Über das Historisieren eines braunen Erbes

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Bei der Eröffnung der Olympischen Winterspiele 2026 in Mailand

Die olympischen Winterspiele 2026 in Italien befinden sich zum Zeitpunkt der Niederschrift dieses Textes bereits auf der Zielgeraden und mit der obligatorischen Schlussfeier öffnet sich langsam auch schon der Vorhang für die Sommerspiele 2028 in der US- amerikanischen Stadt Los Angeles als nächstem Sport- Großereignis. Solche globalen Events sind für die ausrichtenden Länder gleichermaßen lukrativ als auch kostspielig in der Planung und Organisation. Die mediale Vermarktung des Spitzensports ist seit je her dessen Dauerbegleiterin.

Von Hans-Peter Häfele

Für einige Irritationen sorgte kürzlich die Meldung, dass die „Olympic Heritage Collection“, als offizielle Vermarktungsagentur des IOC, die hauseigene Produktpalette mit einem neuen T- Shirt im Sortiment komplettiert hatte. Dessen aufgedrucktes Bild- Motiv sorgte indes für allerlei kritische Nachfragen. Beim stofflichen Menetekel handelt es sich um ein T- Shirt zur Eigenwerbung des IOC, welches die Olympiade 1936 in Berlin promotet. Der Vertrieb des in allen Grössen angebotenen und 39 Euro teueren Kleidungsstücks ward über den „offiziellen Fan- Shop“ des IOC abgewickelt. Das gemalte und nun aufgedruckte Bild selbst zeigt einen muskulösen Athleten mit Lorbeerkranz vor der Quadriga des Brandenburger Tors, darüber die olympischen Ringe mit dem Aufdruck „Germany Berlin Olympic Games 1936“. Das Motiv geht auf einen Entwurf von Franz Würbel zurück, dem Chef- Designer des Nazi- Regimes für die Olympiade 1936. Die Auflage selbst sei streng limitiert und nach Angaben des IOC seit geraumer Zeit restlos ausverkauft. Eine nahe liegende Frage wäre es zu erfahren, welcher Personenkreis für diese T- Shirts eigentlich ein Interesse entwickelt.

 

 
 
 
 
 
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Zweifellos steht ein solches Symbol- Bild zumindest hier in Deutschland als Synonym für eine gelungene, propagandistische Selbstinszenierung des NS- Regimes im zeitlichen Vorlauf des 2. Weltkrieges, rassistischer Verfolgung und des Holocaust mit 6 Millionen ermordeter Jüdinnen und Juden. Ob der Ausverkauf des gesamten Sortiments durch eine rechtsradikale Käuferschaft erfolgte, war nicht zu verifizieren. Eine politische Blindheit kann bei diesem Erzeugnis dennoch wohl kaum attestiert werden. Auf dem Foto einer Werbe- Anzeige wird das Kleidungsstück gar von einem schwarzen, athletischen Mann stolz präsentiert. Ein aufkommender Verdacht des Rassismus sollte wohl von vorn herein ausgeräumt werden. Die Design- Idee als solche steht schroff im Kontrast zum gängigen Selbstverständnis des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), dem globalen Sportorganisator, der nach offiziellem Bekunden selbstläuternd die eigene Rolle in den „dunklen“ 12 Jahren des deutschen NS wissenschaftlich aufgearbeitet habe und dieses aufpolierte Image es ihm bis dato gestattete, dasselbige im Geiste der Völkerverbindung wie eine Monstranz vor sich her zu tragen. In Zeiten einer virulenten, rechten kulturellen Hegemonie liegt es Nahe, den ganzen Vorfall nicht vorschnell als eine unbedeutende Randnotiz, gar als einen zu korrigierenden Lapsus durch zu winken.

