henio) Blaszczyk und sein Vater das Haus Planty Straße 7, Sitz des örtlichen Jüdischen Komitees und des Kibbuz Ichud. Sie sind auf dem Weg zur Station der Bürgermiliz, um Anzeige zu erstatten. Henio ist am Vorabend nach Hause zurückgekehrt, er war drei Tage verschwunden. Nun identifiziert er vor dem Haus Nr. 7 auf Betreiben eines Nachbarn einen orthodoxen Juden mit grünem Hut, Kalman Singer, als seinen angeblichen Entführer. Mit einer vom Stationschef Zagórski gegen alles Flehen des Jüdischen Komitee-Vorsitzenden Dr. Seweryn Kahane geschickten Milizpatrouille kehren sie zurück. Wie ein Lauffeuer verbreitet die anschwellende Gruppe in den Straßen das Gerücht: die Juden halten polnische Kinder gefangen, um ihr Blut auszupressen.

Schnell sammelt sich eine aufgebrachte Menschenmenge vor der Planty Straße 7, wo sich etwa 180 Jüdinnen und Juden verbarrikadieren. “Sie töten unsere Kinder!”, schreit die Menge, Steine fliegen. Milizionäre und Zivilisten gelangen schließlich ins Haus, aus der Suche nach Keller und Kindern wird Gewalt. Im zweiten Stock wird geschossen, Menschen werden aus den Fenstern gestoßen oder von der Miliz der Menge ausgeliefert. Auf dem Platz werden sie mit Steinen und vielen bloßen Händen erschlagen. Auch in den Straßen der Stadt, am Bahnhof und im Zug aus Częstochowa wird gemordet.

Am späten Vormittag beruhigt das Eintreffen des sogenannten Sicherheitsdiensts (Urząd Bezpieczeństwa, UB), der gefürchteten bezpieka, die Lage für den Moment. Doch die Befehle des Kommandanten Sobczyński sind unklar, seine Männer zögern mit einem entschlossenen Eingreifen. Die Menge brüllt: “Es lebe unsere Miliz! ” Und: ”UB, jüdische Lakaien!” Hunderte Arbeiter der Ludwików Stahlwerke, Henios Onkel an der Spitze, mit Brecheisen und Eisenstangen, stoßen um halb eins zum Mob. Das Mordwerk geht weiter.

Ein orkanartiges Gewitter und auswärtige Armeeeinheiten beenden das Pogrom gegen 15:30 Uhr. In Vorstadt, Umland und ausfahrenden Zügen werden noch Einzelne erschlagen. Mindestens 42 Tote jeden Alters und Geschlechts und mehr als doppelt so viele grausam Verwundete gelten heute insgesamt als gesichert – Jüdinnen, Juden, und ein paar, die man dafür hielt.[3]

Während am nächsten Tag in Kielce Julia Pirotte fotografiert, wird jenseits des Atlantik die New York Times gedruckt, auf der Titelseite: “Poles Kill Jews In Kielce Pogrom”.[4] Ihr Korrespondent W. H. Lawrence schreibt von den Gerüchten über entführte Kinder, den Handzetteln und Plakaten, von den antisemitischen Ritualmordlügen, seit Monaten schon im Umlauf. Und er hat erfahren, dass Henio bei einem Freund im Nachbarort war und dass das Haus Planty Straße 7 keinen Keller hat. Dr. Kahane hatte es den Behörden gesagt. Auch er ist tot – ein Milizionär erschoss ihn, als er um Unterstützung telefonierte.

Das Pogrom in Kielce ist nicht die erste antisemitische Tat nach der Shoa. Von der Befreiung aus deutscher Besatzung bis 1947 werden in Rzeszów, in Krakau, an vielen weiteren Orten in der ruinierten, an Gewalt gewöhnten polnischen Gesellschaft nach Schätzungen der Forschung rund 1.500 Juden ermordet – Rückkehrer aus der Sowjetunion und Überlebende der Ghettos und Vernichtungslager. Der rechte, antikommunistische Untergrund agitiert und mordet. Schon im Dezember 1945 wird eine Handgranate in den Eingang der Planty Straße 7 geworfen. Doch dieses Pogrom findet in einem prekären Moment für die von Stalin oktroyierte, kommunistisch dominierte “Volksregierung” statt. Im ersten Akt der Errichtung einer stalinistischen Diktatur fälscht man die Ergebnisse eines in den Tagen vor dem Pogrom offensichtlich verlorenen Referendum zu Kollektivierungen und zur Westverschiebung der polnischen Grenzen nun zu einem Sieg. Die Unruhe und die Unzufriedenheit im Land sind mit Händen greifbar.

