Das moderne Iran

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Dieser Artikel stellt die deutsche Wiedergabe eines hebräischen Vortrags dar, den Dr. Walter Fischel, Jerusalem, nach der Rückkehr von seiner 2. Forschungsreise nach Mittelasien (Sommer 1936) im palästinensischen Radio gehalten hat. So kündigte die Redaktion der Jüdischen Rundschau, dem Organ der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, diesen Beitrag an, den sie am 30. Oktober 1936 veröffentlichte.

Walter Fischel wurde 1902 in Frankfurt a.M. geboren, studierte Volkswirtschaft und legte 1924 eine Promotion in Soziologie, Wirtschaftsgeschichte und Philosophie vor. Zwei Jahre später promovierte er in Gießen in semitischen, islamischen und orientalischen Sprachen. Zwischen 1926 und 1945 war er als Dozent an der Hebräischen Universität in Jerusalem tätig und unternahm Forschungsreisen in den Mittleren Osten und nach Indien. 1945 wurde er an die Berkeley University in Kalifornien als Professor für jüdische Studien und Geschichte berufen. Er starb 1973 in Berkeley.

Der Beitrag Walter Fischels über den Iran aus dem Jahr 1936 zeugt von der großen Hoffnung auf Erneuerung. Aus heutiger Sicht eine bittere Fehleinschätzung, kämpft doch die Befreiungsbewegung im Iran derzeit für genau das, was Fischel vor 90 Jahren bereits als erreicht wahrnahm.

Das Moderne Iran

Beobachtungen auf einer Reise

Von Dr. Walter Fischel, Jerusalem

Wer im Jahre 1936 vom Westen, von Jerusalem über Damaskus-Bagdad kommend, aus der Ebene des Tigris herauffährt zu dem erhabenen Hochplateau Irans längs jener historischen Heeresstraße, die schon unter den Schritten der Legionen eines Cyrus, eines Darius und Alexanders gezittert hat, an den ältesten historischen Monumenten iranischer Kultur, an den Felsreliefs von Taqibustan und Besituns vorbei, wer jenes gewaltige Land Iran von der irakischen Grenze durch die Pässe des Zagros über Hamadan, Teheran bis nach Meshhed an der afghanischen Grenze forschend und betrachtend durchquert, dem offenbart sich ein überraschendes Geschehen: der fühlt an einer merkwürdigen Dynamik des Lebens, daß in dieses orientalische Land ein neuer Geist eingezogen ist. Jenes Volk der Perser, das in den letzten Jahrhunderten durch die Schwäche seiner Herrscher und den Fanatismus seiner Geistlichkeit in das Dunkel der Geschichte zurückgefallen nd zu einem der rückständigsten und intolerantesten Länder geworden war, beginnt unter der Führung von Riza Schah Pehlevi wieder ein aktiver Faktor im politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Leben Asiens zu werden.

Außer der Türkei befindet sich wohl kein Land im Orient mitten in einem so gewaltigen Umbau und Erneuerungsprozeß wie Iran. Was sich in Iran eben vollzieht, ist nichts Geringeres als der Uebergang aus einem kirchlich-gebundenen mittelalterlichen Staat zu einem weltlich säkularisierten nationalen Staat. Der heutige Herrscher Irans, dessen romantischer Aufstieg vom einfachen Soldaten zum Alleinherrscher Persiens eines der interessantesten Kapitel moderner Orientgeschichte darstellt – geht mit aller Energie daran durch Anpassung des Staatslebens an die europäischen Lebensformen des 20. Jahrhunderts, durch Ueberwindung des klerikal-islamischen Einflusses und durch Erfüllung des Volkslebens mit den Werten der alten iranischen Kultur, Iran zu einem politisch und wirtschaftlich unabhängigen Staat zu gestalten, damit noch einmal die Sonne Irans über Asien leuchten möge. Gleich einem Peter dem Großen versteht es der Schah alles, was Europa an Fortschritt und Errungenschaften auf dem Gebiete der Technik nd Zivilisation bieten kann, in sein Land zu ziehen und es ihm dienstbar zu machen.

