Das Rätsel des Qumran-Kalenders

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Fundorte der Qumran-Rollen, Foto: Lux Moundi - Caves@Dead Sea Scrolls / CC BY 2.0

Am Nordwestufer des Toten Meeres liegt Qumran – der Ort, an dem ab 1947 die berühmten Schriftrollen vom Toten Meer entdeckt wurden. Hier lebte im 2. und 1. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung eine jüdische Gemeinschaft, die sich bewusst von der religiösen und politischen Führung in Jerusalem abwandte und sich in die Wüste zurückzog. Ihre Schriften geben bis heute Einblick in eine Zeit religiöser und politischer Umbrüche im Judentum der Zweiten Tempelperiode.

Trotz jahrzehntelanger Forschung sind viele Fragen rund um die Qumran-Gemeinschaft nach wie vor ungeklärt. Immer wieder werfen neue Untersuchungen der Schriftrollen ein anderes Licht auf das Selbstverständnis, die Praktiken und die Geschichte dieser Gruppe. Eines der hartnäckigsten Rätsel betrifft ihren Kalender.

Die Qumran-Gemeinschaft folgte nicht dem lunisolaren Kalender, der das jüdische Leben jener Zeit prägte, sondern einem eigenen System mit exakt 364 Tagen im Jahr – einer Zahl, die sich glatt durch sieben teilen lässt. Dadurch fiel jedes Fest Jahr für Jahr auf denselben Wochentag, was die Gemeinschaft als Ausdruck einer von Gott bei der Schöpfung festgelegten, unveränderlichen Ordnung verstand. Der Kalender war zugleich ein Akt der Auflehnung gegen die Tempelpriesterschaft in Jerusalem, die über die Festdaten bestimmte.

Das Problem: 364 Tage sind rund einen Vierteltag zu wenig gegenüber dem tatsächlichen Sonnenjahr. Über zwei Jahrzehnte summiert sich das auf fast einen Monat Abweichung – ein Frühlingsfest hätte irgendwann im Winter gelegen. Für eine Gemeinschaft, deren Feste eng mit Ernte und Jahreszeiten verknüpft waren, ein echtes Problem. Lange war unklar, ob dieser Kalender überhaupt praktisch genutzt wurde oder nur ein theoretisches Ideal blieb.

Eine Studie von Prof. Eshbal Ratzon vom Institut für Jüdische Philosophie und dem Cohn-Institut für Geschichte und Philosophie der Wissenschaft und Ideen an der Tel Aviv Universität, die soeben in „Tarbiz – Quarterly for Jewish Studies“ (in Hebräisch) veröffentlicht wurde, legt dazu nun eine neue Deutung vor. Ihre These: Der 364-Tage-Kalender wurde in der Frühzeit der Sekte tatsächlich aktiv verwendet – und war sogar mit ein Auslöser für den Konflikt mit Jerusalem. Fast zwanzig der gefundenen Schriftrollen befassen sich mit Kalenderfragen und Astronomie, was die zentrale Bedeutung des Themas unterstreicht. Auch das Jubiläenbuch, ein Schlüsseltext aus Qumran, greift den vorherrschenden Mondkalender scharf an und stellt den 364-Tage-Kalender als den ursprünglichen, von Moses am Sinai offenbarten Kalender dar.

Mit der Zeit, so Ratzon, wurde die Abweichung von den Jahreszeiten jedoch spürbar und praktisch untragbar. Gleichzeitig verbesserten sich die Beziehungen zur hasmonäischen Herrscherfamilie unter Alexander Jannäus, der eine der Sekte nahestehende religiöse Rechtsauffassung vertrat und sich gegen die pharisäische Führung stellte. Diese politische Annäherung erlaubte es der Gemeinschaft, ihren eigenen Kalender aufzugeben und den praktischeren Tempelkalender zu übernehmen – ohne ihn ganz zu verwerfen: Als theoretisches Ideal blieb er bestehen, als Konzept, das zur Zeit der Schöpfung gegolten hatte und am Ende der Tage wieder gelten sollte. Ratzons Erklärung verbindet damit zwei bislang widersprüchliche Befunde – die zentrale Rolle des Kalenders in den Schriften und sein Verschwinden aus der gelebten Praxis – zu einem stimmigen historischen Bild.

„Der Qumran-Kalender galt lange als eines der prägenden Merkmale der Qumran-Sekte, aber auch als eines der rätselhaftesten Geheimnisse der Schriftrollen vom Toten Meer. Diese Studie bietet eine alternative Erklärung für den scheinbaren Widerspruch zwischen einem funktionalen und einem theoretischen Kalender. Es ist durchaus möglich, dass der Kalender tatsächlich über einen gewissen Zeitraum verwendet wurde, dann aber aufgrund inhärenter Probleme und politischer Veränderungen seine praktische Bedeutung verlor und zu einem religiösen Ideal und einem Identitätssymbol wurde. Dies würde sowohl seine zentrale Rolle in den Qumran-Schriftrollen als auch sein allmähliches Verschwinden aus der historischen Realität erklären,“ so Prof. Eshbal Ratzon.