Der am 17./18. vor nunmehr 90 Jahren von konservativen Generälen unter Führung von Francisco Franco lancierte Putsch gegen die junge, demokratisch gewählte, linke Volksfrontregierung der Zweiten Republik mündete direkt in einen blutigen Krieg und gilt als Wendepunkt in der Geschichte Spaniens.
Von Hans-Peter Häfele
Innerhalb von nur drei Jahren wurden die Hoffnungen auf einen demokratischen Wandel durch die Gewalt des europäischen Faschismus in einem Meer aus Blut ertränkt. Nach dem Sieg der Falangisten im Oktober 1939 versank das Land für Jahrzehnte in politischer Isolation und kultureller Lethargie, gefangen in einem Klima der Einschüchterung und des verordneten Schweigens über das Geschehene. Die sich nach Francos Sieg auch institutionell verfestigende Diktatur legte sich wie Mehltau über das Land. Die Militärherrschaft stützte sich auf eine willfährige Justiz, landesweit operierende Geheimdienste, Korruption und Klientelismus zugunsten einer privilegierten Wirtschaftselite. Eine zentrale Rolle bei der inneren Absicherung dieser Machtarchitektur kam der bereits seit 1844 gegründeten und von Franco eigens hierfür eingesetzten Militärpolizei „Guardia Civil“ zu. Sie agierte in einem faktisch rechtsfreien Raum politisch motivierter Sondergesetze und neuer Strafrechtsbestimmungen, um jede oppositionelle Regung bereits im Ansatz durch Einschüchterung und brutale Gewalt zu unterdrücken.
Das faschistische Spanien nach 1945
Nach der endgültigen Niederlage des Nationalsozialismus durch die Anti-Hitler-Koalition wurde Francos Spanien 1945 von den neu gegründeten Vereinten Nationen zunächst politisch geächtet und wirtschaftlich isoliert. Bereits ab 1952 begann diese Blockade jedoch zu bröckeln. Am 18. November wurde Spanien als Vollmitglied in die international renommierte UNESCO aufgenommen, und nur ein Jahr später unterzeichnete das bis dahin weitgehend geächtete Land im „Pakt von Madrid“ ein bilaterales Abkommen mit den USA, das die Errichtung umfangreicher Militärstützpunkte ermöglichte. Vor dem Hintergrund des Kalten Krieges und der sich verschärfenden Blockkonfrontation betrachteten die Vereinigten Staaten die strikt antikommunistische Militärdiktatur Francos zunehmend als potenziellen Bündnispartner. Erst nach Francos Tod am 20. November 1975 begann Spanien zaghaft aus dem Albtraum der Verdrängung und des verordneten Schweigens zu erwachen, sodass der bis heute andauernde, schmerzhafte Prozess der Aufarbeitung der dunklen Jahre des Franquismus einsetzen konnte.
Unter der Losung „Memoria y Transición“ (Erinnerung und Übergang) befindet sich Spanien bis heute auf einem langen Weg, die tiefen gesellschaftlichen Verwerfungen der Diktatur nicht nur politisch zu bewältigen, sondern auch als kulturellen und mentalen Emanzipationsprozess zu begreifen. Noch immer werden neue Massengräber entdeckt. Die Exhumierungen erzählen von der erlittenen Gewalt und geben späte Auskunft über das Schicksal zahlloser Familien.
