Iran und die Grenzen der Aufklärung

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Am Al-Kuds-Tag in Teheran wird die Zeit bis zur Zerstörung Israels gezählt, Foto: Fars Media Corporation / CC BY 4.0

Die antisemitische Ideologie des iranischen Regimes und Militärschläge als praktizierte Kritik

Von Stephan Grigat

(Zuerst online erschienen bei Philosophie Magazin, 1. April 2026. Eine stark gekürzte Fassung erscheint Ende April im Konkret-Sonderheft „Kriegszustand: Israel und die antisemitische Internationale“.)

Die deutschsprachige Iran-Diskussion der letzten drei Dekaden ist von einer bemerkenswerten Ignoranz gegenüber dem manifest antisemitischen Charakter des Islamisten-Regimes in Teheran geprägt. Wenn man aber verstehen will, warum es zur aktuellen konfrontativen Situation gekommen ist, muss man den antisemitischen Charakter des iranischen Regimes in das Zentrum der Analyse stellen.

Nachdem der mittlerweile getötete oberste geistliche Führer Ali Khamenei im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie in seiner mittlerweile legendären „Jinn-Rede“ zum iranischen Neujahrsfest 2020 verkündet hatte, der Iran habe sowohl „menschliche“ Feinde als auch solche, die „Geister“ oder „Dämonen“ seien, wurde auf der offiziellen Website des obersten geistlichen Führers erläutert, es gäbe „keinen Zweifel“, dass „Juden und insbesondere die Zionisten“ eine lange Geschichte der „Beziehung zum Teufel und zu Geistern“ hätten. Nachdem derartige Äußerungen selbst in iranischen Regimekreisen zu leichten Zweifeln geführt hatten, bot die Armee der Wächter der Islamischen Revolution (Sepāh-e Pāsdārān-e Enqelāb-e Eslāmī, kurz als Revolutionsgarden oder Pasdaran bezeichnet) einen Geistlichen auf, der nochmals bekräftigte, „die Juden“ seien „Experten in Zauberei und der Herstellung einer Verbindung mit Geistern“. Solch antisemitisches Geschwurbel fand auch bei den Stellungnahmen zu Wladimir Putins Angriffskrieg in der Ukraine 2022 ihren Niederschlag: Die eng mit den Revolutionsgarden verbundene Nachrichtenagentur Fars News veröffentlichte 2022 einen wüst antisemitischen Artikel über den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, in dem er als „hedonistischer Jude“ attackiert wurde, der von Macht- und Luststreben gleichermaßen angetrieben werde und enge Verbindungen zu „reichen jüdischen Offiziellen“ wie George Soros unterhalten würde.

Der entscheidende Punkt in der gegenwärtigen Situation ist jedoch: Bei dem Regime im Iran reden wir über bewaffneten Antisemitismus, dessen Protagonisten seit Jahrzehnten versuchen, ihre konventionelle Bewaffnung durch die Technologie der Massenvernichtung zu komplettieren. Anders als in Europa hat man sich in Israel nie Illusionen darüber gemacht, dass durch das iranische Regime eine spezifische Bedrohung existiert, welche die expliziten Vernichtungsdrohungen gegen Israel mit einer islamistischen Märtyrerideologie und dem Streben nach Nuklearwaffen kombiniert. Diese Konstellation gebietet es, das Regime, seine Verbündeten und seine globalen Unterstützer in einer zeitgemäßen Kritik des Antisemitismus in den Fokus zu rücken und zu fragen, wie sich die Forderung aus Theodor W. Adornos Aufsatz „Zur Bekämpfung des Antisemitismus heute“, dass man gegen manifesten Antisemitismus „die zur Verfügung stehenden Machtmittel ohne jede Sentimentalität“ zur Anwendung bringen sollte, angesichts solch einer Bedrohung politisch konkretisieren lässt.

In Deutschland wird derzeit in zahlreichen Kommentaren kolportiert, die Militärschläge gegen das Regime in Teheran resultierten aus einer Iran-Obsession des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu. Doch israelische Regierungen haben nicht erst seit der zweiten Amtszeit von Netanjahu, die 2009 begann, vor dem Atomwaffen- und Raketenprogramm des Ayatollah-Regimes gewarnt. Bereits Anfang der neunziger Jahre wurde der sozialdemokratische Ministerpräsident Yitzhak Rabin von seinen Geheimdiensten darüber informiert, dass die „Islamische Republik“ versucht, in den Besitz der Technologie der Massenvernichtung zu kommen. Seitdem haben sämtliche israelische Regierungen versucht, die europäischen Staaten zu nicht-militärischen Maßnahmen gegen das iranische Atomwaffen- und Raketenprogramm zu drängen, insbesondere zu einer scharfen und konsequenten Isolations- und Sanktionspolitik gegen die Machthaber in Teheran. Damit sind sie weitgehend gescheitert, was maßgeblich zur derzeitigen Situation beigetragen hat, in der sich Israel genötigt sieht, militärisch gegen die Bedrohung aus dem Iran vorzugehen.

