Irans letzte „Kronjuwelen“

0
209
IDF Einheiten bei der Lokalisierung von Waffen und einem von der Hisbollah genutzten Abschussplatzes, Foto: IDF Sprecher

Die Hisbollah ist auf Seiten des Iran in den Krieg gegen Israel eingestiegen. Für die Schiiten-Miliz könnte das ihr endgültiges Aus bedeuten. Denn im Libanon mehren sich die Stimmen, die den Einfluss nichtstaatlicher Akteure neutralisieren wollen. Auch haben sich die Rahmenbedingungen radikal verändert.

Von Ralf Balke

Die Diktion ist martialisch und deutet bereits an, um was es der Hisbollah aus ihrer Perspektive in der Auseinandersetzung mit Israel geht, und zwar den „Existenzkampf“. So erklärte am vergangenen Freitag Naim Qassem, seit dem Tod von Hassan Nasrallah im September 2024 Anführer der Schiiten-Miliz, man würde „nicht zulassen, dass der Feind sein Ziel erreicht, uns auszulöschen“. Deshalb sei man auf eine langwierige Konfrontation bestens vorbereitet. Ob das der Realität entspricht, ist eine andere Frage. Fakt aber ist, dass die Hisbollah im Herbst des Jahres 2024 durch die spektakuläre Ausschaltung ihrer gesamten Führungsschicht sowie der gezielten Zerstörung ihrer militärischen Kapazitäten schwere Verlust verzeichnen musste. Trotzdem ist sie Anfang des Monats nach Beginn der israelischen und amerikanischen Militärschläge gegen den Iran auf Seiten Teherans in den Krieg mit eingestiegen. Man schoss Raketen auf Haifa und den Norden Israels.

Israel, das trotz eines Waffenstillstands mit der Hisbollah aus dem Jahr 2024 bereits vor dem Krieg weiterhin Ziele im Libanon angegriffen hatte und dabei wiederholte Verstöße der Hisbollah geltend machte, hat seitdem zahlreiche tödliche Luftangriffe geflogen, Bodentruppen in Grenzgebiete entsandt und zu Evakuierungen aufgerufen, die zur Flucht von Hunderttausenden Menschen geführt haben. Sogar eine große Bodenoffensive scheint geplant, falls sich nicht grundlegend etwas ändert und die Sicherheit der Israelis, die im Norden des Landes leben, nicht länger gefährdet bleibt. Denn auch jetzt mussten die Menschen dort wieder tagelang in die Schutzräume oder ihre Häuser erneut verlassen – das zweite Mal seit dem Oktober 2023. Für Israel ist daher die Präsenz der Hisbollah an der Nordgrenze weder tragbar noch verhandelbar.

Dabei sind die Rahmenbedingungen für die Hisbollah denkbar ungünstig. Unabhängig von ihrer Schwächung durch Israel im Herbst 2024 steht sie in dieser Runde des Konflikts weitestgehend auf sich selbst gestellt da. Syrien langjähriger Machthaber Bashar al-Assad ist im Dezember 2024 gestürzt worden, weshalb keine Unterstützung aus dem Nachbarland, das lange Zeit das Geschehen im Libanon dominierte, zu erwarten ist. Ganz im Gegenteil sogar: Kurz nachdem die Hisbollah Raketen auf Israel abgefeuert hatte, entsandte Syriens Übergangspräsident Ahmed al Shara’a Truppen an die Grenze zum Libanon. Seine Sorge galt nicht nur einer militärischen Eskalation, sondern auch den Folgen der israelischen Offensive, und zwar libanesischen Flüchtlingen. Auf keinen Fall will er, dass Hisbollah-Kämpfer die Grenze überqueren. Dann schloss er sich am 9. März überraschend den Forderungen nach einer Entwaffnung der Hisbollah an. Das zeige, „wie ernst er die von ihr ausgehende Bedrohung nimmt, während er gleichzeitig erneut gegenüber Israel signalisierte, dass Syrien keine Bedrohung darstelle“, so Will Todman in einer ersten Analyse des Thinktanks Center for Strategic & International Studies (CSIS) zu den Ereignissen. „Am folgenden Tag feuerte die Hisbollah Berichten zufolge Granaten auf Stellungen der syrischen Armee ab. Die Instabilität entlang der libanesischen Grenze bedroht mehrere der wichtigsten Städte Syriens, darunter Damaskus, Homs und Tartus.“ Damaskus ist also heute ein erklärter Feind der Schiiten-Miliz.