In den meisten zeitgeschichtlichen Beiträgen sowie in der umfangreichen Literatur zu den kriegerischen Ereignissen im Spanien der späten 1930er Jahre wird überwiegend von einem „Bürgerkrieg“ gesprochen. Diese nationale Verengung verkennt jedoch die tatsächlichen Dimensionen der damaligen Konfrontation. An diesem Krieg waren von Beginn an das nationalsozialistische Deutschland, das faschistische Italien unter Mussolini und wenig später auch die Sowjetunion unter Stalin beteiligt – letztere in ihrer mehr als ambivalenten Rolle als „Unterstützerin“ der bedrohten Republik. Auf Druck Stalins sah sich das militärisch zunehmend bedrängte Madrid gezwungen, seine gesamten Goldreserven nach Moskau zu verschiffen, um im Gegenzug Waffen und Munition zu erhalten. Auch die USA hielten sich offiziell zurück, wenngleich der Automobilindustrielle und Hitler-Bewunderer Henry Ford seine Sympathien für Franco durch die Lieferung von Lastwagen deutlich zum Ausdruck brachte. Die übrigen wirtschaftsstarken westlichen Demokratien verharrten weitgehend in ihrer Appeasement-Politik gegenüber Hitler, verfolgten eigene, insbesondere wirtschaftliche Interessen und überließen die Republik einem militärisch hervorragend ausgerüsteten Heer Francos. Dieses marschierte von Süden kommend in einer Zangenbewegung gleichzeitig auf Madrid und Katalonien zu, um mit der Eroberung Barcelonas als Hochburg der Republik die Demokratie endgültig zu zerschlagen.
Guernica als Menetekel
Der Juli 1936 markierte nicht nur den Beginn des Putsches der spanischen Falangisten unter General Franco gegen die demokratisch gewählte republikanische Regierung in Madrid. Er bildete zugleich die Blaupause für die militärische Expansion einer vom nationalsozialistischen Deutschland geschmiedeten Allianz faschistischer Mächte, die nur drei Jahre später in die Katastrophe des Zweiten Weltkrieges mündete – mit rund 65 Millionen Toten und der nahezu vollständigen Vernichtung des europäischen Judentums. Der Name und die Bombardierung der kleinen baskischen Stadt Guernica durch die deutsche „Legion Condor“ (Hitler‘s „fliegende Bruderhilfe“ an Franco) sowie der italienischen „Aviazione Legionaria“ am 26. April 1937 mit geschätzt mehreren Hundert bis zu 1000 zivilen Opfern war nach vielen kleineren Luftangriffen deutscher Bomberpiloten auf spanische Dörfer und Städte zuvor, darunter Málaga, Cartagena, Alicante und Toledo, nunmehr das verheerendste Fanal für weitere Bombardements und militärische Operationen.
Der Name „Guernica“ steht seither als Menetekel für den strategisch geplanten Vernichtungswillen der faschistischen Achsenmächte Hitler, Franco und Mussolini, denen sich später das expansionistische Japan anschloss. Pablo Picassos weltberühmtes Gemälde „Guernica“ bannte das Grauen und das Leiden der Menschen auf monumentale Weise auf die Leinwand und wurde zu einer bleibenden Mahnung für die nachfolgenden Generationen. Dieses überaus düstere Kapitel europäischer Geschichte am Vorabend von Zweitem Weltkrieg und Holocaust weist eine Vielzahl bislang eher unterbelichteter Facetten auf, die insbesondere aus jüdischer Perspektive auch für die politische Bewertung gegenwärtiger Konflikte von erheblicher Relevanz sein dürften.
Welche weltanschaulichen Positionen vertraten die unterschiedlichen Strömungen des assimilierten europäischen Judentums in jener Zeit, und welche Rolle spielten sie im Kampf gegen den Faschismus und für die Verteidigung der Spanischen Republik? Von Beginn an erschöpfte sich die antifranquistische Allianz nicht in ihrem gemeinsamen Ziel der Bekämpfung des Faschismus. Vielmehr bargen ihre höchst unterschiedlichen politischen Zielsetzungen ein erhebliches ideologisches Konfliktpotenzial, das ihre militärische Schlagkraft gerade in den entscheidenden Phasen des Krieges nachhaltig schwächte. Am Ende siegte bekanntlich der Faschismus.
Ministerposten für Anarchisten?
