Eine Liebeserklärung gegen den Hass

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In einer Zeit, in der Gewalt, Polarisierung und sprachlose Wut den öffentlichen Diskurs prägen, wirkt Ahmad Milad Karimis Text wie ein leiser, aber entschiedener Gegenruf. Die Schönheit des Judentums. Eine muslimische Liebeserklärung ist kein politisches Manifest und kein theologischer Traktat im klassischen Sinn, und gerade darin liegt seine Kraft. Es ist ein zutiefst persönlicher, zugleich ethisch verpflichtender Essay, der sich bewusst gegen die Logik des Hasses stellt.

Von Kadir Boyaci

Ausgangspunkt des Textes ist eine Welt im Ausnahmezustand. Die Eskalation von Gewalt, das Leid in Israel und Gaza sowie die zunehmende Enthemmung antisemitischer und antimuslimischer Ressentiments werden klar benannt. Karimi verschweigt diese Realität nicht und relativiert sie auch nicht. Doch er weigert sich, die Wut zum letzten Wort werden zu lassen. Stattdessen stellt er die Frage, was bleibt, wenn Hass alles übertönt. Seine Antwort ist ebenso radikal wie unbequem: die Liebe.

Diese Liebe ist keine sentimentale Geste. Karimi entfaltet den bewusst provokanten Begriff der „Judenliebe“ ausdrücklich gegen jede Form von Romantisierung oder Philosemitismus. Liebe bedeutet hier Beziehung, Nähe und die Anerkennung der Eigenständigkeit des Anderen. Sie schließt Kritik nicht aus, sondern setzt sie voraus. Liebe erscheint nicht als Flucht aus der Realität, sondern als bewusste ethische Entscheidung, dem Anderen seine Würde nicht abzusprechen, selbst dort, wo Schmerz, Zorn und politische Ohnmacht dominieren.

Theologisch führt der Text tief in die gemeinsame spirituelle Landschaft von Judentum und Islam. Karimi erinnert an die geteilten Wurzeln, an Abraham, Mose und den Exodus, an die gemeinsame Suche nach Gerechtigkeit, Demut und Hingabe. Diese Nähe ist für ihn kein historisches Detail, sondern eine gegenwartsbezogene Verpflichtung. Wer diese Verbundenheit verdrängt, so die implizite Warnung, verliert mehr als nur Dialogfähigkeit. Er verliert einen Teil seiner eigenen religiösen Tiefe.

Besonders eindrücklich ist der zweite Teil des Buches, in dem Karimi eine persönliche Begegnung mit der Kippa schildert. Das scheinbar kleine Ritual, das Aufsetzen der Kippa in einer Synagoge, wird zu einer dichten Symbolerfahrung. Die Kippa steht für Demut, Verletzlichkeit, Geschichte und Freiheit zugleich. Sie wird nicht angeeignet und nicht behalten, aber sie hinterlässt eine Spur. Was bleibt, ist eine innere Haltung: Achtung vor dem Anderen, Respekt vor seiner Tradition und das Bewusstsein einer Schönheit, die nicht trennt, sondern verbindet.

Sprachlich ist der Text ruhig, poetisch und präzise. Karimi argumentiert nicht laut, sondern insistierend. Er klagt nicht an, sondern lädt ein, zum Nachdenken, zur Selbstprüfung und zur Verantwortung. Gerade dadurch entfaltet der Text eine starke normative Wirkung. Er fordert Leserinnen und Leser heraus, sich zu positionieren, nicht parteipolitisch, sondern menschlich und religiös.

Die Schönheit des Judentums ist damit weit mehr als eine Liebeserklärung an eine andere Religion. Es ist ein Plädoyer für Dialog als Haltung, für Anerkennung ohne Vereinnahmung und für eine Liebe, die sich dem Hass widersetzt, auch wenn sie keine schnellen Antworten bereithält. In einer Zeit der Verhärtungen erinnert dieses Buch daran, dass Frieden nicht dort beginnt, wo Konflikte verschwinden, sondern dort, wo Menschen sich weigern, den Anderen zu entmenschlichen.

Kadir Boyacı ist Soziologe und islamischer Theologe sowie Geschäftsführer des Forums für Interkulturellen Dialog e.V.

Ahmad Milad Karimi, Die Schönheit des Judentums. Eine muslimische Liebeserklärung, Patmos Verlag 2026, 80 S., Euro 12,00, Bestellen?

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