Aber noch etwas ist anders. Beirut ist entschlossener als früher, die Hisbollah zu entwaffnen. So hatte die libanesische Armee damit angefangen, die Infrastruktur der Schiiten-Miliz nahe der israelischen Grenze zu zerstören. Aus israelischer Sicht waren die Maßnahmen jedoch nicht ausreichend, weshalb man ankündigte, die Hisbollah selbst zu zerstören, wenn sie dort wieder zu stark werden sollte. Genau das geschah dann auch, nachdem ihre Führung mit dem Beschuss Israels begonnen hatte. Überraschenderweise reagierte die Regierung in Beirut damit, dass sie der Hisbollah alle militärischen Aktivitäten untersagte, was bei Naim Qassem aber auf taube Ohren stieß. Der libanesische Präsident Joseph Aoun warf der Hisbollah sogar vor, „zugunsten der Ziele des iranischen Regimes“ den libanesischen Staat zum „Zusammenbruch“ zu bringen. Solche deutlichen Worte waren von Seiten der Regierung in Beirut noch nie zuvor zu hören gewesen.

Am Wochenende hieß es dann in den Medien, dass die libanesische Regierung sogar zu direkten Gesprächen mit Israel bereit sei, um eine Waffenruhe einzuleiten – auch das wäre ein ungewöhnlicher Schritt. So hatten drei Regierungsvertreter der Agentur Reuters mitgeteilt, dass Beirut derzeit eine Delegation für die Gespräche zusammenstelle. Nur über einen Termin sei man sich noch nicht einig worden. Einer der Vertreter erklärte, der Libanon benötige Klarheit darüber, ob Israel der Forderung des libanesischen Präsidenten Joseph Aoun nach einem vollständigen Waffenstillstand nachkommen werde, damit Verhandlungen stattfinden könnten. Den Berichten zufolge müsste aber der Libanon seine Bereitschaft bekunden, mit Israel Gespräche über einen dauerhaften Nichtangriffspakt zu führen, so lautet wohl eine der Forderungen Jerusalems. Im Gespräch sei deshalb ein Abkommen, das den seit der Gründung des jüdischen Staates im Jahr 1948 bestehenden formellen Kriegszustand zwischen den beiden Ländern beenden und innerhalb von zwei Monaten unterzeichnet werden soll.

Sowohl maronitische Christen, sunnitische Muslime als auch Drusen sollen in dem libanesischen Team vertreten sein. Nur die Schiiten würden nicht mitmachen wollen, wie Parlamentssprecher Nabih Berri, Vorsitzender der schiitischen Amal-Gruppierung, die wiederum der Hisbollah nahe steht. Wie „Haaretz“ meldet, könnten sich mit französischer und amerikanischer Unterstützung Israelis und Libanesen bereits in den kommenden Tagen treffen, entweder in Paris oder auf Zypern. Beide Seiten – der israelischen Delegation soll wohl der enge Benjamin Netanyahu-Vertraute und Ex-Minister Ron Dermer angehören – würden dann eine diplomatische Lösung erörtern, wie die Kämpfe beendet und die Hisbollah endgültig entwaffnet werden kann. Israel „schließe“ jedoch eine groß angelegte Bodenoffensive bis zum Litani-Fluss weiterhin „nicht aus“. Zudem hieß es, Washington hätte Israel gebeten, keine zivile Infrastruktur anzugreifen. Genau das hatte Verteidigungsminister Israel Katz aber am Freitag angekündigt, falls Beirut nicht mehr unternehmen würde, der Hisbollah Einhalt zu gebieten. Diese scharfen Worte kamen, nachdem die Schiiten-Miliz Hunderte von Raketen auf Israel abgefeuert hatte. Allein am Freitag wurden zwei Menschen in einem Kibbuz verletzt. Auch hatte Israel bereits die al-Zrariya-Brücke über den Litani-Fluss zerstört, weil diese von der Hisbollah genutzt worden sei. Die roten Linien, die Medieninformationen zufolge die Vereinigten Staaten für Israel gesetzt hätten, wären Angriffe auf den Flug- und Schiffshafen von Beirut.