Nicht weniger der Stimmen aus dem antifaschistischen Lager zogen rückblickend eine eher bittere Bilanz in ihrer Auffassung, dass die libertäre Bewegung, angeführt von der CNT-FAI, spätestens mit deren Eintritt in die nationale Regierung unter Francisco Largo Caballero am 4. November 1936, Verrat an ihren Prinzipien begangen habe. Mit dem Versäumnis eines beherzten und damals durchaus realistischen Zugriffs auf die Macht, habe das emanzipatorische Bündnis den Kairos einer großen, historischen Chance verpasst, was in der Folge dem Faschismus die Türen öffnete.
Eine der vehementesten Stimmen gegen eine Regierungsbeteiligung der CNT mit der Besetzung von 4 Ministerposten war die jüdisch- amerikanische Anarchistin Emma Goldman, als die offizielle Vertreterin der CNT-FAI in London um internationale Solidarität für das bedrängte Spanien warb. Über ihre Kritik an der hierdurch vollzogenen Preisgabe essentieller, libertärer Grundsätze hinaus, befürchtete sie zum Einen die Stärkung des Staatsapparates und, was noch schwerer wog, eine Machtverschiebung zu Gunsten der moskautreuen Kommunisten, was im Ergebnis zu einer Spaltung des Libertären Lagers führen würde. Die pragmatischen Befürworter einer Machtbeteiligung propagierten diesen Schritt als Option des Zugriffs auf Staatsgelder zum Ankauf von Waffen, insbesondere der dringend benötigten Maschinengewehre.
Emma Goldman sollte Recht behalten, denn die Beteiligung staatsablehnender Anarchisten in Ministerpositionen an einer bürgerlichen Regierung markierte eine schmerzhafte Zäsur und löste in der Folge eine massive Austrittswelle aus der CNT aus. Erboste Mitglieder zerrissen öffentlich ihre Gewerkschaftsausweise und verweigerten die Zahlung ihrer Beiträge. Trotz dieser schweren Enttäuschung zeigt sich Goldman, die scharfe Kritikerin des bolschewikischen Russlands, weiterhin loyal zu den kämpfenden Menschen an Spanien’s Fronten. Die Debatten hierüber flammen, selbst 90 Jahre später, bisweilen immer noch auf und spalten bei Fragen einer Wahlbeteiligung immer noch die Lager.
Akt des Widerstandes gegen Hitler
Eine unmittelbare politische Relevanz dieses Disputs dürfte inzwischen doch sehr begrenzt sein. Die internationale anarchistische Bewegung fristet im globalen Kapitalismus des 21. Jahrhunderts nur noch ein Nischendasein, obwohl ihre Prinzipien basisgewerkschaftlicher Organisierung und antipolitischer Institutionskritik durchaus Anknüpfungspunkte für die Lösung gegenwärtiger sozialer und ökonomischer Krisen bieten könnten. Mit Blick auf eine jüdische Perspektive zeigt das Beispiel Spanien im Rückblick jedoch, dass sich Jüdinnen und Juden – ungeachtet unterschiedlicher politischer Überzeugungen – als außerordentlich wehrhaft erwiesen und bereit waren, sich organisiert und bewaffnet gegen die heraufziehende Lawine des Faschismus zu stellen. Sie kämpften für die Verteidigung der Demokratie und auch für darüber weit hinaus gehende Ziele. Nicht zuletzt standen sie mit dem Rücken zur Wand und rangen um ihr eigenes Überleben angesichts wachsender Verfolgung, Vertreibung und der drohenden Vernichtung. Die tausende Freiwilligen stehen für einen Akt des Widerstandes gegen Hitler und die nationalsozialistische Vernichtungspolitik. Ihr mutiges Handeln konterkariert zugleich den bis heute verbreiteten Mythos, Jüdinnen und Juden hätten dem Holocaust kaum Widerstand entgegengesetzt und sich kampflos in die Gaskammern führen lassen.
