Belu-Simion Fainaru – Kunst, Herkunft und die Grenze institutioneller Macht

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"Rose of Nothingness", © Belu-Simion Fainaru

Mit seiner Installation Rose of Nothingness vertritt Belu-Simion Fainaru Israel auf der Biennale von Venedig 2026. Während seine Arbeit von Erinnerung, Spiritualität und Dialog handelt, wird die israelische Teilnahme von Boykottaufrufen, Protesten und Auseinandersetzungen um die Rolle nationaler Pavillons begleitet. Fainaru selbst verteidigt die Biennale als Ort des kulturellen Austauschs und warnt davor, Kunst zu einem Instrument politischer Ausgrenzung zu machen.

Von Boaz Kaizman

Ich kenne Belu-Simion Fainaru seit vielen Jahren und habe seinen Weg zu diesem Pavillon von Anfang an begleitet. Ich schreibe deshalb nicht aus Distanz, sondern aus unmittelbarer Erfahrung. Als keine PR-Agentur bereit war, mit ihm zu kooperieren, haben das Creative Coding Collective für „Synagoge Stommeln – Wiederbelebung des jüdischen Erbes“ und ich eine digitale PR-Lösung aufgebaut. Ich bin also nicht nur Beobachter, sondern Teil dieses Prozesses.

Belu-Simion Fainaru ist kein zufälliger Name im internationalen Kunstbetrieb. Der 1959 in Bukarest geborene Künstler, Kurator und Hochschullehrer lebt und arbeitet in Haifa. Er war 1992 auf der Documenta IX in Kassel vertreten, nahm 1993 an der Biennale von Venedig teil, war 2006 auf der Havanna-Biennale vertreten und repräsentierte 2019 Rumänien auf der 58. Biennale von Venedig. Die Universität Haifa führt ihn als Full Professor an der School of Design, Department of Architecture. 2025 teilte sie außerdem mit, dass er den Israel-Preis für Design und interdisziplinäre Kunst erhalten hat.

Für die 61. Internationale Kunstausstellung der Biennale von Venedig 2026 ist Fainaru von La Biennale di Venezia offiziell als Aussteller für Israel gelistet. Der Beitrag trägt den Titel Rose of Nothingness. Michael Gov ist Commissioner, Avital Bar-Shay und Sorin Heller sind die Kuratoren. Der Ausstellungsort ist das Arsenale. Die Biennale beschreibt die Arbeit als von der Dichtung Paul Celans inspiriert, besonders vom Bild der „schwarzen Milch“. Es geht um ein Spannungsfeld zwischen Leben und Tod, Materie und Geist, Präsenz und Abwesenheit.

Wer Belus Werk kennt, erkennt darin eine klare Kontinuität. Seine Kunst kreist seit vielen Jahren um Erinnerung, Identität, Sprache, Spiritualität, jüdische kulturelle Bezüge, Zeichen, Verlust und menschliche Verbundenheit. Gerade diese Verbindung aus philosophischer Verdichtung und menschlicher Erfahrung macht seine Arbeit unverwechselbar. Rose of Nothingness ist deshalb kein Bruch, sondern die konsequente Fortsetzung seiner langjährigen Auseinandersetzung mit Geschichte, innerem Raum, Anwesenheit und Leerstelle.

Belu-Simion Fainaru, Foto: Florin Stefan

Belu ist jedoch nicht nur Künstler. Er ist auch Lehrer, Kurator, Kulturorganisator und Brückenbauer. Über viele Jahre hat er in Haifa gelehrt und zugleich Strukturen geschaffen, die Begegnung und Dialog ermöglichen sollen. Die Mediterranean Biennale nennt ihn ihren Initiator; seit 2010 wird er dort als künstlerischer Leiter und Kurator beschrieben. Auch AMOCA / Sakhnin steht in diesem Zusammenhang: als Umfeld für Zusammenarbeit, Inklusion und kulturelle Begegnung. Wer Belu verstehen will, darf ihn deshalb nicht nur als offiziellen Aussteller wahrnehmen. Man muss auch den Menschen sehen, der Räume für andere geschaffen hat.

