Albanese und der „Menschenfeind“ – Ideologische Hintergründe öffentlicher Statements

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Francesca Albanese in Bogotá, Juli 2025, Foto: Fotografía oficial de la Presidencia de Colombia via wikicommons

Francesca Albanes arbeitet zum Nahost-Konflikt als UN-Sonderberichterstatterin. Jüngst sprach sie von einem „Feind der Menschheit“, womit „Israel“ oder ein „System“ gemeint sein könnten. Welche ideologischen Hintergründe weisen die öffentlichen Statements auf? 

Ein Kommentar von Armin Pfahl-Traughber

Antisemitismusforscher müssen bei Einschätzungen immer differenzieren: Geht es beispielsweise um eine antisemitisch oder nicht-antisemitisch motivierte Israelfeindlichkeit. Die letztgenannte Bewertung wäre auch nicht unproblematisch, ginge damit doch eine inhaltliche Verzerrung einher. Gleichwohl ist es wichtig für Einordnungen, ob es sich dabei um eine direkte oder indirekte Judenfeindlichkeit handelt. Ein bedeutsamer methodischer Aspekt ist dabei, inwieweit es sich um einmalige Äußerungen handelt. Anders formuliert es stellen sich folgende Fragen: Bekundete ein bestimmter Akteur noch andere Auffassungen, die in die gleiche Richtung in einem antisemitischen Sinne gingen? Bedienen sich bestimmte Aussagen inhaltlich antisemitisch geprägten Codes, welche dann eine zumindest latent existente antisemitische Einstellung der Gemeinten vermuten lassen?

Den Anlass zu derartigen Betrachtungen liefern jüngste öffentlichen Kommentierungen einer UN-Sonderberichterstatterin: Francesa Albanese, die in dieser Funktion für die besetzten palästinensischen Gebiete zuständig ist. Jüngst äußerte sie: Wir „sehen jetzt, dass wir als eine Menschheit einen gemeinsamen Feind haben, einen Feind.“ Dabei blieb zunächst unklar, wer denn damit gemeint sein sollte. Albanese bekundete nach öffentlicher Kritik, nicht „Israel“, sondern ein „System“ sei damit gemeint. Ein gegenteiliger Eindruck wäre durch ein manipulativ zusammengeschnittenes Video entstanden. Als „Feind“ sei vielmehr ein internationales politisches „System“ markiert worden, welches in Gaza erst einen Genozid möglich gemacht habe. Dieser Auffassung könnten sich all diejenigen nicht verschließen, „die keine großen Mengen an Finanzkapital, Algorithmen und Waffen kontrollieren“.

Handelt es sich hier um antisemitische Aussagen? Blickt man nur auf eine bekundete Feindschaft gegen Juden, so würde man gegenüber dieser Frage eine negierende Position einnehmen. Antisemitismus artikuliert sich aber auch in Codes, Narrativen und Stereotypen. Anders formuliert: Bekannte und traditionelle Bilder können einschlägige Diskurse prägen, ohne dass eindeutige Judenfeindlichkeit in einer offensichtlichen Variante vorgetragen wird. Blickt man nun auf die erwähnten Formulierungen, so lassen sich derartige Kontexte gut wahrnehmen. „Feind der Menschheit“ ist nun einmal ein jahrhundertealtes Stereotyp mit antisemitischem Zuschnitt. Diese Aussage ist unabhängig von der Frage, ob „Israel“ oder ein „System“ gemeint sein sollte, Thema historischen Wissens. Wer ohnehin mit einem Antisemitismusvorwurf konfrontiert ist, sollte einschlägige Sensibilitäten entwickeln.

Bestärkt wird die kritische Aufmerksamkeit für die genannten Bekundungen noch dadurch, dass auch das „Finanzkapital“ offenbar zum gemeinten System gehören würde. Gerade die einseitige Fixierung auf diesen Kontext erlaubt es, eine antisemitische von einer nicht-antisemitischen Kapitalismuskritik hinsichtlich der Motivation zu unterscheiden. Und damit bestehen gleich drei Anhaltspunkte dafür, dass antisemitische Prägungen wichtig waren. Da Albanese dabei nicht erstmalig antisemitische Einstellungen zugeschrieben wurden, hätte sie andere Begriffe nutzen und problematische Stereotype vermeiden können. Darüber hinaus fielen die zitierten Aussagen auf einem „Forum“, das „Al-Jazeera“ als Konferenz durchführte. Damit bewegte Albanese sich in einem Kontext, der durch Hamas-Affinität und Israelfeindlichkeit geprägt ist. Auch diese Beobachtung spricht nicht für die „Diplomatin“.