Ausprägungen des Antisemitismus

Die wahnhaften Projektionen, wie sie in der „Jinn-Rede“ von Khamenei und ähnlichen Äußerungen zum Ausdruck kommen, müssen vor dem Hintergrund der spezifischen Ausprägung des politischen Islam im Iran, dem institutionellen Aufbau der „Islamischen Republik“ und der eliminatorisch-antizionistischen Ideologie des iranischen Regimes verstanden werden. Beim Regime der Ajatollahs und Revolutionsgarden handelt es sich um eine ebenso antisemitische wie staatsterroristische, sich mit einer spezifischen Islam-Interpretation legitimierende Diktatur. Angesichts der antiwestlichen, antisemitischen, märtyrerzentrierten Ideologie und des Wechselspiels von staatlichen und „revolutionären“ Institutionen kann sie am ehesten mit dem Begriff des „Doppelstaats“ im Sinne Ernst Fraenkels beschrieben werden. Nahezu alle Institutionen existieren in der „Islamischen Republik“ zweifach: Einmal als Struktur des iranischen Nationalstaats und relativ unabhängig davon jene Institutionen, die sich der „Islamischen Revolution“ verpflichtet fühlen. Neben der regulären Armee agieren die Pasdaran, die staatlichen Gerichte werden durch „Revolutionsgerichte“ ergänzt und der institutionelle Aufbau des Regimes kombiniert theokratische Elemente mit pseudo-republikanischen.

Die außerordentliche Brutalität der Gewaltherrscher in Teheran müsste spätestens nach der Niederschlagung der letzten großen Protestwelle im Iran im Januar dieses Jahres – ein Politizid, der zehntausenden Menschen das Leben gekostet hat – jedem klar vor Augen stehen – und doch hat dieser Massenmord bei weitem nicht jene Aufmerksamkeit in westlichen Medien erfahren, die er verdient gehabt hätte. Die systematische Verfolgung von religiösen Minderheiten wie den Baha‘i, die Hinrichtungen von Homosexuellen sowie die allgegenwärtige Repression gegen Frauen, die sich dem islamistischen Sittenkodex nicht unterwerfen wollen, sind ebenso Wesenselemente dieses Regimes wie der Antisemitismus. In der Vernichtungsdrohung gegen Israel kulminiert jene wahnhafte, von einem anti-westlichen und anti-liberalen Furor gekennzeichnete Ideologie, auf deren Grundlage die „Islamische Republik“ unter dem Beifall vieler iranischer Linker 1979 ausgerufen wurde.

Bezüglich des Antisemitismus des iranischen Regimes müssen vier Punkte thematisiert werden: erstens die traditionelle Judenfeindschaft, wie sie sich besonders ausgeprägt, aber keineswegs ausschließlich beim bis heute von den Anhängern des Regimes verehrten Ajatollah Ruholla Khomeini findet; zweitens ein verschwörungsmystischer Antisemitismus, der von den Protokollen der Weisen von Zion und von der nationalsozialistischen Propaganda mit geprägt wurde; drittens die Leugnung und Relativierung des Holocaust; und viertens die offenen Vernichtungsdrohungen gegenüber Israel samt dem daraus resultierenden Agieren in der Region des Nahen Ostens. Keine dieser Komponenten verschwindet zu irgendeiner Zeit in der „Islamischen Republik“, aber in gewissen Phasen der Islamischen Revolution treten einzelne Aspekte stärker in den Vordergrund.

Die offene Judenfeindschaft war vor allem für die vorrevolutionären Schriften Khomeinis charakteristisch, sie bricht aber auch nach 1979 immer wieder durch und ist, neben traditionellen islamischen Regelungen, bestimmend für die diskriminierende Praxis gegenüber der im Iran verbliebenen jüdischen Minderheit. Die verbalen Attacken gegen Israel und die Unterstützung der gegen Israel agierenden Terrororganisationen ist eine Konstante in der Ideologie und Praxis des iranischen Regimes und wird seit 1979 bis zum heutigen Tag von ausnahmslos allen Fraktionen des Regimes formuliert und praktiziert. Der Hass auf den jüdischen Staat gehört zu den Kernelementen der islamistischen Ideologie und kann in seiner Bedeutung nicht erfasst werden, wenn er – wie in den Iran-Debatten in Deutschland in den letzten Jahren regelmäßig geschehen – als „Mittel zum Zweck“ verharmlost wird. Die Holocaustleugnung stand während der Präsidentschaft Mahmoud Ahmadinejads (2005-2013) im Zentrum der iranischen Politik und Agitation, aber auch seine Vorgänger Ali Akbar Hashemi Rafsandjani (1989-1997) und Mohammed Khatami (1997-2005) waren Holocaustleugner, und der bis vor wenigen Wochen amtierende oberste geistliche Führer Khamenei war es genauso wie der anschließend ins Zentrum der Macht gerückte, und nun ebenfalls getötete, Ali Laridschani.

