Liebe als Widerstand in der Geiselhaft

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"Arbel Jehud, ich liebe Dich", Ariel nach seiner Freilassung, © Photo: IDF Spokesperson

Als Arbel Jehud nach 482 Tagen Ende Januar 2025 freikam, waren es schreckliche Bilder, die ganz Israel gebannt an den Bildschirmen verfolgte. Die zierliche junge Frau inmitten einer aufgeheizten fanatischen Menschenmenge, zwischen vermummten Terroristen, chaotische, bedrohliche Szenen, bis Arbel endlich im Fahrzeug des Roten Kreuz saß. Diese Szene beobachtete auch ihr Lebensgefährte Ariel Cunio, allerdings in Gaza, wo er weiter in Gefangenschaft blieb. Er kam erst im Oktober mit den letzten lebenden Geiseln frei.

Arbel kämpfte seit ihrer Freilassung mit den übrigen Familien der Geiseln für ein Abkommen, das auch Ariel nach Hause bringt. Die Bilder von ihrem Wiedersehen lassen die große Liebe und die unendliche Sehnsucht der beiden erahnen.

Letzte Woche gaben die beiden dem israelischen Fernsehsender Arutz 12 ein ausführliches Interview. Jedes Interview, das freigelassene Geiseln gaben, brachte wieder und wieder schockierende Details hervor, die von der Unmenschlichkeit der Terroristen in Gaza zeugen. So auch dieses, in dem Arbel bestätigte, was man nur befürchten musste. 

Arbel und Ariel stammen aus Nir Oz, jenem Kibbutz, der am 7. Oktober so schwer getroffen wurde. Jeder vierte Bewohner wurde ermordet oder entführt. Die Armee traf erst ein, nachdem der letzte der Terroristen, die in verschiedenen Wellen den Kibbutz überfallen hatten, bereits wieder in Gaza war. Die beiden wuchsen zusammen auf, wurden ein Paar, lebten im Viertel der Jungen in Nir Oz. Am 7. Oktober 2023 wurden sie von der Terrororganisation Islamischer Jihad verschleppt, gemeinsam, doch kurz nach der Ankunft in Gaza wurden sie getrennt und jeder von ihnen musste die gesamte Zeit der Gefangenschaft alleine erleiden. „Es ging alles so schnell“, erinnert sich Ariel in dem Interview. „Kein Abschied. Kein letzter Blick. Ich konnte ihr nicht einmal sagen, dass ich sie liebe.“ 

Ariel wurde an verschiedenen Orten festgehalten, zu Beginn in einem winzigen Raum über einem Laden. „Es war so eng, dass ich kaum stehen konnte“, erzählte er. „Die Hitze war unerträglich, die Luft stickig. Es gab kaum Licht. Man verliert jedes Zeitgefühl.“ Auch Arbel wurde unter schwierigen Bedingungen gefangen gehalten. Sie erzählt wenig Details, betont nur, dass es klar war, dass sie völlig ausgeliefert gewesen sei.

Als die Ungewissheit zu unerträglich wurde, konnten sie die Terroristen überzeugen, kleine Nachrichten zu überbringen. Nachrichten, die sie als Anker in der Finsternis beschreiben. Nur wenige Worte, die so viel Kraft spendeten. Arbel erinnert sich an ihren letzten Brief: „Ich schrieb einfach nur: ‚Ich liebe dich.‘ Mehr war nicht erlaubt.“ Auch diese kurzen Nachrichten wurden ihnen bald verboten und beide verfielen in komplette Isolation, die dunkle Gedanken hervorbrachte. Arbel berichtete von mehreren Versuchen, sich das Leben zu nehmen. Sie kann noch nicht offen darüber sprechen, was ihr in der Gefangenschaft angetan wurde, sagte jedoch, dass ihr die Interviews von anderen freigelassenen Geiseln großen Mut geben. Vor allem das Interview von Romi Gonen, die über den sexuellen Missbrauch sprach, den sie erleben musste, habe bei ihr etwas angestoßen. Romi berichtete in dem Interview, dass sie nach dem Zusammentreffen mit anderen Frauen in der Geiselhaft verstanden habe, dass es ihr mit Abstand am Schlechtesten ergangen sei. Diesen Abstand gebe es auch zu Romi, sagte Arbel und beließ es bei dieser Andeutung, die das Schlimmste auch ohne große Erklärungen offenbart.

Nach ihrem Wiedersehen und wenigen Momenten des Verstehens brach Ariel zusammen. „Ariel und ich setzten uns beiseite und fingen an zu reden“, erzählte Yehud, „und da wurde uns beiden klar, dass er nichts von dem wusste, was ich in der Gefangenschaft erlebt hatte.“ „Selbst wenn ich es verstanden hätte, wollte ich es auf keinen Fall akzeptieren“, fügte Ariel an. Am Ende des Tages reagierte er körperlich, wurde ohnmächtig, bekam Krämpfe. 

Arbel erklärte auch, dass sie beschlossen hatte, ihre Erlebnisse für sich zu behalten, bis Ariel zurückkehrt. „Ich hatte den festen Vorsatz und den tiefen Wunsch, diese Geschichte für mich zu behalten, bis Ariel zurückkehrt. Denn er ist der Mensch, der mir am nächsten steht, und er ist derjenige, mit dem ich sie teilen und dem ich sie erzählen möchte. Und keiner von uns ist noch so weit. Es ist sehr schwer.“ 

Heute leben die beiden zusammen in einer Übergangswohnung in Kiryat Gat. Die Rückkehr ins Leben ist langsam und schmerzhaft. Die Stille sei manchmal lauter als alles andere, so Ariel. Aber sie träumen weiter von einem gemeinsamen echten Zuhause, davon, eine Familie zu gründen. „Das war immer unser Traum. Das haben sie uns nicht genommen.“

Von der staatlichen Hilfe, die die freigelassen Geiseln erhalten, wird sich der Traum von einem eigenen Zuhause nicht verwirklichen lassen. Wie viele andere haben die beiden deswegen die Öffentlichkeit um Hilfe gebeten und in Rekordzeit wurden für Ariel und Arbel über 4 Millionen Schekel gespendet. Zumindest finanziell sind sie damit abgesichert.

Ihr Überleben ist keine einfache Erfolgsgeschichte. Die körperlichen und vor allem seelischen Narben werden sie bis an ihr Lebensende tragen. Aber „wir sind noch hier“, sagt Ariel am Ende des Interviews. Und Arbel fügt hinzu: „Und wir gehen weiter.“