Nach dem Zünden der Kerzen an Chanukka singen aschkenasische Juden meist das „Maos Zur“, ein Lied über Rettung aus der Not und Befreiung aus der Unterdrückung, in dem Gott als „Fels der Zuflucht“ gepriesen wird. Der folgende Beitrag von Rabbiner Viktor Kurrein über die Geschichte des Liedes erschien 1925 in der Zeitschrift „Menorah“.
Viktor Kurrein, Sohn von Rabbiner Adolf Kurrein, wurde 1881 in Linz geboren. Nach Anstellungen u.a. in Wien, Meran und Karlsruhe, war Viktor Kurrein ab 1923 Rabbiner in seiner Geburtsstadt Linz. Er konnte mit seiner Familie 1938 nach England emigrieren, wo er 1954 in London starb.
Rabbiner Viktor Kurrein verfasste zahlreiche Beiträge zu religiösen Themen für ein breites Publikum, die in den Zeitschriften „Menorah“ und „Die Wahrheit“ erschienen.
Zur Geschichte des Moos Zur
Von V. Kurrein
Erschienen in: Menorah. Jüdisches Familienblatt für Wissenschaft, Kunst und Literatur, 12 (1925)
Neben dem Sabbatliede Lecho dodi hat unstreitig das Chanukkalied Moos zur unter allen liturgischen Gedichten hinsichtlich Text und Melodie die größte Popularität erlangt. War es doch Luthers Anregung und Vorlage für sein ebenfalls populärstes Gedicht „Eine feste Burg ist unser Gott“, das sich auch in der Melodie jenem anschließt. Unser Chanukkalied ist zum Volksliede geworden und weist alle Eigentümlichkeiten eines solchen auf. In erster Linie teilt es das Schicksal aller Volkslieder, daß sein Verfasser unbekannt geblieben ist. Hätte er sich nicht durch das Akrostichon „Mordechai“ selber verewigt, man wüßte nicht einmal seinen Namen. Zunz glaubt den Dichter mit Mordechai ben Isaac identifizieren zu können und will die Entstehung des Liedes nicht später als die Mitte des 13. Jahrhunderts angesetzt wissen. Andere sprechen von einem Mordechai de Modena, der im ersten Drittel des 16. Jahrhunderts lebte. Wie dem auch sei, man weiß von der Person des Dichters nichts, außer den Namen; er ist vergessen, während sein Lied lebt und allgemein gekannt ist. Unbekannt ist auch der Autor der Melodie, die zwar, in einzelnen Singweisen abweichend, den gleichen Allgemeincharakter beibehält. Sprache und Inhalt des Liedes verrät aber eine mit dem Schrifttume vertraute Gelehrsamkeit. Die Bilder, unter denen Israel und die ihm feindlichen Mächte gekennzeichnet werden, sind nicht der volkstümlichen Sprache entnommen, sondern dem talmudisch-agadischen Schrifttume, beweisen aber auch, daß der Dichter mit Rücksicht auf die Zeitverhältnisse nicht ganz offen zu sprechen wagte. Die erste Strophe spricht von dem Anlaß der Dichtung, der Befreiung vom Joche des Syrers, der als der „bellende Feind“ bezeichnet wird; die zweite von der Knechtschaft in Ägypten, das unter dem Bilde des Kalbes, wie bei Jeremia 46, 20, erscheint, die dritte von dem Exil in Babylonien, die vierte von dem Anschlag Hamans und die letzte vom Kampf und Sieg der Hasmonäer, entsprechend der ersten. Wie schon Landshut in seinem Amude hoabcda bemerkt, schließt in den meisten Gebetbüchern das Gedicht mit dieser fünften Strophe. Eine sechste Strophe, deren erste drei Wörter in den Anfangsbuchstaben חזק ergeben, findet Landshut zuerst in einer Gebetbuchausgabe des Jahres 5422 (1662), deren Wortlaut fast mit dem jetzt bekannten übereinstimmt. Um so interessanter ist, daß der Kizzur Sch’lo ed. Berlin 5475 (1715), Seite 100 b, eine starke Variante dieser Strophe kennt. Was aber den weitesten Kreisen unbekannt sein dürfte, ist, daß sich ebendaselbst Fortsetzungen des Liedes finden, indem es um sieben Strophen erweitert wird. Moos zur hat also auch das letzte Merkmal eines Volksliedes erhalten: es ist weitergesponnen und hinzugedichtet worden. Warum diese Zusatzstrophen nicht zur allgemeinen Kenntnis gelangt sind, dürfte denselben Grund haben, den Landshut für die sechste Strophe bemerkt hat, daß sie aus Rücksicht „der Friedensliebe“ weggeblieben sind. Es ist ja bekannt, daß man bei jeder geeigneten und ungeeigneten Gelegenheit dem jüdischen Gebetbuch den „Racheaufschrei“ zum Vorwurfe gemacht hat und es deshalb manche Zensur erfahren mußte. Der Rizzur Sch’lo sagt: „Ich fand verzeichnet, daß das Lied Moos zur sich nur auf die drei Reiche, Babel, Medien und Griechenland, bezieht, aber nicht auf das vierte Reich und das Exil unter Edom und Ismael; darum hat man etliche Strophen bestimmt, die von der Erlösung aus diesem Galuth reden. Der Verfasser der nächsten Zusatzstrophe ist R. Moses Isserles, der seit 1550 Mitglied des Krakauer Rabbinates war und unter dem Namen Remoh durch seine Zusätze zum Schulchan Aruch bekannt ist. Sie lautet in deutscher Übersetzung:
„Seit jeher warst du meine Hilfe,
Warst meine Ehre und hast mein Haupt erhoben.
