Trump ist nicht wie Königin Ester

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Präsident Trump während seiner Rede beim traditionellen Oster-Lunch im Weißen Haus, Screenshot Youtube

Während eines Osteressens im Weißen Haus setzte der evangelikale Prediger Franklin Graham den US-Präsidenten Donald Trump mit der biblischen Königin Ester gleich, was sich bei Lektüre des Ester-Buches als haltlos erweist.

Von Thomas Tews

Am 1. April 2026 verglich der evangelikale Pastor Franklin Graham, Sohn des einflussreichen Erweckungspredigers Billy Graham (1918–2018) bei einem Osteressen im Weißen Haus den US-Präsidenten Donald Trump mit der biblischen Königin Ester und stellte beide auf eine Stufe:

„Lasst uns beten. Vater, im Buch Ester erzählst du uns, dass die Perser, die Iraner, jeden Juden, jede Frau und jedes Kind töten wollten – und das alles an einem einzigen Tag. Doch du hast Ester erweckt, um das jüdische Volk zu retten. Vater, wir danken dir. Heute wollen die Iraner, das bösartige Regime dieser Regierung, jeden Juden töten und sie mit atomarem Feuer vernichten. Doch du hast Präsident Trump erweckt. Du hast ihn für eine Zeit wie diese erweckt. Und Vater, wir beten, dass du ihm den Sieg schenkst.”[1]

Diese Trump-Ester-Gleichsetzung hatte Graham bereits auf der diesjährigen Conservative Political Action Conference (CPAC) USA am 26. März 2026 verkündigt:

„Als Christ schätze ich es, dass Donald Trump schwierige Themen angeht und dazu Standpunkte vertritt, die unserer Welt und unserer Nation auf lange Sicht zugutekommen werden. Andere Präsidenten in der Vergangenheit haben diese schwierigen Themen einfach auf die lange Bank geschoben, aber Präsident Trump hat den Mut, diese harten Entscheidungen zu treffen, und das weiß ich zu schätzen. Er hat sich dafür eingesetzt, Israel und das jüdische Volk vor dem zu schützen, was meiner Meinung nach die Gefahr einer nuklearen Vernichtung durch dieses radikalislamische Regime war. Und ich denke zurück an das Buch Ester in der Bibel, wo Gott Ester für eine Zeit wie diese erweckt hat, um das jüdische Volk vor der Vernichtung durch die Perser zu retten. Gott sei Dank für Präsident Trump. […] Ich bin 73 Jahre alt. Kein Präsident in meinem Leben hat das getan, was Präsident Trump getan hat. Wir werden nie wieder einen Präsidenten wie ihn haben. Und ich glaube, Gott hat ihn für eine Zeit wie diese erweckt. Wie Königin Ester.“[2]

Um festzustellen, ob diese Gleichsetzung einer kritischen Überprüfung standhält, bedarf es einer Lektüre des Esterbuches im Tanach, der hebräischen Bibel, die von Christ*innen „Altes Testament“ genannt wird. Im Mittelpunkt dieses Textes steht die Jüdin Ester, die als Waisenkind in Susa (in Bubers Bibelübersetzung „Schuschan“), der an der südwestlichen Grenze des heutigen Iran gelegenen Hauptstadt des Perserreiches, lebte. Ihr Vormund Mordechai (in Bubers Bibelübersetzung „Mordchaj“), ein Onkel oder Cousin, war ein höherer Beamter des persischen Großkönigs Ahasveros (in Bubers Bibelübersetzung „Achaschwerosch“), dessen Ehefrau Ester wurde. Als Mordechai dem neuen Staatsminister und Wesir des Königs, Haman, den rituellen Kniefall verweigerte, gerieten nicht nur er, sondern das ganze jüdische Volk in Gefahr:

„Als Haman sah, daß Mordchaj keinmal vor ihm niederkniet und sich hinwirft, wurde Haman Grimms voll. Es erschien aber in seinen Augen zu gering, an Mordchaj allein Hand zu legen, denn sie hatten ihm das Volk Mordchajs vermeldet, so trachtete Haman, alle Juden, die in allem Königsreich des Achaschwerosch waren, mit Mordchaj zu vertilgen.“[3] (Ester 3,5)

Haman erwirkte einen königlichen Erlass, der das jüdische Volk in der persischen Diaspora der Ermordung und Plünderung ausliefern sollte. Um dieses Pogrom zu verhindern, bat Mordechai seine Pflegetochter Ester, „daß sie zum König komme, seine Gunst erflehe und ihn für ihr Volk bitte“[4] (Ester 4,8). Ester ließ ihm folgende Antwort ausrichten:

„Geh, versammle alle Juden, die sich in Schuschan finden, und fastet für mich, eßt nimmer und trinkt nimmer, drei Tage lang, Nacht und Tag!
Auch ich samt meinen Mädchen, ich will so fasten.
Und also will ich zum König gehen, was nicht nach Fug ist, – und ists, daß ich entschwinden muß, werde ich entschwinden.“[5]
(Ester 4,16)

