Gefährliche Normalität: Antisemitismus im Schulalltag

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Antisemitismus gehört für viele jüdische Schüler:innen und Lehrkräfte in Bayern zum Alltag. Das zeigt die neue Publikation „Antisemitismus zwischen Klassenzimmer und Freizeit. Jüdische Erfahrungen und Perspektiven in Bayern“ der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Bayern (RIAS Bayern). Für die qualitative Befragung wurden 19 jüdische Schüler:innen, Absolvent:innen, Lehrkräfte und Eltern interviewt.

„Antisemitismus war für die Befragten bereits vor dem 7. Oktober in bayerischen Schulen alltäglich und äußerte sich in Form von judenfeindlichen Witzen, stereotypischen Zuschreibungen bis hin zu Gewaltandrohungen. Er ist für die Betroffenen eine gefährliche Normalität“, sagt RIAS-Bayern-Leiterin Annette Seidel-Arpacı.

Als besonders verletzend empfanden die Befragten Äußerungen und Handlungen, die den Nationalsozialismus verherrlichten, die Schoah verharmlosten oder Vernichtungsfantasien ausdrückten. So erhielt eine 15-jährige Schülerin aus Schwaben monatelang antisemitische Nachrichten von einem Mitschüler. Besonders traf sie dessen Aussage, dass ihre Familie hätte „vergast“ werden sollen.

Antisemitische Äußerungen kamen mitunter auch von Lehrkräften: „Er ist Jude. Ist doch klar, dass ihm alles wehtut“, kommentierte ein Lehrer die Sportverletzung eines jüdischen Schülers. Oft duldeten Zeug:innen derartige Aussagen. Das führte dazu, dass Betroffene die verbalen Abwertungen häufig als unvermeidlich hinnahmen und erst rückblickend als antisemitisch einordneten.

Seit dem antisemitischen Massaker der Terrororganisation Hamas und ihrer Helfer am 7. Oktober 2023 im Süden Israels hat sich die Situation deutlich verschärft. „Antisemitismus gab es schon vorher – aber seit dem 7. Oktober ist er enthemmter, israellastiger und salonfähiger geworden“, resümierte eine Mutter. Viele Befragte vermeiden das Tragen sichtbarer jüdischer Symbole oder das Aufsuchen bestimmter Orte aus Angst vor Angriffen. Sie müssen sich ständig zwischen dem Wunsch nach öffentlicher Sichtbarkeit und dem Bedürfnis nach Sicherheit entscheiden.

Gleichzeitig zeigt sich bei mehreren Interviewten eine bewusste Stärkung ihrer jüdischen Identität, die jedoch vorwiegend in als sicher empfundenen Räumen gelebt wird. Einige Befragte erwägen eine Auswanderung oder ein Studium im Ausland, während andere auf eine positive Veränderung hoffen. „Unsere Generation lebt in einer brennenden Zeit. Ob wir das Feuer löschen oder nicht, liegt am Ende des Tages an uns, weil die Mehrheitsgesellschaft dagegen einfach nichts tut“, sagte ein 26-jähriger jüdischer Lehrer.

Die Publikation zeigt, dass Antisemitismus an bayerischen Schulen kein Randphänomen, sondern ein strukturelles Problem ist. Lehrkräfte fühlen sich häufig überfordert, erkennen Antisemitismus nicht oder wissen nicht, wie man auf antisemitische Vorfälle angemessen reagiert.

Die Publikation enthält Illustrationen, die für die schulische und außerschulische Bildungsarbeit genutzt werden können. Sie richtet sich an Lehrkräfte, Schüler:innen, Vermittler:innen im Bildungsbereich, Lehramtsstudierende sowie alle Interessierte. Die Publikation kann gebührenfrei unter info@rias-bayern.de angefordert werden und steht als PDF zum Download bereit..