Eine neue Studie dokumentiert massive Angriffe auf jüdische und israelische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an deutschen Hochschulen seit dem 7. Oktober
Das Netzwerk Jüdischer Hochschullehrender (NJH) veröffentlicht gemeinsam mit der Autorin Julia Bernstein und dem Autor Marek Sierka die umfassende Analyse „Zwischen Boykott, Bedrohung und Schweigen“. Der Beitrag dokumentiert erstmals systematisch Angriffe, Boykottaufrufe, Einschüchterungen und institutionelles Versagen gegenüber jüdischen und israelischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern im deutschsprachigen Hochschulraum seit dem 7. Oktober 2023.
Die Untersuchung basiert auf der fortlaufenden Dokumentation des NJH, einer Umfrage unter Mitgliedern des Netzwerks sowie Medien- und Institutionsanalysen. Erfasst wurden Vorfälle an mehr als 107 Hochschulstandorten in Deutschland, Österreich und der Schweiz – darunter körperliche Angriffe, Morddrohungen, Boykottkampagnen, Veranstaltungsstörungen, digitale Diffamierungen und Fälle institutioneller Ausgrenzung.
Die Studie beschreibt eine alarmierende Entwicklung: Während Deutschland sich historisch dem Schutz jüdischen Lebens und der Bekämpfung des Antisemitismus verpflichtet hat, erleben zahlreiche jüdische und israelische Hochschulangehörige seit dem 7. Oktober zunehmende Feindseligkeit, Isolation und Angst – häufig begleitet von institutionellem Schweigen oder mangelnder Unterstützung. „Die Grenze zwischen politischem Protest und antisemitischer Diskriminierung wird dort überschritten, wo Menschen aufgrund ihrer jüdischen oder israelischen Identität ausgegrenzt, bedroht oder zum Gegenstand von Boykottaufrufen gemacht werden.“ Der Beitrag zeigt, wie akademische Boykottkampagnen zunehmend nicht nur Institutionen, sondern konkret einzelne Personen treffen – bis hin zu physischen Angriffen und öffentlichen Feindmarkierungen. Besonders kritisch analysiert die Studie die Rolle von Hochschulen und studentischen Gremien. Statt Schutzräume für freie Wissenschaft und offene Debatten zu gewährleisten, hätten zahlreiche Institutionen antisemitische Dynamiken relativiert, verdrängt oder Konflikten ausweichend begegnet. Dadurch seien Räume entstanden, in denen Einschüchterung und Ausgrenzung normalisiert werden konnten.
Die Veröffentlichung versteht sich zugleich als wissenschaftliche Analyse und als Warnsignal: Hochschulen, Politik und Wissenschaftsorganisationen werden dazu aufgefordert, antisemitische Vorfälle klar zu benennen, Betroffene wirksam zu schützen und akademische Freiheit gegen ideologisch motivierte Boykott- und Einschüchterungskampagnen zu verteidigen.
Julia Bernstein / Marek Sierka: Zwischen Boykott, Bedrohung und Schweigen. Angriffe auf jüdische und israelische Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen an deutschen Hochschulen nach dem 7. Oktober 2023. In: Archiv für kritische Gesellschaftstheorie, 2026.
Zum Artikel (PDF): https://kritischebildung.de/afkg/boykott-bedrohung-schweigen



