Dieses Bühnenstück von Jura Soyver aus dem Jahr 1936, das nichts an Aktualität verloren hat, zeigt das herannahende Ende der Menschheit: Ein Komet rast auf die Erde zu – ausgesandt von der Sonne und den Planeten, um die »kranke« Erde von den Menschen zu befreien.
Diese gehen mit der drohenden Apokalypse unterschiedlich um: Ein Gelehrter, der die Welt retten möchte, Beamte, Diplomaten und ein »Führer«, die den Weltuntergang mal wegdiskutieren, mal politisch ausschlachten möchten, ein Selbstmörder, eine alte Jungfer und ihr Papagei, amerikanische Millionäre, welche das Ende der Welt »zu Geld machen« wollen – sie alle erlebt man in absurd-komischen Bildern, die das Lachen bisweilen im Halse stecken bleiben lassen…
JURA SOYFER, geboren 1912 im zaristischen Charkow (heute Charkiw, Ukraine), gestorben 1939 im KZ Buchenwald, war Lyriker und politischer Autor in Österreich. Neben Beiträgen in Zeitschriften, Zeitungen und auf Flugblättern schrieb er fünf Bühnenstücke. ›Der Weltuntergang‹
war sein erstes – es wurde im Frühsommer 1936 uraufgeführt und wird bis heute weltweit inszeniert.
Jura Soyfer: Der Weltuntergang oder »Die Welt steht auf kein’ Fall mehr lang«, Bühnenstück von 1936. Herausgegeben von Florian Schmidgall. Mit einem zweiteiligen Nachwort von Marie-Luise Hiesinger und Herbert Arlt, Kurpfälzischer Verlag Heidelberg, 2., erweiterte Auflage, 152 Seiten, 18,00 Euro, Bestellen?
LESEPROBE:
Nachwort I: Jura Soyfers kurzes Leben
6. Mai 1936. Im neunten Bezirk in Wien, in der Porzellangasse 1, kündigt die Kleinkunstbühne »ABC« ihr neues Programm an: »Zwischen Himmel und Erde«. Die Premiere des Mittelstücks »Weltuntergang oder Die Welt steht auf kein’ Fall mehr lang« wird ein großer Erfolg. Autor ist der junge Jura Soyfer, der unter dem Druck der Zensur auch unter den Pseudonymen Fritz Feder, Norbert Noll, Walter West und Georg Anders schreibt.
Das »ABC« ist die politisch wagemutigste aller Wiener Kleinkunstbühnen, ein »linker Treffpunkt« für fortschrittliche Intellektuelle, Literaten, auch für deutsche Emigranten. Um ohne Konzession spielen zu können, beträgt die Höchstzahl der Zuschauer 49. In Österreich herrscht seit März 1933 die Diktatur des klerikalen Austrofaschismus, die Demokratie ist abgeschafft, oppositionelle Parteien sind verboten, dennoch überlebt hier ein linkes Gegenmilieu. Die Weltuntergangsstimmung war nach dem Ersten Weltkrieg Ausdruck eines allgemeinen Kulturpessimismus. Karl Kraus’ apokalyptische Vision »Die letzten Tage der Menschheit« fällt ein vernichtendes, radikal pessimistisches Urteil über die Menschen, ihnen sei nicht mehr zu helfen. Die Bedrohung durch Kriege, Epidemien, Naturkatastrophen oder Kometen führte weltweit zu Verzweiflung, Verwirrungen, Ängsten, Zynismus, Massenpaniken, aber auch zu profitgierigen Spekulationen, Egoismus, Ausschweifungen, Tanz auf dem Vulkan, Verschwörungstheorien und neuen Ideologien. Nicht anders ist es heute mit der Klimakatastrophe und der Corona-Pandemie.