Bedenkt man die totalitäre Macht des persischen Großkönigs, war das Unternehmen sehr gewagt und jede Hilfe vonnöten. Deshalb bereitete sich Ester in Demut auf ihre Mission zur Rettung ihres bedrohten Volkes vor und zog sich in eine dreitägige Klausur zurück, um zu beten und zu fasten. Diese als Meditation erscheinende Klausur diente frühchristlichen Autoren als Vorbild der Askese, einer Übung zur Steigerung der Spiritualität durch Verzicht.[6]

Das sich sowohl im Einzelasketentum als auch in der koinobitischen, gemeinsamen monastischen Lebensform äußernde Ideal asketischer Lebensführung war in der östlichen Kirche des Römischen Reiches am Übergang vom 3. zum 4. Jahrhundert aufgekommen und fand anschließend auch in der westlichen Christenheit Aufnahme. Es wurde geprägt durch die Gestalt des Antonius (ca. 251–356), dem der Kirchenvater Athanasius (ca. 295–373) eine äußerst wirkungsvolle Biographie widmete. In dieser Tradition deutete man Askese als einen permanenten Kampf gegen die Dämonie der Versuchungen, vor allem gegen die eigenen Leidenschaften.[7]

Askese, Demut, Fasten, Meditation, Spiritualität und Verzicht charakterisieren die biblische Königin Ester, aber lassen sich kaum mit dem 45. und 47. Präsidenten der Vereinigten Staaten assoziieren. Letzteren kennzeichnen vielmehr Narzissmus sowie eine Instrumentalisierung der Religion zur Legitimierung seiner autoritären Machtpolitik, etwa, wenn er sich selbst zu Gottes Auserwähltem erklärt, wie er es in seiner Antrittsrede zu seiner zweiten Amtszeit am 20. Januar 2025 tat:

„Vor nur wenigen Monaten durchschlug auf einem wunderschönen Feld in Pennsylvania die Kugel eines Attentäters mein Ohr. Doch schon damals hatte ich das Gefühl – und heute bin ich davon noch fester überzeugt –, dass mein Leben aus einem bestimmten Grund gerettet wurde. Gott hat mich gerettet, damit ich Amerika wieder groß mache.“[8]

Mit dieser an Blasphemie grenzenden Hybris ist Trump das komplette Gegenteil der demütigen jüdischen Königin Ester und ähnelt allenfalls dem persischen Großkönig Ahasveros, dessen Königtums sich die Jüdinnen*Juden laut einer im Targum Scheni, einem frühmittelalterlichen Midrasch, zitierten Anschuldigung Hamans auf die gleiche Art und Weise zu entledigen können glaubten, wie sie zu Pessach das Gesäuerte aus ihren Häusern entfernen, womit der Bogen zum gegenwärtigen Pessachfest geschlagen wäre.

In diesem Sinne: Chag Pessach sameach!

Anmerkungen:

[1] Let us pray. Father, you tell us in the book of Esther that the Persians, the Iranians, were wanting to kill every Jew, woman, child, and do it all in one day. But you raised up Esther to save the Jewish people. Father, we thank you. Today, the Iranians, the wicked regime of this government wants to kill every Jew and destroy them with an atomic fire. But you have raised up President Trump. You’ve raised him up for such a time as this. And Father, we pray that you’ll give him victory. https://www.youtube.com/live/Ds_cXiFVJNs?si=zBvPDWDU88DMZnaK&t=3058 (letzter Zugriff am 05.04.2026).

[2] As a Christian, I appreciate Donald Trump taking tough issues and taking stands on these issues that will benefit our world and our nation for years to come. Other presidents in the past have just kicked the can down the road on these hard issues, but President Trump has the guts to take these tough decisions, and I appreciate that. He stepped up to protect Israel and the Jewish people from what I believe was the possibility of a nuclear annihilation by this radical Islamic regime. And I think back to the book of Esther in the Bible where Esther for such a time as this God raised her up to save the Jewish people from annihilation by the Persians at that time. Thank God for President Trump. […] I’m 73 years old. No president in my lifetime has done what President Trump has done. We will never have another president like him. And I believe God has raised him up for a time such as this. Like Queen Esther. https://www.youtube.com/live/NQ20ver7iG0?si=Zdbhe173sr6URsOk&t=1506 (letzter Zugriff am 05.04.2026).

[3] Das Buch Ester. In: Die Schrift. Verdeutscht von Martin Buber gemeinsam mit Franz Rosenzweig. Band 4: Die Schriftwerke. Verdeutscht von Martin Buber. 6. Auflage der neubearbeiteten Ausgabe von 1962. Verlag Lambert Schneider, Heidelberg 1986, S. 413–431, hier S. 418.

[4] Ebd., S. 420.

[5] Ebd., S. 421.

[6] Chaim Noll, Ester: Eine Frau als Heldenfigur der Diaspora. In: Ders., „Höre auf ihre Stimme“. Die Bibel als Buch der Frauen. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2023, S. 274–281, hier S. 277 f.

[7] Volker Leppin, Die asketische Tradition bis zu Maximus Confessor. In: Ders., Die christliche Mystik. Verlag C.H.Beck, München 2007, S. 40–45, hier S. 40 f.

[8] Just a few months ago, in a beautiful Pennsylvania field, an assassin’s bullet ripped through my ear. But I felt then and believe even more so now that my life was saved for a reason. I was saved by God to make America great again. https://www.whitehouse.gov/remarks/2025/01/the-inaugural-address/ (letzter Zugriff am 05.04.2026).