Die 1953 in Tel Aviv geborene Schriftstellerin und Friedensaktivistin Lizzie Doron wurde mit ihren Romanen über die ‚Zweite Generation der unmittelbar nach der Shoah Geborenen‘ bekannt. In ihrem neuen Buch erzählt sie bewegende Geschichten aus ihrem Alltag in Israel seit dem 7. Oktober 2023.
Von Nea Weissberg
Die Autorin führt Tagebuch: Seit dem 7. Oktober 2023, dem Tag der verheerenden Terroranschläge, hält sie ihre Gedanken und Gefühle fest. Sie beschreibt junge, fröhliche Menschen, die sich zu Hunderten zum Tanzen versammelten, in der Sehnsucht nach Frieden und im Engagement für den Umweltschutz; ausgelassene Menschen auf dem Supernova-Psytrance-Musikfestival in der Negev-Wüste nahe Gaza. Sie erzählt von Familien, die nur wenige Augenblicke zuvor friedlich Schabbat Ha-Malka, die Schabbat Braut, mit Gebeten und Liedern im Kreise von Verwandten und Freunden in den Kibbuzim im Süden Israels nahe Gaza gefeiert hatten.
Die tiefgreifenden Emotionen, die die israelische Gesellschaft traumatisiert haben, werden schonungslos offengelegt, ebenso wie die Solidarität und Widerstandsfähigkeit. Anfangs herrschte ständige Alarmbereitschaft, eine beispiellose Terrorwarnung, und infolgedessen geriet das Leben völlig außer Kontrolle.
Die Vergangenheit Holocaust-Überlebender und die israelische Gegenwart der Second Generation verschmolzen und überlagerten sich in der Psyche von Lizzie Doron und den Menschen, denen sie begegnete.
Zitternde Angst
Die Hauptfigur Doron beschreibt ihre eigenen Gefühle und die der anderen, die sie beobachtet bangende Angst, Schlaflosigkeit, Enttäuschung, Fragilität, Verzweiflung, Schutzlosigkeit, Zorn, Zerrissenheit… Das quälende Bedürfnis, Tag und Nacht per Handy erreichbar zu sein, um mit Familie, Freunden, einer WhatsApp-Selbsthilfegruppe und den Nachbarn im 20-stöckigen Wohnhaus – einer zuvor nicht vertrauten Gemeinschaft, die sich plötzlich gegenseitig unterstützte – in Kontakt zu bleiben und unzählige Beileidsbekundungen über WhatsApp auszutauschen: Die Hausgemeinschaft bildet einen äußeren Kreis der Trauer und bietet trauernden Familien, die Angehörige auf gewaltsame Weise verloren haben, praktische Hilfe und tröstenden Beistand.
„Informationssplitter“
Das ständige Hören der Nachrichten, das sowohl erschöpfend als auch notwendig war, um rechtzeitig sichere Orte, einen Schutzraum, zu erreichen; und wie sie, die Protagonistin, dieser erdrückenden psychischen Belastung entkam, indem sie sich in monotone Hausarbeit stürzte, die Lieblingsgerichte ihrer Familie zubereitete, putzte, bügelte, Wäsche sortierte, unzählige Mahlzeiten vorkochte, tröstende Kondolenzbriefe – bestehend aus Fragmenten – schrieb und kleine Porträts der meist jungen Opfer, die sie nicht kannte, als Nachrufe verfasste. „Wieder und wieder lese ich die Informationssplitter. Sie peinigen mich, überwältigt und wehrlos sitze ich da, weiß nicht, wie und was ich über eine Frau schreiben soll, die gerade mal neunzehn war, als sie getötet wurde.“
Als politische Aktivistin setzte sich Doron bei Demonstrationen für die Freilassung israelischer Geiseln ein, die von Hamas-Terroristen in unterirdischen Gefängniskerkern nur wenige Hundert Meter entfernt im Gazastreifen festgehalten wurden.
Hunderte Geiseln litten unter schwerster psychischer und physischer Folter, sexuellem Missbrauch und entsetzlicher Unterernährung. Diese außergewöhnliche Gewaltsituation, aus der es kein Entrinnen gab und die zunehmend in den Fokus der israelischen und internationalen Öffentlichkeit rückte, weil die Terroristen sie als Druckmittel in politischen Verhandlungen benutzten, prägte Dorons Alltag in Israel, in Tel Aviv, Jerusalem und während ihrer Versuche, in Berlin Zuflucht zu finden. Anhand kleiner Fragmente ihres Lebens beschreibt Doron eindrücklich, wie diese Erfahrung ihren Alltag in Israel verändert hat.