Traditioneller Antisemitismus und Hass auf den jüdischen Staat

Der spätere Revolutionsführer Khomeini war Ende der 1930er Jahre ein regelmäßiger Hörer des nationalsozialistischen Kurzwellensenders Radio Berlin im brandenburgischen Zeesen, mit dem die antisemitische NS-Propaganda im Nahen und Mittleren Osten Verbreitung fand. Die Ideologie Khomeinis richtet sich keineswegs nur gegen den israelischen Staat, sondern proklamierte insbesondere vor 1979 offen die Feindschaft zum Judentum. Der spätere Revolutionsführer konnte dabei auf die Tradition des persisch-islamischen Antisemitismus des 19. Jahrhunderts zurückgreifen. Der Revolutionsführer sah den Islam seit seiner Gründung in einer Konfrontation mit den Juden. Khomeini war in einer klassischen Projektion seiner eigenen globalen Herrschaftsgelüste davon überzeugt, er müsse gegen die Errichtung einer jüdischen Weltherrschaft kämpfen, von der er bereits in seiner zentralen Schrift Der islamische Staat fantasierte, einer Sammlung von Vorlesungen, die auch auf Deutsch vorliegt.

Der antisemitische Charakter des iranischen Regimes wird häufig mit Hinweis auf die verbliebene jüdische Gemeinde im Iran bestritten. Tatsächlich werden Juden im Iran derzeit nicht in dem Maße verfolgt wie andere religiöse Minderheiten wie beispielsweise die Baha’i, deren Religion nicht als Buchreligion anerkannt wird und die in der Revolutionszeit in den wahnhaften Projektionen der Anhänger Khomeinis eine zentrale Rolle bei der Herausbildung eines „nationalistischen Islam“ gespielt haben. Doch der Verweis auf die verbliebene jüdische Gemeinde blendet aus, dass Juden im Iran keine gleichberechtigten Staatsbürger sind. Die jüdische Minderheit wird gezwungen, sich mit der Existenz als systematisch diskriminierte Minderheit abzufinden. Juden gelten als dhimmis, die zahlreichen Sonderregelungen und Diskriminierungen unterliegen, sich dem Herrschaftsanspruch des Islam unterzuordnen haben und gezwungen sind, sich permanent und lautstark von Israel zu distanzieren, um nicht als „Agenten des Zionismus“ ins Visier zu geraten. Juden dürfen – so wie Angehörige der meisten anderen „anerkannten“ Minderheiten – nicht Minister, Staatssekretäre, Generaldirektoren, Richter oder Lehrer an regulären Schulen werden. Für Juden, wie auch für die anderen „anerkannten“ Minderheiten, gelten diskriminierende Sonderregelungen beispielsweise im Erbrecht, bei Zeugenaussagen vor Gericht und beim „Blutgeld“, mit dem unterschiedliche Schadenshaftungszahlungen an Muslime und Nichtmuslime, an Männer und Frauen geregelt sind. Allein schon vor diesem Hintergrund ist es alles andere als überraschend, dass rund 90 Prozent der vor 1979 im Iran lebenden geschätzten 80.000 bis 150.000 Juden seit der Islamischen Revolution das Land verlassen haben.

Große Bedeutung für die Verbreitung des Antisemitismus im Iran hatte die 1978 ins Persische übersetzte antisemitische Hetzschrift Die Protokolle der Weisen von Zion, die in den folgenden Jahrzehnten von staatlichen Stellen im Iran in großen Auflagen immer wieder neu herausgegeben wurde – mitunter mit geänderten Titeln wie Protokolle der jüdischen Führer zur Eroberung der Welt. Hier wird bereits deutlich, dass die zeitweiligen Bemühungen seitens der iranischen Führung, teilweise zwischen Juden und Zionisten deutlicher zu unterscheiden, immer wieder konterkariert werden. Zudem wird in der iranischen Propaganda über „die Zionisten“ stets in eben jenem verschwörungstheoretischen Geraune geredet, das aus dem klassischen Antisemitismus gegenüber Juden bekannt ist. Der Zionismus wird in der Ideologie und Propaganda des iranischen Regimes nicht als ein gewöhnlicher politischer Gegner attackiert, sondern als Grundübel, das für nahezu alle Probleme in der Welt verantwortlich gemacht wird, und dessen Auslöschung daher den Weg zur Erlösung bereite. In Anknüpfung an Saul Friedländer lässt sich beim iranischen Regime von einem Erlösungsantizionismus sprechen.

Auch wenn Khomeini, Khamenei und andere Vertreter des Regimes nach 1979 in öffentlichen Verlautbarungen mehrfach betont haben, dass sich ihre Politik und Ideologie nicht gegen Juden richte, solange sich diese vom Zionismus distanzieren und dem Herrschaftsanspruch des Islam unterordnen, gibt es offen judenfeindliche Proklamationen, die sich nicht an diese rhetorische Unterscheidung halten, keineswegs nur von randständigen Vertretern der Islamischen Republik, sondern auch von wichtigen Freitagspredigern, die von Khamenei ernannt wurden. Regelmäßig werden in der iranischen Staatspropaganda Begriffe wie Juden und Zionisten oder auch Judentum und Zionismus in austauschbarer Art und Weise verwendet. Motive des klassischen islamischen Antisemitismus sowohl schiitischer als auch sunnitischer Ausprägung finden nicht nur zu Zeiten Khomeinis, sondern auch im 21. Jahrhundert Eingang in die Propaganda des iranischen Regimes.

