Wie sieht das Judentum im Zeichen des Bundismus aus?

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Kundgebung des Jüdischen Arbeiterbunds, 1917. Auf dem russischsprachigen Plakat steht: „Es lebe die Russische Sozialdemokratische Arbeiterpartei! Es lebe der Allgemeine Jüdische Arbeiterbund! Es lebe das Internationale Proletariat!“

Die Geschichte des Allgemeinen Jüdischen Arbeiterbunds zeigt, dass das Vertrauen in die europäische Gesellschaft und die internationalistische Linke jüdisches Leben aufzunehmen und zu schützen, nicht nur enttäuscht, sondern auf katastrophale Weise verraten wurde.

Von Samuel J. Hyde

Zuerst veröffentlicht auf dem Substack des Autors, 12. April 2026.
Übersetzt aus dem Englischen mit freundlicher Genehmigung des Autors von Florian Hessel.

Die Frage „Wie sieht das Judentum ohne Zionismus aus?“, die in einem Artikel der New York Times gestellt wurde,[1] ist keine neutrale Untersuchung religiöser oder kultureller Möglichkeiten. Es geht um einen Eingriff in die Geschichte, der unverkennbar von der politischen Gegenwart geprägt ist. Mit Molly Crabapples Untersuchung Here Where We Live Is Our Country über den Allgemeinen Jüdischen Arbeiterbund in Litauen, Polen und Russland,[2] greift der Beitrag auf ein Werk zurück, das untrennbar mit dem Zeitpunkt seiner Entstehung verbunden ist: der Zeit nach dem 7. Oktober 2023 und der darauf folgenden Kriege, als weite Teile der globalen Linken – fast reflexartig – dazu übergingen, ein Massaker an Jüdinnen und Juden in eine Anklage gegen den Judenstaat umzuwandeln.

In dieser Atmosphäre ist der Bundismus – oder das, was heute als Neo-Bundismus bezeichnet wird – in Teilen der amerikanisch-jüdischen Linken wieder aufgetaucht, und zwar nicht nur als Thema von historischem Interesse, sondern als moralische und politische Ressource zur Unterstützung des Antizionismus. Er bietet etwas zutiefst Anziehendes: ein jüdisches Projekt, durch das man sich jüdischer Souveränität im Land Israel entgegenstellen kann, und das gleichzeitig, anstelle eines Bruchs, mit einem Gefühl der Kontinuität mit einer ehrwürdigen jüdischen politischen Tradition verbunden ist.

Es gibt zweifellos eine vertraute und fast schon tröstliche Art, die Geschichte des Bunds zu erzählen. 1897 im Russischen Reich gegründet, war er eine der am weitesten entwickelten politischen Bewegungen in der jüdischen Geschichte. Er verband marxistische Analyse mit einem ausgeprägt jüdischen Kulturprogramm, dessen Mittelpunkt die „Doikejt“ (דאָיִקייט), das „Hiersein“ bildete [3] – die Überzeugung, dass Jüdinnen und Juden, wo immer sie lebten, für ihre Rechte kämpfen müssten, anstatt Zuflucht in einer fernen Heimstatt zu suchen. Gegenüber dem Zionismus bot der Bund nicht Gleichgültigkeit an, sondern eine konkurrierende Vision: eine Identität der Diaspora, die in der jiddischen Kultur, der Arbeiterbewegung und dem sozialistischen Internationalismus verwurzelt war. Der Zionismus war aus Sicht der Bundisten ein Rückzug aus dem wirklichen Kampf, eine Preisgabe der jüdischen Massen zugunsten eines nationalistischen Projekts, das die tieferen Strukturen von Ungleichheit und Ausgrenzung nicht beseitigen konnte.

Jahrzehntelang hatte diese Vision wirkliche Macht. Der Bund gründete Gewerkschaften, Schulen, Zeitungen und Selbstverteidigungseinheiten. Er genoss die Loyalität der jüdischen Arbeiterinnen und Arbeiter in Polen und darüber hinaus. Er führte nicht nur eine Debatte mit dem Zionismus, sondern konkurrierte mit ihm – oft erfolgreich – um die Gunst der osteuropäischen Juden.

Dann kam die Vernichtung. Der Völkermord der Nazis hat nicht nur das europäische Judentum dezimiert; er hat auch die soziale Welt ausgelöscht, in der der Bundismus seinen Sinn hatte: das jiddischsprachige Proletariat, die dichten Netzwerke des jüdischen Gemeinschaftslebens in Städten wie Warschau und Łódź sowie die politische Kultur, die die Institutionen des Bundismus stützte. Was übrig blieb, überlebte nur in Fragmenten, verstreut über ganze Kontinente.