„Niederegger“
Doron beschreibt anschaulich und beispielhaft die schockbedingte Lähmung, die die gebrochene Seele zu schützen scheint, und wie der Verzweifelte, um sich zu befreien, zwanghaft und wiederholt jedem Fremden von seinem Leiden erzählt, ihm Fotos eines Familienmitglieds zeigt, und dann bietet die Wohnungsinhaberin dem gebrochenen Menschen „Niederegger, deutsches, feines Marzipan“ an – ein tröstend hilfloser Versuch und zugleich subtil eine historische Anspielung darauf, etwas als ob zu reparieren, das nicht mehr repariert, nicht wieder gutgemacht werden kann.
Eine zufällige Begegnung mit einem Mann namens Boaz, der eine Wohnung für seine Frau und seine beiden Töchter suchte, führte ihn zu Lizzie Dorons Eigentumswohnung. Boaz: „Alle meine Freunde sind tot. Mein ganzer Jahrgang. Wir waren zusammen im Kindergarten, in der Schule, und jetzt bin ich der Einzige in Be’eri, der siebenundvierzig ist.“ Im Kibbuz Be’eri wurden bei dem Terrorangriff am 7. Oktober 132 Menschen ermordet, darunter Frauen und Kinder.
Boaz’ Frau, die wie so viele andere nach dem Terroranschlag auf den Kibbuz Be’eri, der durch Plünderungen, Vandalismus und Brandstiftungen von Islamisten verwüstet worden war, über Nacht obdachlos geworden war, konnte die seelische Belastung nicht länger ertragen, mit so vielen anderen traumatisierten Menschen in einem überfüllten Hotel zu leben und das Leid anderer mitzuerleben.
“Vier (Zimmer (Anm. von N.W.) würden auch reichen“, flüstert der Cousin, der ihn begleitet.“ „Weil wir unsere älteste Tochter verloren haben“, sagt Boaz.“
„Wir spielen Alltag“
Die Schriftstellerin Lizzie Doron analysiert politische Themen, indem sie diese auf alltägliche Erfahrungen herunterbricht. „Wir spielen Alltag“. Der Buchtitel erhält beim Lesen eine schmerzliche Doppelbedeutung. Inmitten dieser existenziellen Angst finden die Menschen zusammen. Einige beten gemeinsam. Andere bekräftigen ihre Verbundenheit. Denn die anfänglich lähmende Angst weicht dem Mut und dem Willen, einander beizustehen. Sie engagieren sich zunehmend lautstark, organisieren Demonstrationen für die Freilassung der nach Gaza verschleppten Geiseln, nutzen diplomatische und politische Kontakte und appellieren an die ganze Welt: „Bring Them Home Now!“
Dennoch erleben Israelis den Mangel an internationaler Solidarität schmerzlich. Frauenorganisationen sowie links- und rechtsextreme Gruppen verweigern ihnen Mitgefühl und stellen ihre Glaubwürdigkeit in Frage. Und die deutsche Zivilgesellschaft bleibt angesichts der schockierenden Ereignisse vom 7. Oktober weitgehend gleichgültig.
Dies – wie im Buch geschehen – allein auf die gut gemeinten Verhaltungsmaßregeln zu begrenzen, im Taxi in Berlin kein Hebräisch zu sprechen oder zum eigenen Schutz einen gängigen deutschen Vor- und Nachnamen zu verwenden, „verbergt alles, was auf Israel hinweist… und sagt niemandem, woher ihr seid,“ greift zu kurz. Denn eine hemmungslose antijüdische und antiisraelische Hass-Welle hat die Welt nahezu global erfasst und wirkt als Katalysator für vehemente, feindselige Reaktionen.
Autobiografischer Roman mit Exkursen
Lizzie Dorons Buch „Wir spielen Alltag – Leben in Israel seit dem 7. Oktober“ schildert feinnervig zahlreiche Alltagsereignisse im Zusammenhang mit dem Pogrom vom 7. Oktober 2023, ohne unnötige Details. Dieses Pogrom wurde von Hamas- und dschihadistischen Terroristen sowie palästinensischen Zivilisten im Süden Israels mit extremer, hasserfüllter Brutalität und sadistischer Grausamkeit verübt – das schlimmste Massaker, das Israelis je erleiden mussten. 1.200 Menschen wurden ermordet, und 251 unschuldige Zivilisten wurden nach Gaza entführt, über zwei Jahre hinweg, als schwer misshandelte Geiseln gehalten, ihrer Freiheit beraubt.
Das Buch möchte die Auswirkungen des Massakers auf den israelischen Alltag, einschließlich des Innenlebens von Juden und Jüdinnen in Israel, das tiefe und anhaltende Trauma des jüdischen Volkes, das in der Konfrontation mit Antisemitismus über Generationen weitergegeben wurde, einem breiteren deutschen Publikum zugänglich zu machen.
