Oskar Baum, selbst einer der Hauptvertreter der Prager deutschen Literatur und einer der engsten Freunde Franz Kafkas, ist heute zu Unrecht fast vergessen. Der im Herbst 2025 gegründete Panthomo Verlag hat nun ein Buch mit Texten von Oskar Baum herausgegeben. Die in dem Band versammelten Texte stammen aus den Jahren 1911 bis 1938, ein guter Teil erscheint zum ersten Mal in Buchform.
1883 in Pilsen geboren, starb Oskar Baum 1941 im besetzten Prag, seine Frau Grete 1943 in Theresienstadt. Neben der Blindheit, Baum verlor als Elfjähriger sein Augenlicht, und der Musik, er war Klavierlehrer und Musikkritiker, hat auch der jüdische Hintergrund des Autors das Werk in hohem Maße geprägt. Baum setzte sich auch früh mit dem Nationalsozialismus auseinander, so veröffentlichte er im August 1933 eine Satire mit dem Titel Das Rasseïn.
Wir freuen uns im Folgenden einen Text von Verleger Ulrich Kölker zu Oskar Baums Verhältnis zur Musik veröffentlichen zu können, der auf vier in dem Band enthaltene Geschichten eingeht.
Das Buch ist im Panthomo Verlag erschienen und im Buchhandel erhältlich.
Oskar Baum, Die Braut des Narren, Erzählungen, Miniaturen, Feuilletons, Panthomo Verlag 2025, Paperback, 290 S., ISBN 978-3-912409-03-1, 15,00 €
Oskar Baum und die Musik
Von Ulrich Kölker
Von Geburt an auf einem Auge sehschwach, erblindete Oskar Baum mit acht Jahren auf diesem und als Elfjähriger nach einem tätlichen Angriff durch tschechische Kinder auch auf dem anderen. Da er das Gymnasium seiner Geburtsstadt Pilsen nun nicht mehr besuchen konnte, gaben ihn seine Eltern – schweren Herzens, darf man wohl vermuten – in die Obhut des Israelitischen Blindeninstituts auf der Hohen Warte in Wien, wo er bis zum Ende der Schulzeit blieb. Dank seiner hohen Musikalität wie auch wohl seiner privilegierten Herkunft wurde er dort nicht wie so viele Zöglinge der Blindenschulen auf manuelle Tätigkeiten wie das Korbflechten vorbereitet, sondern erhielt eine solide musikalische Ausbildung, die 1902 mit einer staatlichen Prüfung für Klavier und Orgel abschloss. Sein Lehrer war der selbst als Kind erblindete Komponist, Pianist und Organist Josef Labor, über den er Jahrzehnte später, ohne allerdings das persönliche Verhältnis mitzuthematisieren, in dem Aufsatz Der Blinde und die Künste schrieb.
Nach den Wiener Jahren zog Baum nach Prag, wo seine Familie bereits seit 1899 lebte. Max Brod schreibt in Der Prager Kreis, er habe dort erst als Organist in einer Synagoge gearbeitet und sei dann Klavierlehrer geworden. Dies ist wohl nicht ganz richtig, denn wie aus einer vom 5. Januar 1903 datierenden Zeitungsmeldung in der Montags-Revue aus Böhmen hervorgeht, bot er bereits zu diesem Zeitpunkt Klavierunterricht an. Es ist hier also eher von einem Neben- als von einem Nacheinander auszugehen. Später veranstaltete Baum wie andere Prager Klavierlehrer auch einmal im Jahr ein Schülerkonzert. In einer im Prager Tagblatt erschienenen Besprechung des Konzerts von 1909 werden 21 Teilnehmende namentlich genannt. Er hatte also eine große Schülerschaft, brauchte die sicher auch, um seine nach der Geburt des Sohnes Leo dreiköpfige Familie ernähren zu können.
1922 wurde der mittlerweile renommierte Autor – wie es heißt, auf Wunsch des Staatspräsidenten Masaryk – Musikkritiker der ein Jahr zuvor gegründeten deutschsprachigen Tageszeitung Prager Presse und blieb dies bis 1938, da wurde er vor dem Hintergrund der sich mehr und mehr verschärfenden politischen Lage entlassen. Wie Max Brod schreibt, war Baum einer der angesehensten Musikkritiker in Prag. Er zeichnete sich durch eine große Offenheit allen neuen musikalischen Tendenzen gegenüber aus und versuchte den Kulturinteressierten auch Schwieriges, auf Widerstände Stoßendes wie die Atonalität und die Vierteltonmusik nahezubringen.
Ein Vertreter oder Vermittler – ganz eindeutig ist das wie auch anderes in der kleinen Geschichte nicht – der vom Kritiker Baum mit Sympathien begleiteten neuen Musik ist Dr. Gerani in der skizzenhaften Erzählung Nach einem Erdbeben. Diese bezieht sich, wie einer Reihe von Textsignalen zu entnehmen ist, intertextuell auf Kleists Novelle Das Erdbeben in Chili. Deren Protagonist trägt den Namen Jeronimo Rugera, der Name Gerani ist aus drei in diesem enthaltenen Silben zusammengesetzt und klingt trotz der fehlenden vierten Silbe an Jeronimo an. Rugera und Gerani sind beide junge Männer und machen sich beide nach dem Beben auf die Suche nach einer Frau, der eine auf die nach seiner Geliebten Josephe, der andere auf die nach seiner schönen Freundin Felice (auch diese Namen weisen Übereinstimmungen auf, sie bestehen beide aus drei offenen Silben und tragen den Akzent auf der zweiten). Kleists Erdbebengeschichte geht mit der Darstellung von Unheil und Gewalt bis an die Grenzen des realistischen Erzählens, während die Baums diese in Richtung auf das Traumartig-Unwirkliche hin überschreitet. Die Schöne, die Dr. Gerani findet, in der er seine Freundin aber erst nur halb erkennt, steht auf einer hohen Säule, erscheint damit wie die christliche Gottesmutter in den Mariensäulen (auch Prag besitzt übrigens eine und Pilsen eine Pestsäule mit Madonna) als Objekt der Adoration und zugleich – sie befindet sich in einer äußerst prekären Lage, vermag auf dem schmalen Rund kaum noch das Gleichgewicht zu halten – als Verkörperung der Fragilität menschlicher Existenz.