Zivilisatorische Errungenschaften

Wer nach Teheran kommt, ist überrascht zu sehen, mit welchem Tempo und in welchem Umfang dort gebaut wird, wie Oper, Museum, Universität, Krankenhäuser und Radiostation, Nationalbank, Regierungspaläste und andere prunkvolle Gebäude entstehen, wie die Industrialisierung fortschreitet, Fabriken für Reis, Zucker, Baumwolle, Konserven entstehen, wie die Wege sich verbessern, Staudämme, Brücken, Häfen am Kaspischen See und am Persischen Golf angelegt werden, wie erfolgreich die Ansiedlung der Nomadenstämme sich vollzieht, wodurch die letzten Herde der Unruhe und Unsicherheit mit den Waffen der modernen Zivilisation vernichtet werden, mit welchem Eifer eine eigene iranische Fluglinie vorbereitet wird und mit welchen Interesse, vor allem der Bau der transiranischen Eisenbahn verfolgt wird, die den Nordes des Landes mit den Häfen und Zugangsstraßen des Südens verbinden soll – wohl eines der größten politischen und technischen Ereignisse des Asiens unserer Tage – das ungeahnte wirtschaftliche Möglichkeiten zur Folge haben wird -, kurz eine ungeheure Dynamik, ein pulsierendes unorientalisches Leben auf dem Gebiete von Wirtschaft und Politik, das den Palästinenser stark an Tel-Awiw und die neuen Siedlungen erinnert. Er wäre aber falsch und nur oberflächliche Betrachtungsweise, wollte man glauben, daß sich in diesem Europäisierungsprozeß von Staat und Wirtschaft das iranische Erneuerungsstreben erschöpfen würde. Europa ist nur Mittel, Instrument zur Schaffung eines nationalen Staates; der geistige Gehalt, der kulturelle Inhalt wird jedoch ganz anderen Kräften entlehnt.

Erfahrungen während zweier Forschungsreisen nach Persien im Winter 1930 und im Frühjahr 1936, Begegnungen und Unterhaltungen mit den führenden Schichten des neuen Iran lassen erkennen, daß hinter diesem außerlichen Assimilationsprozeß an Europa noch ganz andere Tendenzen verbrgen sind, die erst das eigentliche, tiefere Wesen der iranischen Renaissancebewegung verstehen lassen. Es tritt nämlich neben die Europäisierung noch die Tendenz der Säkularisierung und der Iranisierung hinzu.

Säkularisierung des Lebens

Die Tendenz der Säkularisierung, die Befreiung des Individuums und des Staates von den Fesseln einer übermächtig gewordenen islamischen Kirche und Geistlichkeit findet ihren sichtbarsten und deutlichsten Ausdruck in der neuen Stellung, die den Nicht-Mohammedaner in dem modernen Iran (Christ, Jude, Zoroaster usw.) angewiesen ist. In Iran, einem 99% islamischen Land, in dem seit Beginn des 16. Jahrhunderts der schiitische und nicht der sunnitische Islam als Staatsreligion herrscht, hat die Geistlichkeit die Vorstellung von der rituellen Unreinheit des Ungläubigen zur Grundlage ihrer interkonfessionellen Politik gemacht. Diese Vorstellung, die im ursprünglichen Islam gar nicht verankert ist, wonach selbst die Berührung eines Gläubigen durch einen Ungläubigen unrein macht, war die Quelle all der Leiden und Verfolgungen, denen die persischen Juden und Christen im Verlauf der Jahrhunderte ausgesetzt waren. Sie bedingte nicht nur, daß sich z.B. der Jude von den Gläubigen unterscheiden mußte durch besondere Kleidung, Kopfbedeckung, besondere Haltung, besondere Höhe der Häuser usw., dies ging soweit, daß der Ungläubige während des Regens nicht einmal auf die Straße gehen durfte, weil der Regen möglicherweise seine Unreinheit auf den Gläubigen übertragen konnte. Diese merkwürdige Vorstellung ist heute abgeschafft und gehört bereits der Geschichte an, und zwar geschah dies durch eine an sich äußerliche Reform: durch die Einführung einer für alle Perser, Juden, Christen, Zoroaster und Moslems einheitlichen Kopfbedeckung. Damit wurde der Gegensatz von Gläubigen und Ungläubigen, von geistlichen und Laien äußerlich überbrückt.

