
Von Thies Marsen und Jim Tobias
Als die Alliierten im Frühjahr 1945 das NS-Regime besiegt und Deutschland besetzt hatten, konnten sie noch etwa 50–70.000 Juden aus den Konzentrations- und Zwangsarbeiterlagern befreien. Für diese Überlebenden errichtete die US-Militärregierung eigene jüdische Displaced Persons (DP) Lager, in denen allein in Bayern Zehntausende Schutz und Versorgung fanden. Neben den großen Lagern in Föhrenwald, Feldafing oder Landsberg bestanden in vielen Städten und Gemeinden auch sogenannte DP-Communities, wie etwa in Bayreuth, Dachau, Bamberg, Augsburg oder München. Zeitweise wurde sogar erwogen aus einer Region alle deutschen Bewohner zu evakuieren und dort so etwas wie einen temporären „bayerischen Judenstaat“ zu etablieren. Diese Idee, die General Eisenhower und David Ben Gurion (der spätere erste Ministerpräsident von Israel) ernsthaft diskutierten, wurde jedoch verworfen, sie findet selbst bei Historikern kaum Beachtung.
Pogrome in Polen und anderen osteuropäischen Ländern führten ab 1946 zu einer Massenflucht paradoxerweise nach Deutschland – jedoch unter den Schutz der alliierten Militärs. 1947 lebten etwa 200.000 Juden in den „jüdischen Wartesälen“, und hofften auf eine Auswanderung nach Palästina oder Übersee.
Gleichwohl kam zwischen 1945 und 1949 – mitten im Land der Täter – die fast vollständig vernichtete jüdische Kultur Osteuropas zu einer neuen Blüte. Noch nie in der deutschen Geschichte entstand in so kurzer Zeit eine solche Vielfalt an jüdischen Berufs-, Volks- und Religionsschulen – in München wurde sogar ein hebräisches Gymnasium gegründet –, an Theatergruppen, Synagogen, an zionistisch orientierten politischen Vereinigungen und Parteien. In den Bischofsstädten Bamberg und Eichstätt etablierten sich religiöse Hochschulen; die Überlebenden der Shoa gaben jiddischsprachige Zeitungen heraus und gründeten sogar eigene Fußballvereine. Dort spielten etwa die Mannschaften von Ichud Landsberg, Makabi München, Bar Kochba Regensburg oder Hapoel Bad Reichenhall um die Meisterschaften in der jüdischen Fußball-Liga.
Bleiben wollte auf der blutgetränkten deutschen Erde jedoch keiner. Für viele war eine sichere Zukunft nur in einem eigenen jüdischen Staat in Palästina denkbar. Dass dieses die arabischen Nachbarn nicht dulden würden, war nicht nur der zionistischen Führung klar, obwohl ein UN-Beschluss vorlag, das ehemalige britische Mandatsgebiet in einen jüdischen und einen arabischen Staat zu teilen. Deshalb wurde in den Camps ein geheimes Militärprogramm durchgeführt, bei dem Tausende von jungen Männern, aber auch einige Frauen, rekrutiert und als Soldaten ausgebildet wurden. Mit der Waffe in der Hand machten sie die Gründung Israels erst möglich und verteidigten den Staat gegen die arabischen Aggressoren.
In den beiden Radiofeatures (Teil 1: Bayern unterm Davidstern, 10. Februar, 9.20h; Teil 2: Von Bayern ins gelobte Land, 11. Februar, 9.20h) beleuchten die Autoren Thies Marsen und Jim Tobias dieses, im öffentlichen Bewusstsein kaum verwurzelte Kapitel der bayerischen Heimatgeschichte.
Nach Ausstrahlung stehen die Sendungen als Podcast in der ARD Audiothek zum Nachhören und Download bereit (Teil 1,Teil 2)