War es nun zuvörderst ihr Judentum oder eine bewusste politische Entscheidung, die sie nach Spanien führte? Der Historiker Gerben Zaagsma hat sich in seinen Studien u.a. dem Thema der „Freiwilligkeit“ der jüdischen Spanienkämpfer*innen gewidmet und kommt zu einem eindeutigen Ergebnis: Die jüdischen Anarchist*innen definierten sich mehrheitlich nicht entlang ihrer ethnisch- religiösen Zugehörigkeit, vielmehr beruhte die risikoreiche Freiwilligkeit des Engagements bei einer Vielzahl dieser Menschen auf einer bewussten, politischen Entscheidung. Antisemitische Vorurteile über angebliche „jüdische Feigheit“ waren für viele ein zusätzlicher Antrieb, sich aktiv am Kampf zu beteiligen. Das Engagement wurde so zugleich zu einem Akt der Emanzipation.
Anarchismus und Zionismus
Bereits seit dem späten 19. Jahrhundert und verstärkt in der Zeit zwischen den Weltkriegen existierten bedeutende anarchistische Bewegungen in Osteuropa, insbesondere im zaristischen Russland, aber auch in England, den USA und Argentinien. Russland und weite Teile Osteuropas waren zugleich wichtige Auswanderungsregionen der jüdischen Bevölkerung. Pogrome, rechtliche Diskriminierung und die Stellung als ungeliebte Minderheit trieben Millionen Menschen zur Emigration. Vor allem in Polen und Litauen entstand im Zuge umfassender Modernisierungsprozesse ein modernes jüdisches Bildungswesen. Politisches Denken, zeitgenössische Philosophie und sozialistische Ideen gewannen zunehmend an Einfluss. Mit den Auswanderungsbewegungen gelangten somit auch die Ideen der jüdisch-anarchistischen Arbeiterbewegung nach Westeuropa sowie nach Nord- und Südamerika.
Auch schon in der Frühphase des Zionismus finden sich Denker, die von anarchistischen Ideen beeinflusst waren oder diesen nahestanden. Zu nennen sind etwa Moses Hess, Martin Buber und Gustav Landauer. Obwohl die Ablehnung staatlicher Herrschaft gemeinhin als Wesenskern anarchistischer Strömungen gilt, existierten zugleich Positionen, die einen grundsätzlichen Gegensatz zwischen Zionismus und Anarchismus verneinten. Einige dieser Vordenker betonten sogar, dass eine nationale Heimstätte zunächst die Voraussetzung schaffen könne, unter der sich später freiheitliche und herrschaftskritische Gesellschaftsformen entfalten würden.
Nachweislich bestanden bereits in den 1930er Jahren im Jischuw, der jüdischen Gemeinschaft in Palästina, kleinere anarchistische und libertäre Gruppierungen. Während des Spanischen Krieges organisierten diese gemeinsam mit anderen politisch linken Kräften Solidaritäts- und Hilfskampagnen zugunsten der bedrohten Spanischen Republik.
Motive des Engagements
Das Engagement der jüdisch-libertären Freiwilligen speiste sich aus einer doppelten Identität und der Suche nach universeller Befreiung. Die zentrale Klammer über ideologische Unterschiede hinweg bildete der entschiedene Antifaschismus. Angesichts des rasanten Aufstiegs des Nationalsozialismus und des anwachsenden Antisemitismus in Europa betrachteten viele Spanien als die erste entscheidende Frontlinie, um Adolf Hitler und Benito Mussolini aufzuhalten. Der Spanische Krieg wurde nicht als regional begrenzter Konflikt verstanden, sondern als Vorfeld einer weitaus größeren Auseinandersetzung um die Zukunft Europas. Zugleich erschien der Anarchosyndikalismus vielen jüdischen Libertären als radikale gesellschaftliche Alternative – nicht nur zum drohenden Faschismus, sondern ebenso zum bürgerlich-kapitalistischen Nationalstaat. Die soziale Revolution galt ihnen gleichermaßen als Mittel und Ziel des antifaschistischen Kampfes. Die Verteidigung der Republik und die Schaffung einer herrschaftsfreien Gesellschaft wurden als untrennbare Bestandteile eines umfassenden Emanzipationsprojekts verstanden.