Seit dem Hamas-Angriff auf Israel versammeln sich Angehörige entführter Kinder, Mütter, Väter und Großeltern auf dem Platz vor dem Tel Aviv Museum of Art, um von ihren erschütternden Erlebnissen zu berichten. Überall hängen Plakate mit Bildern und Namen der Menschen, die gewaltsam nach Gaza verschleppt und ihrer Freiheit beraubt wurden. Künstlerische Installationen drücken gleichermaßen Schmerz, Widerstandskraft, Zusammengehörigkeit und Hoffnung aus.
Doron übt unerbittliche Kritik an der israelischen Politik, nicht aber an der palästinensischen. Die Leser erfahren im Buch lediglich, dass es einen außergewöhnlich brutalen und weitreichenden Terrorakt mit schwerwiegenden Folgen gab, aber nicht, wer ihn verübt hat. Diese Auslassung überrascht. Doron ist jahrelang auf Demos gegangen, zuletzt protestierte sie gegen die sogenannte „Justizreform“ der rechtskonservativen Koalition Netanjahus.
Doch augenblicklich muss Doron begreifen, „Skrupel und Bedenken der Linken“, „…das gehört zu einer Welt vor dem 7. Oktober!“, sagt Michal, eine israelische Freundin, die in Berlin lebt. Hier sah sie und andere Aktivisten, wie hasserfüllte Agitatoren Plakate mit Bildern von israelischen Geiseln, die nach Gaza verschleppt worden waren, herunterrissen. Sie ziehen „durch die nächtlichen Straßen Berlins und hängen die Bilder der Geiseln wieder auf.“ „Wieder sehe ich die Bibas- Familie, sehe Shiri und ihre beiden rothaarigen Jungen…“.
Israelische Soldaten entdeckten Überwachungsvideos in Khan Younis im Gazastreifen. Die Aufnahmen stammen vom 7. Oktober 2023. Eine verängstigte junge Mutter, Shiri Bibas, hatte ihre beiden kleinen Söhne, den vierjährigen Ariel und den Säugling Kfir, in eine Decke gewickelt und versuchte verzweifelt, sie vor bewaffneten Terroristen zu schützen. Ihr grausamer Mord erschütterte ganz Israel und die jüdische Gemeinschaft zutiefst und löste weltweit schmerzliche und herzzerreißende Empörung aus.
„Simchat-Tora-Massaker“
„Dieses Buch ist im Gedenken an die Opfer dieses Krieges geschrieben, an die, die überlebt haben, wie an die, die umgekommen sind.“ Was wird hier durch die Unbestimmtheit der Sprache verhüllt? Der Ausdruck „umgekommen“ lässt Raum für Interpretationen und soll, vermutlich aus politischer Korrektheit, alle Kriegsopfer einschließen.
Eiserne Schwerter
Die aktuelle israelische Regierung gilt als die politisch rechtsgerichtete und religiöseste. Nach dem Terroranschlag in Südisrael erzielte Premierminister Netanjahu eine Einigung mit der Opposition zur Bildung einer Krisenregierung. Am 12. Oktober 2023 wurde ein Kabinett gebildet, das mit der Organisation eines Verteidigungskrieges gegen die radikal palästinensische islamistische Terrororganisation Hamas, die schiitische Hisbollah (die seit 1982 im Libanon gegen Israel aktiv ist), den Palästinensischen Islamischen Dschihad (IPJ) und andere palästinensische Milizen aus dem Gazastreifen beauftragt war. Diese hatten am 7. Oktober 2023 in Südisrael sadistische Gewalttaten, Raubüberfälle und hunderte Raketenangriffe verübt. Die israelischen Streitkräfte reagierten mit der Operation „Eiserne Schwerter“, deren Ziel die Befreiung der nach Gaza verschleppten Geiseln war, die dort unter unmenschlichen Bedingungen festgehalten und willkürlichen Misshandlungen in unterirdischen Tunnelkerkern, Käfigen und palästinensischen Häusern ausgesetzt waren.
„Habibi“
Muhammad, ein palästinensischer Freund Dorons, kann sein Entsetzen über das Gewaltattentat und sein Mitgefühl nicht in Worte ausdrücken; Doron selbst ringt fast sprachlos darum, ihn im innerseelischen Monolog inständig zu bitten, den Mordanschlag anzuerkennen. „Mein Gott soll er endlich Worte finden für all das, was passiert ist, soll sich nicht rauswinden. Diesmal werde nicht ich mich entschuldigen, diesmal ist er an der Reihe“, denkt Lizzie. Stattdessen folgt Muhammads Abrechnung, und seine Gegenoffensive benutzt – bildhaft umschrieben – das verschleiernde und atmosphärisch mundtot machen wollende Schlagwort „Genozid“: „Was wir machen sollen? Ihr guckt eure Fernsehsender und verehrt eure heldenhaften Soldaten, die Gaza bombardieren, plattmachen, zermalmen.“ Lizzie Doron ist fassungslos. „Mit jedem Wort, das er sagt, steigert sich seine Wut. Ich erstarre.“
Das Telefonat und die Freundschaft zwischen den beiden reißen ohne weitere Anrufe ab und lassen Lizzie Doron in hilfloser Stille zurück.