Sollte Israel aber tatsächlich eine groß angelegte Bodenoffensive starten, dürften die Aussichten auf direkte Gespräche zwischen Beirut und Jerusalem wieder auf null sinken. Bei einer Pressekonferenz am Donnerstag erklärte Ministerpräsident Benjamin Netanyahu, die libanesische Regierung müsse „ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen“ und die Hisbollah entwaffnen. „Wenn ihr es nicht tut, werden wir es tun“, erklärte er, weigerte sich jedoch, ausdrücklich zu sagen, ob er damit besagte Bodenoffensive meinte, die auf eine temporäre Besetzung des Südlibanons hinauslaufen würde.

Viel spekuliert wird ebenfalls über das militärische Potenzial der Hisbollah. Für den Iran jedenfalls sind die Kämpfer der Schiiten-Miliz von besonderer Bedeutung, weil Teherans Revolutionsgarde sie in der Zeit nach der Islamische Revolution formiert und zum jahrelangen Angstgegner Israels aufgebaut hatte, also quasi die letzten „Kronjuwelen“. Ihre Neutralisierung wäre für die Mullahs ein größeres außenpolitisches Debakel als der Abgang ihres Verbündeten Bashar al-Assad in Syrien. Dass beide ihr Vorgehen gegen Israel zu synchronisieren versuchen, zeigen die zeitgleichen Angriffe auf Israel mit Raketen aus dem Iran und dem Libanon – auf diese Weise erhofft man, die israelische Luftabwehr an ihre Grenzen zu bringen. Auf israelischer Seite ist man deshalb ein wenig überrascht darüber, welche Fähigkeiten die Schiiten-Miliz noch hat.

Auch gibt es seit Monaten bereits in israelischen Sicherheitskreisen Diskussionen darüber, ob und wie man gegen die Hisbollah mit einer groß angelegten Militäroffensive vorgehen sollte. „Das würde wohl ein oder zwei Jahre Krieg im Libanon bedeuten, möglicherweise ein Vormarsch bis nach Beirut“, so ein anonym gebliebener Beamter gegenüber „Ynet“. „Es wäre nicht einfach und auch kein kurzer Krieg. Wer davon spricht, in den Libanon einzumarschieren und die Hisbollah zu vernichten, sollte sich genau darüber im Klaren sein, was das bedeutet.“ Sollte Israel dabei auf die Idee kommen, das Gebiet südlich des Litani-Flusses erneut wie vor dem Jahr 2000 als „Sicherheitszone“ zu besetzten, wäre das fatal, weil man so der Hisbollah die Möglichkeit geben würde, als Befreier wieder an Rückhalt in der Gesellschaft zu gewinnen.

Die zweite Option heißt libanesische Regierung. Schon in den Monaten vor dem aktuellen Krieg erlaubte die Schwächung des Iran den Verantwortlichen im Libanon mehr Handlungsspielraum, was sich zudem in einer neuen, deutlich distanzierteren Haltung gegenüber Teheran zeigte. Die Entscheidung der Hisbollah, sich jetzt in dem aktuellen Konflikt dem Iran anzuschließen, hat den Libanon in eine große Krise gestürzt. Für die Regierung wie auch die Mehrheit der Bevölkerung ist es die Schiiten-Miliz, die die Verantwortung dafür trägt, das nun wieder ein kriegsähnliche Zustände herrschen. Deshalb dürfte die Bereitschaft der politisch Verantwortlichen, gegen Irans Handlanger im eigenen Land entschlossener denn je vorzugehen, deutlich größer sein als noch vor einem Monat. Das würde zwar auch die Hisbollah wissen, könne sich jedoch dem starken Druck Teherans nicht entziehen. Noch kann deshalb auf diplomatischen Wege etwas verändert werden. Doch die Zeit drängt: Sollte es der Hisbollah gelingen, bei einem ihrer Angriffe größeren Schaden sowie viele Opfer zu produzieren, ist die Verhandlungsoption gewiss vom Tisch und die Militäroffensive dürfte Realität werden.