Holocaustleugnung und -relativierung

Der erste internationale Wettbewerb für „Holocaust-Karikaturen“ fand 2005 unmittelbar nach dem Amtsantritt von Ahmadinejad statt. 2006 fand die bisher am stärksten rezipierte Holocaustleugner-Konferenz im Iran statt, organisiert vom iranischen Außenministerium. Bei der Veranstaltung in Teheran traf sich das Who is who der internationalen Holocaustleugner-Szene. Mit dabei waren der ehemalige Ku-Klux-Klan-Chef David Duke und Bradley Smith vom „Committee for Open Debate on the Holocaust“, der deutsch-australische Rechtsextremist Frederick Toeben, Georges Theil vom Front National und Robert Faurisson, Herbert Schaller und Wolfgang Fröhlich aus Österreich. In Folge dieser Konferenz spielten iranische Regimemedien jahrelang eine entscheidende Rolle für die Vernetzung der internationalen Holocaustleugner-Szene. 2014 verschaffte das iranische Regime während der Amtzeit Hassan Rohanis der Internationale aus Verschwörungstheoretikern und Antisemiten mit der „2nd New Horizon Conference of Independent Thinkers“ abermals eine Bühne in Teheran. Neben klassischen Holocaustleugnern stellten „9/11-Truther“ einen Großteil der Vortragenden. Der zweite internationale Wettbewerb für „Holocaust-Karikaturen“ wurde 2015 vom Iran House of Cartoon und dem Sarcheshmeh Cultural Complex mit Teilnehmern aus über 50 Ländern abgehalten.

Auf leader.ir, eine der offiziellen, auch auf Englisch verfügbaren Websites von Khamenei, die aktuell nicht mehr erreichbar ist, war stets vom „Mythos“ des Holocaust zu lesen. Auch andere prominente Vertreter des Regimes haben sich wiederholt in diese Richtung geäußert. Rafsanjani, der sich bereits vor der Islamischen Revolution von 1979 durch die Leugnung des Holocaust hervorgetan hatte, erklärte im iranischen Radio, seine persönlichen Forschungen hätten ihn zu der Überzeugung gebracht, Hitler habe nur 20.000 Juden ermordet. Sein Nachfolger, der bis heute immer wieder als Beispiel für einen „Reformislamisten“ präsentierte Khatami, setzte das insofern fort, als er sich als einer der leidenschaftlichsten Verteidiger des französischen Holocaustleugners Roger Garaudy positionierte und ihm eine Audienz bei Khamenei verschaffte. 2019 nutzte der oberste geistliche Führer den Jahrestag der Verurteilung von Garaudy, um sich erneut mit dem französischen Holocaustleugner zu solidarisieren und seinen „Mut“ zu preisen. 2020 fragte Khamenei auf seinem offiziellen Twitter-Account: „Why is it a crime to raise doubts about the Holocaust?“, was vom Kulturrat der iranischen Botschaft in Berlin, Hamid Mohammadi, auch in Deutschland verbreitet wurde.

Zuletzt knüpfte das iranische Regime unter Präsident Ebrahim Raisi (2021-2024) wieder nahtlos an die Tradition der Holocaustleugnung und -verharmlosung an: Anfang 2022 verabschiedete die UN-Generalversammlung eine Resolution gegen Holocaustleugnung, und der Iran war das einzige Land, das seine Zustimmung verweigerte. Der iranische UN-Botschafter forderte (erfolglos) alle anderen Staaten auf, es ihm gleichzutun.

Eliminatorischer Antizionismus und die Wiederkunft des Mahdi

Das zentrale Motiv deutscher und österreichischer Holocaustleugner, die unumwundene Schuldabwehr, entfällt bei der iranischen Leugnung und Relativierung nationalsozialistischer Verbrechen weitestgehend. Das entscheidende Motiv für die Holocaustleugnung und -relativierung des iranischen Regimes ist zum einen die nachträgliche Delegitimierung der Gründung Israels und zum anderen die auf die Zukunft gerichtete Legitimierung der Vernichtung des jüdischen Staates: Im Iran dient die Relativierung und Leugnung von NS-Verbrechen dem eliminatorischen Antizionismus des Regimes.

Khamenei hat Israel regelmäßig als „Krebsgeschwür“ ins Visier genommen, „das herausgeschnitten werden muss und herausgeschnitten werden wird“. Er griff damit Formulierungen auf, die bei Khomeini schon in den 1970er Jahren Verwendung gefunden hatten. Zum 9. November 2014, dem Jahrestag der Reichspogromnacht, ließ Khamenei einen Neun-Punkte-Plan zur Zerstörung des jüdischen Staates auf Twitter verbreiten. Zur Zeit der Finalisierung des Atomabkommens 2015 ließ er sein 400-Seiten-Buch Palestine in einer Neuauflage veröffentlichen, in der er Israel abermals als „Krebsgeschwulst“ bezeichnete, das vernichtet werden müsse.