Gerade vor diesem Hintergrund gewinnt der Konflikt um die Biennale besonderes Gewicht. Es gab öffentliche Boykottaufrufe gegen den israelischen Beitrag; im März 2026 forderten 182 an der Biennale beteiligte Künstler:innen, Kurator:innen und Kunstarbeiter:innen in einem offenen Brief den Ausschluss Israels, und am 8. Mai 2026 kam es im Umfeld eines von der Art Not Genocide Alliance organisierten Protests zu zeitweisen Schließungen mehrerer Pavillons. Die Jury erklärte am 23. April 2026, Beiträge aus Staaten nicht für Preise zu berücksichtigen, deren politische Führung vom Internationalen Strafgerichtshof wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit beschuldigt bzw. angeklagt wird; gemeint waren nach übereinstimmender Berichterstattung Israel und Russland. Am 30. April 2026 veröffentlichte la Repubblica ein Interview, in dem Belu die damalige Entscheidung der Jury, Israel von der Preisvergabe auszuschließen, als Diskriminierung bezeichnete. Er sagte, dass er rechtliche Schritte prüfe. EL PAÍS berichtete am selben Tag, seine Anwälte hätten die Stiftung formell aufgefordert und einen Rechtsweg in Aussicht gestellt. Noch am 30. April 2026 trat die Jury geschlossen zurück. Wenige Tage später zitierte die Jüdische Allgemeine ihn nach dem Rücktritt der Jury mit der Aussage, die Diskriminierung scheine damit beendet. Die Biennale verschob die Preisvergabe daraufhin auf den 22. November 2026 und ersetzte die regulären Jury-Entscheidungen durch zwei Publikumspreise.

Für mich ist dieser Fall ein Präzedenzfall. Nicht nur wegen des Rücktritts der Jury, sondern weil hier eine Grenze sichtbar wurde. Auch renommierte Kuratorinnen und Kuratoren handeln, wenn sie als Jury auftreten, nicht außerhalb eines rechtlichen und institutionellen Rahmens. Bedeutung ersetzt keine Legitimation. Macht braucht Grenzen. Und das Gesetz ist genau dafür da, den Einzelnen vor Unrecht zu schützen.

Der entscheidende Punkt ist deshalb nicht der Kunstgeschmack. Es geht auch nicht nur um freie Meinungsäußerung im feuilletonistischen Sinn oder um abstrakte Identitätspolitik. Es geht um einen konkreten Menschen: Belu-Simion Fainaru. Und es geht darum, dass er sich in diesem Zusammenhang diskriminiert sah.

Es geht nicht mehr nur um Kunst, sondern auch um den institutionellen Rahmen, in dem über Kunst entschieden wird. Kulturelle Gremien handeln dabei weder neutral noch folgenlos. Deshalb stellt sich in solchen Fällen immer auch die Frage, wie sie ihre institutionelle Macht einsetzen und welche Verantwortung sie für die Folgen ihrer Entscheidungen tragen.

Belu hat über Jahrzehnte an Themen gearbeitet, die mit Erinnerung, Sprache, Spiritualität, Verlust und menschlicher Würde verbunden sind. Er hat gelehrt, organisiert, vermittelt und eine künstlerische Sprache entwickelt, die auf Verdichtung statt auf Parole setzt. Ihn auf eine nationale Zuschreibung zu reduzieren, wird weder seiner Biografie noch seiner Arbeit gerecht.

Wer Rose of Nothingness in Venedig begegnet, sieht deshalb nicht nur einen offiziellen Länderbeitrag, sondern einen Künstler, der seit Jahrzehnten aus Material, Symbol und Leerstelle Räume des Nachdenkens schafft.

Mehr Information:
https://belusimionfainaru.com