Wellen brechen

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Foto: Dimitris Vetsikas

Heute ist ein guter Tag.

Die Sonne scheint, die Wellen der Nordsee plätschern zu meinen Füßen, ich räkle mich im Strandkorb und blockiere wieder einmal eine Bekannte im Telefonregister meines Handys.

Eine entfernte Bekannte, Lehrerin mittleren Alters, ich habe sie lange Zeit nicht gesehen. Zuletzt trafen wir uns mit mehreren Bekannten in einem Bistro, es war mit Sicherheit vor mehr als drei Jahren. In der Welt vor dem 7. Oktober.

Von Eva M. Grünewald

Wir aßen in diesem Bistro zu Mittag, wo es Quiche mit Salat und andere Kleinigkeiten gab. Klein waren alle Portionen, nicht so klein die Preise und so ließ es sich ein Mitglied des Kreises auch nicht nehmen, nach dem Essen darauf hinzuweisen, dass die Inhaberin wohl Jüdin sein müsse, weil die Juden und Geld. Wie das so ist.

Ich stimmte ihm zu. Natürlich. Die Inhaberin des Bistros müsse Jüdin sein bei diesen Preisen. Und ihrer Nase. Ich erklärte ihm, dass ich den Eindruck hätte, meine Nase sehe ähnlich aus. Er verstand nicht. Im zweiten Anlauf dann, als ich sagte, ich sei auch Jüdin und fände seinen Spruch unsäglich, wurde er rot und brabbelte wenig eloquent. Peinlich berührt versicherte er mir, es sei ein Witz gewesen. Wirklich. Ehrlich. Nicht ernst gemeint. Was haben wir gelacht.

Niemand aus der Runde sagte etwas. Kein Wort. In dieser Welt vor dem 7. Oktober.

Später dann jene Bekannte. Als wir das Bistro verließen, flüsterte sie mir ins Ohr: „Das war ja wirklich schlimm. Wie kann er nur!“ Tja – er konnte so einfach. Schon in dieser Welt vor dem 7. Oktober. Und sie war bereits damals eine der Guten.

Danach traf ich die Bekannte lange nicht. Sie wohnt nicht ganz so nah, unsere gemeinsamen Interessen sind begrenzt. Hin und wieder sah und las ich ihre Statusmitteilungen, folgte ihr in den Ferien an verschiedene Orte der Welt, sah ihre Kinder am Strand Ball spielen, sah sie in den Bergen wandern, sah die Kommunionsfeier ihres Jüngsten, sah ihren geschmückten Weihnachtsbaum und las die Neujahrswünsche, die sie per Statusmitteilung in die Welt hinausspie.

Sonst nichts weiter. Nichts Relevantes.

Heute dann las ich plötzlich eine politische Botschaft. Sie forderte mich und alle ihre Statusverfolgenden auf, eine Petition zu unterzeichnen. Wie sich das gehört für die guten Menschen dieser Welt macht wohl auch sie sich Sorgen um Menschenrechte, Völkerrecht. Und, wie sollte es anders sein: Auch sie landete bei Amnesty International.

Als ich die Aufforderung sah, spürte ich meinen Puls steigen, fühlte den Druck in meinen Schläfen zunehmen. Ein unstillbares Verlangen stieg in mir auf, einen rechten Haken durch den digitalen Äther zu schicken. Ich blickte in die Ferne, spürte den Wind, sah die Schaumkronen am Horizont der Nordsee.

Genussvoll sog ich die frische Meeresluft ein und beschloss, auf der Sachebene zu reagieren.

Schnell antwortete ich mit dem Link einer einschlägigen und anerkannten, seriösen deutschen Tageszeitung, die die Haltung von Amnesty im Hinblick auf Antisemitismus untersucht hat. Ich ging eigentlich nicht davon aus, je wieder ein Lebenszeichen der Bekannten zu erhalten. Doch wäre die Bekannte keine Lehrerin und bestimmt nicht der gute Mensch, der sie ist und bereits in der Welt vor dem 7. Oktober war, wenn sie nicht eine ordentliche Portion Sendungsbewusstsein mit sich durchs Leben trüge. Es dauerte keine fünf Minuten.

Der Antisemitismus-Vorwurf sei ihr bekannt. Immerhin, denke ich. Allerdings, schreibt sie und offenbart damit doch eine gewisse bildungsbürgerliche Distanz zu den üblichen Aber-Sagenden – die Hamas ist schlimm, aber Netanyahu… ; der Nationalsozialismus war schlimm, aber was die Juden mit den Palästinensern machen… ; Israel darf existieren, aber das Westjordanland… – allerdings hänge die Forderung, das EU-Israel-Assoziierungsabkommen auszusetzen, nicht davon ab, ob man Amnesty für unfehlbar halte. Denn man könne Antisemitismus bekämpfen, die Kritik an Amnesty ernst nehmen und die israelische Regierung gleichzeitig an menschenrechtlichen und völkerrechtlichen Maßstäben messen. Eine Maßnahme gegenüber einem Staat sei keine Maßnahme gegen Jüdinnen und Juden, schreibt sie.

Trotzdem sei es schön, dass ich mir Gedanken mache, schreibt sie. Ganz Lehrerin.

Rechter, linker, rechter Haken denke ich und antworte.

Ich danke ihr für ihr großmütiges Lob, von dem ich nun erst festgestellt habe, wie sehr es mir in den vergangenen Jahren fehlte. Ich freue mich, dass sie die Funktion der Statusmeldungen von WhatsApp als Medium politischer Botschaft entdeckt habe, in dem ich doch bislang nur Privates und Allzuprivates las. Allerdings. Man könne sich ja auch einmal mit den diversen Rechten in Nordkorea, Syrien, Sudan, Iran, Russland usw. befassen. Allerdings. Gleiche Standards für alle seien ja langweilig. „Kauft nicht beim Juden“ bzw. beim jüdischen Staat – sei einfacher, gewohnter, vertrauter, erfordere weniger Nachdenken, während Jüdinnen und Juden sich in Deutschland nicht mehr trauen, erkennbar auf die Straße zu gehen. Ich nähme an, dass sie bei der nächsten Demo gegen die AFD wieder ihr „Never again is NOW!“ aus der Garage hole. Dann sende ich.

Ich sitze im Strandkorb, lehne mich zurück, tippe auf drei Punkte oben rechts, Kontakt löschen. Der Wind streift um meinen Kopf, es ist ein guter Tag.

Die Wellen brechen zu meinen Füßen und dasselbe möchte auch ich.