Erhöre doch die Stimme meines Flehens,
Mein König und mein heiliger Gott!
Laß schwinden meine Sünde und mein Vergehen
Auch im dritten Exile,
Stärke Israel, beuge Ismael
Und von Edom erlöse meine Seele.“
Ein R. Jirmia. Rabbinatsvorsitzerder in Würzburg, zeichnet als Verfasser der folgenden Strophe, die im Texte durch die ersten fünf Wörter im Akrostichon den Namen ירמיה zeigt:
„Es sei der Wille vor dir,
Einziger, Pracht und Majestät.
Erlöse den Rest deiner Schafe
Von Edomת Ismael und Kedar,
Barmherziger, in Heiligkeit verherrlicht.
Schaff Erleichterung der Herde!
Deinem Erbe hilf!
Gott der Vergeltung erstrahle
Über Amalek von Geschlecht zu Geschlecht!“
R. Samuel ben David halevi, bekannt durch sein ehegesetzliches Werk Nachlath schiwa (um 1650), Rabbiner in Bamberg, ein Anhänger Sabbatai Z’wis, hat ebenfalls zwei Strophen mit reinem Namen im Akrostichon gedichtet:
Dein Name sei gepriesen für ewig
Inmitten der Gemeinde der Glaubenstreuen.
Dein Thron sei — Frieden!
O ahnde an den Trotzigen Für die gebeugten Seelen.
Hab’ acht aus Himmelshöhen
Zu helfen deinem Volke.
Zu retten deines Lieblings Überrest.
Wie einst in den Tagen der Hasmonäer.
Fürwahr, richte auf das Horn der Hilfe,
Bringe nahe die endliche Erlösung*)
Und das Ende des Reiches freventlichen Übermutes.
Mein Inneres sei verstört,
Bis fallen des Unrechts Söhne
Und deinem Volk du Rettung bringst
Durch deine uralte Gerechtigkeit.
Erlöse die Kinder,
Bau‘ auf die Stadt auf dem Trümmerhaufen!
Zwei Schlußstrophen hat ein gewisser Salomo ben Matisjahu gedichtet:
I.
Allmächtiger! Warum sind wir wie eine Witwe
Unter der Hand des Edomiters (das heißt untertan dem Edomiter) ?
Siehe, wie er drängt und anordnet.
Ein wenig noch, und sie würden mich steinigen!
Wenn du Vergeltung üben wolltest wie in Matatias Tagen.
Viele würden dich ehrfürchten und staunen.
Sende Hilfe,
Erhebe die Krone des Messias und Elijahus. —
II.
Festige die Stadt deiner Zusammenkunft.
Bring’ nahe den Tag des Trostes,
Sammle die Herde deiner Lieblinge,
Daß sie ausziehen mit erhobener Hand.
Treibe fort den Sohn der Magd Und den
Berg Seir mache öde.
Rotte aus und vernichte sie.
Daß dir danken alle Könige der Erde.
Es muß zugegeben werden, daß in all den Strophen die Klage über den Druck der Zeiten sehr stark hervortritt. Wer aber die jüdische Leidensgeschichte des 14. bis 17. Jahrhunderts nur einigermaßen kennt, wird sich über den Aufschrei der gepeinigten Seele nicht wundern. Ebensowenig braucht man sich zu wundern, daß diese Strophen in Vergessenheit geraten sind.
Sagt doch schon Jellinek (Beth hamidrasch VI) gelegentlich der Herausgabe des Chanukka-Midrasch, daß kein Fest so karg und knapp in der volkstümlichen Hagada und im Midrasch bedacht worden, wie das große Befreiungsfest in den Kislevtagen, weil eine Betonung der Makkabäerepoche den Argwohn der römischen Machthaber erregen mußte. So ist in alter Zeit die poetische Ausschmückung des Chanukkafestes unterblieben, aber auch später beeinträchtigt worden, weil man die Siegesfreude dem armen Israel nicht gönnte und schlecht auslegte. Selbst die deutschen Übersetzungen des Moos zur der letzten Zeit haben Ausdruck und Bild gemildert und geschwächt, weil man das Urteil mißgesinnter Umwelt meiden wollte. Was verschlägt es? Jede Zeit hat ihre Lichter und ihre Lieder. Was die Seele dabei empfindet, macht den Wert aus.
*) Vergleiche seine Anhängerschaft an Sabbatai Z’wi



