Auf der Suche nach Chaya – Wo keine Stolpersteine liegen

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Yad vaShem, Foto von Snowscat auf Unsplash

Über die Suche nach einer ermordeten Urgroßmutter in Belarus und warum der deutsche Streit nach der Ankündigung von Yad Vashem, in Deutschland zwei Bildungszentren zu eröffnen, die Würde der Opfer verletzt.

Von Hana Silbermann

Seit vielen Jahren suche ich nach Spuren. Ich suche nicht nach einem Namen, denn der steht schwarz auf weiß geschrieben. Ich suche nach dem Ort, an dem das Leben meiner Urgroßmutter ein gewaltsames Ende fand. Sie lebte in Wilejka, damals Polen, heute Belarus. Chaya Silberman war eine fromme Jüdin, die Tochter eines Schneiders, die früh zur Witwe wurde und ihre fünf Kinder allein großzog. Drei von ihnen kamen im Holocaust um. Das einzige schriftliche Zeugnis, das mir von den Kindern geblieben ist, betrifft ihren Sohn Rafael – ein Dokument, das seinen Tod im Ghetto von Vilnius im Jahr 1941 belegt.

Ich besitze noch Fotos von Chaya und ihren Kindern. Ich blicke oft auf diese Gesichter und frage mich: Was für Menschen waren sie? Was für ein Leben hätten sie geführt, wenn sie nicht ermordet worden wären? Wer wären sie geworden? Diese Bilder zeigen mir keine historischen Figuren, sondern Mitglieder meiner Familie, deren Zukunft einfach ausgelöscht wurde.

Chaya Silbermann mit Kindern Chwena und Rafail, ca. 1914, Foto: privat

Chayas Name und die Namen ihrer Kinder stehen nicht auf der Liste der Ermordeten der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Wilejka. Doch die Liste ist unvollständig, wenn es um die Details geht. Sie nennt mir nicht den genauen Ort ihres Todes. Ich weiß nur, aus der Erzählungen anderen Verwandten, dass Chaya doch in Wilejka mit der Familie umgekommen sei. Die Berichte auf den Seiten von Yad Vashem über das Schicksal der Juden dort sind von unvorstellbarer Grausamkeit: Einige wurden lebendig verbrannt, andere im nahegelegenen Wald erschossen, die Verwundeten noch lebendig begraben:

„Am 2. März 1942 (dem Vorabend von Purim) verübten die Nazis ihr drittes Massaker an Juden. Bei dieser Mordaktion trieb der SD Wilejka unter dem Vorwand, sie in ein anderes Ghetto zu verlegen, etwa 300 Juden zusammen, brachte sie ins Stadtgefängnis, unterzog sie einer Selektion und erschoss die meisten von ihnen im Gefängnishof. Berichten zufolge transportierten die Deutschen einige Opfer mit Lastwagen zum südwestlichen Stadtausgang (entlang der Straße nach Osipowicze), erschossen sie und verbrannten die Leichen in einem verlassenen Holzgebäude. Dies war die übliche Vorgehensweise des SD Wilejka.“ 

Wenn ich diese Zeilen lese, stockt mir der Atem. Dass ich den genauen Ort und das Schicksal ihrer letzten Stunden noch nicht gefunden habe, gibt mir eine leise, verzweifelte Hoffnung: Die Hoffnung, dass sie vielleicht nicht ganz so schrecklich leiden musste. Aber man kann Schmerzen nicht messbar zu machen. Es gibt keinen Maß.

Genau deshalb berührt mich die aktuelle Debatte um die geplanten Bildungszentren von Yad Vashem in München und Leipzig so tief.

Der miese Kampf um das Erinnerungsmonopol

Der Direktor der Bildungsstätte Anne Frank, Meron Mendel, sowie der Stiftungsdirektor der Gedenkstätte Buchenwald, Jens-Christian Wagner, äußerten öffentlich Bedenken bezüglich der neuen Zentren von Yad Vashem in Deutschland. Sie argumentieren, Yad Vashem sei eine staatliche Einrichtung, die der israelischen Regierung unterstellt sei, und warnen vor politischer Einflussnahme in Deutschland. Ganz ehrlich? Ich denke, sie haben Angst vor Konkurrenz. Sie fühlen sich bedroht und bangen um ihren Status als einzige Instanz, die das Recht und das Monopol auf historisch-politische Bildung in Deutschland besitzt.

Aber nur diejenigen, die im Holocaust umgekommen sind, haben ein Recht auf das Monopol der Erinnerungskultur. Die Geografie spielt in diesem Fall überhaupt keine Rolle, und politische Spielchen sind hier völlig unangebracht.

Wenn ich auf das Foto von Chaya schaue, scheint mir dieser politische Kampf einfach nur miserabel. Dieser Streit ist unter dem menschlichen Niveau. Er ist mies. Meine Hoffnung, irgendwann symbolisch einen Stolpersteine auf Chayas wahrem Grab zu wissen, versinkt hier in politischen Intrigen. Diese Debatten schaden der Würde der Ermordeten und verletzen uns, die Hinterbliebenen in der dritten Generation.

Die Geografie des Vergessens

Für Chaya und ihre Kinder gibt es keinen Stolperstein vor einer Haustür. Ihr Ende liegt im Osten Europas, an Orten, die in der deutschen Erinnerungskultur oft blinde Flecken geblieben sind. Uns rennt die Zeit davon, diese Orte und die dazugehörigen Akten endgültig zu erforschen, bevor sie im Dunkeln der Geschichte verschwinden.

Yad Vashem verfügt über das weltweit größte Archiv und eine einzigartige Expertise in der Erforschung des Holocausts – gerade auch in Osteuropa. Wenn diese Institution feste Zentren in Deutschland eröffnet, bringt sie dieses unschätzbare Wissen und den Zugang zu den Archiven direkt zu uns. Es geht dabei nicht um Geopolitik oder Maschteinflüsse. Es geht darum, Historiker und Angehörige dabei zu unterstützen, die Puzzteile der Geschichte zusammenzusetzen. Jedes gefundene Dokument, das ein Massengrab oder einen Erschießungsort konkretisiert, gibt den Opfern ein Stück ihrer geraubten Würde zurück. Die Zentren in München und Leipzig sind bitter nötig. Sie sollen eine Lücke in der deutschen Erinnerungskultur schließen. Ich habe eine Vision: die Bildungszentrums von Yad Vashem in Deutschland, als globales Archiv, Hilfe für Forschung, lebendige Orte des Lernens und ein Schutzwall gegen den spürbar wachsenden Antisemitismus.

Damit ich irgendwann weiß, wo Chaya Silberman mit den Kindern ihre letzte Ruhe fand.
Deshalb sage ich ganz deutlich: Yad Vashem in Deutschland – ja!