Diese Reform von Schah Riza aus dem Jahre 1928, die vielleicht dem Europäer lächerlich und unwichtig erscheinen mag, hat zur Ueberwindung der religiösen und rassischen Gegensätze und zur Hebung des Nationalbewußtseins und des Zusammengehörigkeitsgefühles aller Bewohner mehr als jede andere Reform beigetragen. Waren es doch gerade die verschiedenen Trachten, Hüte, Farben der Turkmenen, der Luren, der Kurden, der Bachtiaren und wie die einzelnen Stämme alle heißen mögen, und die „Judentracht“ im Gegensatz zu der der Gläubigen, die ein nationales Einheitsbewußtsein der 15 Millionen Bevölkerung Irans immer wieder verhinderte. Der einheitliche Hut ist das äußere Zeichen der Säkularisierung und zugleich der Emanzipation der iranischen Juden. Es wäre heute unmöglich, was mir noch vor sechs Jahren auf meinem Weg nach Isfahan in der persischen Stadt Kum passierte, daß man mir für ein Glas Tee den hohen Gegenwert von einem Schilling abverlangte, weil ich nämlich nicht nur den Tee, sondern auch das Glas zu bezahlen hatte, das durch mich, den Ungläubigen, rituell verunreinigt und damit der Benutzung des Gläubigen entzogen worden war. Religiöser Fanatismus – vor dem Regime des neuen Schah weit verbreitet – ist die seltenste Erscheinung im heutigen Iran geworden. Wie weit die Säkularisierung des öffentlichen Lebens bereits vorgeschritten ist, zeigt sich auch darin, daß in dem Paß eines Persers die religiöse Zugehörigkeit überhaupt nicht mehr registriert wird und jeder, ob Moslem, Jude, Christ oder Zoroaster, nur „Iranischer Staatsbürger“ ist. Die Liquidation der Herrschaft des Klerus zeigt auch folgender Umstand: Während noch vor sechs Jahren das Betreten einer Moschee in Persien für mich mit Lebensgefahr verbunden gewesen wäre, war es mir im Jahre 1936 möglich, mit Erlaubnis der Behörden sogar das größte Heiligtum des schiitischen Persiens, die Moschee in Meschhed, das Mekka der Perser, an der afghanischen Grenze, zu besichtigen, die offiziell von einem Juden wohl noch nie betreten worden war. Ich konnte die großartigen Bauten, die herrlichen Schätze der Moscheebibliothek bewundern und sogar in den heiligen Koranexemplaren mit den Händen eines Ungläubigen blättern und dem Gebet der Gläubigen am Grabe Husseins beiwohnen. Der Bibliothekar dieses Heiligtums übergab mir sogar die Handschriftenkataloge der Mönche als Geschenke für die Hebräische Nationalbibliothek in Jerusalem.

Emanzipation der Frau

Die Säkularisierungsreformen des neuen Regimes erstrecken sich aber nicht nur auf die Männerwelt, die bisher allein das öffentliche Leben bestimmte; auch die persische Frau wurde von den Fesseln einer jahrhundertelangen Tradition befreit durch die Aufhebung des Schleiers. Man muß wissen, was eine unverschleierte Frau in den Straßen einer persischen Stadt früher bedeutet hätte, um zu würdigen, wenn es heute von Staats wegen verboten ist, verschleiert über die Straße zu gehen. Es zeugt von großer politischer Klugheit, daß Schah Riza, der die Entschleierung der Frau schon im Jahre 1930 plante, im Hinblick auf die damaligen Ereignisse in Afghanistan seine Reform vertagte und das Verbot des Schleiers erst im Jahre 1935 verordnete.

Der Bruch mit der islamischen Tradition kommt in dieser Reform zu einem geradezu epochalen Ausdruck. Die Hälfte der Bevölkerung beginnt nunmehr am sozialen, politischen und wirtschaftlichen Leben teilzunehmen, und in der persischen Frauenbewegung, in den Studentinnen usw. zeigen sich schon die positiven Früchte dieser neuen Wandlung. Schwerwiegende soziale und wirtschaftliche Fragen ergeben sich naturgemäß aus dieser Befreiung der Frau von jahrhundertelangen Gewohnheiten. Daß Schneiderinnen, Modistinnen, Kosmetikerinnen, Photographen jetzt eine große Hausse in Iran erleben, versteht sich bei Frauen, die sich erst eben anschicken, sich an den äußeren Lebensstil Europas zu assimilieren. Aber die veränderte Stellung der Frau blieb nicht nur am Aeußerlichen haften, es trat eine grundsätzliche Aenderung des Ehe- und Familienrechts hinzu. So wurde erst kürzlich das Heiratsalter auf 16 Jahre erhöht und die bisher üblichen Kinderehen von 12 und 13 Jahren wurden verboten. Eheschließungen müssen nunmehr registriert werden, auch die Scheidung wird erschwert und die Institution der Zeitehe abgeschafft, auch die Polygamie ungern gesehen, und sie darf nur im Einverständnis mit der ersten Frau erfolgen. In allem offenbart sich der Bruch mit der mittelalterlichen Lebensform und der Wunsch zu einer normalen modernen europäischen Lebensgestaltung auf allen Gebieten des Staates und der Gesellschaft.

