Am heutigen Abend beginnt in Israel Jom haSikaron laSchoa we-laGwura, der „Tag des Gedenkens an die Schoa und das Heldentum“. Das ganze Land gedenkt den Ermordeten der Schoah und den jüdischen Widerstandskämpfern. Morgen Vormittag um 10 Uhr heulen im ganzen Land für zwei Minuten die Sirenen.
Der diesjährige Jom haSchoa steht unter dem Zeichen „Die jüdische Familie während des Holocausts“. Die Familie war für jüdische Menschen stets der zentrale Ankerpunkt ihrer Identität. Mit dem Aufstieg der Nationalsozialisten wurde dieses traditionelle Gefüge jedoch gewaltsam erschüttert. In vielen Fällen blieben zunächst die Frauen in der Familie zurück und mussten die Familie unter extremsten Bedingungen am Leben erhalten. Auch Kinder wurden zu aktiven Akteuren und trugen beispielsweise im Ghetto als Schmuggler zum Überleben der Angehörigen bei.
Inmitten des Terrors und der Isolation in den Ghettos bildete die Familie einen spirituellen und emotionalen Rückzugsort. Das Festhalten an Traditionen – wie gemeinsame Mahlzeiten oder das Feiern des Pessach-Festes – bot einen Moment der Normalität und des Zusammenhalts in einer chaotischen Welt. Gleichzeitig führten der extreme Hunger und die ständige Angst zu enormen Spannungen, die die familiären Bindungen oft bis zum Zerreißen belasteten. Die Familie war einerseits die größte Kraftquelle, aber durch die Sorge umeinander auch die größte psychische Verwundbarkeit gegenüber den Tätern.
Mit Beginn der Massendeportationen standen Eltern vor der qualvollen Wahl: Die Kinder bei sich zu behalten (was oft den Tod bedeutete) oder sie wegzugeben, um ihr Überleben zu sichern, etwa auf einen Kindertransport oder in ein Versteck. Selbst in Konzentrationslagern suchten Menschen nach Ersatzfamilien und soziale Bindungen wurden zur Überlebensstrategie.
Nach 1945 war die Suche nach überlebenden Verwandten die oberste Priorität. Die Gründung neuer Familien und die Rückführung verwaister Kinder in jüdische Gemeinschaften waren entscheidende Schritte der Rehabilitation. Trotz der massiven Zerstörung und des Verlusts ganzer Generationen wurde die Erneuerung familiärer Bande zum Fundament für den Fortbestand des jüdischen Volkes.
Wie in jedem Jahr werden sechs Überlebende, die sechs Millionen Opfer symbolisierend, während der zentralen Gedenkfeier in Yad Vashem Fackeln entzünden: Saadia Bahat aus Litauen, Miriam Bar Lev aus den Niederlanden, Ilana Fallach aus Libyen, Moshe Harari aus Polen, Avigdor Neumann aus der Tschechoslowakei und Michael Sidko aus der Ukraine. Die Gedenkfeier wird online übertragen. Sie findet auch in diesem Jahr wegen der Sicherheitslage nicht live statt, sondern wurde im Vorfeld bereits aufgezeichnet.
Dieser Tag ist kein Tag, an dem wir Vorwürfe erheben wollen. Es ist nicht unsere Absicht, nichtjüdischen Menschen ein schlechtes Gewissen zu bereiten. Wir trauern, weil uns die Ermordeten fehlen. Es geht uns nicht darum, Gedenktage oder Denkmäler einzuklagen. Wir denken jeden Tag an jene, die uns fehlen und an das was ihnen geschehen ist.
Der Grund für unser Reden ist Hoffnung. Wir hoffen auf Verantwortung und Fürsorgen, auf das Wissen um die Verletzbarkeit des Menschen und auf die Angst vor der Vernichtung der Freiheit und der Welt.
Wir hoffen, daß Sorge und Schmerz die Wiederkehr des Schreckens und des Terrors nicht zulassen werden. Wir glauben, dass es unter Menschen immer mehr Gemeinsames als Trennendes geben wird – und wir glauben, dass G’tt seine Welt nie vergessen hat und sie niemals vergessen wird.
David Gall s“l
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G’tt voller Erbarmen – El malej Rahamim
27.Nisan: Jom haShoah
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