2017 erklärte Khamenei die westlich-liberalen Vorstellungen von Geschlechtergleichheit zu einer „zionistischen Verschwörung“. Auch diese Äußerung, die den Zusammenhang von Antisemitismus und Sexismus in Erinnerung ruft, steht ganz in der Tradition von Revolutionsführer Khomeini, der bereits Anfang der 1960er Jahre gegen die Einführung des Frauenwahlrechts polemisierte, dem ein zionistisches Komplott zugrunde liege, als dessen Avantgarde sich die Baha‘i betätigen würden.

Regelmäßig attackieren Vertreter des iranischen Regimes den jüdischen Staat als „fake regime“. Sie rekurrieren damit auf einen Klassiker des antisemitischen Antizionismus, bei dem zunächst in der nationalsozialistischen Ideologie der 1920er und 1930er Jahre und in den 1960er und 1970er Jahren dann auch in der arabisch-nationalistischen und links-antizionistischen Propaganda die antisemitische Gegenüberstellung von „raffend“ und „schaffend“ bezüglich des Kapitals durch das Gegensatzpaar von organischen, echten Staaten und „künstlichen Gebilden“ ergänzt wurde.

In programmatischen Reden hat Khamenei 2015 und 2016 angekündigt, das „zionistische Regime“ werde bis zum Jahr 2040 endgültig ausgelöscht sein. 2017 ließen die herrschenden Ayatollahs daraufhin in Teheran eine Installation aufstellen, welche die Tage bis zum Endsieg über den jüdischen Staat zählt – sie wurde im 12-Tage-Krieg 2025 ein Ziel israelischer Luftangriffe.

Um die Ausrichtung des iranischen Atom- und Raketenprogramms vor der Weltöffentlichkeit zu demonstrieren, testete das Regime 2016 ballistische Raketen, auf denen, wie schon öfters, die Forderung nach der Vernichtung Israels prangte, diesmal allerdings nicht nur in Farsi oder Englisch, sondern auch in Hebräisch. Die Zielrichtung seiner unverminderten militärischen Aufrüstung demonstrierte das Regime 2022 nochmals, indem es seine neuen Präzisionsraketen mit einer Reichweite von über 1400 Kilometern den Namen Khaybar-Shekan (Khaybar-Buster) gab – eine unmissverständliche Bezugnahme auf die Schlacht Mohammeds gegen die Juden in Khaybar 628 und auf die sowohl im Nahen und Mittleren Osten als auch in europäischen Großstädten regelmäßig bei antiisraelischen Aufmärschen skandierte Drohung „Khaybar khaybar, ya yahud! Jaysh Muhammad sa-ya’du“ („Kaybar, Khaybar, oh ihr Juden! Mohammeds Herr kommt bald wieder“).

Auch an seinen globalen Herrschaftsambitionen, die sowohl von Khomeini als auch von Khamenei immer wieder betont wurden, hält das iranische Regime fest. Esmail Qaani, Kommandant der Quds-Einheiten der Revolutionsgarden, verkündete 2021, das „Endziel“ bleibe die „Errichtung der globalen Herrschaft des verborgenen Imams“. Qaani war der Nachfolger von Qassem Soleimani, von dem die Strategie stammte, Israel mit einem „Ring of Fire“ zu umschließen. Mit dem verborgenen Imam ist der Mahdi gemeint, der zwölfte schiitische Imam, der einst zurückkehren soll. Laut Verfassung der Islamischen Republik ist er, nicht der oberste geistliche Führer, das Staatsoberhaupt im Iran.

Khomeini hat mit seinem aktivistischen Zugang mit dem traditionellen schiitischen Quietismus gebrochen, was von anderen hohen Geistlichen des schiitischen Islam wie dem irakischen Großayatollah Ali al-Sistani abgelehnt wird. Das von Khomeini entwickelte Welāyat-e Faghīh, die „Herrschaft“ oder „Statthalterschaft des Rechtsgelehrten“, soll durch islamischen Tugendterror nach innen und Export der Islamischen Revolution die Rückkehr des Mahdi aktiv vorbereiten. Ideologisch untermauert werden die Exportversuche unter anderem durch Attacken auf das saudische Königshaus, deren Mitglieder in Äußerungen iranischer Revolutionsgardisten in den letzten Jahren als Nachfahren jener Juden attackiert werden, die sich schon zu Zeiten Mohammeds gegen die Herrschaft des Propheten auf der saudischen Halbinsel gestellt hätten. Anfang 2022 war es der Parlamentsabgeordnete Ahmad Hossein Falahi, der nochmals in aller Deutlichkeit den Zusammenhang von eliminatorischem Antizionismus und Heilserwartung aussprach: „Die Vernichtung des zionistischen Regimes ist eine der Voraussetzungen für die Ankunft des Mahdi.“ Ob der Nationalstaat Iran die Umsetzung derartiger Vernichtungsfantasien überstehen würde, ist für Anhänger der Regimes zweitrangig. Khomeini verkündete schon ein Jahr nach der „Islamischen Revolution“ von 1979 bei einer programmatischen Rede im geistlichen Zentrum Qom: „Wir beten nicht den Iran an, wir beten Allah an […] Ich sage: Soll der Iran brennen. Ich sage, soll dieses Land im Rauch aufgehen, vorausgesetzt, der Islam erweist sich als siegreich.“