„Jüdische Ethik“ und Anarchismus
Als normativ-ethische Grundlage dieser Haltung kann – folgt man den Forschungen von Marianne Kröger – eine Form „jüdischer Ethik“ angenommen werden. Für viele Beteiligte dürfte eine tief verinnerlichte Tradition sozialer Gerechtigkeit, gegenseitiger Verantwortung und Solidarität handlungsleitend gewesen sein, die sich mit zentralen Werten des Anarchismus durchaus verbinden ließ. Viele Jüdinnen und Juden brachten zudem Erfahrungen aus der osteuropäischen Arbeiterbewegung, dem Allgemeinen Jüdischen Arbeiterbund (Bund) sowie aus unterschiedlichen libertären Strömungen mit. Jüdische Anarchist*innen spielten daher im Spanischen Krieg ab 1936 eine bedeutende und häufig auch intellektuell geprägte Rolle. Während die Mehrheit der schätzungsweise 7.000 bis 8.500 jüdischen Freiwilligen in den kommunistisch dominierten und von der Komintern beeinflussten „Internationalen Brigaden“ kämpfte, schlossen sich mehrere Hundert bewusst den anarchistischen Milizstrukturen der CNT-FAI (Confederación Nacional del Trabajo – Federación Anarquista Ibérica) an. Sie sahen im spanischen Anarchosyndikalismus die Möglichkeit, den Faschismus militärisch aufzuhalten und zugleich die soziale Revolution durch die Kollektivierung von Betrieben und landwirtschaftlichen Flächen voranzutreiben. Ziel war der Aufbau einer herrschaftsfreien Gesellschaft. Im Vergleich zu den meist staatlich verfügten Zwangskollektivierungen in vielen Ländern Osteuropas, erfolgten die Kollektivierungen in Spanien als wesentliches Momentum des sozialrevolutionären Prozesses und hiermit auf freiwilliger Basis. Die anarchistischen Prinzipien der freien Vereinbarung, gegenseitiger Hilfe, freier Föderation und eines solidarischen Miteinanders kamen hier unmittelbar zum Tragen. Bei nicht zu leugnenden Unterschieden zum Anarchismus lassen sich durchaus Analogien feststellen zum spirituellen Gedankengut der frühen, linken Ideen des Kibbuz als Form des Gemeinschaftslebens.
Im Vergleich hierzu nimmt der Anarchosyndikalismus im 21. Jahrhundert innerhalb sozialer Bewegungen und betrieblicher Auseinandersetzungen nur noch eine marginale Stellung ein. In den Jahrzehnten vor dem Spanischen Krieg hingegen stellte er insbesondere im agrarisch geprägten Spanien eine Massenbewegung dar. Der spanische Sozialismus war über weite Strecken von anarchistischen Ideen geprägt. Als radikal antiklerikale Bewegung entwickelte er dabei teilweise nahezu religiöse Züge, wie Überlebende des Krieges später, nicht ohne Ironie, einräumten. Die jahrhundertelange Dominanz der katholischen Kirche als moralische und wirtschaftliche Autorität, ihre Allianz mit dem Großgrundbesitz sowie die Ausbeutung weiter Teile der Landbevölkerung ließen die Idee einer solidarischen und kollektiv organisierten Wirtschaftsordnung wie eine ferne, aber verheißungsvolle Utopie erscheinen. Dies verlieh dem Anarchosyndikalismus eine emotionale Bindekraft, die bisweilen tatsächlich quasireligiöse Formen annahm. Im Jahr des Kriegsbeginns 1936 zählte die CNT mehrere Hunderttausend Mitglieder und entwickelte sich während der Revolution zeitweise zu einer Massenorganisation mit weit über einer Million Anhängerinnen und Anhängern.