Erziehungsaufgaben

Es ist klar, daß die Schaffung eines nationalen säkularisierten Iran in erster Linie eine Erziehungsaufgabe von eminentem Ausmaß ist. Und in der Tat richten sich alle Bemühungen der intellektuellen Führer Irans, mit dem Minister für Erziehung, Hekmat, und dem Dekan der Teheraner Universität, Sadiq, und seinem Professorenstab an der Spitze, darauf, ein neues Geschlecht im Geiste des erneuerten Reiches heranzubilden. Daß unter Riza Schah das Erziehungswesen in Stadt und Land einen solch gewaltigen Aufschwung nehmen konnte, ist typisch. Die Zahl der Schulen und Schüler hat sich gewaltig vergrößert. Während meines Besuches von Schulen und der Universität war ich Zeuge jenes fieberhaften Eifers und Ernstes, mit dem von Jungen und Mädchen gelernt wird.

Worin besteht das Bildungsideal der neuen Renaissancebewegung? Die Antwort darauf führt uns zu der dritten Tendenz des neuen Werdens, zur Iranisierung, die neben Europäisierung und Säkularisierung tritt.

Iranisierung

Die heutige Welt Irans baut nicht mehr auf arabisch-islamischem Grunde auf und weiter, sondern hat zur Grundlage die alte vorislamische iranische Vergangenheit. Man empfindet in weiten Kreisen die 1300 Jahre islamischer Herrschaft nur als eine Episode, manche sogar als ein Unglück, und da die arabische Herrschaft über Persien weder die persische Sprache noch die national-iranischen Traditionen zerstören konnte, knüpfen der Schah und seine Mitarbeiter bewußt an die alte Pehlevi-Kultur an in dem Bestreben, der jungen Generation ein neues Lebens- und Bildungsideal zu vermitteln. Während die Form des neuen Nationalismus Europa entlehnt ist, entstammt der geistige kulturelle Gehalt dem eigenen Boden. Nur so hofft die Nation zur Erkenntnis ihrer selbst kommen und sich wieder schöpferisch auswirken zu können. Das „Zurück zur iranischen Vergangenheit“, zur Pehlevi-Kultur, äußert sich in vielfältigster Weise. Schon der Name der Dynastie, die mit Schah Riza beginnt, nämlich „Pehlevi“, zeigt die Richtung der Renaissancebewegung. Die Aenderung des Namens des Landes von „Persien“ in „Iran“ ist Ausdruck derselben Ideologie. Und ebenso typisch und symbolhaft ist es, daß Firdusi, der große Verkünder und Sammler der alten iranischen Tradition, Vorbild und Held der neuen geistigen Bewegung ist, dem zu Ehren Schah Riza ein Denkmal setzte und eine große Feier von internationalem Rang arrangierte. Die Iranisierung äußert sich in den iranischen Zeitangaben, in der Namensgebung der Kinder, die man nicht mehr mit den alten mohammedanischen Namen — wie Mohammed, Ali, Hussein — benennt, sondern mit Rustum, Feridum und mit Namen anderer Helden der iranischen Vergangenheit, und vor allem in der Behandlung der persischen Sprache. Eine Sprachakademie wurde ins Leben gerufen, die die Aufgabe hat, die iranische Sprache von allen fremden Einflüssen zu reinigen, vor allem die arabischen Fremdworte zu eliminieren. Und noch ist nicht entschieden, ob die arabische Schrift, mit der bisher das Persische geschrieben wurde, nicht doch eines Tages, wie in der Türkei, einem anderen Alphabet — dem lateinischen — weichen wird.

Wie das Gesicht Irans nach Jahrzehnten aussehen wird, kann keiner ahnen. Es ist noch alles zu stark im Werden und im Wachsen; daß aber vom Gesichtspunkt des Kulturfortschrittes und der Menschheitsentwicklung der von Schah Riza eingeleiteten Bewegung eine erfolgreiche Vollendung zu wünschen ist, unterliegt keinem Zweifel.

Wer weiß, ob Persien, das der Welt Staatsmänner vom Format eines Cyrus und Darius, Religionsstifter wie Zoroaster, Dichter und Künder wie Firdusi, Hafis, Omar Chajjam u. a. geschenkt hat, wer weiß, ob nicht dieses Iran noch einmal auf der Bühne des geistigen Geschehens ein großes schöpferisches Wort zu sagen haben und eine welthistorische Rolle zu spielen berufen sein wird?

Ueber die Stellung der Juden in diesem Prozeß der Erneuerung soll gesondert berichtet werden.