Pragmatismus und Vernichtungswahn – Maslahat und Fraktionskämpfe

Immer wieder wird die Frage aufgeworfen, welche Rolle die antisemitische Ideologie bei politischen Entscheidungen des iranischen Regimes spielt. Als Khomeini im Iran die Macht übernahm, hatte er eine sehr puristische Vorstellung von Außenpolitik, deren Ausrichtung allein schon durch einen der ersten prominenten Besucher des neuen Regimes dokumentiert wurde: Jassir Arafat, der in einer feierlichen Zeremonie die Schlüssel der ehemaligen israelischen Botschaft in Teheran überreicht bekam, nachdem viele spätere Führungsoffiziere der Pasdaran ihre erste militärische Ausbildung in PLO-Camps im Südlibanon erhalten hatten.

Die Außenpolitik des iranischen Regimes war von Beginn an durch eine Gleichzeitigkeit von Pragmatismus und Vernichtungswahn gekennzeichnet, die es Kommentatoren im Westen bis heute ermöglicht, die Vernichtungsfantasien gegenüber Israel regelmäßig durch den Hinweis auf Ersteren zu verharmlosen. Der Pragmatismus macht sich in zahlreichen, auch außenpolitischen, Entscheidungen bemerkbar, konnte sich aber im Verhältnis zu Israel nie durchsetzen.

Unabhängig vom Antisemitismus wird häufig gemutmaßt, inwiefern der politische Pragmatismus die revolutionären Ziele der „Islamischen Republik“ tangiert, ob also das in der Ideologie der iranischen Islamisten stets als Prinzip anerkannte maslahat (eine Zweckdienlichkeit jenseits aller ideologischen Bedenken und Zielsetzungen) jemals eine Absage an den inhaltlichen Kern der Ideologie bedeuten kann. Selbst jene Iran-Experten, die wie der österreichische Iranist Walter Posch trotz einer vergleichsweise realistischen Sicht auf das Regime gegen ein konsequentes Vorgehen gegen die Teheraner Machthaber sind und sich für Gespräche mit den Ajatollahs einsetzen, räumen ein, dass davon keine Rede sein kann: Maslahat bedeute „nicht die Überwindung der Ideologie, sondern allenfalls ihre Einhegung“.

Dabei gilt es, sich immer wieder zu vergegenwärtigen, dass das iranische Regime zwar aus unterschiedlichen, mitunter stark verfeindeten Fraktionen besteht, diese sich aber über die grundlegenden Ziele einig sind. Das gilt insbesondere für die radikale Feindschaft gegen Israel und die Unterstützung der antisemitischen Terrorarmeen und -gruppen an den Grenzen des jüdischen Staates, ohne welche die Angriffe und Massaker vom 7. Oktober 2023 in Südisrael, die von Khamenei als vorbildlich gepriesen wurden, nicht möglich gewesen wären.

Jenseits dieses grundlegenden Ziels ist das iranische Regime indes seit Anbeginn von einem permanenten Konkurrenzkampf verfeindeter Gangs charakterisiert, die ihren Dauerstreit im komplexen Institutionengeflecht austragen. Dieses Institutionengeflecht gehört zur Grundkonstitution der „Islamischen Republik“, verleiht ihr eine gewisse Dynamik und unterscheidet sie von monolithischen Diktaturen wie beispielsweise dem Irak unter Saddam Hussein. Die verfeindeten Fraktionen, die in Anlehnung an Max Horkheimer als Rackets charakterisiert werden können, konkurrieren aber nicht einfach wie Verbrechersyndikate um das größere Stück vom Kuchen, sondern stets auch darum, wer das Programm des eliminatorischen Antizionismus am effektivsten voranbringen kann. In der ursprünglichen und viele Jahre gültigen Konzeption der „Islamischen Republik“ thront über ihnen allen der oberste geistliche Führer, der als vermittelnde und integrierende Instanz agiert. Der „Fürst der Gläubigen“, wie einer der zahlreichen Titel des Führers lautet, verkörpert das Bewusstsein, dass das Regime zwei Flügel benötigt, um seine Ziele zu erreichen, und abzustürzen droht, wenn es einen von ihnen einfach abhackt.