Die ideologische Polarität: Libertäre versus autoritäre Kommunisten
Innerhalb der antifaschistischen Front verlief ein tiefer, letztlich verhängnisvoller ideologischer Graben, der das Schicksal vieler jüdischer Freiwilliger nachhaltig prägen sollte. Auf der einen Seite standen die autoritären Kommunisten, die sich an den Vorgaben der sowjetischen Komintern orientierten und innerhalb der Internationalen Brigaden erheblichen Einfluss ausübten. Ihre Strategie ordnete sämtliche politischen und sozialen Ziele einem möglichst effizienten militärischen Sieg unter. Um die westlichen Demokratien als potenzielle Bündnispartner gegen Hitlerdeutschland nicht zu verschrecken, sollten revolutionäre Experimente zurückgestellt und die Republik als demokratischer Staat verteidigt werden. Entsprechend bestanden sie auf straffer militärischer Disziplin, einer zentralisierten Armeeführung und der Einschränkung weitreichender sozialrevolutionärer Maßnahmen. In der Summe hätten all diese Maßnahmen dem Anarchismus jedoch die Seele geraubt.
Nicht wenige Freiwillige reagierten bereits nach kurzer Zeit ihres Einsatzes mit Enttäuschung auf die autoritären Strukturen innerhalb der kommunistischen Formationen. Einige verließen die Internationalen Brigaden darauf hin und schlossen sich den Milizen der CNT-FAI an. Deren vergleichsweise egalitäre Organisationsformen, die stärkere Mitbestimmung der Kämpferinnen und Kämpfer sowie die geringere soziale Distanz zwischen Kommandierenden und Frontsoldaten entsprachen eher ihrem politischen Selbstverständnis. Die demokratisch geprägte Milizstruktur förderte Eigeninitiative und Verantwortungsbewusstsein und stellte für die in klassischen militärischen Kategorien denkenden faschistischen Verbände oftmals einen schwer kalkulierbaren Gegner dar. Für die Anarchist*innen der CNT-FAI sowie für die linksmarxistische (trotzkistischen) POUM waren antifaschistischer Krieg und soziale Revolution untrennbar miteinander verbunden. Sie organisierten sowohl das Territorium und trieben parallel die Kollektivierung von Fabriken, Werkstätten und landwirtschaftlichen Betrieben voran. Die Libertären sahen in einer herrschaftsfreien Gesellschaft die einzige konsequente Antwort auf den Faschismus. Nationalstaaten, die Jüdinnen und Juden über Jahrhunderte hinweg immer wieder ausgegrenzt, entrechtet und verfolgt hatten, begegneten viele von ihnen mit grundsätzlichem Misstrauen.
Während sich die militärische Lage der Republik nach der verlustreichen „Aragon- Offensive“ (April 1938) sowie der ebenso desaströs geendeten „Schlacht am Ebro“ (November 1938) zunehmend verschlechterte und die franquistischen Truppen immer näher an Barcelona heranrückten, verschärften sich zugleich die Konflikte innerhalb des heterogenen republikanischen Lagers. Die Gegensätze zwischen libertären Kräften und moskautreuen Kommunisten mündeten schließlich in einen offenen Machtkampf. Da die Sowjetunion der einzige bedeutende Waffenlieferant der Republik war, verfügte sie über ein erhebliches politisches Druckmittel. Der Zugang zu Waffen, Munition und logistischer Unterstützung wurde wiederholt genutzt, um den Einfluss stalinistischer Kräfte innerhalb des republikanischen Lagers auszubauen. Von anarchistischer Seite wurde zudem immer wieder beklagt, dass bestimmte Frontabschnitte bei der Versorgung mit modernen Waffen benachteiligt worden seien.
