Ein Abend mit der Holocaust-Überlebenden Eva Erben im Beit Ben Yehuda
Mehr als 60 Gäste kamen am 15. April ins Beit Ben Yehuda. Der Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt – ein starkes Zeichen dafür, wie groß das Bedürfnis nach Begegnung und Austausch auch in diesen Zeiten ist.
Im Mittelpunkt des Abends stand Eva Erben, 95 Jahre alt, eine der letzten Zeitzeuginnen der Shoa. Im Rahmen eines Zikaron BaSalon – eines Formats, das bewusst auf persönliche Gespräche setzt – erzählte sie ihre Geschichte.
Eröffnet wurde der Abend von Uriel Kashi, dem Landesbeauftragten von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste in Israel, und Ralf Melzer, dem Leiter der Friedrich-Ebert-Stiftung Israel, die die Veranstaltung gemeinsam organisiert haben. Kashi erzählte zu Beginn, dass man sich im Vorfeld nicht sicher gewesen sei, ob es genügend Interesse für einen deutschsprachigen Zikaron-Abend geben würde. Der volle Raum zeigte: Dieses Interesse ist da.
Nach einer kurzen musikalischen Einstimmung durch drei Studierende der Jerusalemer Akademia leMusika begann das Gespräch mit Eva Erben, in dem sich Erinnerungen und Nachfragen miteinander verbanden. Sie erzählte ruhig und klar – und zugleich so lebendig, dass sie die Zuhörer/innen Schritt für Schritt in ihre Geschichte hineinzog.
Eva begann mit ihrer Kindheit in der damaligen Tschechoslowakei. Sie sei in eine gut situierte jüdische Familie hineingeboren worden, sagte sie – eine Familie, die sich zugleich selbstverständlich als tschechisch verstand. Das Leben sei geprägt gewesen von Bildung, Musik und kultureller Offenheit. „Das Leben hat nach Blumen und Musik gerochen“, erinnerte sie sich.
Dann kam der Bruch. Schritt für Schritt veränderte sich ihr Leben: Zunächst habe man die politischen Entwicklungen nicht ernst genommen, habe geglaubt, die Ordnung werde bestehen bleiben. An einem Sonntag stand sie wie gewohnt vor einer Eisdiele, als sie auf ein Schild an der Tür aufmerksam wurde – Juden hatten keinen Zutritt mehr. Sie ging dennoch hinein, bekam ihr Eis. Doch mit der zunehmenden Ausgrenzung, mit Verboten und ersten offenen Feindseligkeiten veränderte sich der Alltag grundlegend.
Im Dezember 1941 wurde die Familie nach Theresienstadt transportiert. Erben beschrieb diesen Moment als tiefen Einschnitt. Die vertraute Welt brach ab, und mit ihr die Gewissheit, dass Eltern Schutz bieten könnten. „Auf einmal haben wir gesehen, dass unsere Eltern machtlos sind“, sagte sie.
Gleichzeitig erinnerte sie an eine andere Seite des Ghettos. Theresienstadt sei von Intellektuellen, Künstlern und Wissenschaftlern geprägt gewesen. Unterricht, kulturelle Aktivitäten und Theateraufführungen hätten eine wichtige Rolle gespielt. Sie selbst habe in der Kinderoper „Brundibár“ mitgewirkt. Dabei sei es nicht nur um ein Theaterstück gegangen, sondern um mehr: „Wir waren Schauspieler. Wir waren etwas“, sagte sie. Die Figur des Brundibár habe für sie eine klare Bedeutung gehabt – sie habe ihn als Verkörperung Hitlers verstanden. Umso wichtiger sei das Ende gewesen: Kinder, die sich zusammenschließen und das Böse besiegen.
Die Deportation nach Auschwitz im Jahr 1944 beschrieb Erben als einen tiefen Einschnitt, der sich deutlich von der Erfahrung in Theresienstadt unterschied. Während das Ghetto – trotz aller Entbehrungen – noch Räume für Gemeinschaft und Gestaltung gelassen habe, sei Auschwitz von Anfang an von Orientierungslosigkeit und Angst geprägt gewesen.
Schon bei der Ankunft habe sich eine Atmosphäre von Chaos und Ungewissheit gezeigt. Ihre Mutter habe durch eine Spalte im Waggon nach draußen geblickt und sofort gesagt: „Da bleiben wir nicht, das ist ein Gefängnis.“ Sie hätten Rauch gesehen und einen süßlichen Geruch wahrgenommen, den sie zunächst nicht einordnen konnten. Erst später wurde ihr klar, dass es sich um die menschlichen Verbrennungsanlagen handelte.
Kurz nach Ankunft ging es direkt zur Selektion. Eine Bekannte ihrer Mutter, die schon länger in Auschwitz war, sei auf sie zugekommen und habe ihr eindringlich geraten, bei der Altersangabe „18“ zu sagen. Die Selektion selbst habe sie als Situation in Erinnerung behalten, in der sie kaum wagte aufzusehen. Sie habe den Mann, der die Entscheidungen traf – später habe sie erfahren, dass es Mengele war – nicht als Gesicht wahrgenommen, sondern vor allem „seine Stiefel“.