Diese Konzeption war bereits seit der allzu offensichtlichen Wahlfälschung 2009 sowie durch die eindeutige und frühzeitige Parteinahme von Khamenei für den damaligen Präsidenten Ahmadinejad und gegen seine Konkurrenten Mehdi Karubi und Mir Hossein Mussawi in Frage gestellt. Seit der Wahl von Rohani 2013 wurde sie partiell restauriert, wodurch das Regime wieder etwas von jener Stabilität zurückzugewinnen hoffte, die es durch die überraschend starken Proteste 2009 und durch die Aufkündigung des Herrschaftskompromisses verloren hatte. Ein Ausdruck dieser Restaurierungsbemühungen war die Zusammensetzung der Regierungskabinette von Rohani, der bei seiner Ministerauswahl mit Ausnahme der Gruppe um Ahmadinejad und jener „Reformislamisten“, die ihm überhaupt erst zum Sieg verholfen hatten, die Bedürfnisse fast aller Fraktionen berücksichtigte und eine Art großer Koalition zustande brachte, um das Fundament des Regimes – und damit auch für die prospektive Vernichtungsanstrengung – wieder zu verbreitern.

In diesem Sinne bedeutete die Zusammensetzung des Kabinetts von Raisi nach der Wahl 2021 eine erneute Aufkündigung des breit angelegten Herrschaftskompromisses, einen weiteren Machtzuwachs für die Revolutionsgarden und das Signal an die Bevölkerung, dass jeglichem Dissens mit noch brutalerer Gewalt begegnet würde, als das ohnehin schon der Fall war. Daran hat sich auch unter Präsident Massud Peseschkian nichts geändert – wie man beim Massenmord an Oppositionellen im Januar 2026 eindrücklich sehen konnte, der maßgeblich von Ali Laridschani koordiniert wurde, der 2021 noch vom Wächterrat von der Präsidentenwahl ausgeschlossen worden war.

Praktizierte Antisemitismuskritik

Antisemiten bekämpfen in einer wahnhaften Projektion im „jüdischen Prinzip“ und seinen vermeintlichen Verkörperungen gesellschaftliche, individuelle, religiöse und politische Ambivalenzen, Widersprüche und Krisenerscheinungen. Hinsichtlich der antisemitischen Ideologie der iranischen Islamisten kann zusammenfassend von einer Verherrlichung einer konkretistisch verklärten, als organisch, authentisch, schicksalhaft und harmonisch gezeichneten Gemeinschaft der Muslime gesprochen werden, die als permanent von zersetzenden Feinden bedroht halluziniert wird. Diese idealisierte Gemeinschaft wird von den islamistischen Ideologen in Teheran und ihren Anhängern weltweit gegen eine als chaotisch-abstrakt, entfremdet, künstlich, unmoralisch, materialistisch und widersprüchlich portraitierte und letztlich mit Juden oder dem jüdischen Staat und dem liberalistischen Westen assoziierte Gesellschaftlichkeit in Anschlag gebracht. Diese projektiven Sichtweisen der „Islamischen Republik“ kulminieren in einem von allen Protagonisten und Anhängern der Ajatollah-Herrschaft geteilten eliminatorischen Antizionismus, der explizit die Vernichtung Israels nicht nur fordert, sondern seit mittlerweile Jahrzehnten eine Politik betreibt, welche diese Vernichtung Wirklichkeit werden lassen soll.

Ein Mittel zur Bekämpfung der antisemitischen Reaktionsweise im globalen Maßstab wäre die massenhafte Herausbildung selbstreflexiver Individuen, die lernen, sich in einer mündigen Art und Weise mit den individuellen, gesellschaftlichen, politischen und religiösen Ambivalenzen, Widersprüchen und Krisenerscheinungen auseinanderzusetzen. Doch in der Kritik des Antisemitismus muss man sich stets der „Grenzen der Aufklärung“ bewusst bleiben – eine Formulierung, die nicht zufällig als Untertitel für Adornos und Horkheimers Elemente des Antisemitismus in der Dialektik der Aufklärung gewählt wurde.

Wo immer es verwirklichbar ist, gilt es, gesellschaftliche Verhältnisse herbeizuführen, die ein Mindestmaß an Selbstreflexion und zu Erfahrung fähiger Mündigkeit aufrechterhalten und eine zur Differenzierung fähige Religionskritik befördern. Es ginge darum, zumindest die Möglichkeit zu bewahren, den antisemitischen Wahn aufzubrechen, die Antisemiten vor sich selbst erschrecken zu lassen, zur Selbstbesinnung anzuhalten und bestenfalls zur Selbstkritik anzustiften. Das Problem ist jedoch, dass die modernen Formen der Vergesellschaftung die Möglichkeiten der Herausbildung einer selbstreflexiven, mündigen Individualität einerseits schaffen und andererseits sabotieren. Sich der „Grenzen der Aufklärung“ bewusst zu sein bedeutet daher: Wo das nicht geht, gilt es, die Antisemiten mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln an der Umsetzung ihrer in letzter Konsequenz massenmörderischen Ziele zu hindern. Genau das meint Adornos einleitend zitierte Forderung, „die zur Verfügung stehenden Machtmittel ohne Sentimentalität“ anzuwenden. Adorno hat dies in Bezug auf die deutsche Nachkriegsgesellschaft formuliert – diese Einsicht in die Grenzen der Aufklärung sollte aber ebenso bei der Auseinandersetzung mit antisemitischen Akteuren in der internationalen Politik bedacht werden.