Dies ist die Geschichte, wie sie erzählt wird: alles ist wahr, doch nichts davon vollständig. Sie richtet den Blick auf die Nazis und deren fast vollständige Vernichtung der europäischen Juden, aber nur ungenügend auf das Verhalten jener Kräfte, die der Bund als seine engsten ideologischen Verwandten betrachtete: die internationalistische Linke.

Dies klar auszusprechen bedeutet keineswegs, Unterschiede zu verwischen. Der Bund war nicht stalinistisch. Er bestand nicht aus Bolschewisten. Er war kein Sprachrohr der Sowjetmacht. Er vertrat eine eigenständige sozialistische Vision, die in der jüdischen kulturellen Autonomie und in demokratischer Selbstorganisation verwurzelt war. Er stand oft im Spannungsverhältnis zum bolschewistischen Zentralismus, und viele Bundisten leisteten Widerstand gegen den Stalinismus oder wurden später von ihm vernichtet. Diese Unterschiede sind von Bedeutung, und jede ehrliche historische Darstellung muss sie bewahren.

Es ist jedoch ebenso wahr, dass der Bund sein Vertrauen in eine breitere internationalistische Bewegung setzte – eine Welt sozialistischer Parteien, kommunistischer Widerstandsnetzwerke und revolutionärer Solidarität –, die für sich beanspruchte, gegen Unterdrückung in all ihren Formen zu stehen. Genau hierin liegt die historische Anklage. Denn als der Antisemitismus seine extremste und völkermörderische Form annahm, reagierte diese Welt nicht so, wie es die Vision des Bunds verlangt hätte.

Als sich der Angriff der Nazis über Deutschland hinaus auf die Juden in ganz Europa ausweitete, nahm der Antisemitismus, wie Saul Friedländer es nannte, einen „Erlösungscharakter“ an.[4] Er stellte die Juden nicht bloß als politisches Problem dar, sondern als metaphysische Bedrohung – für Europa, für die arische Rasse, für die Menschheit schlechthin. Nur durch ihre Auslöschung könne die Welt wieder ganz werden. Dies war kein lokal begrenzter Hass – es war ein globales Vernichtungsprojekt.

Und doch war, genau zu diesem Zeitpunkt, der Widerstand der breiteren Linken in einem Rahmen gefangen, der dem Schicksal der Juden keine Priorität einräumte. Als Jüdinnen und Juden in Frankreich deportiert wurden, zögerte die kommunistische Widerstandsbewegung weiterhin, den Antisemitismus in den Vordergrund zu rücken. Es wurden keine nachhaltigen Propagandabemühungen unternommen, um deutlich zu machen, was speziell den Juden angetan wurde. Forschungen in jüngerer Zeit haben bestätigt, dass die kommunistische Untergrundpresse „völliges Schweigen“ bewahrte, „selbst als eine antisemitische Propagandakampagne gestartet wurde und selbst als diese direkt gegen den Widerstand gerichtet war“, und dass „der Widerstand während der gesamten Besatzungszeit keine Mühen scheute, um zu beweisen, dass seine Mitglieder sich nicht dem Ziel verschrieben hatten, die Juden zu verteidigen“.[5]

Dieses Schweigen war kein Zufall. Es spiegelte ein tieferes Versagen innerhalb des internationalistischen Rahmens selbst wider. Das Leiden der Juden wurde, sofern es nicht nahtlos in die Narrative des Klassenkampfs oder des nationalen Widerstands passte, heruntergespielt, umgedeutet oder ignoriert.

Die strategischen Reaktionen der kommunistischen Parteien waren zudem nicht eigenständig. Sie wurden von der Sowjetunion geprägt und gelenkt. Und hier wird der Verrat noch deutlicher.

Der Nazi-Sowjet-Pakt von 1939 – der zustande kam, nachdem Stalin seinen jüdischen Außenminister Maxim Litwinow durch Wjatscheslaw Molotow ersetzt hatte – war im Grunde genommen ein Abkommen mit dem mächtigsten Antisemiten der Welt. Seine geheimen Zusatzprotokolle besiegelten das Schicksal Osteuropas – des Kernlandes des weltweiten Judentums –, verdammten es zur Verwüstung. Auf dem Zionistischen Weltkongress erkannte Chaim Weizmann die Tragweite sofort und schloss mit den eindringlichen Worten: „Freunde, ich habe nur einen Wunsch: dass wir alle am Leben bleiben.“[6]

Als die Nazis in die Sowjetunion einmarschierten und mit den Massenerschießungen von Juden begannen, hüllten sich die sowjetischen Behörden in systematisches Schweigen. Berichte wurden verwässert; jüdische Opfer wurden in allgemeinere Kategorien eingeordnet. Das Massaker von Babi Jar – bei dem 52.000 Jüdinnen und Juden ermordet wurden – wurde offiziell auf 1.000 Opfer heruntergerechnet. Der Krieg wurde nicht als Kampf gegen die Vernichtung der Juden dargestellt, sondern als „Großer Vaterländischer Krieg“ zur Rettung der sowjetischen Heimat. Ein Militärführer erklärte unter Berufung auf Stalin: „Einige Genossen jüdischer Herkunft glauben, dieser Krieg werde zur Rettung des jüdischen Volkes geführt. Diese Juden irren sich.“[7]

Die Folge war nicht abstrakt. Juden wurden als Juden sich selbst überlassen.