Eine Wahrnehmung von Wehrlosigkeit gegenüber politisch-gesellschaftlicher Macht, die antisemitisch aufgeladen wird, gärt vor allem in der ländlichen Bevölkerung. Dass einige der kaum 240.000 Jüdinnen und Juden, die wider Erwarten als Reste einer jüdischen Gemeinschaft von einst 3,5 Millionen Menschen aus den deutschen Ghettos und Vernichtungslagern zurückkehren, nun von Nachbarn angeeigneten Besitz und Eigentum zurückfordern, aktualisiert den lang tradierten antisemitischen Topos der “Blutsauger”. Der Schutz, den sie bei den von sowjetischen Waffen gedeckten Behörden nun gegen die Übergriffe suchen müssen, nährt die Behauptung aus der Zwischenkriegszeit von der übermächtigen “Zydokomuna”, der angeblichen jüdisch-kommunistischen Verschwörung gegen die polnische Nation. Nicht nur in Kielce schreit der Mob: “Polen wird von Juden regiert!”

Als Teil des historischen Kampfes um Macht im Nachkriegspolen thematisiert die Opposition der 1980er Jahre nach jahrezehntelang in der Volksrepublik verordnetem Beschweigen das Pogrom und zielt so selbst auf die Legitimität der Herrschenden.[5] Kurz bevor diese unabhängige Zeitschrift 1981 verboten wird, schreibt die Historikerin Krystyna Kersten in Tygodnik Solidarność über Kielce und die “Niederlage zweier ideologischer Wirklichkeiten”: “Die Katholiken sagten zu den Linken: ‘Das ist das Ergebnis eurer Willkürherrschaft’. Und die Linke sagte zu den Katholiken: ‘Das ist das Ergebnis von Hunderten von Jahren christlicher Kultur.’”[6]

Kurze Prozesse mit Bauernopfern und schnell vollstreckten Todesurteilen verschleiern 1946 das Versagen von Behörden und signalisieren den Tätern und Zuschauern Desinteresse an jeder Rechenschaft. Die Negative von Julia Pirottes Aufnahmen werden konfisziert. Rechte Nationalisten, Kirche und Regierung beschuldigen sich gegenseitig, das Pogrom provoziert zu haben. Alle gesellschaftlichen Gruppen bewegt nicht so sehr die blutige antisemitische Gewalt, sondern die angebliche Provokation, das Ansehen Polens und das Bemühen um Entlastung – bis heute.[7] Von einer dritten Verschwörungsthese kann Krystyna Kersten, inzwischen Professorin der polnischen Akademie der Wissenschaften, erst 1997 schreiben: “Zionisten” hätten die Hände im Spiel gehabt, um die Auswanderung von Juden aus Polen zu forcieren.

Die Pogromtradition, jene ritualisierte Gewaltpraxis spontaner “kollektiver Selbsthilfe”, in der Definition des Antisemitismusforschers Werner Bergmann,[8] ragt noch aus der Zeit der Großreiche und Minderheitenfragen in Osteuropa in die Ära nach Auschwitz hinüber. Diese Tradition, der alte Antisemitismus, wird geächtet. Aber die Rechtfertigung, dass die Opfer Schuld haben sollen an ihrer Verfolgung, nimmt ihre Stelle ein. Es gab keine Stunde Null. Die zuvor organisierte Apathie gegenüber der Gewalt in der Shoa setzt sich im Antisemitismus danach fort. Die präzedenzlose Gewalt führt zum aggressiven Misstrauen gegen die real machtlosen Opfer. Mit diesem Ressentiment, vollends irrealen Zuschreibungen von Übermacht, wird weiter Politik gemacht – so 1968 in der Säuberungskampagne gegen “Kosmopoliten” und “Zionisten”, dem “Antisemitismus ohne Juden” (Paul Lendvai).[9]

In Auschwitz, Belzec, im Wald von Ponar wurde mit den Menschen die Welt des osteuropäischen Judentums, hunderte Jahre der Mittelpunkt jüdischen Lebens, ausgelöscht. Kielce ist das Fanal, dass es dahin keine Rückkehr gibt. Nach dem Pogrom fliehen Jüdinnen und Juden in Massen aus Polen in die US-amerikanische Zone in Deutschland. Die Gesamtzahl jüdischer displaced persons verdreifacht sich dort zwischen Juni und Oktober 1946 auf fast 170.000.[10] Dies ist auch eine Geburtsstunde der unwahrscheinlichen jüdischen Gemeinschaft in Deutschland nach der Shoa. Die wenigen, die nicht weiter ins Land Israel können, befinden sich 1949 in den Worten der Historikerin Zarin Aschrafi “unwillentlich im Nachfolgestaat des Nationalsozialismus.”[11]

In den Tagen nach dem Pogrom hängt glühende Hitze über Kielce, unter der am 8. Juli die Toten begraben werden. Julia Pirotte fotografiert die tragische Absurdität des Trauerzugs, in dem auf Anordnung der Behörden die überlebenden Opfer – manche noch in ihren Uniformen der polnischen Armee – mit den Tätern und Zuschauern zusammen gehen müssen. “Eine Frau im Kopftuch beugte sich zu mir”, notiert sie. “‘Gestern haben sie sie geschlagen; heute müssen sie zur Strafe in der Prozession mitlaufen. Was für ein Hohn!’”