Hat Dr. Gerani ein reales Vorbild? Die Frage ist, da man wenig über die Figur erfährt, vielleicht nicht ganz naheliegend, da es aber in anderen Texten Baums Bezugnahmen auf reale Personen gibt, auch nicht abwegig. Anböten sich der Prager Hermann Grab und der mit diesem befreundete Theodor W. Adorno. Beide waren zu dem Zeitpunkt der Veröffentlichung (März 1933) 29 Jahre alt, beide waren promoviert, waren Musiker und Musikkritiker (Adorno auch Musiktheoretiker) und »Propagandisten« der neuen Musik. Eine persönliche Bekanntschaft Baums mit dem jungen Prager Kritikerkollegen ist wahrscheinlich, und dass er die Beiträge Adornos in der renommierten Musikzeitschrift Anbruch zur Kenntnis genommen hat, darf vermutet werden.
Die in dem kleinen Kurort Zuckmantel spielende Novelle Der letzte Ausweg erzählt von einem jungen Komponisten und Dirigenten in einer psychischen und kreativen Krise. Wegen dieser sucht er in einer Kurklinik Erholung, findet die auch, kann darum endlich wieder komponieren, muss dann aber erkennen, dass seine finanziellen Mittel für die Auszeit, die er bräuchte, um seine psychische Stabilität und Kreativität dauerhaft zurückzuerlangen, nicht ausreichen. In seiner Not verfällt er darauf, eine der bürgerlichen Ehefrauen aus den Reihen der Kurgäste zu verführen und zu bestehlen. Die Novelle verweigert die Heroisierung des Schöpferischen als Verkannten, der Protagonist ist im Gegenteil jemand, der den Weg in den Kulturbetrieb bereits gefunden hat, in diesen eingespannt ist, mit dem Risiko der Überbeanspruchung, des Raubbaus an den eigenen Ressourcen, der aber funktionieren muss, um sich in einer von bürgerlicher Abgesichertheit weit entfernten Existenz behaupten zu können. Die Rettung, die am Ende eine eintreffende Honorarzahlung bringt, ändert an diesem Tatbestand nichts.
Der Ich-Erzähler in der Geschichte Liebe ohne Anfang stellt sich als »jungen, noch wenig aufgeführten Komponisten« vor, seine Karriere ist also anders als die des Protagonisten aus Der letzte Ausweg noch kaum in Gang gekommen. Er verdient darum seinen bescheidenen Lebensunterhalt mit dem Erteilen von Klavierunterricht, ist damit in der gleichen Situation wie der Autor in seinen Anfängen. In einem Schnellrestaurant, wo er aus Kostengründen täglich isst, verguckt er sich in eine dort gleichfalls regelmäßig essende Frau. Wie bemerkenswert die Geschichte als Werk eines schon vor der Pubertät Erblindeten ist, erkennt man, wenn man sie vor dem Hintergrund dessen liest, was Baum in dem Feuilleton-Text Die ungesehene Frau über das Sichverlieben bei Blinden sagt, wo all die Akte visueller Kommunikation fehlen, die bei Fünfsinnigen den Prozess der Annäherung steuern. Der Autor konnte bei der Schilderung des Spiels der zwischen einem Mann und einer Frau hin und hergehenden Blicke und körpersprachlichen Signale auf selbst Erlebtes nicht zurückgreifen.
Blind wie Oskar Baum ist Konrad, der junge Protagonist der Erzählung Das fremde Reich. Konrad ist Zögling eines Blindeninstituts und wird dort wie Baum auf der Hohen Warte musikalisch gefördert. Nach einem Generalprobenkonzert, an dem er als Organist teilgenommen hat, wird der sexuell völlig Unerfahrene von einem jungen Mädchen verführt. Ob auch Baum bereits als Schüler vor Publikum gespielt hat, ist nicht bekannt, später hat er es aber auf jeden Fall getan. So ist er z. B. im November 1906 im musikalischen Rahmenprogramm einer Veranstaltung des Deutschen literarisch-künstlerischen Vereins in Prag als Pianist auf getreten (Prager Tagblatt vom 23.11.). Für 1906 ist auch schon ein Vortrag belegt und bereits da beeindruckte Baum sein Publikum (Prager Tagblatt vom 21.12.). Wenn er wie Konrad frühe Auftritte als Musiker hatte, waren die sicher eine gute Vorbereitung auf die spätere Lese- und Vortragstätigkeit des Autors. Wie die Blindheit und die jüdische Herkunft hat auch der musikalische Background deutliche Spuren in Oskar Baums Werk hinterlassen. Die vier in den Auswahlband Die Braut des Narren aufgenommenen Erzählungen können als exemplarisch für diesen Aspekt des OEuvres gelten.
Dieser Beitrag erschien zuerst in Panthomo-Post, dem PDF-Magazin des Panthomo Verlags.
Oskar Baum, Die Braut des Narren, Erzählungen, Miniaturen, Feuilletons, Panthomo Verlag 2025, Paperback, 290 S., ISBN 978-3-912409-03-1, 15,00 €.