Die Katastrophe der „Maiereignisse“ 1937
Im Mai 1937 eskalierte die Situation in Barcelona während der sogenannten „Maiereignisse“. Kommunistisch dominierte Sicherheitskräfte gingen gewaltsam gegen Anarchist*innen und Mitglieder der POUM vor. Die daraus resultierenden Straßenkämpfe offenbarten die dramatische Zerrissenheit des antifaschistischen Lagers. Zeitweise verloren selbst die Beteiligten den Überblick darüber, wer gegen wen kämpfte. Für viele jüdische Libertäre bedeutete diese Entwicklung eine bittere Erfahrung. Sie waren nach Spanien gekommen, um Freiheit und soziale Emanzipation gegen den Faschismus zu verteidigen, sahen sich nun jedoch zunehmend Repressionen durch vermeintliche Verbündete ausgesetzt. Zahlreiche Aktivist*innen wurden überwacht, verhaftet, interniert oder Opfer gezielter Verleumdungskampagnen. Die von sowjetischen Geheimdiensten und ihren lokalen Verbündeten verbreiteten Desinformationen sollten das libertäre Lager politisch isolieren und seinen Zusammenhalt schwächen.
So wurde der Spanische Krieg für viele jüdische Anarchist* innen nicht nur zu einem Kampf gegen den Faschismus, sondern zugleich zu einer Erfahrung der Konfrontation mit autoritären Herrschaftsformen innerhalb der eigenen antifaschistischen Reihen.
Sowohl für die libertären, jüdischen Freiwilligen als auch für die in den Brigaden organisierten sozialistisch/- kommunistisch organisierten Jüd*innen endete ihr Einsatz letztlich in einer absoluten Tragödie. Nach dem endgültigen Sieg Francos existierten eigenständige, anarchistische Verbände kaum mehr. Während viele gefangene spanische Soldaten meist in Internierungslagern landeten, wurden viele der ausländischen Kämpfer in Lagern wie Gurs oder Saint-Cyprien interniert. Ein Großteil von ihnen wurde später vom Vichy-Regime an Nazideutschland ausgeliefert und in den Vernichtungslagern ermordet. Diejenigen Überlebenden, welchen 1939 die Flucht über die Pyrenäen nach Frankreich gelang, reihten sich ab 1940 in den französischen Widerstand (Résistance) oder auch in die regulären Armeen der Anti-Hitler-Koalition, um den antifaschistischen Kampf, der in Spanien begonnen hatte, fortzuführen.
Resümee
Auf vorderster Front des Widerstandes zogen jüdische Anarchist* innen, nicht nur in Spanien, sondern in allen umkämpften Regionen gegen die Achsenmächte in den Krieg. Sie bewegten sich in den Schnittstellen von militärischem, publizistischem und logistischem Engagement und kämpften, trotz ideologischer Differenzen, solidarisch mit ihren Kamerad*innen sowohl in rein jüdischen Einheiten als auch in integrativen Partisanengruppen des klandestinen Untergrunds oder in regulären nationalen Armeeeinheiten, u.a. in den Jagdgeschwadern der Britischen Air Force. Mit ihrem Einsatz leisteten sie einen wesentlichen Beitrag für das nackte Überleben ihres Volkes und den Kampf gegen Hitler-Deutschland.
Literatur:
– DadAWeb
– Yad Vashem, Jerusalem (Israel)
– Emma Goldman: „Living my Life“ in Two Volumes , New York, 1970
– „Antisemit, das geht gar nicht unter Menschen“. Anarchistische Positionen zu Antisemitismus, Zionismus und Israel. 2 Bände, Hg. Jürgen Mücke und Siegbert Wolf, Verlag Edition AV.
– Gerben Zaagsma: „Jüdische Freiwillige, die Internationale Brigaden und der Spanische Bürgerkrieg“.
– Marianne Kröger: „Jüdische Ethik“ und Anarchismus im Spanischen Bürgerkrieg.
– AnArchiv Neustadt a.d. Weinstraße.



