Jüdische Bücher für heute – Der Morascha Verlag

0
431
Gabriel Selig, Foto: Morascha

Ein Gespräch mit Gabriel Selig, der den Schweizer Morascha Verlag mit seiner Mutter und seinem Bruder weiterführt.

Es begann Ende der 1970er Jahre mit einer ganz persönlichen Suche. Edouard Selig, Lehrer und Vater aus Basel, suchte nach jüdischen Büchern in deutscher Sprache, sowohl für sich wie auch zum Vorlesen für seine Kinder. Doch in dieser Zeit gab es ganz einfach keine im deutschsprachigen Raum. Die Lücke, die die Schoah gerissen hatte, war noch immer deutlich zu spüren. Edouard Selig beschloss, das zu ändern. Das war der Ausgangspunkt für den Morascha Verlag.

Edouard Selig, Foto: Morascha

Heute, Jahrzehnte später, sitzt sein Sohn Gabriel in Jerusalem und blickt auf ein Lebenswerk zurück, das er gemeinsam mit seiner Mutter Karin und seinem Bruder Raphael in die Zukunft führt. Morascha (hebräisch für „Erbe“) ist längst zu einer festen Institution für jüdische Literatur und Gebetsbücher in Deutschland, Österreich und der Schweiz geworden.

Der Siddur für alle

Der Durchbruch des Verlags ist eng mit der persönlichen Geschichte des Gründers verknüpft. Edouard Selig, in Zürich geboren, zog in jungen Jahren nach Israel, wo er eine Jeschiwa in Jerusalem besuchte. Als Baal Tschuwa (Rückkehrer zum religiösen Judentum) hatte er dort eine tiefe spirituelle Heimat gefunden. Nach seiner Rückkehr in die Schweiz studierte er Jura und begann in der Verlagswelt zu arbeiten. Zu den wichtigsten Projekten des Morascha Verlag gehört ein modernes Gebetsbuch, das aus persönlicher Notwendigkeit geboren wurde. Sein Vater litt unter schlechten Augen, erzählt Gabriel. Der damals gebräuchliche „Rödelheim-Siddur“ war für ihn durch die kleine, eng gesetzte Schrift kaum lesbar. „Mein Vater wollte ein Gebetbuch, das modern und übersichtlich ist“, so Gabriel Selig. Das Ergebnis war das Projekt Schma Kolenu: Ein Siddur mit größerer Schrift, einer neuen deutschen Übersetzung und einem Layout, das den Beter ohne ständiges Blättern durch den Gottesdienst führt. Es wurde zum Markenzeichen von Morascha.

Ein Erbe im Wandel

Nach dem plötzlichen Tod von Edouard Selig im November 2020 stand die Familie vor der Aufgabe, sein Lebenswerk weiterzuführen und den Verlag zu modernisieren. „Wir mussten die gesamte Struktur ändern und unseren Online-Auftritt komplett neu aufbauen“, erklärt Gabriel. Er selbst lebt seit Jahren in Israel und hält aus Jerusalem engen Kontakt zum Team in Basel. Die Arbeit für den Verlag ist für ihn derzeit ein Balanceakt zwischen Studium, Familie und Reservedient in der Armee.

Neue Projekte stehen kurz vor der Veröffentlichung, darunter ein Buch des südafrikanischen Oberrabbiners Warren Goldstein, der das Global Shabbat Project ins Leben gerufen hat. Das Buch dreht sich um die Bedeutung des Schabbats und was er uns zurückgeben kann. In Arbeit ist auch eine Neuausgabe des Schma Kolenu Siddur mit interlinearer Transliteration direkt über dem hebräischen Original, was das Mitlesen vereinfacht. Damit denkt der Verlag das ursprüngliche Konzept des Siddurs weiter und passt ihn den Bedürfnissen an, indem er Menschen mit unterschiedlichsten hebräischen Vorkenntnissen gerecht wird.

Brücken bauen

Morascha soll ein Ort sein, an dem jeder – ob orthodox oder liberal, ob jüdisch oder nicht-jüdisch – fundiertes Wissen findet. Diesen Leitgedanke teilte der Verlagsgründer Edouard Selig mit dem Gründer von haGalil, David Gall. Wir freuen uns sehr, dass die Verbindung weiterlebt und werden in Zukunft wieder vermehrt Bücher von Morascha vorstellen. Neben religiöser Literatur in deutscher Sprache sind darunter alte und neue Literaturperlen für alle, die ein aufrichtiges Interesse am Judentum in all seinen Facetten haben. (al)

–> Zur Webseite des Morascha Verlags