Jura Soyfers Haltung im »Weltuntergang« ist eindeutig gegen die zeitgenössische Politik gerichtet. Obendrein durchleuchtet er mit viel Humor, Scharfsinn und Wiener Schmäh ein breites Spektrum der menschlichen Gesellschaft: von der Spießbürgerin, dem Millionär, vom Wissenschaftler über die Bürokraten, Diplomaten, Journalisten, Künstler, bis hin zum »Führer«: alle werden erbarmungslos seziert. Und am Ende steht dieser unglaubliche Appell an die Menschlichkeit, wenn der Komet Konrad, der eigentlich die Menschen vernichten soll, sich in die Erde verliebt und den »Kometensong« singt. Es mutet fast wie ein Traum an: die Hoffnung auf eine neue Gesellschaft. Auf eine Welt ohne Unterdrückung des Menschen durch den Menschen. »Die Zukunft ist herrlich und groß.« Die Welt wird nicht in der faschistischen Barbarei versinken. Nicht im Krieg. Die Unterschiede zwischen Arm und Reich werden aufgehoben. Von dieser Utopie träumen sicher die meisten im Publikum und bleiben nach der Vorstellung noch gemeinsam im »ABC« – zum Reden. »Wir waren ein Kreis junger Leute, die sich trotz Faschismus den Humor bewahrt hatten. Literatur, das war wichtig für uns, das verströmte Vitalität. In Kaffeehäusern und Theatern konnten wir uns vom alltäglichen Frust ablenken. Uns andere Verhältnisse herbeiträumen.« Das erzählte mir im Januar 1976 Jura Soyfers Jugendfreundin Marika Szecsi. »Jura war so lebens- und liebeshungrig, er war ein Bohémien. Und er hatte einen tiefen Glauben, dass der Kommunismus die Menschen befreien wird.«
Als der 1912 geborene Jura Soyfer mit seiner Schwester Tamara und seinen Eltern, den jüdischen Industriellen Wladimir Soyfer und dessen Frau Ljubow, 1920 vor den Folgen der russischen Oktoberrevolution aus ihrer Heimatstadt Charkow (heute Ukraine) über Konstantinopel nach Wien floh, konnte niemand ahnen, dass er mit 22 Jahren Mitglied der illegalen Kommunistischen Partei werden wird. In seinem kurzen Leben schrieb er Agitprop-Texte für Arbeiter-Theater, Reportagen, Kritiken und Gedichte für linke Zeitungen und – in der Tradition Nestroys, den er verehrte – Theaterstücke mit viel Einfallsreichtum, Wortwitz und vor allem beißender Zeitkritik.
Im November 1937 wurde er in Wien verhaftet. Wenige Wochen nach seiner Entlassung im Februar marschierten am 11. März die deutschen Truppen in Wien ein. Zum Entsetzen der Menschen, die im Widerstand gegen den Faschismus kämpften, jubelte ein großer Teil der Wiener Bevölkerung. Es kam zum »Anschluss« Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland. Da wusste er, dass er »Heinrich Heines Weg« der Emigration gehen musste. Als Kommunist und Jude. Am 13. oder 14. März 1938 wurde er an der Schweizer Grenze festgenommen, als er mit Skiern fliehen wollte. Danach kam er über verschiedene Gefängnisse nach Deutschland: ins KZ Dachau, wo er das berühmte »Dachau-Lied« schrieb. Im September 1938 brachte man ihn nach Buchenwald. Hier starb er am 16. Februar 1939 an Typhus. Mit 26 Jahren.
Marie-Luise Hiesinger, Heidelberg
Jura Soyfer: Der Weltuntergang oder »Die Welt steht auf kein’ Fall mehr lang«, Bühnenstück von 1936. Herausgegeben von Florian Schmidgall. Mit einem zweiteiligen Nachwort von Marie-Luise Hiesinger und Herbert Arlt, Kurpfälzischer Verlag Heidelberg, 2., erweiterte Auflage, 152 Seiten, 18,00 Euro, Bestellen?