Weitet man das Blickfeld auf die bereits seit geraumer Zeit in unsere politische Alltagskulturen eingesickerten, einschlägigen Symbolwelten, so lassen sich in Analogie zum oben skizzierten Skandalon des IOC, unschwer durchaus Parallelen in der Vermarktung von politischer Gesinnung und auch im Geschäftsmodell des Sports als Ware feststellen. Symbole sind Träger eines eindeutigen Sinns und Erfüllen ihre Funktion als Zeichen identitärer Zugehörigkeit. Wir haben uns mittlerweile daran gewöhnt, dass uns sowohl verpönte und bisweilen rechtlich strafbewehrte Inhalte, verklausuliert über Codes, Chiffren und eben Symbolbilder begegnen und medial massenhaft Verbreitung finden. Wo eine vermeintlich legitime „Israelkritik“ geübt und Zionismus als „koloniales Unrecht“ angeprangert wird, versteckt sich unzweideutig ein antisemitisches Ressentiment. Das „rote Dreieck“ als Bestandteil der palästinensischen Flagge dient als isoliertes Symbol zur Feindmarkierung und muß als offener Aufruf zur Vernichtung der Juden interpretiert werden. Politische Szenen kommunizieren und interagieren über ihre subtilen oder eindeutig zuweisbaren Dress- Codes. Die Eindeutigkeit der Message offenbart sich meist in der Logik eines Zahlencodes im Arrangement mit der Dramaturgie einer Grafik. Trotz einer Unschuld in der Darstellung wird dennoch die Gesinnung des Käufers oder Artikel- Trägerin transparent. Auch die Kundschaft im rechten Spektrum giert förmlich nach neuen und dennoch retrospektiven Produkten zur Identifikation.

Bei der Wahl der Nazi- Symbolik durch den IOC liegt der Fall dennoch etwas anders. Das T-Shirt kann gleichermaßen für die Fans der olympischen Leistungsschau als auch für das einschlägig Klientel für rechte Szene- Marken attraktiv sein. Ob in der Marketing- Abteilung des IOC der prinzipielle Wunsch einer dreisten Entsorgung der eigenen, braunen Historie Pate stand oder zuvörderst das rein pekuniäre Kalkül, ein bisher nicht ausgeschöpftes, politisch rechtes Marktsegment bedienen zu wollen, sei dahin gestellt. Daß das IOC am liebsten auch den anrüchigen Erbanteil des eigenen Geschäftsmodells, ergo den die mediale Totalvermarktung des Sportspektakels bremsenden braunen Geschichts- Müll entsorgen möchte, verwundert eigentlich nicht wirklich. Märkte sollen, dem herrschenden Credo zufolge, bekanntlich immer Recht haben und das Design der Retro- Ikonographie sucht mit seiner eigentümlichen, die antiken Schönheitsideale beschwörenden Warenästhetik stets auch Anschluss an den Zwang universell rentabler Verwertung.

Der Fetisch eines als unpolitisch propagierten Leistungsethos im globalen Wettbewerbsdenken geht mit der Suggestion einer bruchlosen historischen Kontinuität Hand in Hand. Was sich vermarkten lässt soll Recht haben und als Ware per se unschuldig sein. Aufrufe zur Völkerverständigung und Appelle an die Menschlichkeit verkommen so zum Gefasel und ließen sich seit je her und lassen sich, wie heute, in Zeiten des hippen, rechten popkulturellen Zeitgeistes, seinen Milieus und Marktsegmenten mit einem nationalen Wettbewerbsheroismus durchaus lukrativ verbinden. Gebt dem Volk Brot, Spiele und den seriell produzierten Erinnerungskitsch gleich noch mit oben drein. Die Option der nationalistischen Verblendung lag auch der „Olympischen Idee“ als deren offenen Flanke mit in deren Wiege und ließ sich nie ganz verleugnen. Kapitalistisches Leistungsethos und staatliche Barbarei, wie hier im Foto- Motiv der „Nazi- Spiele“ von 1936, sollen nach Auffassung des IOC, als ikonischem Symbol einer behauptet freischwebenden (Nazi-) Ästhetik problemlos parallel laufen dürfen. In der Kritik des routinierten Politikbetriebes hat die Rede vom Gedenken als der höchsten Form des Vergessens ihren festen Platz. Der Wunsch, das eigene, braune Erbe zu tilgen, kann gleichermaßen in Gestalt der Schuldanerkennung und einem postumen Historisieren derselben bewerkstelligt und so in eine Chronik der Normalität eingereiht werden. Der zeitlos edle Geist der olympischen Idee soll vom Krieg und der Industrie der Massenvernichtung geschieden sein.