Gegen die antisemitische Agitation, die notwendig ist, um das verfolgende Bewusstsein hervorzubringen oder am Leben zu erhalten, ist man keineswegs machtlos. Der Antisemitismus könnte nur durch die Aufhebung seiner gesellschaftlichen Gründe zum Verschwinden gebracht werden. Ein Ende des Antisemitismus würde letztlich bedeuten, eine befreite Gesellschaft zu konstituieren, in der jeder ohne Angst und Zwang verschieden sein könnte: „die Verwirklichung des Allgemeinen in der Versöhnung der Differenzen“, wie Adorno das nannte. Gegen die antisemitische Agitation und Praxis existieren aber auch heute gewisse Instrumente. Jede Aktion, sei sie politisch, polizeilich, juristisch oder auch militärisch, die unmittelbar auf die Verhinderung antisemitischer Praxis und Propaganda gerichtet ist, zeigt, dass es durchaus effektive Mittel gibt, um sich gegen Antisemitismus zur Wehr zu setzen. Aus der Welt schaffen kann diese dringend notwendige Gegenwehr den Antisemitismus allerdings nicht.

In dieser Gleichzeitigkeit der Notwendigkeit einer allgemeinen Kritik an gesellschaftlichen Verhältnissen, die Antisemitismus immer wieder hervorbringen, und der Notwehr gegen unmittelbare Bedrohungen drückt sich das Spannungsverhältnis zwischen universalistischen und zwangsweise partikularen Formen der Emanzipation aus: Ein universalistischer Ansatz erinnert uns an die Notwendigkeit allgemeiner Emanzipation, allein schon, um zumindest die Denkmöglichkeit festzuhalten, dem Antisemitismus perspektivisch tatsächlich ein „Ende“ zu setzen. Gleichzeitig gilt es aber, sich der Notwendigkeit bewusst zu bleiben, im Hier und Jetzt Antisemitismus konkret entgegenzutreten.

Darauf zielt Adorno in seiner Negativen Dialektik, wenn er fordert, „im Stande der Unfreiheit“ alles „Denken und Handeln so einzurichten, dass Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts Ähnliches geschehe“. Bei diesem neuen kategorischen Imperativ nach dem Nationalsozialismus wäre allerdings stets zu konkretisieren, was das in der jeweils aktuellen politischen und gesellschaftlichen Konstellation bedeutet. Ansonsten droht selbst noch dieser Imperativ zur rhetorischen Spielmarke eines in Deutschland mittlerweile weit verbreiteten folgenlosen Gedenkens an die NS-Vergangenheit zu verkommen. Ins Politische übersetzt, muss dieser Imperativ heute bedeuten, Israel in seinem Abwehrkampf gegen antisemitische Akteure in jeglicher Hinsicht zu unterstützen, insbesondere gegen jenes Regime, das seit der Islamischen Revolution von 1979 den Iran beherrscht und große Teile der iranischen Bevölkerung terrorisiert, die in ihrer überwiegenden Mehrheit die „Islamische Republik“ verabscheut und sich von ihr befreien möchte.

Vor diesem Hintergrund wären die gegenwärtigen Schläge gegen die Machthaber in Teheran und gegen die Hizbollah im Libanon ebenso wie das Vorgehen im Zwölftagekrieg im Juni 2025 als praktizierte Antisemitismuskritik zu verstehen. Statt einem Völkerrechtsfetischismus zu huldigen wäre in den europäischen Hauptstädten Selbstkritik angebracht: Es bräuchte ein Eingeständnis der bisherigen Komplizenschaft mit dem Terrorregime in Teheran (insbesondere durch den jahrzehntelangen europäischen Iran-Handel in Milliardenhöhe) und des Scheiterns der eigenen Politik. Die derzeit vorherrschende ideologische und unhistorische Sicht auf das Völkerrecht schützt ein ebenso eliminatorisch-antizionistisches und misogynes wie massenmörderisches System und lässt seine Opfer im Stich.

Dagegen sollte man sich an einen Satz von Max Horkheimer aus dem Jahr 1960 erinnern: „Die Souveränität eines Landes ist etwas anderes als die Freiheit derer, die in ihm leben.“ Dieses Diktum muss heute gegen die vorherrschende Mystifizierung des Völkerrechts gewendet werden, mit der dem bedrohten jüdischen Staat ebenso die Solidarität verweigert wird wie jenen Menschen im Iran, die unter grauenerregenden Bedingungen um ihre politische und persönliche Freiheit kämpfen.

Stephan Grigat ist Professor für Theorien und Kritik des Antisemitismus an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen (katho) und Leiter des Centrum für Antisemitismus- und Rassismusstudien [CARS] in Aachen und Köln. Er ist Autor von „Vom Antijudaismus zum Hass auf Israel: Interventionen zur Kritik des Antisemitismus“ (Barbara Budrich 2025) und gemeinsam mit Karin Stögner Herausgeber von „Projektiver Antizionismus: Antisemitismus gegen Israel vor und nach dem 7. Oktober“ (Nomos 2025).