Einblick auf die traumatischen Erfahrungen vom 7. Oktober 2023
„Auschwitz“, sage ich, das kommt einfach so aus mir heraus. „Nein, Lizzie, das passiert hier und jetzt!“ „Wo?“ „In Kfar Aza.“ Mein Kopf hat keinen Empfang. „So etwas hat es bei uns in Israel noch nie gegeben“, beharre ich. „Ich höre die Worte wie aus weiter Entfernung“.
Abigails Leben veränderte sich damals für immer. Sie war drei Jahre alt. An diesem Morgen griffen skrupellose Hamas Terroristen ihren Kibbuz Kfar Aza an. Ihre Mutter Smadar Idan wurde ermordet. Ihr Vater Roee Idan wurde tödlich verwundet, als er versuchte, seine Familie zu beschützen. Das kleine Mädchen Abigail musste mit ansehen, wie ihre Eltern ihr gewaltsam entrissen wurden. Sie flüchtete zu den Nachbarn und wurde mit ihnen gemeinsam entführt. Wie kann sie sich jemals von einem solchen Trauma erholen? Ihr Bruder Michael, neun Jahre alt, und ihre Schwester Amalia, 6 Jahre, überlebten, indem sie sich über zwölf Stunden lang regungslos und still in einem Wandschrank versteckten, um nicht entdeckt zu werden. Die kleine Abigail wurde fast 50 Tage lang in Gaza gefangen gehalten. Welch ein erpresserisches Druckmittel für die Hamas-Terroristen! Sie wurde schließlich am 26. November 2023 freigelassen. Der dritte sogenannte Gefangenenaustausch betraf verurteilte islamistische Mörder, die in israelischen Gefängnissen inhaftiert gewesen waren und nun im Gegenzug nach Gaza zurückkehrten.
Ein Verstoß gegen das Völkerrecht
Unter den am stärksten gefährdeten Kindern und Jugendlichen mit Mehrfachbehinderungen wurde das ganze Ausmaß der unmenschlichen und antisemitischen Grausamkeit deutlich: das pogromartige Massaker, verübt von Hamas-Dschihadisten mit Hilfe palästinensischer Zivilisten am 7. Oktober 2023.
Sie verbrannten beim Nova-Festival Arik Peretz und seine 14-jährige, mehrfachbehinderte Tochter Ruth bei lebendigem Leibe, sowie im Kibbuz Nir Oz das 12-jährig autistische Mädchen, Noya, und ihre 80-jährige Großmutter Carmela.
All die immense familiäre Zuneigung, Unterstützung, Liebe und der schützende Kokon wurden in Sekundenbruchteilen ausgelöscht.
Die israelische Justiz sollte die Ursachen dieses Regierungsversagens, einschließlich derer des Mossad, untersuchen, um künftige Massengewalttaten durch palästinensische Terrorristen zu verhindern. Israel hat die Pflicht und den nationalen Schwur, seine Bürger zu schützen. Ungeachtet der Parteizugehörigkeit muss diese Fürsorgepflicht als moralische Verpflichtung geachtet werden.
Lizzie Doron, Wir spielen Alltag. Leben in Israel seit dem 7. Oktober, dtv 2025,22,00 Euro, Bestellen?
LESEPROBE
Eine Bühnenadaption des Romans wird derzeit am Theater im Palais Berlin vorbereitet:
Die Bearbeitung des israelischen Regisseurs Dori Engel „WIR SPIELEN ALLTAG – Mein Leben zwischen Trümmern und Träumen“ feiert am 21. März 2026 in einer Fassung für vier Schauspieler Premiere. Engel inszeniert den Stoff als Musiktheaterstück für vier Spielende und einen Musiker. Die künstlerische Leiterin und Intendantin, Alina Gause, übernimmt die Hauptrolle. Ira Theofanidis, Carl Martin Spengler und Meik van Severen schlüpfen in zahlreiche Rollen; am Akkordeon ist Ira Shiran zu hören.
„Warum jetzt und in unserem Theater? Weil die scheinbar entfernten Konflikte auch unseren Alltag erreichen und auch wir aktuell aufgefordert sind, unsere Werte immer wieder zu überprüfen und zu vertreten.“
Weitere Informationen und Tickets:
https://www.theater-im-palais.de/