Auch nach der Niederlage des Nationalsozialismus blieb dieses Muster erhalten. Das Jüdische Antifaschistische Komitee, das gegründet worden war, um die Verbrechen der Nazis aufzudecken, wurde aufgelöst. Sein Hauptwerk, „Das Schwarzbuch“ [8], wurde verboten und vernichtet, weil es das Leiden der Juden in den Vordergrund stellte. Seine führende Persönlichkeit, Solomon Mikhoels, wurde auf Stalins Befehl ermordet. Andere Mitglieder wurden verhaftet, gefoltert und hingerichtet. Vorwürfe des „Zionismus“ und des „Kosmopolitismus“ verschmolzen zu einer einzigen Anklage: Illoyalität, Fremdheit, eine inakzeptable Verbundenheit mit jüdischer Identität.

Die antisemitische Gewalt beschränkte sich auch nicht auf die staatliche Politik. Wie Brendan McGeever gezeigt hat, war die Rote Armee [während des Bürgerkriegs 1917–1922] selbst für einen erheblichen Teil der Pogrome in der Ukraine verantwortlich, wobei Soldaten Parolen wie „Schlagt die Bourgeoisie, schlagt die Juden“ riefen.[9] Die Bemühungen, diese Gewalt einzudämmen, wurden oft nicht von der kommunistischen Führung, sondern von ehemaligen Bundisten und Linkszionisten angeführt; viele von ihnen wurden später in den stalinistischen Säuberungen der 1930er Jahre ermordet.

Das Versagen endete nicht mit dem Krieg 1945. In der Nachkriegszeit zeigte ein Großteil der Linken keine Bereitschaft – oder war nicht in der Lage –, den genozidalen Antisemitismus als eigenständiges Phänomen zu thematisieren. Ernest Mandel beispielsweise erkannte den Holocaust zwar an, setzte ihn jedoch mit der Vertreibung der Deutschen nach dem Krieg gleich und behauptete, „die Verantwortung für das Massaker an den Juden [trägt] – ebensosehr wie der Nationalsozialismus – […] der gesamte Imperialismus.“[10] Diese Einebnung moralischer Kategorien war kein Einzelfall. Einflussreiche intellektuelle Strömungen wie „Socialisme ou Barbarie“ ignorierten den Holocaust weitgehend. Die radikale Linke von 1968, darunter maoistische Gruppen wie die „Gauche Prolétarienne“, ging noch weiter und setzte Israel mit dem Nationalsozialismus gleich – ein frühes Beispiel für ein rhetorisches Muster, das seitdem gang und gäbe geworden ist. In Deutschland gipfelte diese Logik in Gewalttaten, darunter die Platzierung einer Bombe in einem jüdischen Gemeindezentrum am Jahrestag der „Kristallnacht“ 1969.

An diesem Punkt wird die Reflexion Isaac Deutschers aus dem Jahr 1954 unabweisbar:

“Meinen Antizionismus, der auf meinem Vertrauen in die europäische Arbeiterbewegung basierte, […] habe ich natürlich längst aufgegeben, denn diese Gesellschaft und diese Zivilisation haben es Lügen gestraft. Wenn ich […] die europäischen Juden aufgefordert hätte, nach Palästina zu gehen, hätte ich womöglich geholfen, einige Menschenleben zu retten, die später in Hitlers Gaskammern ausgelöscht wurden. Für die Überreste des europäischen Judentums – und wirklich nur für sie? – ist der jüdische Staat zur historischen Notwendigkeit geworden. Darüber hinaus ist er eine lebendige Realität.”[11]

Deutscher war kein Bundist, er war Trotzkist, doch seine Schlussfolgerung trifft genau die Annahmen, auf denen der Bundismus beruhte – und jene Annahmen, die heute wiederbelebt werden. Es geht um die Erkenntnis, dass das Vertrauen in die europäische Gesellschaft, in ihre Fähigkeit,  jüdisches Leben aufzunehmen und zu schützen, nicht bloß enttäuscht wurde. Es wurde auf katastrophale Weise verraten.