Eine redigierte und leicht gekürzte Fassung erschien unter dem Titel “Antisemitisches Fanal. Antisemitismus nach Auschwitz”, in Jungle World, 27 (2026). Der Autor dankt Tore Langholz, R.X., Olaf Kistenmacher und Linn Vertein für Hinweise.

[1]: Julia Pirotte (1946), maschinengeschriebenes Manuskript im Bestand des Warschauer Emanuel Ringelblum Jewish Historical Institute, zit. nach der englischen Übersetzung in Katarzyna Bojarska (2023): “Traumatic Female Gaze. Julia Pirotte Looking at the Kielce Pogrom”, Arts, 12 (239), S. 6ff. <https://doi.org.10.3390/arts12060239> [29.06.2026].

[2]: Für das folgende zu Ablauf, Kontext, Vor- und Nachgeschichte des Pogroms, siehe seit ihrem unten zitierten, klassischen Text für die Beschäftigung in Polen zusammenfassend: Krystyna Kersten (1997): “The Pogrom of Jews of Kielce on July 4, 1946”, Acta Poloniae Historica, 76, S. 197–212; zentral auf die israelische Forschungs- und Erinnerungsliteratur zurückgreifend: Sara Bender (2018): In Enemy Land. The Jews of Kielce and the Region, 1939–1946, Boston: Academic Studies Press (hebräisch 2012); sowie aktuell die innovativen Studien von Joanna Tokarska-Bakir (2019): Pogrom Cries. Essays on Polish-Jewish History, 1939–1946, 2., überarb. Aufl., Bern: Peter Lang; und dies. (2023): Cursed. A Social Portrait of the Kielce Pogrom, Ithaka, New York: Cornell University Press (polnisch 2018).

[3]: Nach einer Schätzung der Sozialwissenschaftlerin Joanna Tokarska-Bakir wurden zwischen 1945 und 1946 etwa 150 der rund 2.000 überlebenden Jüdinnen und Juden der Region Kielce ermordet.

[4]: Siehe W. H. Lawrence (1946): “Poles Kill 26 Jews in Kielce Pogrom etc.”, The New York Times, 5. Juli 1946, S. 1 und 5.

[5]: In drei Auflagen im Untergrundverlag Krag, Krystyna Kersten (1985): Narodziny systemu wladzy Polska 1943–1948 (Die Entstehung des Machtsystems in Polen); englische Übersetzung, dies. (1991): The Establishment of Communist Rule in Poland, 1943–1948, Berkeley: University of California Press.

[6]: Krystyna Kersten (1984): “Kielce – 4. Juli 1946”, Osteuropa-Info, 55 (1), S. 61–73, hier: S. 70 (Original polnisch, Tygodnik Solidarnoćś, 36, 4. Dezember 1981).

[7]: Siehe etwa Kacper Konar (2026): “Verräter überall. Ein Buch über polnische Kommunalpolitiker während des Holocausts sorgt in Polen für Entrüstung”, Jungle World, 18 (2026) <https://jungle.world/artikel/2026/18/atisemitismus-polen-holocaust-verraeter-ueberall> [29.06.2026].

[8]: Werner Bergmann (1998): “Pogrome: Eine spezifische Form kollektiver Gewalt”, Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 50 (4), S. 644–665.

[9]: Siehe Paul Lendvai (1972): Antisemitismus ohne Juden. Entwicklungen und Tendenzen in Osteuropa, Wien: Europaverlag, S. 87–218.

[10]: Zahlen nach den Beiträgen in Micha Brumlik, Doron Kiesel, Cilly Kugelmann und Julius H. Schoeps (Hrsg.) (1988): Jüdisches Leben in Deutschland seit 1945, Frankfurt am Main: Athenäum. Dass alle entsprechenden Angaben unter den Bedingungen der unmittelbaren Nachkriegszeit letztlich als Schätzungen zu begreifen sind, betont die Historikerin Kata Bohus, siehe dies., Atina Grossmann, Werner Hanak und Mirjam Wenzel (Hrsg.) (2020): Unser Mut. Juden in Europa 1945–48, München: De Gruyter Oldenbourg (zugleich Katalog der gleichnamigen Ausstellung im Jüdischen Museum Frankfurt 2021).

[11]: “»Die Mehrheit entschied sich für ein unsichtbares Leben«. Die Historikerin Zarin Aschrafi über die jüdischen Gemeinden in der frühen Bundesrepublik”, Jungle World, 8 (2025) <https://jungle.world/artikel/2025/08/juedische-gemeinden-fruehe-brd-die-mehrheit-entschied-sich-fuer-ein-unsichtbares-leben> [29.06.2026].