In den folgenden Wochen habe sie Auschwitz als eine Art Ausnahmezustand erlebt – geprägt von ständiger Bedrohung, aber zugleich schwer fassbar. „Ich glaube, ich habe Auschwitz wie in einer Narkose erlebt“, sagte sie.
Nach wenigen Wochen wurde sie zur Zwangsarbeit in ein Außenlager verschleppt. Gegen Kriegsende begann der Todesmarsch. Erben schilderte die extremen Bedingungen: Kälte, Hunger, tägliche Märsche über lange Strecken, das ständige Risiko, bei Erschöpfung erschossen zu werden. Viele der Frauen, die mit ihr aufbrachen, überlebten nicht.
Während des Todesmarsches übernachtete die Gruppe, zu der sie gehörte, in einer Scheune beziehungsweise einem Kuhstall. Der Geruch von Mist und Tieren sei kaum auszuhalten gewesen, erinnerte sie sich – und doch wurde dieser Ort zu ihrer Rettung. Als sich die Kolonne am nächsten Tag wieder in Bewegung setzte, schlief sie noch – und niemand bemerkte es. Daher lautet der Titel ihrer Autobiographie: „Mich hat man vergessen“. Nach einigen Tagen des Umherirrens wurde Eva schließlich von einer tschechischen Familie aufgenommen, versteckt und gepflegt.
Nach Kriegsende kam sie in ein jüdisches Waisenhaus, in dem zahlreiche Kinder und Jugendliche lebten, die ebenfalls überlebt hatten. Es war ein Ort, an dem sich ähnliche Biographien begegneten. In dieser Zeit traf sie sich mit Gleichaltrigen, unter anderem in einem Café an der Moldau, wo man über die Zukunft sprach – auch über die Möglichkeit, nach Israel zu gehen.
Sie selbst habe zunächst nicht gehen wollen, sagte sie. Viele hätten gehofft, in der Tschechoslowakei bleiben zu können. Doch die politische Entwicklung, der aufkommende Kommunismus und erneuter Antisemitismus hätten diese Hoffnung zunehmend in Frage gestellt.
Schließlich entschied sie sich zur Auswanderung in den neu gegründeten Staat Israel. Zu diesem Zeitpunkt lebte sie bereits mit ihrem späteren Mann zusammen und war schwanger. Die Reise nach Israel erfolgte per Schiff. Als sich das Schiff dem Hafen von Haifa näherte, sei es plötzlich still geworden. Ihr Mann habe sie in diesem Moment angesehen und gesagt: „Da bauen wir ein Haus. Und wir werden Kinder haben. Die werden nicht wissen, was wir erlebt haben.“
In Haifa und später in Ashkelon begann für sie ein neues Leben. Sie lebten zunächst unter sehr einfachen Bedingungen, unter anderem in einer provisorischen Unterkunft aus Holz, ohne Elektrizität. Wasser habe sie selbst aus einem Brunnen holen müssen. Auch Lebensmittel seien knapp gewesen.
Gemeinsam mit ihrem Mann begannen sie mit dem Bau eines eigenen Hauses. Da Ziegel zu teuer gewesen seien, sei ihr Haus schließlich überwiegend aus Beton entstanden. „Mein ganzes Haus ist ein Bunker“, sagte sie mit einem Lächeln.
Über viele Jahre habe sie nicht über ihre Geschichte gesprochen. Erst 1979 kam es zu einem entscheidenden Moment: In der Schule ihres Sohnes wurde während einer Gedenkveranstaltung über den Holocaust gesprochen. Ihr Sohn meldete sich und sagte, seine Mutter sei dort gewesen und könne erzählen.
Da sie wegen anhaltender Terrorangriffe an der Schule zufällig an diesem Tag Wachdienst hatte, bat die Lehrerin sie ins Klassenzimmer, um über die Zeit der Shoa zu sprechen. Sie habe zunächst nicht gewusst, wie sie anfangen sollte – vor zehnjährigen Kindern. Doch sie begann, ihre Geschichte zu erzählen. Später wurde daraus ihr Buch.
Was diesen Abend besonders machte, war nicht nur die Geschichte selbst, sondern die Art, wie sie erzählt wurde. Immer wieder brachte Eva Erben das Publikum mit kleinen, trockenen Bemerkungen zum Lachen. Zugleich schlug sie immer wieder den Bogen zur Gegenwart. Sie sprach über die aktuelle Situation in Israel, äußerte deutliche Kritik an der israelischen Regierung, aber auch an der internationalen Berichterstattung, die sie als einseitig und ungerecht empfand. Sie plädierte für mehr Differenzierung, für ein genaueres Hinsehen – und dafür, komplexe Realitäten nicht zu vereinfachen.
Für uns als Aktion Sühnezeichen Friedensdienste war dieser Abend mehr als eine Veranstaltung. Er war auch eine Erinnerung daran, wie wichtig persönliche Begegnungen zwischen unseren Freiwilligen und Überlebenden sind – Begegnungen, die aktuell kaum möglich sind, deren Bedeutung aber gerade dadurch noch deutlicher wird.
Wir danken Eva Erben für ihre Offenheit, ihre Klarheit und ihre Kraft.