Die neo-bundistische Erzählung muss diesen Punkt verschleiern. Sie bewahrt die moralische Reinheit des Internationalismus, indem sie die Versäumnisse derer, die in Anspruch nahmen ihn zu verkörpern, ausblendet oder herunterspielt. Sie stellt den Bund als ein Opfer ausschließlich des Faschismus dar, anstatt sich mit dem Zusammenbruch seiner zentralen Prämisse auseinanderzusetzen: dass Juden sich auf die Solidarität der Gesellschaften und Bewegungen in ihrem Umfeld verlassen könnten.

Dies auszusprechen bedeutet weder die Würde oder den Mut der Bundisten zu leugnen, noch sie mit Stalinisten oder Bolschewisten gleichzusetzen. Vielmehr soll damit betont werden, dass ihre Vision nicht von der Welt getrennt werden kann, in der sie umgesetzt werden sollte – und auch nicht vom Verhalten derer, die behaupteten, ihre universalistischen Überzeugungen zu teilen.

Man fordert uns auf, uns ein Judentum ohne Zionismus vorzustellen, als wäre dies eine offene, noch nicht verwirklichte Möglichkeit. Doch die Geschichte hat bereits eine Antwort darauf geliefert. Bei den israelischen Parlamentswahlen 1951 trat eine Liste des Bunds zur Wahl für die Knesset an. Das Ergebnis fiel entsprechend bescheiden aus: etwas mehr als tausend Stimmen, weit unter der für eine parlamentarische Vertretung erforderlichen Sperrklausel. Und doch fand jene Bewegung, die ihre Identität auf die Ablehnung jüdischer Staatlichkeit gegründet hatte und die darauf bestand, dass die Zukunft der Juden in der Diaspora liege, ihren politischen Ausdruck im Staat Israel.

Wie sieht dann das Judentum ohne Zionismus aus? Darüber müssen wir nicht spekulieren.

[1]: Max Strasser (2026): “Book Review. What Does Judaism Look Like Without Zionism?” The New York Times, 6. April 2026. https://www.nytimes.com/2026/04/06/books/review/here-where-we-live-is-our-country-molly-crabapple.html [20.04.2026]
[2]: Molly Crabapple (2026): Here Where We Live Is Our Country. The Story of the Jewish Bund, One World: New York.
[3] Anm. d. Ü.: „dort vu mir lebn, dort iz undzer land“ (דאָרט װוּ מיר לעבן, דאָרט איז אונדזער לאַנד).
[4]: Anm. d. Ü.: Vgl. Saul Friedländer (1998): Das Dritte Reich und die Juden, Band I. Jahre der Verfolgung 1933–1939, C.H. Beck: München, v.a. S. 101ff.
[5]: Robert Fine & Phillip Spencer (2017): Antisemitism and the Left. On the Return of the Jewish Question, Manchester University Press: Manchester, S. 63. Open Access: https://www.manchesterhive.com/display/9781526104960/9781526104960.xml
[6]: Anm. d. Ü.: Meist der Abschlussrede auf dem XXI. Zionistenkongress in Genf, 16.-24. August 1939, zugeschrieben.
[7]: Robert Fine & Phillip Spencer (2017): Antisemitism and the Left. On the Return of the Jewish Question, S. 72.
[8]: Anm. d. Ü.: Das Schwarzbuch über die verbrecherische Massenvernichtung der Juden durch die faschistischen deutschen Eroberer in den zeitweilig okkupierten Gebieten der Sowjetunion und in den faschistischen Vernichtungslagern Polens während des Krieges 1941–1945 (1948). Russisch zuerst Jerusalem 1980; deutsch zuerst: Wassili Grossman, Ilja Ehrenburg und Arno Lustiger (Hrsg.) (1994): Das Schwarzbuch. Der Genozid an den sowjetischen Juden, Rowohlt: Reinbek bei Hamburg.
[9]: Anm. d. Ü.: Dazu kurz das Interview mit Brendan McGeever (2017): “Judenfeindschaft gab es auch ohne Pogrome.” Jungle World, 44/2017. https://jungle.world/artikel/2017/44/judenfeindschaft-gab-es-auch-ohne-pogrome [20.04.2026].
[10]: Anm. d. Ü.: Übersetzt nach Ernest Germain (d.h. Mandel) (1947): “Jewish Question since World War II (1946)”. Fourth International, Jg. 8(4). https://www.marxists.org/archive/mandel/1946/07/jews.htm [20.04.2026]; frz. Original nicht zugänglich: “La question juive au lendemain de la Deuxième Guerre mondiale. Postface”, in Abraham Léon (1946): Conception matérialiste de la question juive, Paris.
[11]: Anm. d. Ü.: Zitiert nach der Übersetzung von Eike Geisel und Mario Offenberg, Isaac Deutscher (1988): “Israels geistiges Klima (1954)”, in Der nichtjüdische Jude. Essays, Rotbuch: Berlin (vollständige Neuausgabe), S. 53-54.